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Nicht zu viel denken

©  Barbara Traber


Vom Bauplatz neben dem kleinen Haus, das sie mit ihrer Kollegin bewohnte, drang lautes Gelächter und Lärm in Ursulas Zimmer. Die nigerianischen Arbeiter waren stets zu Scherzen aufgelegt. Jetzt, nach Arbeitsschluss, hatten einige im Freien ein kleines Feuer gemacht, aßen dampfenden Yam und führten endlose Palaver. Die Szene mitten im modernen Stadtteil Ikoyi mahnte an das ursprüngliche Buschleben der Afrikaner.
Es wurde langsam dunkel. Vögel pfiffen, die Zikaden zirpten stärker, im nahen Kanal quakten Frösche, über die noch sonnenwarmen Steinplatten im Garten huschten lautlos Eidechsen, und die Luft war erfüllt von süßen Blumendüften. Der Einbruch der Dämmerung hatte etwas Friedliches; die Palmen warfen bizarre Schatten, und die Sonne, ein glutroter Ball, verschwand rasch am Horizont. Dann war es, als hätte jemand einen Schalter betätigt und das Licht ausgelöscht. In kürzester Zeit wurde es Nacht, und die Straßenlampen leuchteten auf.
Paul, der Hausboy, ein Ibo, stellte das Bügelbrett auf die Seite. Seine Frau, die in ihrem bunten, langen Gewand im Sand neben ihm gekauert und ihm bei der Arbeit zugeschaut hatte, band mit einer geschickten Bewegung ihr kleines Kind auf dem Rücken fest und erhob sich. Paul ging stieg mit fast lautlosen Schritten - wie meist barfuß - die Treppe im Haus hinauf, klopfte an und brachte Ursula, seiner jungen Herrin, einen Stoß frisch gewaschener, gebügelter Wäsche. Wie immer erkundigte er sich: "What about dinner, Madam?"
Sie lächelte. Heute brauche sie nichts, sie sei zum Essen eingeladen, er könne über den Abend verfügen, erklärte sie.
Kurze Zeit später hörte sie ihn in der Küche unter fröhlichem Pfeifen das Geschirr abwaschen. Nachher zog er die Vorhänge zu, schloss Fenster und Türen, und bald darauf drang vom Compound, dem barackenähnlichen Anbau, in dem er mit seiner kleinen Familie wohnte, gedämpfte, mitreißend rhythmische Musik, das kaum je fehlende nigerianische "High Life".
In Afrika schien es nie ganz still zu sein. Ursula, die eine Weile auf ihrem Bett unter dem Moskitonetz gelegen und auf die verschiedenen Geräusche gehört hatte, stand auf. Bei Einbruch der Nacht überkam sie stets eine Art Ruhelosigkeit. Sie ging im Zimmer auf und ab, schlug ein Buch auf, las einige Zeilen, sprühte ein Insektenvertilgungsmittel gegen die Moskitos und fühlte sich auf einmal beobachtet - aber es war nur die aus Ebenholz geschnitzte Maske auf dem Nachttisch, die auf einmal ihre Starrheit verloren hatte und sie anzustarren schien. Vor dem Hauseingang, auf einer Schilfmatte, kauerte Mohammed, der Nachtwächter, ein großgewachsener, schlanker Hausa aus dem Norden des riesigen Landes. Wenn es Zeit wurde für seine Gebete, wusch er sich in einem Becken Wasser mit würdevollen Bewegungen Hände und Füsse und verbeugte sich vor seinem unsichtbaren Gott.
Manchmal kam Ursula alles vor wie ein Traum. Dass sie hier leben und achtzehn Monate als Sekretärin auf der Botschaft arbeiten durfte, empfand sie als Privileg. Sie war jung, knapp über zwanzig, ungebunden, ertrug die feucht-schwüle Tropenhitze problemlos, ging in ihrer Freizeit schwimmen und hatte angefangen, im englischen Club Tennis zu spielen. Schon als Kind hatte sie von Afrika, dem Schwarzen Kontinent voller Geheimnisse, geträumt und sich gewünscht, einmal dorthin zu reisen. Als der Posten Nigeria ausgeschrieben wurde, hatte sie sich - man schrieb das Jahr 1963 - ohne zu zögern gemeldet und war dank ihrer guten Englischkenntnisse ausgewählt worden. Zum Entsetzen ihrer Eltern, die nicht verstehen konnten, dass ihre Tochter freiwillig in einem "unzivilisierten Land", wie sie es nannten, leben wollte. Ursula hatte sich heftig mit ihrem Vater gestritten, ihm Vorurteile gegen eine junge, vor kurzem unabhängig gewordene Nation und gegen die Schwarzen vorgeworfen. Als gäbe es in Afrika keine Kultur!, hatte sie sich gewehrt und alle Warnungen, sie werde unglücklich sein, in den Wind geschlagen.
Zu Recht, denn sie erlebte seit ihrer Ankunft in Lagos jeden Tag so viel Neues, oft Fremdartiges, dass sie aus dem Staunen kaum herauskam und merkte, wie Afrika sie unmerklich veränderte. Ein unablässiger Lernprozess. Oft dachte sie an den Titel eines Buches von Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Goldy Parin-Matthèy, "Die Weißen denken zu viel", das sie kurz vor ihrer Abreise nach Nigeria gelesen hatte. Vom ersten Tag an hatte sie versucht, offen für alles Andersartige zu sein und nicht auf die Europäer und Amerikaner zu hören, die über die Langsamkeit der "primitiven Nigerianer, die unerträgliche Hitze und Feuchtigkeit, die Moskitos, das Fehlen gewisser Annehmlichkeiten, an die sie sich in Europa gewöhnt hatten, schimpften und behaupteten, sie würden ständig von ihren Hausboys bestohlen und betrogen. Oft schämte sie sich über das hochmütige, nach wie vor kolonialistische Gebaren vieler Weißen.
Es waren Kleinigkeiten, die ihr Nigeria lieb machten. Der ganz andere Rhythmus, der das Leben hier bestimmte. Oder die Erdnussverkäuferin, eine alte Yorubafrau. Sie kauerte jeden Tag auf einer Türschwelle im Zentrum der Stadt vor einem Korb Erdnüssen und verschwand fast in der Masse blauer Tücher, die sie um ihren Körper geschlungen hatte. Seit Ursula sie in ihrer Sprache - sie hatte einige Wörter Yoruba gelernt - grüßte, winkte sie ihr zu, und wenn sie für einige Pennies geröstete Nüsschen kaufte, gab sie ihr eine Handvoll als Geschenk drüberein und wickelte sie sorgfältig in Blätter aus alten Schulheften ein.
Am meisten beeindruckten sie die Frauen, die auf ihre eigene Art voller Zuversicht und Kraft die Zukunft auf dem Schwarzen Erdteil entscheidend zu gestalten schienen: die geschäftstüchtig palavernden Mammies mit ihren hochgebauschten Kopftüchern, die im Kleinen die wirtschaftliche Macht besaßen; die Paganweiber auf dem Markt, die kleine Pfeifen rauchten und deren unverhüllte Brüste von Geburten und einem harten Leben erzählten, oder die großen, schlanken Frauen, die einem am Rand der Straße entgegenkamen, die schweren Körbe auf den Köpfen, die kleinen Kinder am Rücken. Stundenlang wanderten sie in der tropischen Hitze, und nichts änderte ihren Rhythmus und die Richtung auf ihr Ziel. Man raste mit achtzig Meilen an ihnen vorbei und holte sie doch nie ein, denn punkto Zufriedenheit und Weisheit war man längst hinter ihnen zurückgeblieben.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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