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Endlich in Ghana

©  Uschi Dimper


Irgendwann beginnt der Anflug auf Accra. Aufgeregt siehst du aus dem Fenster und rufst "Ghana! Thank God, I'm in Ghana." Die Maschine landet. Wir steigen aus. Feuchtwarme Luft schlägt mir entgegen.
Wir gehen mit der Menge zum Flughafengebäude und passieren die Einreiseabfertigung. Dann sind wir in der Halle, in der Träger das Gepäck aus dem Flugzeug hereintragen. Es gibt kein Förderband. Die Reisenden drängen sich zwischen den Gepäckstücken und versuchen ihre Koffer zu finden. Ich stehe da und warte auf dich. Nach einer Weile bringst du unsere Rucksäcke auf einem Gepäckwagen.
Wir schieben den Wagen durch die Menschenmassen. Heimkehrende werden von Angehörigen umarmt, um uns ertönt Rufen und Lachen. Uniformierte stehen in dem Gedränge und kontrollieren, ob die Aufkleber auf den Gepäckstücken dieselben Nummern haben wie die Gepäckabschnitte der Flugtickets.
Wir stellen uns an der Schlange vor dem Geldwechselschalter an. Zum ersten Mal sehe ich die Währung. Für 200 Euro schiebt uns der Mann einen hohen Stapel Banknoten zu. Wir verstauen die Scheine in unseren Gürteltaschen.
Dann stehen wir draußen in der warmen Nacht. Auf dem Platz vor dem Flughafengebäude drängen sich viele Menschen. Taxifahrer warten auf Kundschaft. Du verhandelst mit einem der Fahrer über den Preis für unsere lange Weiterfahrt. Dann steigen wir ein. Ich sitze vorne neben dem Fahrer. Es gibt keine Türgriffe, keine Fensterheber. Das Armaturenbrett ist ausgeschlachtet. Kabelbündel hängen aus den Öffnungen, aus denen die Armaturen entfernt wurden. Der Fahrer startet sein Fahrzeug, indem er es die abschüssige Straße hinunter rollen lässt.
Jetzt fahren wir durch die Stadt. Obwohl es schon nach Mitternacht ist, staut sich der Verkehr auf den Straßen. Es riecht nach Abgasen. Viele Menschen stehen und gehen auf den Gehsteigen. Ich sehe aufgeregt aus dem Fenster. Da ist ein Nachtmarkt. Ich sehe die vielen kleinen Lampen an den Ständen im Vorbeifahren. Der Fahrer hält an einer Tankstelle und du gibst ihm einen Stapel Banknoten für das Benzin.
Wir lassen die Lichter von Accra hinter uns und da ist nur noch die dunkle Straße, auf der uns selten ein Fahrzeug entgegen kommt und zu beiden Seiten strecken sich riesige Palmen zum Nachthimmel. Mir fallen die Augen zu, aber du hinter mir redest in deiner Sprache mit dem Fahrer. Immer wieder weckst du mich, indem du auf meine Lehne klopfst und rufst "Baby! See Ghana!" Ab und zu öffne ich die Augen. Dann sehe ich Bäume und Büsche üppig und dunkel bis zur Straße heran wachsen. Wir halten an einem kleinen Nachtmarkt. Du brauchst Streichhölzer. Da steige ich auch aus. Ich stehe da in der warmen Nacht, atme den fremden Duft von unbekannten Pflanzen, grillenähnliches Zirpen flirrt in der Luft. Weiter vorne stehst du mit dem Fahrer bei den Verkaufsständen, an denen rote Lampen in der Dunkelheit glühen. Ich höre Stimmen und Gelächter, sehe Gestalten.
Weiter, weiter geht die Fahrt und ich schlafe, immer wieder geweckt von deinen Ausrufen. Um 4.00 Uhr morgens erreichen wir Takoradi. Die Morgendämmerung ist angebrochen. Plötzlich geht der Motor aus, das Taxi rollt noch einige Meter bis es stehen bleibt. Der Fahrer steigt aus und öffnet die Motorhaube, Rauch quillt ihm entgegen. Hilflos hebt er die Schultern. Wir steigen aus und er führt uns durch die dämmrigen Strassen zu einem Haus mit Steinmauern. Du gehst hinein und kehrst bald mit einem verschlafenen Alten zurück. Wir folgen ihm über eine Außentreppe in den ersten Stock. Er führt uns über einen dunklen Gang und öffnet uns die Türe zu einem Zimmer. Ich gehe zum Fenster und stoße die Läden auf, denn die Luft ist schwül und verbraucht. Nur 2 schmale Betten stehen in dem großen Raum. Ich ziehe meine verknitterte Reisekleidung aus und begutachte die Bettwäsche. Es gibt eine dünne fleckige Zierdecke über einer harten Wolldecke. Das Kissen riecht nach Schimmel, ebenso wie die Wolldecke. Ich werfe es auf den Boden, lege meinen Kopf auf meine zusammengeknüllte Jacke. Du legst dich zu mir und ziehst die Zierdecke über unsere Schultern.
Ich habe etwa 3 Stunden geschlafen. Die Sonne scheint warm zum geöffneten Fenster herein und von der Straße höre ich das Rufen vieler Menschen und Verkehrslärm. Du schläfst noch tief. Ich krame im Rucksack nach meinen Duschsachen und gehe damit auf den Flur. Ich finde den Duschraum mit der Toilette. Als erstes stelle ich fest, dass die WC-Spülung nicht funktioniert, entsprechend ist der Geruch in dem Raum. Ich gehe unter die Dusche und seife mich ein. Dann drehe ich am Wasserhahn. Kein Tropfen Wasser kommt aus der Dusche über mir. Mit eingeseiften Füssen steige ich aus der Dusche und öffne den Deckel des großen Blechkanisters, der neben dem WC steht. Er ist bis oben mit Wasser gefüllt. Daneben steht eine schmutzige Henkeltasse aus Plastik. Ich nehme die Henkeltasse und schleppe den Kanister bis in die Duschkabine. Dort kippe ich Wasser aus dem Kanister in die Henkeltasse und spüle damit die Seife von meinem Körper. Erfrischt kehre ich ins Zimmer zurück. Ich küsse dich wach und sage "Hunger". Du lachst und ziehst mich ins Bett.
Später gehen wir hinunter auf den großen Platz vor unserer Herberge. Da brodelt ein unüberschaubarer Markt, auf dem es alles gibt, was die afrikanische Hausfrau braucht. Es herrscht lautes Rufen, Feilschen, Lachen. Du gehst Arm in Arm mit mir durch die Gassen. Vorbei an Tischen mit Gemüse, Gewürzen, Hausrat, Kohlen, Kleidungsstücken. Kinder verkaufen Wasser in verknoteten Plastiktüten, das die Einheimischen trinken. Frauen in farbenfroher Kleidung lassen sich Speiseöl aus großen Schüsseln schöpfen, prüfen Obst und Gemüse mit den Fingern. Berge von gebratenem Fisch verströmen ihren Geruch. Zigaretten werden stückweise angeboten, Gasfeuerzeuge werden aufgefüllt. Du ziehst mich von Stand zu Stand, sagst mir die Namen von unbekannten Wurzeln und Früchten, deutest auf Körperpflegemittel in Blechdosen, lässt mich an einem Stück Zuckerrohr saugen. An den Tischen unterbrechen die bunt gekleideten Frauen ihre Arbeit und sehen uns nach.
Wir kaufen helles watteweiches Brot. Dann bleiben wir an einem der Tische stehen, an denen gebratener Fisch aufgestapelt ist und rote Sauce in großen Töpfen brodelt. Du sprichst mit einer der Frauen und sie sucht aus dem Fischberg Stücke heraus und legt sie auf ein Palmblatt. Auf ein anderes Palmblatt schöpft sie Reis und rote Sauce für uns. Dann kramt sie in einem ihrer Körbe und reicht mir lachend einen großen Aluminiumlöffel.
Wir setzen uns auf die Plastikstühle neben ihrem Stand und nehmen unser Fischfrühstück ein. Der Fisch schmeckt köstlich, die Sauce brennt wie Feuer in der Speiseröhre, das Brot ist absolut geschmacklos. Ich lege bald den Löffel zur Seite und esse wie du mit den Händen. Kinder umringen uns und beobachten jede unserer Bewegungen.
Später wandern wir zu dem staubigen Platz, auf dem viele Kleinbusse parken. Du sagst, sie heißen Trotro. Wir setzen uns in ein bunt bemaltes Trotro auf die Rückbank. Draußen stehen Händler und halten uns Früchte und Wassertüten herein. Der Fahrer lässt den Motor laufen, sein Beifahrer steht in der geöffneten Schiebetüre des Passagierraums. Er klopft mit der Hand rhythmisch auf das Blechdach des Busses und schreit den Namen der Endstation in die Menge. Immer mehr Mitreisende steigen zu, immer enger wird es auf unserer Sitzbank. Schweiß rinnt meinen Nacken hinunter aber erst als sich die Schiebetüre nur noch schließen lässt, indem die Mitfahrenden kräftig zusammengequetscht werden, fahren wir los. Ich bin eingezwängt zwischen dir und der Wand und sehe die Landschaft am Fenster vorbei ziehen. Hüttendörfer und sich zum Himmel streckende Palmen. Wir überqueren einen smaragdgrünen Fluss eingesäumt von dichten Mangrovenbüschen. Bunte Kähne schaukeln an einem Steg. Ich lehne mich an dich. Nach einiger Zeit erreichen wir das Meer. Endlos verläuft der helle Sandstrand mit den hohen Palmen neben der Straße.
Das Trotro schaukelt voran und schüttelt uns alle kräftig durch. Alle Augenblicke hält es an, weil jemand aus- oder zusteigen will. Immer wieder drehen sich Mitreisende nach mir um und mustern mich. Irgendwann steigen wir an einem belebten Platz aus. Frauen verkaufen gebratenen Fisch und Wasser. Wir finden ein Taxi, das uns den Berg hinauf fährt, wo Hütten am Abhang kleben und Kinder im Müll spielen. Ein Wagen fährt vor uns und du rufst "Follow him! Follow him!" Kurve um Kurve geht es aufwärts. Ungeduldig klopfst du dem Fahrer von hinten auf die Schulter "Follow him, man!" Dann steigen wir aus.
Da sind enge Gassen und höhlenartige Behausungen. Du führst mich vorbei an den Hütten, wo Köpfe gewaschen und Kinder gesäugt werden. Wäsche flattert an Leinen und Kessel hängen über offenem Feuer. Wir gelangen zu einem großen Platz, auf den die Sonne herunter sengt. Frauen mit Babys auf dem Rücken sortieren silberne Fische, die an der Sonne getrocknet werden. Sobald ich ihnen zulächle, leuchtet mir ihr Lächeln entgegen. Junge Burschen sitzen auf Holzkisten und spielen Domino. Schweigend knallen sie die Holzstücke auf den Tisch. Als sie uns sehen, rufen sie uns etwas zu und du antwortest lachend.
Weiter weiter geht's über holprige Gassen, an dessen Rändern trübes Wasser fließt. Vorbei an den Mädchen, die Feuer zum Kochen entfachen. Vorbei an der Greisin, die am Straßenrand sitzt. Mit langen grauen Haaren und nackten hängenden Brüsten. Sie sieht mich mit ihren gelben Augen an und spuckt Bethel aus. Der Schwarm von Kindern und Hunden, der uns folgt, wird immer größer.
Endlich bleiben wir vor einem größeren Lehmbau stehen. Du schiebst den Vorhang an der Türe zur Seite und ziehst mich hinter dir her. Da sitzen Frauen im Innenhof. Eine stößt einen Schrei aus, als sie uns sieht, steht auf und umarmt erst dich lachend, zieht mich dann an sich. Obwohl noch nicht alt, ist sie zahnlos. Die anderen Frauen sind auch aufgestanden und umringen uns, rufen durcheinander. Sie drücken dich an sich, zupfen an deinen Haaren und tätscheln deine Wange. Sie umarmen mich wie eine Heimgekehrte. Alle sind barfuß. Ihre langen bunten Kleider haben Löcher. Einige haben Lockenwickler im Haar. Eine winzige Alte nimmt meine Hände und redet auf mich ein. Ich verstehe nichts und lächle sie an. Sie zieht mich zu sich auf die Bank und legt den Arm um mich. Ein Heer von Kindern ist aus allen Winkeln aufgetaucht und steht vor uns. Sie sehen mich ausdruckslos an. Als ich sie anlache, beginnen sie zu kichern. Ein Mädchen legt ihre schmutzige Hand auf mein Knie. Ich streichle ihr schnurgerade gescheiteltes und zu Zöpfchen verknotetes Haar. Sie deutet auf sich und sagt ihren Namen. Ich wiederhole ihn und die Kinder lachen sich halb tot. Eins nach dem anderen nennt mir seinen Namen und ich sage ihn nach und sie schütteln sich jedesmal wieder vor Lachen aus. Immer wieder muss ich ihnen meinen Namen sagen und bald tönt er aus den hintersten Winkeln der Hütte.
Dann wird das Tuch am Eingang zur Seite geschoben. Eine zierliche Frau mit einem Korb Wäsche im Arm steht in der Türöffnung. Sie hat graue Haare und deine Augen. Jetzt lässt sie den Korb fallen und läuft in deine geöffneten Arme. Du hebst sie sanft in die Höhe und sie lacht und weint und ruft deinen Namen. Salzig läuft es zu meinen Mundwinkeln. Das kleine Mädchen streichelt mein Knie.




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Eingereicht am 01. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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