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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichtenwettbewerb Afrika Kurzgeschichten


Liebe Freiheit Tod

©  Sandra Farinella


Katharina knallte verärgert den Hörer auf die Gabel! Wieder niemanden erreicht. Somit kam sie um den Anruf mit ihrer Mutter nicht herum. Sie atmete einige Male tief ein und aus, zählte bis Zehn und massierte sich dabei mit ihren schlanken, gepflegten Fingern in kreisenden Bewegungen die Schläfen. Dann hob sie den Hörer erneut ab und wählte. "Mutter? Ich bin es Katharina", sprach sie gereizt, nachdem am anderen Ende recht zügig ihre Mutter abgenommen hatte. "Katharina, Gott sei Dank! Hast du sie erreichen können?" "Nein", grummelte sie zurück, sie wusste was nun kam. Nervös zupfte sie an den Knöpfen ihres Knielangen Rocks. "Was sollen wir denn nun tun?" Ihre Mutter war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Das konnte doch wohl alles nicht wahr sein! Nun wollte die alte Dame sie also tatsächlich dazu bringen, es selbst auszusprechen? Das schlug dem Fass den Boden aus! "Bitte zwinge mich nicht dazu! Du weißt, ich hasse das!" In der Hörmuschel schluchzte es. Katharina sog Luft durch die Nase ein und schloss dabei die Augen.
Ein täglicher, unerbittlicher, knallharter Kampf in den letzten Fünfzehn Jahren, hatten sie zu dem gemacht was sie immer hatte sein wollen. Erfolgreich und unnahbar, somit nicht verletzbar. Sie hatte immer schon Durchsetzungsvermögen gehabt und erstrebt, ihre Ziellinie zu erreichen. Aber weinende Menschen, brachten sie um den Verstand. In dem Sinne, dass sie machtlos einer Art Menschlichkeit erlag. Wehren war zwecklos, keine Sekunde länger hielt sie ihre weinende Mutter aus.
"Ist ja schon gut, ich mach´s, stöhnte sie. Aber ich bleibe dabei, Frank hätte ja wohl auch mal einspringen können!" Sie hörte ihre Mutter erleichtert aufatmen. Ein gutes Zeichen. "Frank hat seine Familie, das weißt du doch. Und du bist die flexibelste aus der Familie." "Ja ja, alle haben Familie. Ich habe einen Job Mutter! Ich trage Verantwortung für ein Unternehmen, das ist mehr als Familie!" Schon taten ihr die Worte auch wieder leid. Die Stille am anderen Ende verriet Verletztheit. "Tut mir leid. Ich mach´s ja. Und zum Zeichen meines guten Willens, versuche ich noch heute einen Flug zu bekommen." "Oh ich danke dir so. Das werde ich dir nie vergessen. Bitte melde dich bei mir!" Wenige Momente später war das Gespräch beendet und sie hob zum dritten Mal den Hörer ab, ließ sich mit dem Flughafen verbinden und buchte mit viel Glück ein Ticket.
Elf Stunden später ließ sie sich irgendwo in Kenia auf ihr Hotelbett fallen, froh darüber, die anstrengende Reise überstanden zu haben. Sie ersparte sich erst mal einen direkten Anruf nach Deutschland und ging in das luxuriös ausgestattete Badezimmer. Katharina war fix und alle. Afrika. Sie konnte es immer noch nicht glauben.
Während sie sich auszog, kam auch wieder Wut in ihr hoch, wenn sie daran dachte, warum sie hier war! Sie hatte niemandem die Wahrheit gesagt. Nur gelogen. "Geschäftsreise" und "Meine erste richtige Außereuropäische" hatte sie geantwortet, wenn sie gefragt worden war. Ihrer Sekretärin und allen anderen im Betrieb hatte sie erzählt, sie fliege wie üblich nach Griechenland, einfach mal Abspannen in ihrem kleinen Häuschen am Meer. Ein paar wenige Wochen im Jahr unerreichbar zu sein war ein Luxus, den sich Katharina ab und zu gönnte.
Nun dachten alle, sie sei einfach mal eine Auszeit nehmen. Stattdessen würde sie auf eine ungewisse Reise gehen ohne zu wissen, ob sie fand, was sie suchte. Seit fast vier Jahren war Hannah nun verschwunden. Als sie damals den Befund ihrer tödlichen Krankheit erfuhr, teilte sie ihren Freunden und der Familie innerhalb weniger Tage mit, dass sie niemandem zur Last fallen werde, ihren Kindheitstraum erfüllen und nach Afrika gehen würde. Auch um dort zu sterben.
Das sie immer noch lebte, hatte Katharina in Erfahrung bringen können, nur wo, dass war noch ein großes Fragezeichen. Vater redete kaum noch, Mutter lebte überwiegend in einer Traumwelt und sprach mit und über Hannah, von morgens bis abends und oft im Schlaf. Ihre Schwester ließ vor vier Jahren alle zurück, machte sich einfach aus dem Staub, als wäre die Krankheit allein ihre Sache. Meldete sich ewig nicht und eine telefonische Verbindung aufzubauen, war bisher unmöglich. Mutter kam um vor Sorge, Vater nicht mehr vom Sofa, ein Bild des Jammers. Ihr Fortgang war eine unerträgliche Belastung geworden.
Unter der wohltuenden, kühlen Dusche, fiel ihr der Befund wieder ein. Dieser war vor wenigen Tagen per Post bei ihrer Mutter angekommen. Und darin stand das unfassbare, Hannah war gesund! Nach den ganzen Jahren, war den Ärzten ein Irrtum aufgefallen, der das Leben aller Beteiligten drastisch änderte. Nun war sie unterwegs, in großer Mission, ihre Schwester nach Hause zu holen, damit die Eltern wieder glücklich wurden.
Sie rieb sich ihre kurzen blonden Haare, mit eines der flauschigen Hotelhandtücher trocken und ging auf den Balkon. Die herrliche Aussicht versüßte ihren Schmerz. Ihre massiven Vorurteile Afrika gegenüber lösten sich damit jedoch nicht auf. Sie waren auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel eher verstärkt worden. Landschaft hin und Aussicht her, ihr war es hier schmutzig, arm und viel zu kriminell. Der Taxifahrer hatte sie noch mehr verängstigt, als er ihr nach dem Einsteigen anwies, die Türknöpfe zu versenken. An jeder Ampel an der sie anhielten, sah sie sich nach Mördern und anderen Kriminellen um. Nun, hier im Hotel, fühlte sie sich in Sicherheit.
Sie ging zurück in ihre Suite und holte alle Unterlagen hervor, die sie bekommen hatte, um ihre Schwester ausfindig zu machen. Katharina trug alles was sie benötigte ins Freie. Wie fand man eine Frau, die anscheinend kaum einer kannte? Das wusste sie noch nicht und machte sich daran, alles auf dem großen Holztisch auszubreiten. Ganz oben links lag der Zettel mit der alten Adresse und Telefonnummer Hannahs und daneben, fein säuberlich geglättet, die Adresse mit Telefonnummer der letzten Arbeitsstelle in Kenia. Diese beiden Papierschnipsel waren ihre Sorgenkinder. Bei beiden keine Spur von Hannah. Seit längerer Zeit verzogen - unbekannt. Ein Fax lag mittig, mit einigen Telefonnummern in Kenia, vom Wohnungsamt, Postamt, der Bank, sowie diverser Nachbarn und Freunde.
Katharina schob die Unterlippe vor, sie dachte an Hannahs Freunde, die damals alle ziemlich fertig waren, als sie einfach so ging. Mit ihr ging auch das gewohnte Leben. Nichts war seit dem mehr, wie es einmal war.
Das Fax enthielt bis auf einer Reihe Informationen viele schwarze, rote und blaue Häkchen. Dort hatte sie überall angerufen und entweder weitere unzählige Nummern bekommen, oder erst gar keinen Erfolg gehabt. Abgehakt. Blieb ihr noch eine ungewisse Adresse, mitten in der Pampa, irgendwo im Nirgendwo, unter Wilden in der Wildnis, ganz allein. Wut stieg wieder hoch. Katharina schluckte sie runter. Weiter legte sie ab, ihren Fotoapparat, das Handy das nun nicht mehr funktionierte, da sie keinen Empfang hatte. Notizblock mit Stift lagen griffbereit und auch diverse Stadt und Landkarten von Kenia. Ein Reisebuch für alle Fälle und der Befund. Das Schreiben das so wichtig war. Ihren Kaffee stellte sie wie immer, wenn sie sich mit einer Studie befasste, oben rechts an die Tischkante.
Sie hatte bereits bei der Ankunft im Hotel einen Fahrer organisieren lassen, der sie morgen nach Nakuru bringen sollte. Mit ihrem Finger verfolgte sie die Strasse auf der Karte und überlegte, wie ihr Zeitrahmen aussah, ob und wo sie Pause einlegen könnten.
Sie nahm einen Schluck Kaffee und notierte sich einzelne Punkte und markierte mit einem schwarzen Folienstift die Raststellen der mehrstündigen Fahrt. Sie hoffte, in einer Woche wieder zu Hause zu sein. Sie brachte Hannah gute Nachrichten und sollte gleichzeitig versuchen sie dazu zu bringen, für eine längere Zeit wieder zurück nach Deutschland zu kommen.
Die Kaffeetasse war bereits mehrmals geleert worden, als sie die Unterlagen zurück in die Tasche steckte. Ihr war so furchtbar heiß. An der Rezeption sagte man, das es seit zwei Monaten keinen Regen gegeben hatte und die nächsten Wochen keiner zu erwarten war.
Sie würde sich an die Hitze gewöhnen, dachte sie kläglich, als sie sich aus ihren Sachen zwängte. Im Bett schloss sie ihre Augen, merkte wie große Müdigkeit sie übermannte und nahm eine warme, leicht süßliche Brise wahr, die von der offenen Balkontür herein schwebte.
Wilde, betörende Blumen in einem fremden Land, waren ihre letzten Gedanken, bevor sie einsank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Der Vormittag des folgenden Tages ging sehr zügig vorbei. Katharina hatte zu Hause angerufen und Bescheid gegeben, dass sie sich nun einige, Tage nicht melden könnte. Das Auschecken verlief reibungslos. Der Fahrer wartete bereits und als sie schließlich unterwegs waren, ging es auf Elf Uhr zu. Der geplante Zeitrahmen war nicht mehr einzuhalten.
Während Katharina auf den Rücksitzen ihre Karten ausbreitete und versuchte Orientierung zu gewinnen, redete der grinsende Rückspiegel pausenlos auf sie ein. Der zweifellos Einheimische Mann wirkte freundlich, aber sie hatte überhaupt kein Interesse daran, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Ab und zu hielt er in der Einöde an, versuchte enthusiastisch auf etwas aufmerksam zu machen, was sie beim besten Willen nicht sehen konnte. Schließlich schaute sie nur noch kurz auf, zeigte klares Desinteresse und studierte weiter ihre Notizen.
Die wenigen Male wo sie aus dem Fenster schaute, dienten dazu, Ortsschilder mit den Punkten auf ihrer Karte zu vergleichen.
Die erste von ihr gewählte Raststelle erreichten sie am frühen Nachmittag. Erbarmungslos brannte die Sonne und erhitzte die Luft, die aufgeregt auf und ab flimmerte. Katharina sog die Luft tief ein und etwas geschah! Sie hörte fremde Vögel, sah Herden in weiter Ferne, mager und ungeduldig mit eindrucksvollen, tödlichen Hörnern. Und sie erkannte die typisch, afrikanischen Schirmakazien. Jetzt erst bewegten sich die grauen Felsen darunter. Waren das Nashörner? Völlig friedlich, schlummernd, im Schatten der Baumkrone, lagen sie dort, perfekt getarnt.
Katharinas Augen schärften sich allmählich und sie hatte das Gefühl, verzaubert zu sein. Sie war hier ganz alleine mit diesen Tieren, niemand weit und breit.
Bis auf ihren Nebenmann. "Schwarzes Nashorn. Sehr gefährlich. Rennt wie der Wind. Mit erhobenem Kopf und hintendran das Junge." Er lächelte verlegen und zuckte mit den Schultern, dabei trat er verlegen mit der Fußspitze kleine Steine weg.
Wenn sie sich jetzt auf ein Gespräch einließ, würde sie ihn die weiteren drei Stunden ertragen müssen. Um dies zu verhindern meinte sie lapidar: "Ja, ich weiß. Und die weißen Nashörner sind friedvoller, haben keine dreieckige, sondern eine quadratische Maulform, laufen mit gesenktem Kopf und das Junge voran. Sie entfernte sich einige Schritte vom Auto und setzte sich auf einen Gesteinsbrocken.
Leicht genervt musste sie feststellen, dass der Fahrer mit großen Schritten auf sie zueilte. "Vielleicht würden sie gerne Löwen sehen?" Sein Gesicht zeigte banges Warten auf etwas Aufmerksamkeit.
Sie war erschrocken und quiekte: "Sind sie wahnsinnig? Gott! Wollen sie mich umbringen?"
Der Fahrer wich verängstigt zurück und entschuldigte sich. Er nahm eine Demutsstellung ein.
So etwas mochte Katharina überhaupt nicht. "Hören sie. Ich möchte zu meiner Schwester die ich vier Jahre nicht gesehen habe. Sie glaubt sterben zu müssen, aber ich kann sie zurück nach Deutschland holen, denn sie wird leben. Verstehen sie? Wenn ich hätte etwas Erleben wollen, dann hätte ich ganz bestimmt keine Safari bei ihnen gebucht. Sie sind mein Fahrer, also bitte gehen sie zurück zum Wagen!"
Indem sie ihm den Rücken zudrehte und in die raue, gelbe Savanne blickte, signalisierte sie ihm den Wunsch nach Ruhe. Kopfschüttelnd stieg er ins Auto, ließ den Motor an und fuhr davon.
Hannah saß am Küchentisch und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Auch nach vier Jahren liebte sie die Aussicht immer noch. Hier fand sich das Glück, davon war sie überzeugt.
Im ganzen Haus war es noch still. Ein gefühlsstarker Traum ließ Hannah nicht mehr schlafen. Im Traum hatte sie ihre Mutter gesucht, aber nicht gefunden. Sie war einfach nicht mehr zu Hause gewesen und Katharinas Kinderstimme flötete immer nur einen Satz: "Ich habe Mama versteckt!" Dann war sie verschreckt und schweißgebadet im Bett hochgefahren und stellte erleichtert fest, dass alles gut war. Sie war hier in Afrika und alles war gut.
Nun, eine halbe Stunde später, saß sie hier am Küchentisch, beobachtete eine große Zebraherde auf ihrem Anwesen, die im Morgengrauen verschwunden sein würde.
Und da fragte sie sich, ob denn auch zu Hause alles in Ordnung wäre. Und dies war eine Frage nach langer Zeit. Und der Traum verstärkte das Verlangen, in Erfahrung zu bringen, wie es ihrer Familie in all den Jahren ergangen war.
Sie ging zur Anrichte und begann den Kaffee vorzubereiten. Normalerweise machte das ihre Perle, tagein tagaus. Aber Claire schlief noch und heute war alles anders als sonst. Hannah schlich in der Küche umher und deckte so leise wie möglich den Tisch für drei Personen. Heute würde sie in der Küche mitessen und ihre Gedanken, Claire und Katuma mitteilen. Claire hat bestimmt wie immer Angst, dachte Hannah und musste lächeln.
Manchmal, wenn ihr Bauchgefühl stimmte, sie sich gut fühlte und der Mond im vollem klaren Licht die Erde erleuchtete, ging sie mit ihren Gästen auf die Pirsch. Immer mit Erfolg gekrönt und alles mit Achtung vor der Natur und absolut afrikanischer Atmosphäre. Sie liebte die Gesichter ihrer Gäste, wenn sie auf einen riesigen Haufen Elefantenkot aufmerksam gemacht wurden, der immer irgendwo anzutreffen war. Nashörner die gewaltig und urig den Weg kreuzten. Aber ihre wilden Zebras, die jede Nacht bis zur Morgendämmerung vor ihrem Haus schliefen oder grasten waren natürlich die Attraktion. Das Geheimnis verriet sie nur sympathischen und ruhigen Gästen. Die Zebras waren ihr Schatz.
Sie nahm den fertigen Kaffee und schüttete ihn in die Warmhaltekanne. Als sie sich setzen wollte, ging die Küchentür stürmisch auf, Katuma kam herein, blieb erstaunt stehen und strahlte dann wie die kenianische Sonne selbst es tat. "Guten Morgen Katuma, so früh schon wach? Möchtest du vielleicht eine Tasse Kaffee mit mir trinken?" Sie lächelte und zeigte dabei auf den gedeckten Küchentisch. "Mrs. Hannah! Sie haben Frühstück gemacht?" Eine Reihe weißer Zähne in dem feinen, dunkelhäutigen Gesicht strahlten sie herzlich an.
"Wo bleibt denn Claire?", fragte sie verwundert und füllte zwei Tassen mit frisch duftendem Kaffee. Katuma bekam einen leicht gequälten Gesichtsausdruck. "Sie ist auf dem Weg, es geht ihr nicht gut." Damit hatte er sein Versprechen Claire gegenüber gebrochen, kein Wort darüber zu verlieren. Hannah war bereits aufgesprungen und auf dem Weg zur Küchentür, da hielt er sie am Handgelenk fest. "Bitte, Claire kommt jetzt herunter. Bitte setzen sie sich." Er ließ sie wieder los. Hannah setzte sich. "Aber dann kann sie gleich wieder gehen, wenn es ihr nicht gut geht! Du hast auch frei, Katuma", sagte sie liebevoll. Ganze zwei Wochen dürft ihr hier hausen wie die Banausen!" Nun war es Hannah die strahlte, selbst angesteckt mit gespannter Vorfreude.
"Mrs. Hannah, Banausen was ist das?" "Lieber Katuma, stell dir vor ich...", weiter kam sie nicht. Die Küchentür öffnete sich und herein kam ein schlurfendes, schniefendes Wesen, das sich mit rot geränderten Augen umsah und dann dankbar lächelte. Er hatte es also doch noch rechtzeitig geschafft, das Frühstück vorzubereiten. "Oh Katuma, du bist wirklich ein guter Mann! Ich liebe dich so!" Als sie ihn küssen wollte, wehrte er leicht ab und Hannah ergriff schnell die Gelegenheit und meinte mit aufgerissenen Augen: "Ja Claire, ich war auch überrascht zu sehen, welche Fähigkeiten Katuma noch besitzt!" Schelmisch blinzelte sie Katuma in einem unbeobachteten kurzen Moment zu. Er wurde geherzt und gedrückt. Katuma ging unter vor Glück und Liebe. Da nahm Claire sein Gesicht in beide Hände und zwitscherte verschnupft: "Mein lieber Mann, dann kannst du mir ja in nächster Zeit öfter mal kräftig unter die Arme greifen, denn wie du siehst geht es mir gar nicht gut." Er wollte schon das Gesicht verziehen, da fielen ihm Mrs. Hannahs Worte ein. "Oh Claire, wir haben zwei Wochen frei."
Hannah wies Claire an, sich kurz zu setzen. Dabei schüttete sie ihr einen Tee auf. "Ich fliege nach Deutschland!"
"Was?" Claire war wieder aufgestanden und riss erschrocken die Augen weit auf.
"Claire, du bleibst mit Katuma zwei Wochen hier alleine, ohne mich. Ihr könnt machen was ihr wollt und braucht nur die Tiere zu Versorgen. Und vielleicht hierher verirrte Gäste."
Sie wandte sich auch an Katuma. "Versteht ihr? Ihr seit hier ganz alleine!" Sie schaute erwartungsvoll lächelnd in die kleine Runde. Verblüffte, verständnislose Gesichter klagten sie an. "Was ist denn?" Sie stellte ihre Kaffeetasse ab und verschränkte die Arme vor dem Brustkorb. "Freut ihr euch denn gar nicht?"
Claire setzte sich fassungslos wieder hin. "Sie wollen uns hier alleine lassen Mrs. Hannah? Was haben sie vor? Sie sind noch nie irgendwo hingefahren!" Entsetzen überschattete Claires Gesicht.
Hannah lachte nervös auf. "Liebe Claire, es geht nicht anders. Ich brauche euch hier! Ich werde meine Familie in Deutschland besuchen!"
Claire wollte Einwände erheben und protestieren, wurde aber sogleich von Katuma auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Tiere und Hof waren für einen alleine zuviel Arbeit. Und das Cottage, welches ganz selten mal vermietet wurde, müsste dann ganz geschlossen bleiben, falls sich gerade dann Gäste anmeldeten. "Außerdem, betonte er mit erhobenem Zeigefinger, geht es hier um einen Familienbesuch!"
Claire verzog sich deprimiert zurück ins Bett, verstand aber auch, das sie Katuma nicht alleine hier lassen konnte. Mrs. Hannah wollte ihre Mutter und die Geschwister besuchen, da würde sie auch bestimmt nur stören. Mrs. Hannah hatte gesagt, es sei so kalt in Deutschland, wie im Speiseraum der Gefrierschrank. Claire hasste es die tiefgefrorenen Lebensmittel zu überprüfen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es ein Land gab, wo es so kalt sein konnte. So kalt, dass einem nie mehr warm wurde. Für sie eine Welt ohne Farben. Nur Weiß und Grau, mehr sah sie nicht, wenn ihr Mrs. Hannahs Geschichten über Deutschland durch den Kopf gingen. Sogar die Menschen waren kalt. Zufrieden darüber, hier bleiben zu dürfen, drehte sie sich um und schlief ein.
Im ersten Moment glaubte Katharina an einen bösen Scherz und lachte noch. Als der Wagen jedoch nicht langsamer wurde, sich dafür um so mehr entfernte, spürte sie ein Kribbeln. Wenn ihr Bauch mit ihr zu sprechen begann, wurde es oft ernst. Ein unangenehmes Stechen in der Magengegend signalisierte ihr aufkommende Panik. Sie sprang auf und machte den lächerlichen Versuch hinterher zu laufen. Schnell gab sie auf, starkes Seitenstechen zwang Katharina in die Knie. Sie sank ganz zu Boden und versuchte Gedanken, die keine mehr waren, zu ordnen. Wenn das, was gerade geschah wirklich geschah, saß sie ganz schön in der Klemme. Mit Nichts!
Bloß nicht weinen!
Sie hatte zittrige Knie, schaffte es aber aufzustehen. Hilfe suchend blickte sie sich um, sah aber nichts als Steppe, Savanne, lichte Baumbestände, trockene, unfruchtbare Erde, Zäune aus Akaziengestrüpp, Nashörner. Sie überlegte ob sie ein Haus gesehen, oder ein Auto überholt hatten. Enttäuscht stellte sie fest, nichts dergleichen bewusst wahr genommen zu haben.
Hoffentlich bekam sie keinen Durst. Sie war durstig. Panisch blickte sie sich um, wann war es dunkel? Um Sechs? Katharina versuchte klare Gedanken zu fassen.
Der nächste kleine Ort lag Vierundsechzig Kilometer entfernt. Niemals würde sie auch nur einen Teil davon schaffen, ohne vier Räder und einem Motor unter sich. Hier konnte sie nicht bleiben. Toll! Die zweite vermisste Tochter. Das schwarze Schaf der Familie treibt letztendlich alle in den Wahnsinn.
Sie hörte Stimmen im Wind, sie wehten ihr fremde Worte ins Ohr. Ein plötzlicher, kräftiger Windstoß zerrte an ihrem Kleid und kühlte ihr die heiße Stirn.
Sie schämte sich ihrer Unnahbarkeit, hasste ihre Kälte. Lieben und verletzbar sein wollte sie auch nicht. Verzweifelt und einem Haufen Elend gleich, saß sie da. Und weinte nicht! Stattdessen tat sie das in ihren Augen einzig Vernünftige.
Sie stand wieder auf und ging langsam die Strasse entlang, der sie nun eigentlich mit dem Auto folgen würde. Sie war frustriert und verängstigt, wütend und verwirrt. Mit hängenden Schultern sah sie die Strasse voraus bis an den Horizont. Eine klare Linie trennte Himmel von unendlich weiter, brauner Öde.
Demotiviert setzte sie einen Schritt vor den andern. Sie fing an zu zählen... nicht weinen, große Mädchen weinen nicht... neun, zehn... ein Huschen und Rascheln zur Rechten ließen sie leise aufschreien und zur Seite springen.
Wieder kalter Schweiß auf heißer Stirn... ihr wurde übel. Weiter in den Busch hinein verschwanden rasch und quiekend drei Warzenschweine mit hoch erhobenem Schwanz. Das sah so lustig aus, dass Katharina beinahe erleichtert über die Gefahrlosigkeit lachen musste.
Quälende Insekten zerfraßen ihren Leib. Sie zu verscheuchen hatte sie aufgegeben. Drückende Hitze nahm ihr den Atem und vergrößerte ihren Durst. Sie würde sterben. Nicht einsamer, als sie hätte zu Hause sterben können.
Als ihr das bewusst wurde, kam ihr der Gedanke, das sie und ihre Schwester sich mehr ähnelten, als sie immer hatte glauben wollen. Beide lebten und starben allein, jede auf ihre Weise.
Hannah hatte gepackt. Viel benötigte sie nicht, alles was ihr später vielleicht fehlen würde, konnte sie erwerben. Katuma würde heute Nachmittag mit ihr nach Nairobi fahren. Sie würde nicht zu Hause anrufen. Sie hatte beschlossen, dass es eine Überraschung werden sollte. Hannah wollte versuchen ein Ticket zu buchen. Alle würden sich wundern, dass sie immer noch gesund und von ihrer Krankheit noch nichts zu sehen oder zu merken war. Wenn die Familie endlich akzeptierte, dass ihre Entscheidung richtig war, konnte sie vielleicht das zweite Mal mit Frieden im Herzen nach Afrika zurückkehren. Hier und nirgends anders konnte und wollte sie leben und sterben. In den kurzen Jahren hier, hatte sie immer den Wunsch verdrängt, dass ihre Familie sie suchen und finden würde.
Nun, durch einen Traum, machte sie es umgekehrt und tat was sie nie für möglich gehalten hätte, genau das Gegenteil. Sie machte sich auf den Weg nach Deutschland.
Katharina öffnete die Augen, zweifelnd darüber, ob sie wirklich geschlafen hatte und schaute sich müde um. Sie hing immer noch in dieser Astgabel, wo sie Schutz vor den größeren Tieren gesucht hatte. Über die Kleineren wollte sie gar nicht erst nachdenken. Katharina hatte keine Erinnerung daran, wie lange sie nun schon hier war. Froh nicht gebissen, gestochen, gewürgt, gefressen worden zu sein, entsetzt darüber, wie ihr teures Kleid aussah, welches Erscheinungsbild sie überhaupt darbot und panisch durstig, schaute Katharina runter.
Sie sah ihre Schuhe. Dann waren sie letztendlich doch hinunter gefallen.
Geäst sowie Gestrüpp hielten sie davon ab, die anderthalb Meter mit nackten, geschwollenen Füssen runter in die Tiefe zu springen. Also ließ sie sich am Stamm hinab gleiten und kassierte ein zerrissenes Kleid, sowie größere Körperschrammen. Unten angekommen überprüfte sie das Innere ihrer Schuhe nach kleineren Tieren und versuchte anschließend erfolglos ihre Füße hineinzuzwängen.
Sie wusste keinen Ausweg mehr, ohne Wasser, ohne alles inmitten von unendlich weiter Weite, nichts als Busch, weite Steppen, Bergketten in der Ferne, soweit das Auge reicht. Sie wünschte sich hier und jetzt zu sterben. Traurig blickte sie um sich.
Sie war umgeben von gefährlichen Tieren. Sie hatte viel gesehen und noch mehr gehört. Die ganze Nacht war die warme Luft von kreischen, zirpen, quicken, Todesschreie verschiedener Tiere, schleichen, fauchen, rascheln pausenlos erfüllt gewesen.
Löwengebrüll und die mächtige Elefantenherde hatten Katharina vor Angst fast ohnmächtig werden lassen. Aber alles das hatte sie überstanden.
Sie stand auf und besah sich ihr Kleid. Selbst wenn Rettung kam, so konnte sie sich doch nicht zeigen. Mit den Fingern entfernte sie Blätter aus ihren Haaren und bemerkte anfangs gar nicht, das sich ein Geräusch in die Buschwelt ausbreitete, welches Fortschritt der Menschheit bedeutete. Motorengeräusch!
Verwirrt schaute sie sich um, versuchte das Brummen zu orten. Sie stolperte ein wenig vorwärts in die Richtung aus der sie den Abend zuvor hergekommen war und kam strauchelnd auf der Strasse zu stehen.
Sie unterdrückte heftiges, lautes Atmen und lauschte.
Kam es von rechts, oder von links, sie konnte es nicht herausfinden.
Sie ließ sich auf die staubig, heiße Erde niedersinken und wartete. Und weinte. Weinte vor Erleichterung darüber, dass Hilfe unterwegs war. Sie hoffte es so sehr.
Und dann wurde alles noch schlimmer. Sie merkte mit Schrecken, das sie unweigerlich auf Toilette musste. Wie letzte Nacht auch, versuchte sie das drückende, bereits schmerzende Gefühl zu unterdrücken. Katharina hielt wieder den Atem an. Durch lautes Grillenzirpen hindurch, konnte sie immer noch Motorengeräusch wahrnehmen. Ob es näher kam oder sich entfernte, konnte sie nicht ausmachen. Deprimiert schlug sie die Augen nieder.
Ihr Unterleib brannte wie Feuer, Fliegen fanden Gefallen an ihren Wunden. Und ihre Lippen, ihr Mund, ihr Geist verlangte nach Wasser.
Sie schlief ein, flüchtete vor sich selbst und glitt hinein in unendliche schwarze Tiefen, ließ sich treiben und drehte sich, schneller, immer schneller, bis sie die Ewigkeit der unendlichen Glückseeligkeit erreichte und erschöpft Ruhe fand.
Hannah genoss diese Fahrt sehr.
Sie schaute aus dem Fenster und verlor sich in der Landschaft. Ihr Herz glühte, beim Anblick unzähliger Schirmakazien, wunderschöner Giraffen, Zebraherden, Warzenschweinen, Weite, Freiheit. Tränen des Glücks stiegen in ihr auf, das Herz schwer beladen von Liebe.
Sie schloss die Augen und schluckte den Kloß im Hals herunter. Nicht weinen. Sie lächelte, das hatte Katharina ihr früher immer gesagt. Und irgendwie war etwas davon hängen geblieben, unauslöschbar.
Auch nach so langer Zeit und weiter Distanz zueinander. Zwischen ihnen herrschte große Funkstille. Sie waren nie die Schwestern gewesen, die sie oft gespielt hatten, um den Frieden der Familie zu erhalten.
Einen depressiv betrunkenen Vater und eine immer schwätzende, heulende Mutter ertragen zu müssen, oder aber ein gutes Schwesternpaar abzugeben, war nie eine Frage gewesen. Ein stillschweigendes Abkommen zwischen beiden war wohl auch das Einzige, was sie miteinander verband. Hannah fing plötzlich an zu frösteln. Mitten auf der Strasse sah sie einen Frauenschuh liegen. Rot und ziemlich schmutzig.
Katuma lachte auf, "Die Elefanten und Affen stehlen auch wirklich alles." Er hielt an.
Hannah öffnete die Fahrzeugtüre und stieg aus. Sie schaute sich intensiv um und lauschte in den lärmenden Busch hinein.
Katuma war mittlerweile auch ausgestiegen und hob den Schuh auf. Sie betrachteten ihn und schüttelten lächelnd den Kopf.
"Da! Was war das?" Hannah hatte etwas im Busch gesehen, sie zeigte in die bestimmte Richtung und schaute genauer hin.
Es war nichts mehr zu sehen. Sie waren zwei Meter vom Wagen entfernt, die Waffe lag unter dem Sitz.
Da sah sie es wieder! Etwas blitzte.
Hannah kniff die Augen zusammen und schaute genauer hin und wieder blitzte was.
"Komm, das sehen wir uns mal an!", sagte sie und packte ihren Begleiter am Arm. Dieser folgte ihr, nicht ohne auf diverse Vorsichtsmaßnahmen hinzudeuten, die sie längst alle kannte und immer beherzigte.
Leise schlichen sie durch vertrocknetes, gelbes Gras, welches bis zum Gürtel reichte. Nur der Schlangen wegen, stampften sie mit den Füssen etwas fester auf, damit diese das Weite suchten. "Dein Elefant hatte wohl außer Intelligenz auch noch einen Affen bei sich, oder wie erklärst du das?" Sie deutete auf verschiedene Kleidungsstücke, die auf der staubigen Erde lagen und schüttelte den Kopf. "Nein Katuma, das waren keine Elefanten!"
Er bückte sich und begann alles einzusammeln.
"Was tust du da?" Sie sah auf ihre Uhr und stellte eine große Zeitverzögerung fest.
"Nun, ich sammle alles ein", antwortete er schulterzuckend und nahm seine Arbeit wieder auf.
Aus einem Gebüsch zog Katuma einen braunen Koffer heraus. Er öffnete ihn und begann die herumliegenden Sachen hinein zu legen. Hannah fand den zweiten roten Schuh und legte ihn mit dazu. Sie trugen den Koffer zum Wagen und luden ihn hinten auf die Ladefläche. Hannah war jetzt schon völlig Schweiß durchtränkt und stieg wieder in das Auto ein. Katuma zündete den Motor und fuhr los.
"Wer wirft denn solche guten Sachen in den Busch?" Immer noch erstaunt darüber, schaute sie Katuma fragend an.
Er wusste wer so etwas tat, die Koffer lagen bereits das zweite Mal hinten auf der Ladefläche.
Er zuckte mit den Schultern. "Das kann ich auch nicht erklären, wahrscheinlich ein Raubüberfall."
Seine Gedanken überschlugen sich, als ihm plötzlich einfiel, gestern eine Dokumentenmappe unter den Sitz geschoben zu haben, die ihm nicht gehörte. Er hatte vorgehabt sie zu vernichten, war bisher jedoch nicht dazu gekommen. Er versuchte sich zu konzentrieren. Sollte Mrs. Hannah diese Mappe finden, würde sie alles wissen und dann hätte er am Schluss doch noch verloren.
Die schreckliche Frau von gestern, kam um Mrs. Hannah zu holen. Nun nicht mehr. Blieb die Frage, wie er es anstellen sollte, sie davon zurück zu halten, nach Deutschland zu fliegen. Sie gehörte einfach hierher.
Mrs. Hannah liebte Afrika, als wäre sie eins mit ihm. Während ihrer Fahrt hatten sie, bis auf den Leoparden, bereits alle berühmten der "Big Five" gesehen. Elefanten und Nashörner kreuzten oft die Wege. Löwen dagegen konnten nur geübte Blicke ausmachen. Während der Tageshitze lagen sie meistens unter Schatten spendenden Bäumen und legten Siesta ein. Und die Büffelherde hatten sie nur aus großer Entfernung beobachten können, als sie über weites Land den Fluss Athi sehen konnten. Wie eine glitzernde Riesenschlange, schlängelte er sich seinen Weg durch das Land. Bei der momentanen Trockenzeit sah die Schlange gefleckt aus. Große Flächen dunkler Erde, zeigten ein anderes Bild Afrikas. Es sind die Geier, die bucklig auf den Akazien sitzen und den Tod verraten.
Während der Fahrt hatten sie oftmals angehalten und galoppierende Zebraherden beobachtet, deren Hufe große, aufgewirbelte Staubwolken hinterließen und ein Donnern erzeugten, welches noch lange zu hören war. Giraffen zählten immer noch zum Alltagsbild, und doch bemerkte Katuma immer wieder die gleichen verzückten Blicke Hannahs. Als sähe sie alles zum ersten Mal.
Katuma hielt oft auf ihren Wunsch hin an, weil sie Giraffen so liebte.
Er sah ihre Freude über den Anblick, wenn die Tiere mit ihren langen Zungen versuchten, die saftigsten Blätter der Baumkronen zu rupfen.
Er war so in seine Gedanken vertieft, da machte sie ihn plötzlich darauf aufmerksam, das in weiter Ferne etwas auf der Straße lag. Oder stand! Es war noch nicht genau zu erkennen. Sie waren noch zu weit entfernt, aber Hannah glaubte ein großes Bündel zu erkennen.
Sie war aufgeregt, denn nun wurde ihr das alles etwas unheimlich.
Katuma fuhr langsamer und kniff die Lippen zu schmalen schlitzen zusammen. Sie kamen schnell näher.
Hannah erschrak und griff erneut seinen rechten Arm.
"Oh mein Gott Katuma, dort liegt jemand auf der Strasse!" Sie glaubte eine weiße Frau zu erkennen.
Als er keine Anstalten machte anzuhalten, zerrte und schüttelte sie in dermaßen, das er beinahe gezwungen war, den Wagen anzuhalten.
"Nein Mrs. Hannah! Sie sind lebensmüde, wenn sie hier anhalten wollen. Hier versteckt sich das ganze schlechte Volk! Stellen sich tot und greifen von allen Seiten an, sobald man aus dem Auto gestiegen ist."
Hannah ließ ihn los und blickte weiter gerade aus. Sie war sich unsicher, ob dort nicht vielleicht doch Hilfe benötigt werden würde. Andererseits ein Risiko einzugehen, war auch sehr leichtsinnig.
Aber waren denn auch die Weißen hier die Übeltäter? Katuma erklärte ihr, das es hier keinen Unterschied mache, welches Geschlecht und welche Rasse. Arm blieb arm.
Ihr fiel die Waffe unter dem Sitz ein.
"Katuma, wir könnten doch den Revolver nehmen."
Sie bückte sich und griff unter sich. Katuma haschte so schnell nach ihrem Arm, das sie erschrocken darüber, wieder hochkam. Sie sah hinaus, da sie dachte, etwas sei geschehen. "Was ist denn?", fragte sie neugierig.
"Die Waffe Mrs. Hannah. Sie ist in Nairobi. Ich habe sie dort gestern zur Reinigung gegeben. Sie klemmte."
"Katuma! Wir sind ohne eine Waffe unterwegs? Warum weiß ich nichts davon?" Entsetzen, Angst und Wut erfüllten sie. "Was machen wir denn jetzt?" Fragend schaute sie ihn an und wartete gespannt auf eine Antwort.
"Wir fahren weiter. Wenn ein Haus kommt halten wir an. Sie bleiben dort und ich fahre zurück und schaue nach."
Sie wollte widersprechen, jedoch sah sie seinen starren Blick gerade aus, hörte die tiefe beängstigende Stimme, spürte aufrecht stehende Nackenhaare und sagte nichts.
Er fuhr einmal im Monat hier lang, sie konnte ihm vertrauen.
Eine viertel Stunde später stieg sie bei einer kleinen Siedlung aus und Katuma fuhr zurück.
Die Frau musste verschwinden. Und auch die Dokumente. Niemand nahm ihm Mrs. Hannah weg. So eine Schwester hatte sie nicht verdient. Wer kein Auge für die Schönheit Afrikas besitzt, ist ohne Seele hergekommen.
Rasant fuhr er die Strecke zurück. Wie konnte dieses schlechte Wesen die letzte Nacht überlebt haben? Nicht einmal die Natur wollte sie.
Schnell war er am Ziel.
Er stieg aus und ging auf sie zu. Sie lag immer noch genau so da, zusammengekauert wie ein Baby. Schmutzig, mit zerrissenem Kleid, zerschundenem Körper.
Er wünschte, sie könnte sich sehen, die feine Dame aus Europa.
Er kam ihr näher, sie bewegte sich nicht.
Die Austrocknung hatte ihr sehr zugesetzt. Sie lag in einer Lache stinkender Flüssigkeit. Er hoffte, dass sie bereits tot war. Er würde die Waffe nicht benutzen. Die Natur bekäme eine neue Chance. Diese Nacht würde sie nicht überleben, mit viel Glück würde sie am frühen Abend bereits ein Mahl verschiedener Raubtiere werden.
Katuma zog die noch lebende Katharina tiefer in den Busch hinein und ließ sie dort mit einem Gebet zurück. Er handelte aus Liebe. Davon war er überzeugt.
Er fuhr langsamer zurück und fand eine besorgte Hannah in dem kleinen Einheimischendorf vor.
"Was ist nun? War es ein Verletzter? War es eine Frau?" Sie studierte sein Gesicht, in der Hoffnung darin lesen zu können.
"Mrs. Hannah, wie ich schon sagte, seien sie froh hier geblieben zu sein. Es war zu gefährlich. Löwen hatten sich bereits dort versammelt. Ich konnte nichts tun. Nur zusehen wie sie versuchten, die Tote weg zu zerren. Gut das wir weiter gefahren sind, die Löwen waren bestimmt in der Nähe." Angespannt und mit rasendem Herzen wartete er auf eine Reaktion.
Sie war bestürzt und auch erschrocken. Sie war alles was sie sein konnte.
Einige Dorfbewohner näherten sich neugierig den beiden. Eine alte Frau kam und wischte Hannahs Tränen fort.
Hannah lächelte und brachte Katuma, ohne ihr Wissen, die beste Nachricht, die er jetzt gebrauchen konnte. "Stell dir vor, das ist die älteste Frau hier im Dorf. Sie ist ja so was von Klasse! Katuma, ich bleibe hier in Afrika. Sie hat mir soviel erzählt."
Katuma zog erstaunt die Augenbrauen hoch. "Ich war doch nur eine halbe Stunde weg!"
"Katuma, sie konnte mir auf so viele meiner Fragen antworten. Und sie hat eine so solche Anziehungskraft, dass man sich ihr anvertraut, ohne es eigentlich zu wollen." Hannah strahlte wieder. Sie platzte förmlich vor Aufregung! "Und weißt du was?"
Katuma schüttelte sprachlos den Kopf.
"Ich bin gar nicht krank!" Wieder glühte ihr ganzes Gesicht. Dann sprang sie auf und schüttelte ihn. "Ich bin gesund! Deshalb lebe ich auch immer noch. Sie hat seltsame Untersuchungen gemacht. Katuma, manchmal war es peinlich. Sie fühlt, riecht und schmeckt. So ernst, als ginge es um ihr eigenes Wohl. Ich glaube ihr!"
Sie drehte sich zu der Frau um, ging auf sie zu und umarmte sie herzlichst. "Danke! Vielen Dank für alles!" Die kleine, alte Frau schaute zu ihr hoch und lächelte nickend zurück.
Tastete sie ab und verweilte unterhalb Hannahs Brust. Wieder lächelte sie, schaute Hannah in die Augen und wie eine Mutter, eine wirkliche Mutter flüsterte sie ganz leise: "Hakuna Matata." Dann drehte sie sich um und entfernte sich mit lahmen Schritten.
Hannah stand immer noch da wie verzaubert und Katuma schüttelte verwundert den Kopf.
"Was hat sie zu dir gesagt? Was hat sie gemacht?"
"Sie sagte Hakuna Matata und ich brauche nicht zu verstehen, ich verstehe mit dem Herzen!" Sie lächelte ihn an und war glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben.
"Keine Sorgen?"
Sie nickte. "Ja Katuma, keine Sorgen. Ich weiß was sie mir damit sagen wollte."
Endlich lachte nun auch Katuma. Befreit von so mancher Last. Von aller Last. Mrs. Hannah würde bleiben.
Sie fuhren der untergehenden Sonne entgegen. Ein Tag endete.
Graue, schwere Wolken türmten sich in weiter Ferne vor einem purpurnen Himmel auf. Bedrohlich kündigten sie Regen an.
Hannah hatte Frieden im Herzen, keine Sorgen mehr. Sie war angekommen, hier war sie zu Hause!
Trommelwirbel, tanzendes Feuerlicht, ölige, glänzende, nackte Körper erfüllten tief im kenianischen Busch die dunkle Nacht. Tiefer Gesang und rhythmisches stampfen von zig Füßen, ließen die Luft schwingen. Sanfte, dunkle Hände hoben vorsichtig ihren Kopf und befeuchteten ihre aufgesprungenen Lippen mit Wasser. Dann wurde sie weiter eingeölt. Finger berührten, massierten sie, wohltuend und beruhigend. Musik und warme Luft drangen in jede Faser ihres Körpers und nahmen Besitz von ihm.
Sie war hilflos ausgeliefert, fühlte aber keine Gefahr. Sie schlummerte und schwebte zwischen hier und jetzt, heute und Morgen.
Murmelnde Stimmen überbrachten fremde Worte. Und dann kamen verlockende Düfte. Wilde, betörende Blumen in einem fremden Land, war das Letzte was Katharina dachte, bevor sie in einen erholsamen und tiefen Schlaf glitt.




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Eingereicht am 04. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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