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Der lange Weg nach Afrika

©  Katharina Blumenmann


1.
Es war die Zeit des Imperialismus. Die einzelnen Staaten Europas strebten danach eine Großmacht zu werden und so hatten sie begonnen, die Welt unter sich aufzuteilen.
Deutschland war in diesem Rennen fast zu spät an den Start gegangen, konnte sich aber noch so genannte Schutzgebiete in Afrika und der Südsee sichern. Das Volk in den Mutterländern teilte sich in das gehobene Bürgertum und das Proletariat. In den Kolonien zeigte der weiße Mann seine Überlegenheit in dem er die Ureinwohner des Landes missionierte und den Boden an Rohstoffen ausbeutete. Und so war es kein Wunder, dass in Europa die Zeit der Revolutionen begonnen hatte und in den Schutzgebieten immer wieder Aufstände entflammten, die zunächst blutig niedergeschlagen werden konnten.
Zu jener Zeit stand Helena von Ahrens an Deck des Postdampfers der Deutschen Ostafrikalinie. Sie hatte Ihre Arme auf die eiserne Reling gelegt und ihre rechte Hand umschloss das kalte Metall, während sie in der Linken ihren Hut hielt. Den Oberkörper und ihren Kopf hatte sie weit nach vorn, über das Geländer gebeugt und so hätte sie ihre teure mit weißen Blüten verziert Kopfbedeckung, mit Sicherheit verloren. Also hatte sie den Hut vorausschauend abgesetzt. Helena beobachtete, wie das Schiff fast lautlos durch das Wasser glitt. Der Bug des Dampfers schnitt den Ozean in zwei Hälften. Das Meer teilte sich links und rechts des Rumpfes. Aus dem Wasser, das durch die Bewegung des Schiffes verdrängt wurde, entstanden Wellen, die mit einem tosenden Geräusch in Richtung der offenen See davon rauschten. Helena richtete sich auf und strich sich eine Strähne ihres langen dunklen Haares aus dem Gesicht. Es hatte sich durch ihre ungewöhnlich Haltung aus der sorgfältig gesteckten Frisur gelöst. Sie überlegte, ob sie ihren Hut wieder aufsetzen sollte, doch der Wind hätte ihn ihr geradewegs wieder vom Kopf geweht. So ließ sie es bleiben. Helena schloss ihre Augen und atmete tief ein. Die Luft roch klar und salzig. Sie spürte die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht, das sie nun in Richtung Himmel gehoben hatte. So stand sie einige Zeit da und lauschte dem Geräusch des Meeres und dem Schlagen der Wellen. Sie wünschte sich, dass es auch für sie die Möglichkeit gäbe, einfach davon und somit in die Freiheit zu laufen.
Als sie die Augen wieder öffnete, konnte sie den Hafen von Daressalam bereits klar und deutlich vor sich erkennen. Da warteten sie also. Ihre neue Heimat und ein Mann, den sie kaum kannte, dessen Frau sie jedoch auf Wunsch ihres Vaters werden sollte. Es war sein letzter Wunsch gewesen und Helena hatte es nicht über ihr Herz gebracht, ihm diesem an seinem Sterbebett zu verwehren. Es war in dieser Zeit nicht ungewöhnlich, dass eine Frau eine Ehe einging, die von ihrer Familie in die Wege geleitet wurde und die einzig und allein vor dem Hintergrund der finanziellen Absicherung geschlossen wurde. Außerdem hatte Helena von Ahrens nicht den Mut sich gegen die Entscheidung ihres Vaters zu stellen, denn der Preis für ihre Freiheit wäre der Verlust ihres gesellschaftlichen Standes und ein Leben in Armut gewesen. Also hatte sie nach dem Begräbnis ihres geliebten Vaters brav und wie man es von ihr erwartete, ihre Koffer gepackt und das Postschiff in Richtung der Deutschen Kolonie Ostafrika bestiegen.
Dort hatte Helenas zukünftiger Ehemann begonnen an den Hängen des Meru eine Kaffeeplantage zu errichten. Sein Name war Karl Wendling. Er stammte aus einer genauso bekannten wie vermögenden Familie, zu deren Imperium mehrere Fabriken und Gutshäuser gehörten. Während sein jüngerer Bruder in Deutschland den Familiengeschäften nachging, hatte sich Karl Wendling seinen Traum von einer eigenen Plantage verwirklicht. Es war einige Jahre her, als ihn Helena zuletzt auf dem alljährlichen Neujahrsempfang ihrer Familie gesehen hatte und so konnte sie sich nur schwach an ihn erinnern. Alles was sie noch wusste war, dass er rotes Haar hatte und wesentlich älter war als sie.
Der Dampfer lief in den Hafen Daressalams ein und legte unter dem Dröhnen der Motoren an. Nachdem die Bootsmänner das Schiff vertaut hatten, ging Helena von Bord. Schon als sie den Landesteg betrat, sah sie Karl Wendling zwischen den zahlreichen Menschen stehen, die an Land auf ihre ankommenden Familienmitglieder und Freunde warteten. Helena hatte sich hinsichtlich seines Aussehens nicht geirrt. Sein rotes Haar leuchtete in der Mittagssonne und der leichte Wind, der von der offenen See her wehrte, hatte es etwas zerzaust. Die Arme hatte er in seine Hüften gestemmt. Als er sie sah winkte er ihr kurz zu und begann sich an den Leuten in ihre Richtung vorbei zu schieben. "Herzlich Willkommen in Afrika" sagte er mit einer freundlichen und ruhigen Stimme. Er reichte ihr seine Hand und lächelte sie an. "Ich hoffe, die Überfahrt war angenehm". Helena bedankte sich mit einem kurzen: "Ja." Zu mehr war sie nicht in der Lage, denn sonst hätte sie die Enttäuschung, die sie erfüllte, verraten. Tränen, versuchten sich ihren Weg zu bannen, doch Helena von Ahrens schluckte sie tapfer hinunter. Wie konnte ihr ihre Familie nur so etwas antun?
Karl Wendling musste schon weit über vierzig Jahre alt sein und damit mehr als doppelt so alt wie sie. Er hatte eine schlanke Figur und helle Haut. In sein Gesicht hatten die Zeit und die Sonne Afrikas einige tiefe Falten gezeichnet. Er trug einen hellen Anzug und dazu passend, so wie es die Mode der Zeit verlangte, ein weißes Hemd. Um seinen Hals hatte er ein Tuch in Form einer Krawatte gebunden. Genau wie sie hielt er seinen Hut in der linken Hand. Helena versuchte, die Gedanken die in ihrem Kopf umherkreisten und ihre Niedergeschlagenheit vor ihrem zukünftigen Ehemann zu verbergen und so setzte sie ein höfliches, wenn auch gespieltes Lächeln auf. Noch an Bord des Dampfes hatte sie sich von ganzem Herzen gewünscht, dass sie ihre Erinnerung an Karl Wendling täuschte und sie mit der Zeit Gefallen an ihm finden könnte. Doch nun, wo sie ihm Angesicht von Angesicht gegenüberstand wusste sie, dass sie sich nie in ihn verlieben könnte. Sie hatte sich ohne Kampf und somit für ihre Begriffe freiwillig in ein fremdes Land und in die Hände eines ihr unbekannten Mannes begeben. Nun war sie ihm und ihrem Schicksal ausgeliefert. Sie befand sich in Gefangenschaft und wie ein Tier, das die Freiheit kannte, würde sie daran zerbrechen.
Nachdem einer der einheimischen Hafenarbeiter Helenas Gepäck auf den Wagen geladen hatte, fuhren sie in Richtung Bahnstation. Helena von Ahrens sah sich auf dem Weg dorthin, in der Hauptstadt der Kolonie um. Daressalam bedeutete auf Arabisch "Hafen des Friedens" und so wirkte die Stadt auch auf Helena. Sie war sauber und ihre Straßen gepflegt. Immer wieder tauchten links und rechts der Wege schattige Parkanlagen mit tropischen Gewächsen auf, die ihren Besuchern Schatten spendeten. Die staatlichen Gebäude und die zahlreichen Villen der reichen Daressalamer Gesellschaft, ließen die Stadt reizvoll aussehen. Sie besaß zwei Kirchen und ein Krankenhaus, das an der Seeseite gelegen war und so tat sich vor Helena ein Bild einer herrschaftlichen Residenz auf.
An der Bahnstation angekommen, bestiegen Helena von Ahrens und Karl Wendling die Ostafrikanische Zentralbahn, die sie ins Innere des afrikanischen Kontinents bringen sollte.
2.
Die Sonne brannte unerbitterlich auf das Dach des Waggons. Sie hatten Daressalam bereits vor Stunden verlassen. Karl Wendling war eingenickt und sein Kopf, der im Schlaf nach vorn gekippt war, wackelte sacht im Takt des über die Gleise fahrenden Zuges. Helena beobachtete ihn still von ihrem Platz aus. In seinem kurzen und sonst vollen roten Haar waren die Ansätze zweier Geheimratsecken erkennbar. Seine Augenbrauen hatten dieselbe Farbe wie sein Haar. Inmitten seines runden jedoch nicht vollen Gesichtes befand sich eine kurze aber breite Nase. Von hier aus führten zwei tiefe Falten bis an seine Mundwinkel. Obwohl Karl Wendling in diesem Moment die Augen geschlossen hatte, wusste Helena, dass sich dahinter blaue Augen verbargen, die ihr durch ihre stechende Farbe bereits am Hafen aufgefallen waren. Auf dem Weg durch die Stadt hatte er ihr die Bedeutung der einzelnen Gebäude erklärt und zu der einen oder anderen Villa eine kleine Geschichte erzählt, die in erster Linie über deren Besitzer Auskunft gab. Man kannte sich in der Daressalamer Gesellschaft und anscheinend war ihr Karl Wendling kein Unbekannter.
Helena sah durch das Fenster nach draußen. Das Land war flach und die Hitze der Sonne flimmerte über dem Boden. Am Horizont konnte sie eine Hügelkette erkennen, die sich durch die Ebene zog. Die Erde und das Gras, das auf ihr wuchs, waren verbrannt. Auf dem rotbraunen Boden standen vertrocknete Büsche und nur ab und zu tauchten in einzelnen Abständen ein paar Bäume auf. Ihre Stämme waren von der Sonne ausgedörrt und grau. Nur in den Wipfeln hingen einige wenige grüne Blätter. "Es regnet hier sehr selten". Helena drehte ihren Kopf in Richtung Karl Wendlings. Er war aus seinem kurzen Schlaf erwacht. "Der Anbau von Kaffee oder Getreide wäre hier nicht möglich. Alles würde vertrocknen" sagte er. Sie sah in verwundert an. "Aber enthält die Erde denn gar keine Feuchtigkeit?" fragte sie. "Sie sammelt sich nur an bestimmten Stellen und manchmal tritt sie als Wasserloch an die Oberfläche" antwortete Karl. "Hierher kommen dann die Tiere zum Trinken". "Tiere?" Helena schaute erstaunt. Ihr Vater hatte ihr früher Geschichten erzählt, die von den Tieren Afrikas handelten. Sie kannte Löwen, Elefanten oder Zebras jedoch nur aus seinen Erzählungen. Nie hatte sie daran geglaubt eine dieser Arten mit eigenen Augen zu sehen. "Ja. Sie alle brauchen genau wie wir Wasser zum Leben, und deshalb suchen sie von Zeit zu Zeit die Wasserlöcher auf" erklärte Karl Wendling auf Helenas Frage. Er setzte sich neben sie und sie begannen in der Savanne Ausschau nach den dort lebenden Tierarten zu halten. Wenn sie eine Art sahen, klärte er Helena mit Ruhe und Geduld über deren Lebensweise auf. Er erzählte ihr, wie sie ihre Jungen großzog und welche Feinde es für diese Spezies in der freien Natur gab.
Mit der Zeit rückten die Hügel die Helena zuvor am Horizont gesehen hatte näher. Das Gras wurde höher und grüner und die Bäume standen dichter. Sie kamen dem afrikanischen Hochland und somit dem Meru näher. Das letzte Stück ihrer Reise legten sie mit einem Automobil zurück, dass an der Bahnstrecke auf sie gewartet hatte. Karl hatte nicht den ganzen Weg von Daressalam mit dem Fahrzeug zurücklegen wollen, da ihm die Reise mit dem Zug für Helena bequemer schien.
Karl Wendlings Wohnhaus und somit Helenas neues Zuhause lag auf einem von der Natur geschaffenen Plateau. Zu ihm hin führte eine naturbelassene Straße, die links und rechts von Kaffeepflanzen gesäumt war. Etwa hundert Meter vor dem Haus gingen diese in einen gepflegten grünen Rasen über. Zwischen den Kaffeepflanzen und auf dem Grün vor dem Haus standen Bäume, welche den Boden und das was darauf wuchs, vor der Sonne schützen sollten. Die Vegetation war im Vergleich zur Savanne, in der Helena von Ahrens und Karl Wendling die Tiere Afrikas bewundert hatten, üppig. Das Haupthaus war aus Holz. Es war mit weißer Farbe angestrichen worden. Um das Haus herum führte eine große Veranda auf der zahlreiche Korbmöbel standen, deren Sitzflächen mit hellem Stoff bezogen waren. Hinter dem Haus hatte man einen kleinen Garten angelegt. In ihm blühten unzählige tropischen Blumen und Pflanzen. Am Ende des Gartens begann sich der Meru in Form eines Felsmassives wieder zu erheben. Einige Meter neben dem Haupthaus standen zwei Nebengebäude. Sie dienten als Stallung und Speicher. Das Lager, das für den Kaffeeanbau benötigt wurde, befand sich am anderen Ende der Plantage und war vom Haupthaus kaum zu erkennen.
Hier würde Helena nun den Rest ihres Lebens verbringen.
3.
Vier Wochen waren seit Helenas Ankunft auf der Plantage vergangen. Vor einer Woche, hatten sich die Wünsche von Helenas Familie erfüllt, denn sie hatte Karl Wendling geheiratet. Karl hatte Helena nach ihrer Ankunft am Meru in ein eigenes Schlafzimmer geführt und selbst in der Hochzeitsnacht hatte er nicht versucht, sich Eintritt in ihre Räumlichkeiten zu verschaffen. Er hatte ihr gestattet, das Haus nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen umzugestalten, denn er wollte, dass sie sich in ihrem neuen Zuhause wohl fühlte. Doch es war nicht die Einrichtung, die ihr Unbehagen bereitete, sondern das Wissen, seine Frau werden zu müssen. Zunächst war sie mit den Vorbereitungen für die Hochzeit beschäftigt gewesen, doch in der letzten Woche hatte sie seinen Vorschlag angenommen und ihre Bleibe neu eingerichtet. Die Beschäftigung vertrieb ihr wenigstens kurz das Heimweh und die Langeweile und sie konnte sich von ihrem Kummer ablenken. Karl Wendling hatte zwar alles getan, um ihr den Aufenthalt in Afrika so angenehm wie möglich zu gestalten und er hatte sich in den vergangenen Wochen als Edelmann bewiesen, dennoch konnte sie ihm nicht mehr als Höflichkeit entgegenbringen.
Abends, wenn er nach der Arbeit müde und schmutzig von der Plantage zurückkehrte, hatte er ihr mit seiner ruhigen Stimme Geschichten über sich und seine Familie erzählt. Er wollte, dass Helena den Mann mit dem sie verheiratet war genauso kannte, wie er die Frau an seiner Seite kennen lernen wollte und so hatte er auch ihr unzählige Fragen zu ihrer Vergangenheit gestellt. Helena war oft allein. Tagsüber arbeiteten zwar einige afrikanische Angestellte im Haus, doch sie sprachen nur wenig deutsch und Helena konnte kein Kisuaheli. Daher war sie trotz ihrer Abneigung zu ihrer geschlossenen Ehe froh, wenn Karl ihr am Abend ein wenig Gesellschaft leistete. So fühlte sie sich in ihrer Einsamkeit nicht ganz allein.
Ein weiterer Tag brach an. Helena Wendling stand in ihrem Morgenmantel am Fenster. Sie hatte den Vorhang mit einer Hand beiseite geschoben und sah nach draußen. Es war noch früh am Morgen, doch die aufgehende Sonne und Stimmen, die von außerhalb des Hauses in ihr Zimmer drangen, hatten sie geweckt. Karl stand die Hände in die Hüften gestemmt vor dem Haus und unterhielt sich mit seinem afrikanischen Vorarbeiter. Er musste sie bemerkt haben, denn er hob einen Arm und winkte ihr zu. Helena zog sich an und trat nach draußen auf die Veranda. Karl kam auf sie zu. "Guten Morgen" sagte er mit zusammengekniffenen Augen, denn die Sonne blendete ihn. "Ich hoffe, wir haben dich nicht geweckt". "Guten Morgen" erwiderte Helena. "Nein, ich konnte nicht mehr schlafen. Ist in der Nacht irgendetwas passiert" fragte sie. "Nein" antwortete Karl. "Wieso?" Er hielt sich eine Hand über die Augen, um sie so vor dem Licht der Sonne zu schützen. "Weil dein Vorarbeiter heute zum Sonntag da ist. Das ist außergewöhnlich, denn sonst arbeitet ihr an diesem Tag nicht auf der Plantage". "Das tun wir auch heute nicht" entgegnete Karl mit gelassener Stimme. Helena merkte, dass er ihr etwas verheimlichte und Wut kam in ihr auf. Er hatte sie nicht über ihre Meinung zu dieser Verbindung gefragt und auch jetzt ließ er sie nicht teilhaben. Er durfte allein entscheiden, ob er sie mit einbezog oder sich über sie hinwegsetzte, nur weil er ein Mann war. Sie hatte dieses Recht nicht, denn sie war bloß seine Frau.
Helena drehte sich um und ging. Sie ließ Karl Wendling auf der Veranda stehen.
Es war Sonntag und das bedeutete, dass Helena und Karl ihr Frühstück gemeinsam einnahmen. An den restlichen Tagen half er auf der Plantage und er begann auf Grund der Hitze, die im Laufe des Tages zunahm, sehr früh mit seiner Arbeit. Ungewöhnlicherweise hatte er nicht darauf bestanden, dass Helena die Morgenmahlzeit an diesen Tagen mit ihm einnahm und so konnte sie schlafen, bis sie von allein aufwachte, obwohl es ihr schwer fiel Schlaf zu finden. Nur dort vergaß sie ihre Last. Hier war sie frei und durfte lieben, wen sie wollte.
"Ich habe eine Überraschung für dich" sagte Karl Wendling nachdem sie mehrere Minuten schweigend am Tisch gesessen hatten. Er führte eine Tasse Kaffee an seinen Mund und nahm einen kleinen Schluck. "Ich habe dir vorhin nichts sagen wollen, weil es eine Überraschung werden sollte" rechtfertigte er sich auf ihre stumme Anklage hin. Helena, die den Blick auf ihren Teller gerichtet hatte, blickte auf. "Eine Überraschung" sagte sie. Sie fühlte sich unwohl, denn sie hatte ihm für einen kurzen Augenblick Unrecht getan. "Ich habe meinen Vorarbeiter angewiesen zwei Pferde zu satteln. Ich möchte dir unser Land, die Plantage und ein Stück von Afrika zeigen." Helena horchte auf, Karl Wendling hatte eben von unserem Land gesprochen. Meinte er nicht in Wirklichkeit sein Land?
Nachdem sie gegessen hatten, gingen sie zu den Stallungen. Hier wartete bereits Karls Vorarbeiter mit den gesattelten Pferden. Sie stiegen auf und ritten los. Helena spürte die Bewegungen der Stute, auf deren Rücken sie saß. Ihr Fell war dunkelbraun genauso wie ihre Mähne. Nur an den Fesseln färbte sich das Haar weiß. Selten hatte Helena so ein schönes Tier gesehen. Sie streichelte den Hals der Stute und tätschelte ihn kurz. Zunächst ritten sie die Plantage ab. Karl zeigte Helena das Anbaugebiet und den Besitz der sonst noch dazu gehörte. Er erklärte ihr, wie er mit Hilfe seiner einheimischen Arbeiter die Bäume auf dem Anbauland und dem Boden, wo heute die Stallungen und das Wohnhaus standen, gerodet hatte. Einige Zeit später hatten sie begonnen die Gebäude zu errichten und die Kaffeepflanzen zu stecken. "Es gab zum Anfang viele Tage, an denen ich an meiner Entscheidung nach Afrika zu gehen, gezweifelt habe. Doch ich habe für meinen Traum gekämpft und daran geglaubt. Ich habe nicht aufgegeben". Karl sah sie einen Augenblick an, als ob er ahnte, was in ihr vorging, dann gab er seinem Pferd die Sporen.
Helena ritt ihm nach. Sie verließen die Plantage und nahmen einen Weg, der zu den höheren Hängen des Berges führte. Hier waren die Büsche und Bäume dichter gewachsen. Die Mittagsonne brannte zwischen dem Geäst durch und der Schweiß lief Helena auf der Haut herunter. Mit der Zeit wurde der Weg immer steiniger und steiler. Sie waren eine gute Stunde geritten, als Helena plötzlich Wasser rauschen hörte. Die Pferde trabten weiter. Das Rauschen wurde lauter und ging allmählich in leichtes Getöse über. Helena konnte nichts erkennen, denn die Büsche und Bäume versperrten ihr die Sicht. Unerwartet teilte sich das Gehölz nach einigen Metern vor ihr und sie sah einen Wasserfall, der einen Felsen herunterstürzte. Das Wasser sammelte sich in einem kleinen See, das sich durch das Gefälle beckenartig gebildet hatte. Helena galoppierte los. Am See angekommen, stieg sie ab. Karl war ihr gefolgt.
"Diesen Wasserfall kennen sonst nur die Einheimischen. Daher hat er keinen deutschen Namen" erklärte er. "Es ist wunderschön" antwortete Helena. "Danke". Sie sah ihn an und lächelte. "Es ist schön, die endlich einmal froh zu sehen" sagte Karl, der wie gewöhnlich die Hände in seine Seiten gestemmt hatte. Er sah sie mit einem leicht zwinkernden Auge an und wartete auf ihre Reaktion. Doch Helena erwiderte nichts. Sie ging in die Hocke und hielt ihre Hände ins Wasser.
Karl Wendling sah kurz nach oben in den Himmel. Als sich sein Kopf in Richtung Boden senkte, atmete er tief ein und wieder aus. "Ich würde dich gern öfter glücklich sehen" sagte er unerwartet. "Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll ohne dass du mir dabei hilfst. Du musst mir schon sagen, was du von mir und deinem Leben erwartest. Ich kann keine Entscheidungen für dich treffen. Du bist mir gar nichts schuldig, aber dir".Helena wandte ihm ihren Blick zu und richtete sich auf. Sie hatte sich unendlich viele Gedanken darüber gemacht was sie nicht wollte, aber nicht darüber was sich in ihrem Leben wünschte. Bisher hatte sie nie jemand danach gefragt und sie hatte nicht im Geringsten daran gedacht, jemals die Option zu haben, frei für sich zu entscheiden. Nun war es ausgerechnet ihr Ehemann, von dem sie dachte, er wolle eine angepasste Frau, der sie nach ihren Wünschen fragte.
"Ich habe Heimweh und ich fühle mich im Haus gefangen. Mir ist langweilig, denn ich habe keine Aufgabe; weder im Haus noch auf der Plantage. Ich möchte eine Arbeit für mich" sprudelte es plötzlich aus ihr heraus und Tränen rollten ihre Wangen herunter. Sie erwartete Widerstand, denn es ziemte sich für eine Frau der oberen Klasse nicht zu arbeiten. Ihnen war allein die Rolle der Mutter und Gesellschafterin zugedacht. Karl sah sie an. "Mmmh, verstehe" sagte er. "Dann sollten wir schnellstens eine Beschäftigung für dich außerhalb des Hauses finden." Er reichte ihr sein Taschentuch. "Die Erde zwischen den Kaffeepflanzen muss aufgelockert werden. Da könnten die afrikanischen Frauen mit Sicherheit Hilfe benötigen". Helena wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie blickte ihn an und er schien sich verändert zu haben. "Danke" sagte sie. "Vielen Dank."
4.
Am nächsten Morgen weckte Karl Wendling seine Frau, indem er an ihre Tür klopfte und sie rief. Sie kleidete sich an und nachdem beide ihren Morgenkaffee getrunken hatten, gingen sie hinaus auf die Plantage. Die Männer schnitten die Kaffeepflanzen zurück, um das spätere Pflücken der Kirschen zu erleichtern. Die Pflanzen wuchsen zwar ständig, hatten bisher jedoch noch keine Früchte getragen. Es dauerte noch etwa 3 Jahre bis mit der ersten Ernte zu rechnen war. Die Aufgabe der Frauen war es, die Erde um die Pflanzen herum zu lockern. So konnten sie die Feuchtigkeit und den Regen, die sie für ihr Wachstum benötigten, besser aufnehmen.
Karl gab Helena eine Hacke und zeigte ihr, wie sie sie benutzen musste. Die Arbeit fiel ihr nicht leicht. Sie hatte noch nie in ihrem Leben körperlich arbeiten müssen und ihr Körper war das tropische Klima noch nicht gewohnt. Die afrikanischen Arbeiterinnen hatten damit keine Probleme. So ging ihnen ihre Aufgabe wesentlich leichter von der Hand. Ihm Rhythmus der Hackbewegung sangen sie Lieder in ihrer Muttersprache. Helena gefiel die Melodie und sie summte leise mit. Nachdem sie eine Weile bebückt gearbeitet hatte, richtete sie sich auf. Ihr Rücken schmerzte und an ihren zarten weißen Händen bildeten sich Schwielen, wo sie die Hacke gehalten hatte. Ihre Blicke suchten Karl, der in ihrer Nähe geblieben war. Er sah zu ihr rüber und nickte zufrieden.
In den Pausen, setzten sich die Arbeiter unter die Bäume, die ihnen und den Pflanzen vereinzelt Schatten schenkten. Helena nahm neben ihren Mann und dessen Vorarbeiter Platz. Karl gab ihr Wasser und etwas Brot, das er am Morgen aus dem Haus mitgenommen hatte. "Es ist ungewöhnlich" sprach plötzlich der Vorarbeiter in gutem Deutsch. "Was" fragte Helena. "Das ein weißer Mann auf der Plantage mitarbeitet und erst recht, dass seine Dame hilft". "Ja, dass ist in der Tat ungewöhnlich" antwortete Helena. Sie sah Karl an. Er saß die Beine übereinander verschränkt an einen Baum gelehnt. Auf seinen Knien lag sein Hut, der seine helle Haut vor der Sonne schützen sollte. Er blickte sie kurz an und schloss seine Augen, wobei sich sein Kopf senkte. Er lächelte wohlig.
Abends saßen die beiden bei einer Tasse Kaffee vor dem Kamin. Es dauerte nicht lange und Helena war vor Erschöpfung eingeschlafen. Als sie am nächsten Morgen erwachte, lag sie in ihrem Bett. Karl hatte sie in ihr Schlafzimmer getragen und Helena war zu müde um sich dagegen zu wehren. Er hatte sie auf ihr Bett gelegt und zugedeckt. Einen Moment lang hatte er noch in der Tür gestanden und sie beobachtet. Helena hatte es gemerkt, doch nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, war sie in einen tiefen und ruhigen Schlaf gefallen.
Von nun an stand sie jeden Morgen mit Karl auf, der sich pünktlich weckte. Sie frühstückten gemeinsam und gingen zusammen an die Arbeit.
Am Abend saßen sie vor dem Feuer. Während das Holz knisternd nieder brannte, erzählte ihr Karl Wendling, was beim Anbau von Kaffee zu beachten war. Er klärte sie über die Sorten auf, die hier im Hochland wuchsen und welche eher zum Anbau in der Ebene geeignet waren. Er zeigte ihr, welche Pflege die Pflanzen benötigten und welche Krankheiten sie bedrohten. Nachdem Helena alles über den Anbau von Kaffee gelernt hatte, lehrte er ihr die wirtschaftlichen Grundlagen, die für den Kaffeeverkauf wichtig waren. Helena erfasste schnell. Sie sog die Informationen förmlich auf und Karl bereitete die Rolle des Lehrers Freude. Nachdem Helena auch in diese Geheimnisse eingeweiht war, brachte Karl ihr die Sprache der Einheimischen bei. Nun verstand sie die Hausangestellten und die Lieder, die die Frauen bei der Arbeit sangen. Sie handelten von Liebe und Schmerz.
Wenn Helena etwas Zeit vom Tag übrig blieb, holte sie die dunkelbraune Stute aus dem Stall und ritt aus. Sie fragte Karl jedes Mal um Erlaubnis, doch er hatte nie etwas dagegen. Er bestand lediglich darauf, dass ihr jemand folgte, der sie vor den Gefahren Afrikas schützen sollte oder er übernahm diesen Schutz mit ihrer Einwilligung selbst. Helena fühlte sich mit der Zeit nicht mehr so allein und eine durch Rücksicht und Verständnis geprägte Freundschaft begann sie und Karl Wendling zu verbinden.
5.
Zwei Wochen vor dem Weihnachtsfest musste Karl geschäftlich nach Daressalam. Sein Bruder war nach Afrika gekommen. Er bat Karl zum wiederholten Male um den Verkauf der Firmenanteile, die dieser noch am Deutschen Familienunternehmen besaß. Karls Vater hatte die Firma seinen beiden Söhnen zu gleichen Teilen vermacht. Zwar hatte Karl seinem jüngeren Bruder die Leitung des Unternehmens überlassen, aber sein Geburtsrecht wollte er ihm gegen den Willen ihres Vaters nicht überschreiben.
Karl hatte Helena gebeten ihn auf seiner Reise zu begleiten. Es hätte ihr die Möglichkeit gegeben die schöne Hauptstadt der Kolonie besser kennen zulernen, doch Helena hatte sein Angebot nach reiflicher Überlegung abgelehnt. In den letzten Monaten hatte sie mit seiner Erlaubnis die steifen Konventionen die einer Frau der gehobenen Gesellschaft zu Teil wurden mit Freuden abgelegt. Sie hatte keine Lust in ihre alte ungeliebte Rolle zurückzuschlüpfen. So hatte Karl die Fahrt nach Daressalam allein angetreten.
Die Zeit ersten zwei Tage seiner Abwesenheit verbrachte Helena damit, dass Haus weihnachtlich herzurichten. Es fiel ihr nicht leicht, denn es fehlte ihr an allem, was sie mit Weihnachten verband. Sie vermisste den Winter und die Kälte, die einem ein wohliges Gefühl gaben, wenn man sein warmes Heim betrat. In Afrika würde es niemals Schnee geben und nie würde sich die kühle Luft mit dem Duft von gerösteten Maronen und heißem Punsch füllen. Es gab auf der Plantage auch keinen Tannenbaum, den sie mit weihnachtlichem Schmuck verzieren konnte. Doch am meisten vermisste Helena ihre Familie, die sie in Deutschland zurückgelassen hatte.
Am dritten Tag begann sie wieder mit den Arbeitern auf die Plantage zu gehen. Am Abend saß die wie gewöhnlich aber diesmal allein vor dem Feuer. Sie hatte auf dem Diwan, der vor dem Kamin stand Platz genommen und blätterte in einem Buch, das ihr Karl am Tage vor seiner Abfahrt geschenkt hatte. Nachdem Helena einige Seiten gelesen hatte, klappte sie ihre Lektüre zu. Sie sah sich um. Es war ungewöhnlich still im Haus. Es war ihr die Tage zuvor nicht aufgefallen, da sie mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt gewesen war. Sie stand auf und begann durch die Zimmer des Hauses zu gehen. Die Dielung knarrte unter ihren Schritten. Ihr Weg führte sie bis in Karls Arbeitszimmer. An den Wänden standen mit Büchern gefüllte Regale, die bis unter die Decke reichten. Auf dem Schreibtisch stand neben einer Petroleumlampe ein antikes Tintenfass. Der Federhalter, den Karl sonst benutzte, lag in einer länglichen goldfarbenen Schale. Helena ging um den Tisch herum und strich mit der Hand über die glatte Oberfläche des Tisches. Das Holz fühlte sich kühl an. Sie hatte sich an die Anwesenheit Karl Wendlings gewöhnt und nun bereitete ihr seine Abwesenheit und die damit verbundene Stille Unbehagen.
Nach einer Woche kehrte Karl zurück. Helena, die seinen Wagen kommen gehört hatte, rannte ihm freudig entgegen. Er hatte zahlreiche Geschenke für seine Freunde, die Hausangestellten und natürlich für seine Frau mitgebracht. Darunter befand sich ein altrosafarbenes Kleid, dass aus mehreren Chiffonlagen gefertigt war. Karl hatte es extra für Helena schneidern lassen und es passte zu ihrer Verwunderung perfekt. Sie trug das erste Mal am Heiligen Abend. Karl und sie waren bei ihren Nachbarn, die mehrere Kilometer von ihnen entfernt Sisalhanf anbauten, eingeladen. Es war ein schöner Abend gewesen und beide kehrten in der Nacht müde und zufrieden auf ihr eigenes Anwesen zurück. Karl öffnete Helena die Tür des Automobils. Helena bedankte sich bei ihm und ging in Richtung des Hauses. "Ich habe noch ein Geschenk für dich" sagte Karl unerwartet. Helena stoppte und drehte sich um. "Aber ich dachte …" zu mehr kam sie nicht. Karl nahm ihre Hand und führte sie in den Stall. "Ich verstehe nicht" meinte Helena, als sie vor der Stute stand, mit der sie immer ausgeritten war. "Ich möchte sie dir schenken" erwiderte Karl. "Du hast mich bisher immer gefragt, ob du sie nehmen darfst und ich möchte, dass du es dann tun kannst, wenn du gerade Lust dazu hast". Das Pferd schnaubte durch seine Nüstern und nickte mit dem Kopf, so als wollte es Helena sagten, dass Karls Worte die richtigen war. Helena sah ihren Mann an. Ihre Augen leuchteten vor Glück und sie fiel Karl vor lauter Freude und Dankbarkeit um den Hals. Im nächsten Moment erschrak sie jedoch über sich selbst und sie löste die Umarmung auf. Sie hatte sich in diesem Augenblick von seinem Wesen und seiner Güte hinreißen lassen, doch sein Gesicht, das sie plötzlich an ihrem spürte, ließ sie zurückweichen. "Danke" sagte sie "Es ist eines der schönsten Geschenke, die ich bisher erhalten habe". So gingen sie zurück zum Haus.
6.
Am letzten Tag des Jahres gaben die Wendlings einen Empfang für ihre Nachbarn und Karls Freunde, die teilweise extra aus der Hauptstadt der Kolonie angereist waren. Helena kannte die wenigsten von ihnen, doch es war ihr Wunsch gewesen, dieses Fest auszurichten. Es war eine Tradition des Hauses von Ahrens an diesem Abend einzuladen und Helena wollte diesen Brauch ihrer Familie fortführen.
Nach dem Essen zogen sich die Männer und die Frauen in getrennte Räumlichkeiten zurück. Die Türen zwischen den Zimmern waren auf Grund der vorherrschenden Temperaturen geöffnet. So konnte man zwar die Gespräche nicht verfolgen konnte, sah aber die einzelnen Personen.
Die Frauen begannen gerade die neusten Gerüchte, die in der Daressalamer Gesellschaft die Runde machten, auswerteten, als bei den Herren eine eifrige Diskussion ausbrach. Helena langweilte sich, denn sie kannte die Personen, über die die anderen Frauen sprachen nicht. Doch sie konnte auch nicht verstehen, worüber sich die Männer im Nebenzimmer unterhielten. Karl stand inmitten des Raumes. In seiner Hand hielt er ein Glas mit Weinbrand. Er hörte dem Redner angespannt zu, während ein kleiner dicker Mann, dessen Namen Helena bereits wieder vergessen hatte, wie wild mit den Armen fuchtelte. Karl drehte seinen Kopf in ihre Richtung und sah sie an. Ihre Blicke trafen sich und blieben lange aneinander hängen. So hatte Karl sie noch nie angesehen und Helena vermochte nicht zu sagen, was dieser Blick zu bedeuten hatte.
Als auch die letzten Gäste zu Bett gegangen waren, ging Helena zu ihrem Mann, der vor dem kalten Kamin Platz genommen hatte. Das Feuer war schon lange niedergebrannt.
"Irgendetwas beschäftigt dich und ich komme nicht dahinter was es sein könnte" sagte sie. Karl hatte den Kopf in seine Hände gelegt. Er atmete tief ein und löste sich dann aus seiner Haltung. Noch nie hatte er auf Helena so niedergeschlagen gewirkt. " In der Nähe des Tanganjikasees ist es zu Unruhen gekommen, die schnell auf den Rest der Kolonie übergreifen können" antwortete er. "Die anderen Männer überlegen, ob sie ihre Frauen nach Daressalam oder sogar zurück nach Deutschland schicken." Er sah zu ihr hoch und wartete darauf was sie sagen würde. Doch Helena blieb stumm. Er erhob sich und wünschte ihr eine Gute Nacht. Dabei legte er seine Hand für einen kurzen Moment auf ihren Arm.
Helena setzte sich auf den Diwan und legte die Hände in ihren Schoss. Sie seufzte und ihre Gedanken begannen zu Kreisen. Sie sollte sich also von Plantage und Karl Wendling trennen. Bei ihrer Ankunft in Afrika hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihn und dieses ungeliebte Land so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Doch in den Monaten die sie nun hier war, hatte sie mehr Freiheiten erlangt, als einer Frau in Deutschland zustanden. Sie arbeitete und hatte sich zwischenzeitlich mit der Hilfe Karl Wendlings Wissen über Wirtschaft und Politik angeeignet. Sie lass Bücher und konnte ausreiten, wann immer es ihr passte. Alles das, war einer Frau des Bürgertums normalerweise nicht gestattet. Dort hatte man sich den Vorstellungen der Gesellschaft und den Wünschen des Mannes unterzuordnen. Doch Helenas Mann hatte ihr Unabhängigkeit geschenkt. Sie durfte ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie konnte ihr Leben selbst bestimmen und er unterstütze sie komischerweise dabei. Doch jetzt wollte er sie zurück in ihr altes Leben schicken.
Helena stand auf und ging in Richtung seines Schlafzimmers. Sie klopfte an und er antwortete "Ja, bitte". Sie öffnete vorsichtig die Tür. Er stand am Fußende seines Bettes. Seinen Oberkörper hatte er bereits entblößt. "Ja" sagte er. Helenas Blick fiel auf seine Haut. Sie war zu ihrer Verwunderung glatt und fest - anders als sie sich die Haut eines Mannes über vierzig vorgestellte hatte. Verwirrt sagte sie "Nichts. Ich wollte dir nur noch einmal ein Gesundes Neues Jahr wünschen." Sie ging und schloss die Tür hinter sich.
Die nächsten Tage sah Helena Karl kaum, doch der Anblick der sich ihr geboten hatte, ging nicht mehr aus dem Kopf. Sie fragte sich weshalb, konnte sich es jedoch nicht erklären. So hatte sie begonnen ihre Koffer zu packen, so wie man es von einer braven Ehefrau erwartet hatte. Karl hatte darauf bestanden, dass die so schnell wie möglich das Land verließ, bevor sich die Aufstände weiter ausbreiteten.
Auch den letzten Abend vor ihrer Abreise verbrachten Helena und Karl vor dem Kamin. Schweigen lag im Raum. Stumm betrachteten sie unabhängig voneinander das Spiel des Feuers. Helena wandte ihren Blick Karl zu. Sie beobachtete ihn, so wie sie es damals im Zug getan hatte. Doch sie sah einen anderen Mann vor sich, denn sie nahm ihn jetzt mit anderen Augen war.
Das Holz war noch nicht ganz niedergebrannt, als sie beide beschlossen zu Bett zu gehen. An Helenas Schlafzimmer angekommen, verabschiedete sich Karl von ihr. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss, den ersten überhaupt, denn auch er hatte nichts mehr zu verlieren. Helena wehrte sich nicht gegen diese Berührung. "Eine letzte Gute Nacht" sagte er. Karl drehte sich um und ging in die Richtung seines Zimmers. Plötzlich wusste Helena dass sie nicht wieder kampflos gehen durfte. Sie musste sich wehren. Doch es war nicht er, den sie bezwingen musste. Es war ihre Angst, die es zu überwinden galt. Sie fürchtete sich davor, die Gefühle die sie schon lange unterdrückte, endlich zuzulassen. Sie hatte Angst sich endlich selbst einzugestehen, dass sie sich damals bei ihrer Ankunft in Daressalam geirrt hatte. Denn sie hatte sich in Karl Wendling verliebt.
"Ich werde nicht gehen" schrie sie ihm hinterher. "Bilde dir bloß nicht ein, dass du mich so einfach loswirst. Ich werde morgen nicht in diesen Zug steigen. "Karl Wendling drehte sich um und kam zurück. Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt. Er lehnte sich mit einer Hand, die er über seinen Kopf gehoben hatte, an die Wand und beugte sich zu Helena vor. "Warum" fragte er mit seiner sanften und ruhigen Stimme. Helena wusste, dass ihre Antwort über ihre Zukunft entschied und dass es an der Zeit war ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
"Aus dem selben Grund aus dem ich mir wünsche, dass du heute Nacht nicht gehst, sondern bei mir bleibst". Karl Wendling sagte nichts. Er schloss sie nur in seine Arme und Helena ließ es endlich geschehen.
Am Morgen stand Helena am Fenster. Sie blickte über die Plantage und das Land, auf dem noch der Morgendunst lag. In der Nacht hatte er den Boden mit seinem leichten Schleier zugedeckt und nun gab er es friedlich wieder her. Helena drehte sich um und sah auf ihr Bett. Karl Wendling schlief noch. Sein rotes Haar leuchtete auf den weißen Laken.
Als Helena vor Monaten ihre Schiffsreise in Daressalam beendet hatte, warteten ein fremdes Land und ein in ihren Augen viel zu alter Mann auf sie.
Nun war sie endlich angekommen - in Afrika, dem Land das ihr die Freiheit geschenkt hatte und bei dem Mann den sie liebte - ihrem Mann.




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Eingereicht am 03. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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