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Gespür für Leben - Mehr als nur ein Jahresrückblick

©  Anne-Kathrin Berg


Wieder einmal sitze ich gedankenverloren in Hörsaal C und ertappe meinen Kuli dabei, wie er Palmen zeichnet. Mein Prof. redet und redet. Ich weiß längst nicht mehr, um was es eigentlich geht, in welchem Fach ich überhaupt sitze. Wo meine Gedanken gerade herumspuken ahnt wohl niemand in diesem Raum.
Fast zwei Jahre ist es jetzt her, als der Entschluss fiel, der mein Leben verändern sollte. Ich hatte gerade ein ziemlich gutes Abitur geschrieben, eben so gut, dass der Herr Papa stolz sein durfte auf die potentielle Nachwuchs-Chefin seines Unternehmens. Für ihn war meine Zukunft bereits klar. Ich würde eine von ihm ausgesuchte, kaum bezahlbare Akademie besuchen, dort ein Vorzeigediplom als Betriebswirtin absolvieren, um anschließend - wie er, reicher und reicher zu werden. Eigentlich war ich nie jemand dem es leicht fiel eigene Entscheidungen zu treffen, doch ich wusste, dass der Plan meines Vaters nicht mein Weg sein konnte.
Bisher lief mein Leben aalglatt. Ich musste nie lange um etwas bitten. Ein kurzer Wimpernaufschlag genügte, um es meinem Daddy zu erleichtern, mir jeglichen Wunsch von den Augen abzulesen. Ich hatte alles und doch fühlte ich mich oft leer. Ich hatte Sehnsucht, aber nach was? Ich beschloss mich auf die Suche zu machen. Vielleicht würde ich ja glücklicher sein, wenn ich auf eigene Faust mein Leben in die Hand nehmen würde. Dazu musste ich herausfinden, was ich wirklich wollte. Da der Berufsberater in unserem Arbeitsamt in allem was er sagte, klang wie das Echo meines Vaters, versuchte ich selbstständig das Internet zu befragen, etwas mit Menschen sollte es sein. Aber ich wollte nicht nur mit Menschen arbeiten. Ich suchte nicht die herausgeputzten Kunden, denen ich mein Produkt verkaufen könnte, ich wollte etwas bewegen. Ich spürte den Drang etwas an dieser Welt verändern zu wollen. Mein Dad hat einmal gesagt, Idealisten sein nichts weiter als naive Träumer, die wollen aber nicht können, weil die Welt ist wie sie ist. Irgendwie wollte ich mich aber mit seinen Weisheiten nicht anfreunden. Auf einer Seite für Auslandsprojekte fand ich schließlich eine interessante Annonce: "Praktika in Afrika". Obwohl ich laut der Ausschreibung viel zu jung war für den Job, rief ich bei der Organisation an. Die Dame am Apparat klang freundlich, als sie meine Daten aufnahm. Als ich ihr jedoch mein Alter gestand, fiel sie mir direkt ins Wort. Ob ich denn nicht gelesen hätte, dass sie erst Studenten mit abgeschlossenem Grundstudium suchten, schließlich sei Entwicklungshilfe kein Kinderspiel.
Sie diktierte mir noch kurz eine Internetadresse für FSJ-Projekte im europäischen Ausland und legte dann sofort auf. Die Absage hätte nicht deutlicher sein können. Dennoch beschäftigte mich, seit diesem Anruf nichts anderes mehr, als der Gedanke an Afrika. Meinem Vater erzählte ich natürlich nichts Ich ging systematisch vor: weitere Telefonate, weitere Absagen - nichts zu machen mit 19 Jahren. Entmutigt war ich fast schon bereit aufzugeben, als mir der Zufall zur Hilfe kam. Ralph besuchte uns sonntags oft. Er ist ein alter Schulfreund meines Vaters. Wir aßen gemeinsam zu Abend, als ich ein sehr interessantes Gespräch aufschnappte. Ich hatte gewusst, dass Ralph als Ingenieur häufig im Ausland zu tun hatte, nicht aber, dass er zurzeit für eine Hilfsorganisation in Afrika arbeitete. Ich stellte Fragen über Fragen und löcherte ihn so lange, bis mein Vater witzelte: "Man könnte meinen, du wolltest selbst in den Busch runter." Auf diese Aussage hin verschluckte ich mich heftig an meiner Cola und wagte es den ganzen Abend nicht mehr darüber zu sprechen. Doch in meinem Kopf spukten die wildesten Ideen. Mali hatte Ralph gesagt. Mali sei eines der wenigen afrikanischen Länder mit einer stabilen Demokratie und einer relativ geringen Kriminalitätsrate. Das klang gut in meinen Ohren. Mali - der Name allein klang wie Musik!
Als Ralph sich aufmachte zum Gehen, flüsterte ich ihm ins Ohr, dass ich mich telefonisch bei ihm melden würde. Kaum überrascht zwinkerte er mir zu. Er wusste genau, um was es ging. Bereits am nächsten Morgen wählte ich seine Nummer. Ich berichtete ihm alles, angefangen bei meiner Idee, über die Haltung meines Vaters, bis hin zu den tausend Absagen der Organisationen.
Geduldig hörte er mir zu. Ich war erleichtert, endlich jemandem davon erzählen zu können, jemandem der mich ernst nahm. Ich höre noch genau wie er sagte: "Mädchen, dein Vater wird mich lynchen, aber ich werd schauen, ob sich da was machen lässt." Ralph hat selbst keine Kinder, vielleicht hätte er sonst anders über die Sache gedacht, aber für ihn war ich kein kleines, dummes Mädchen mehr. Ich war volljährig, erwachsen und so behandelte er mich auch.
Wie er es letzten Endes hinbekommen hat, dass ich nach Mali flog, weiß ich bis heute nicht genau. Als ich einmal danach fragte, grinste er bloß und murmelte: "Beziehungen". Soweit ich mitbekommen habe, hat mein Vater wegen dieser Geschichte heftig mit Ralph gestritten. Er gab ihm die Schuld mir "Flausen" in den Kopf gesetzt zu haben, doch darüber weiß ich nicht viel.
Mir war klar, dass mein Afrikaaufenthalt kein Urlaub werden würde, aber ich freute mich wahnsinnig auf diese Zeit. Acht Monate würde ich dort bleiben, acht Monate über 5000 Kilometer weit weg von zu Hause.
Der Flug war sehr anstrengend und als ich endlich die Maschine verließ, brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel direkt auf mich herab, drückende Hitze. Das war also Afrika. Ich kam mir sehr verloren vor. Wollte mich nicht jemand von der Organisation abholen? Ich schaute mich vergeblich nach weißen Gesichtern um. Ob sie mich vergessen hatten? Unerwartet tippte mir jemand auf die Schulter. Ich erschrak. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? So was Blödes! Er hieß Joseph und sprach fließend Französisch. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig. Er erklärte mir, dass er als Vermittler für die Organisation tätig sei, da die meisten Dorfbewohner nur "Bambara" konnten und diese Sprache kaum einer der europäischen Entwicklungshelfer verstand. Er lächelte und sah mich die ganze Zeit freundlich an. Ich mochte ihn. Wir fuhren in einem alten Peugeot über holprige Straßen, vorbei an krumm gewachsenen Bäumen und windschiefen, rissigen Lehmhütten. Als wir endlich in dem kleinen Örtchen namens Massala ankamen, stand die Sonne bereits tief am blasblauen Himmel. Neugierig wurde ich beäugt. Ich kam mir seltsam vor. Natürlich hatte ich keine Häuser erwartet, dennoch wurde mir mulmig, als ich nun direkt vor den türlosen Lehmhütten stand. Um mich herum flatterten Hühner. Eine Ziege leckte meine Hand, während drei kleine Jungen auf mich zugerannt kamen und immer wieder lachend "Tubabu, Tubabu" riefen. Sie meinten mich, soviel stand fest, doch was sie wollten, blieb mir ein Rätsel. Joseph sprach mit einer älteren Frau "Bambara". Sie schaute dabei in meine Richtung. Daraufhin ging sie zu einigen anderen Frauen, die über offenem Feuer Reis kochten und brachte mir eine Schüssel davon. Sie sagte etwas, dass ich nicht verstand und schaute mich dabei erwartungsvoll an. Ich lächelte verlegen, etwas unsicher und hatte Angst etwas Unhöfliches zu tun. Vorsichtig probierte ich von dem Reis. Es schmeckte ungewohnt, doch ich nickte ihr zu und sagte: " Merci beaucoup!" Das Eis war gebrochen. Die ältere Dame freute sich, umarmte mich heftig und ging dann pfeifend zu den anderen Frauen, wo sie sich niederließ. Joseph schmunzelte und winkte mich zu sich. Er sah frech aus mit seinem Krausekopf. Wir gingen wenige hundert Meter, bis wir an ein kleines Häuschen kamen. Im Vergleich zu den Lehmhütten sah es äußerst luxuriös aus, verglichen mit unserem Haus in Berlin jedoch eher bescheiden. Ein muskulöser, farbiger Herr mit abstehenden Ohren öffnete uns die Eingangstür.
Hinter ihn trat eine blonde zierliche Frau. Sie stellte sich mir als Sarah vor. Sarah war 32 und kam aus Stuttgart. Sie entschuldigte sich bei mir, nicht persönlich am Flughafen gewesen zu sein, es sei eine wichtige Verhandlung dazwischen gekommen. Sie erzählte, dass sie helfen musste einen Konflikt zwischen Nomaden und Ackerbauern zu schlichten. Die umherziehenden Viehhüter hatten wohl ihre Ziegen über die Felder der einheimischen Bauern Massalas getrieben und somit deren Ernte gefährdet. Blutige Auseinandersetzungen waren die Folge. Gespannt hörte ich Sarah zu, da mir ihre Erzählungen einen ersten Eindruck über ihre Tätigkeit als Entwicklungshelferin gaben. Wir saßen zu dritt in der Küche, Joseph, Sarah und ich. Der Farbige Herr vom Eingang setzte sich nicht. Er schien eine Art Butler zu sein, aber sicher war ich mir nicht. Sarah musste meinen fragenden Blick bemerkt haben, denn sofort stellte sie ihn mir vor. Er hieß Jacob und arbeitete hier als Hausangestellter. Sarah meinte, dass es Sitte sei in Mali als Geldverdiener etwas vom eigenen Reichtum abzugeben. Ich fühlte mich dennoch seltsam berührt, es kam mir vor als befände ich mich in einer fremden Welt. Während Sarah mir noch einiges über Geflogenheiten und Benimmregeln erzählte, glitt mein Blick hinaus auf die staubigen Straßen Massalas. Diese Kulisse vor meinen Augen war tatsächlich Realität!
Kleine Jungs saßen am Straßenrand und verkauften Spielsachen, die sie selbst aus alten Müllresten zusammengebaut hatten. Ihre Arme und Beine waren schrecklich dünn. Ich konnte mich nicht zwingen wegzuschauen. Hier saß ich also in der Küche und trank meine Limonade, auf meinem ohnehin viel zu breiten Hintern, während diese Buben versuchen ihren Müll zu Geld zu machen.
Ich merkte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Ob ich raus gehen sollte, um ihnen ein Spielzeug nach dem anderen abzukaufen? Sarah riss mich aus meinen Gedanken. Sie hatte bemerkt, dass ich längst nicht mehr ihren Erzählungen folgte. "Die Armut ist ein sehr großes Problem hier in Massala.
Ich kann mir vorstellen was du gerade denkst. Es tut jedem leid, der das erste Mal diese Lebenszustände hier kennen lernt. Aber ich will dich vor einer Sache warnen: Wenn du hierher gekommen bist, um an einem Tag die Welt zu retten, wirst du morgen schon frustriert zurück fliegen.
Entwicklungshilfe ist kein schneller Akt, sondern ein langwieriger, anstrengender Prozess." Nachdenklich blickte ich auf meine Schuhe, dass Sarah jedoch Recht hatte merkte ich bald.
Tag für Tag begleitete ich sie; mal zu Verhandlungen mit dem Bürgermeister, mal zu Gesprächen mit dem Chef du Village, dem ältesten Mann des Dorfes, ohne den keine Entscheidung getroffen werden durfte. Meist verstand ich bei diesen Unterredungen kaum ein Wort, dennoch versuchte ich aus den Gesten heraus den Sinn der Unterhaltung zu deuten. Sarah erklärte mir hinterher alles im Detail. Häufig ging es um Politisches. Ich selber verständigte mich meistens mit Händen und Füßen. Besonders gut klappte das mit Joseph, außerdem verband uns ein lustiges Kauderwelsch aus Französisch, Deutsch und Bambara. Nach einiger Zeit verstanden wir uns sogar fast ohne Worte, denn Josephs Augen allein sprachen Bände. Er wurde bald mein bester Freund. Zwar wohnte ich bei Sarah und mochte sie auch wirklich gerne, doch unser Verhältnis glich eher dem zweier Kollegen. Oft war ich diejenige, die zum Laufburschen auserkoren wurde. "Bitte hol dies, bitte besorg jenes." Unter der stechenden Sonne Malis oftmals ein harter Job. Doch ich wusste ja, wofür ich arbeitete: Man plante unter anderem endlich eine Grundschule, denn lesen und schreiben können ist nicht überall selbstverständlich. Mein Wunsch war es, dass jene Kinder, die Tag für Tag am Straßenrand standen, um in Flaschen abgefülltes Moped-Benzin zu verkaufen eine Chance bekamen, die für sie die Zukunft bedeutete. Außerdem entschädigten mich besonders die Abende für die Arbeiten des anstrengenden Tages. Denn, wenn die Sonne an Höhe verlor und der Tag langsam zur Neige ging, traf ich mich mit Joseph auf unserem Hügel.
Dort saßen wir allein, mehrer Stunden schauten hinaus auf die Steppe, wo Zebra und Gazelle sich gute Nacht sagten, aßen Obst und warteten bis die Sonne schließlich den Boden küsste.Immer wenn ich jetzt Sonnenuntergänge sehe, schmecke ich Ananassaft auf meinen Lippen und sehe Josephs zartes Lächeln vor mir, wie seine weißen Zähne in der untergehenden Sonne glänzen.
Die Erinnerung - wie ein schöner Sommernachtstraum, der mich seit meinem Rückflug jede Nacht verfolgt und bei dem mich, nach dem Aufwachen, ein Gefühl von Sehnsucht ergreift.
Acht Monate gehen viel zu schnell zu Ende, während diese Unterrichtsstunde sich zieht wie Kaugummi. Nach dem Studium werde ich das Gleiche tun wie Sarah. Ich werde zurückkehren in das Land, dessen Menschen mich so bewegten und dessen Landschaft herrlicher ist, als die Bilder meiner schönsten Träume. Ich möchte nicht für immer von drei Welten sprechen müssen, in denen WIR leben und in denen DIE leben. Ich möchte, dass sich daran etwas ändert.
Natürlich weiß ich, dass Erfolge Zeit brauchen und ich weiß auch, dass es schwer wird, weil Mali nicht das einzige Land ist, indem Armut herrscht.
Doch ich behaupte, dass ohne eine Vision, ohne den Traum, der am Anfang steht, die Welt stillsteht und bleibt, wie sie ist. Erst, wenn sich viele Menschen zusammenschließen und bereit sind gemeinsam an dieser Erde zu bauen, erst dann können Illusionen die Welt verändern. Mittlerweile gebe ich ehrlich zu, dass Idealisten Träumer sind, meiner Meinung nach jedoch Träumer mit Perspektiven.




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Eingereicht am 03. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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