Kurzgeschichten   Lust am Lesen   Lust am Schreiben       www.online-roman.de


  Lust am Lesen     Lust am Schreiben  

Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichtenwettbewerb Afrika Kurzgeschichten


Kenia Gold

©  Gabriele Scheer


Der Flug von Frankfurt nach Mombasa dauerte knappe neun Stunden. Kenia begrüßte uns mit Regen. Wir reisten zur Regenzeit in dieses seltsam riechende Land.
Kenia wir sind da, dachte ich als wir in den kleinen Reisebus stiegen, der uns zu unserem einhundert Kilometer weit entfernten Strandhotel bringen sollte.
Noch während der Busfahrt kam die Sonne hinter den Wolken hervor und begrüßte uns. Die Müdigkeit lag bleiern auf mir doch an Schlaf war nicht zu denken.
Der Bus durchquerte Mombasa. Riesige Schlaglöcher zierten die Straßen. Kinder in Schuluniformen bevölkerten die Straßenränder. Händler in überdimensionierten Schuhkartons boten alles Nötige zu Leben.
Im Bus wurden die üblichen ersten Touribekanntschaften geschlossen. Unsere Unterkunft erwies sich als ein einfaches, geschmackvolles und zu meiner großen Freude nicht mit Pomp übersätem Hotel das einen Wahnsinnsblick auf eine Meeresbucht bot. Es schien als brauche man nicht mehr als diesen Blick um zu Leben.
Unsere Bungalows lagen in einem Palmenhain. In der Nacht hörte man das grollen der Kokosnüsse wenn sie sich ihren Weg zum Boden bahnten.
Nach einigen ereignislosen doch um so mehr erholungsreichen Tagen stand unsere Safari an. Kenia ohne Safari erscheint einem rückblickend wie ein Tretboot ohne Wasser.
Das Frühstück in der Hotellobby gehörte mit Abstand zu dem jämmerlichsten seiner Art. Unser Bus kam und meine Aufregung wuchs.
Wir hatten eine Safari durch Tsavo -Ost gebucht. Sicher gibt es in Kenia größere Ziele und sicher auch noch viel beeindruckendere Safaris, doch diese war meinem Kontostand entsprechend und ich genoss jeden Moment. Die Erde des Nationalparks war rot wie Kupfer.
Die ersten Kilometer zeigten uns nichts als Steppe. Dachakazien standen wie verstreut in der Landschaft. So wie man es von tausenden Postkarten kennt. Doch desto weiter wir fuhren desto näher schien die Unendlichkeit der Steppe uns zu verschlingen. Zebras kreuzten als erstes unseren Weg. In großen Herden weideten sie direkt am Rand des Pfads.
Nach und nach gesellten sich Antilopen dazu und ganz in der Ferne sahen wir Elefanten.
Wilde Bilderfluten durchströmten mich.
Tiere groß und mächtig, klein und zerbrechlich, wild und doch verspielt. Unsere Safari brachte mir eine Unzahl an Fotographien ein und ich liebte den Blick aus unserem kleinen Safaribus. Wir schienen eine Wettfahrt mit einer Gruppe italienischer Touristen zu veranstalten.
Ab und zu trafen wir uns an Kreuzungen und die Fahrer gaben kurze Hupsignale, gaben sich Zeichen wo man welche Tiere sehen könne. Lärmende, lachende Gesichter gepaart mit überschwänglicher Fröhlichkeit.
Doch das Lärmen verstummte und die Zeit schien still zu stehen in dem Moment als wir unsere ersten Löwen im Gras dösen sahen. Kleine Löwen die sich an große schmiegten . Spiele im Gras.
Die Abende der Safari verbrachten wir im Camp. Einige der Mitreisenden erzählten Anekdoten früherer Safaris. Geschichten aus alten und neuen Zeiten . Mir glühte Abends noch das Gesicht von dem gesehen, den so nah im Gras liegenden Löwen, den Giraffen die ihre Köpfe nur selten aus den Dachakazien senkten, den Elefanten die in den ersten Tagen immer so weit weg schienen doch dann wie bestellt auf einmal vor unserem Bus standen.
Zum Abschluss der Safari bestellte Klaus, ein Mitreisender Eidgenosse aus der Schweiz und Safarifan seit den Siebzigern, Kenia Gold.
Der tiefschwarze Kellner brachte ein Tablett mit Cognacgläsern in denen sich eine dunkle schimmernde Flüssigkeit bewegte.
Der Geruch von Kaffee lag in der Luft. Ein Trinkspruch folgte auf den nächsten und wir nahmen andächtig einen Schluck. Kenia Gold verdiente diesen Namen. Ein samtiger Kaffeegeschmack mit würze und Temperament füllte uns aus und Stille trat ein. Das Ende der
Safari stand bevor und damit auch das Ende unseres Urlaubs. Noch wenige Tage im Strandhotel und der Tag der Abreise kam mit jedem Atemzug näher.
Wieder war man auf dem Flughafen in Mombasa. Die Koffer noch etwas schwerer als beim Hinflug, da man mal wieder viel zu viele und eigentlich noch zu wenige Andenken hineingestopft hatte .
Auf einmal durchfuhr mich der Wunsch auch noch das letzte Geld nicht einfach der Klofrau in die Hand zu drücken.
Ich zog also los um ein typische Andenken zu kaufen. Als ich so durch die Läden zog wurde mir klar, wonach ich auf der Suche war. Eine Flasche Kenia Gold wollte ich mir noch leisten um meinen Lieben zu Hause diesen köstlichen Likör anzubieten.
Doch der Wunsch war einfacher als die Ausführung. Nicht das es keinen Läden gab. Nicht etwas das die vorhandenen Läden keinen Alkohol führten, oh nein! Es gab so ziemlich alles.
Doch was es nicht so geben schien, war Kenia Gold.
Nun hatte ich mich aber so in die Vorstellung verbissen genau diesen Likör zu kaufen, das die freundlichen Verkäuferinnen und Verkäufer nur böse Blicke ernteten wenn sie mir verkündeten das man nun gerade diesen Likör nicht mehr da habe, nie führe, gerade die letzte Flasche verkauft habe. Man bot mir anderen Kaffeelikör an, den es in großen Mengen zu geben schien, doch ich wollte Kenia Gold.
Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte sah ich einen kleinen Laden der gerade erst aufmachte. Ich beschloss, dass dieser Laden der letzte Versuch sein sollte.
Ich durchstreifte die schmalen Gänge und mir viel auf, das auf vielen Flaschen hier eine dicke Schicht Staub sich breit machte. Die junge Verkäuferin an der Kasse schien noch müde. Sie schien sich auch nicht im Geringsten für die einschleichende Verwahrlosung des Ladens zu interessieren. Ich im Gegenzug schlenderte durch die Gänge mit wachsamen Augen auf die verstaubten Flaschen.
Mein Einsatz wurde belohnt. Da standen die Flaschen und schienen in einen tiefen Schlaf versunken. Ich entschied mich für eine Flasche Kenia Gold und eine lustig aussehende bauchige Flasche bei der es mir nicht um den Inhalt als viel mehr um die Verpackung ging. Ein samtiger Überzug im Leopardendessin schmückte sie und ich wusste das mein kleiner Bruder diese Flasche lieben würde.
Nach dem Zusammensuchen meiner letzten kenianischen Barschaften legte ich noch ein Paar Dollar nach und verlies überglücklich den Laden.
Nach der Landung in Frankfurt schien das gesamte Flugzeug aus einem Dornröschenschlaf zu erwachen. Der Ansturm auf die Gepäckbänder überforderte mich etwas. Den Gepäckwagen neben mir und oben drauf mein geliebter Lederrucksack der mit mir schon quer über den Erdball gereist war nun warte ich geduldig auf den Rest meines Gepäcks. Da kam mein Koffer. Groß und blau lag er da auf dem Band. Als ich Anlauf nahm ihn vom Fließband der Koffereitelkeiten zu hieven geschah es, mein Rucksack schien in Zeitlupe gen Erde zu fallen. Jeder Versuch dies zu verhindern war sinnlos. Noch vor dem Aufschlag schien mein Gehirn schon ein leichtes Klirren vernommen zu haben. Noch bevor weitere Gedanke mich durchfluten konnte nahm meine Nase einen leichten Kaffeegeruch wahr.
Als ich den Rucksack aufnahm tropfte Likör braun und süßlich nach Kaffee duftend auf den glänzenden Flughafenboden.
Ein sicherer Griff in die Tasche und ich wusste, das es allein die Kenia Gold Flasche erwischt hatte. Ich entsorgte die Flaschenreste in einem Mülleimer und machte mich mit meinem tropfenden Rucksack und dem Koffer auf zum nächsten Frauenwaschraum.
In wildem Aktionismus entleerte ich den immer noch tropfenden Rucksack und spülte ihn mit heißem Wasser aus. Nun tropfte er zwar immer noch, doch wenigstens nicht bräunlich süßen Likör.
Mein Weiterflug nach Düsseldorf führte mich durch eine weitere Zollkontrolle. Beim Durchleuchten meines Rucksacks schnupperten die Beamten und vernahmen den immer noch ausströmenden Kaffeegeruch. Wobei ich mir nicht sicher war ob ich nicht mittlerweile mehr nach Likör roch als mein Rucksack.
Wenn ich heute an meinen Aufenthalt in Kenia denke, dann scheint es mir immer so, als habe ich einen leichten, süßlichen Kaffeegeruch in der Nase und sollte mich jemals jemand fragen wo nach denn nun Kenia riechet, so dürfte die Antwort bekannt sein.




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor / unsere Autorin ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.


»»» Weitere Afrika-Geschichten «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««


Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-2-8

14 Autoren aus Deutschland und Österreich zeigen den geheimnisvollen und faszinierenden Kontinent aus unterschiedlichen Perspektiven.
Von Ägypten bis Südafrika, von Guinea bis Kenia ...

»»» Direkt beim Verlag bestellen
»»» Bei Amazon bestellen