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Afrika

©  Theresia Schulz


Liebste Freundin,

ich muss Dir einfach schreiben nach all der langen Zeit, in der wir nichts voneinander gehört haben. Wem anderen als Dir kann ich anvertrauen, was mich bewegt. Nur Du hast meine Gefühle schon immer versucht zu verstehen, auch wenn es Dir nicht immer recht war, was Du erfahren hast.
Stell Dir vor: Ich bin in Afrika. Dies allein ist schon eine faszinierende Tatsache. Kaum vorstellbar, was hier mit mir geschieht. Alle Klischeés treffen hier zusammen. Jedermann weiß etwas über Afrika zu berichten. Fast jede Frau fühlt sich gern in die Rolle von Merrill Streep versetzt, in diesem wunderschönen Film über endlose Liebe! Sowohl zum Land als auch zu einem Mann. Geht es Dir nicht auch so? Ich solidarisiere mich mit ihr und den Schwarzen. Fühle mich gepackt von der Leidenschaft, zu kämpfen und zu hoffen.
Wie viele Lasten würden meine Schultern tragen können? Aber es ist nur ein vorbeilaufendes Bild, das ich Dir malen kann. Jedes Bild für sich beinhaltet hunderte andere aus allen Perspektiven.
Ich bin nur ein Tourist und überlasse mich der Führung gut informierter Menschen, die ihr Brot damit verdienen, etwas über dieses wunderschöne Land zu vermitteln. Sie weisen meine Mitreisenden und mich auf viele Dinge hin, die ich nicht erkennen würde oder - besser gesagt - nur mit meinen Augen sehe, wenn ich direkt darauf aufmerksam gemacht werde.
Meine Liebe, es ist erschreckend festzustellen, wie wenig wir doch eigentlich wissen über dieses Land. Wie facettenreich und farbenfroh es ist. Jetzt ist hier Herbst. Alles blüht und grünt. Ich befinde mich im Lalibela Ressort und sitze auf meiner kleinen Terrasse. Ich kann einen kleinen Bungalow für die Zeit hier mein Zuhause nennen. Es ist zauberhaft. Ich habe den Blick über ein ganzes Tal mit Wasserloch und dahinterliegenden Hügeln. Trampelpfade lassen vermuten, dass die Tiere auch hier pausieren auf ihrer ständigen Wanderschaft durch die Wildnis. Ja, auch wenn es ein Ressort ist, gibt der Begriff "Wildnis" den richtigen Eindruck wieder.
Ich sage Dir ehrlich, ganz komische Gefühle kommen in mir hoch. Heute werde ich die erste Nacht allein in diesem Haus verbringen. Aus Holz und Schilf gebaut. Eingepasst in die Natur mit jeglichem Komfort, der notwendig ist für uns Touristen. Schwarz-braun gestreifte Tagesdecke…hätten wir es anders haben wollen?
Für mich ganz klare Assoziation mit Zebra, Leopard, Giraffe usw.. Den König der Löwen über meinem Bett in einer wunderschönen Wandmalerei. Obwohl Schlangen durchaus meine Nachbarn sind, darf ich die Türe offen stehen lassen. Ebenso wie Spinnen und Skorpione sind sie nicht gerade das, was ich mir heute Nacht erhoffe, aber der Hausboy erklärte mir vertrauenserweckend: "No problem, Madame". Ein schöneres Lächeln mit blitzweißen Zähnen kannst Du Dir nicht vorstellen. Es ist wirklich ein Paradies. Man kann die Welt draußen einfach vergessen.
Ich mache jetzt eine Pause, denn es wird Zeit für mich, die erste Safari zu starten. Ich bin direkt etwas aufgeregt. Also, bis später….
Da bin ich wieder. Unglaublich, wie viel Eindrücke auf mich eingefallen sind. Wie die Bienen sausen sie in meinem Kopf herum. Wenn ich die Augen schließe, habe ich das Gefühl, lauter unsortierte Bilder vor mir zu sehen. Du, Liebe, kannst Dir nicht vorstellen, wie unglaublich schön es ist.
Ich hatte das erste Mal Blickkontakt mit einem Löwen. Er lag ganz friedlich im Sand und beobachtete uns. Wir waren eine Gruppe von 6 Personen in einem offenen Jeep. Ich hatte das große Glück, direkt vorne neben dem Ranger zu sitzen.
Ein Satz hatte gereicht und der Löwe wäre zu uns ins Auto gesprungen. Die Gänsehaut hatte sich schnell eingestellt. Ich muss Dir sagen, ganz wohl war mir nicht. Etwas Angst krabbelte in mir rum und ich war beschäftigt damit, sie im Zaum zu halten. Aber die Faszination ist sehr stark. Es fühlt sich gut an… Ich bin stolz darauf, dieses zu erleben und so stark zu empfinden.
Aber was soll ich Dir sagen? Natürlich gibt es hier noch andere Tiere. Büffel, Nilpferde, Nashörner, Affen, alle möglichen Arten von Gazellen, Gnus usw..
Und natürlich Elefanten.
Ich denke an Deine Kinder, wie sehr würde es sie begeistern, dieses alles zu sehen.
Ich glaub' es nicht. Der Boden vibriert und grummelt. Äste krachen vom Baum und ein dickes graues Ungeheuer steht vor meiner Terrasse.
Jetzt musste ich erst einmal eine Pause einlegen und meine Fassung wieder finden.
Stell Dir vor, der Elefantenbulle hat sich direkt vor meinem Bungalow niedergelassen, um die grünen Triebe der Bäume zu genießen. Ein riesen Koloss, kann ich Dir sagen. Unglaublich eindrucksvoll und imposant. Allerdings auch Angst einflößend. Er steht so dicht vor mir, dass ein heftiger Ruck mit dem Rüssel oder ein Tritt mit dem Fuß für mich unangenehm werden könnte. Wir haben schon Blickkontakt und ich glaube, er mag mich. Seine kleinen dunklen Augen blicken freundlich und gar nicht aggressiv.
Aber Du weißt, ich bin ein Träumer. Dieser fast hautnahe Kontakt mit einem wilden Tier ist schon fast unwirklich und treibt mir die Tränen in die Augen. Es gibt auf dieser Welt doch noch Dinge zwischen Himmel und Erde, die uns sensibel machen für die wirkliche Welt.
Bitte tu' mir einen Gefallen, wenn wir mal wieder stöhnen über all die Dinge im Leben, die schief gehen oder die wir gern anders hätten. Erinnere mich an diesen Moment. Der Elefant wird es bestimmt abspeichern. Ich empfinde es als Kontaktaufnahme und gleichzeitig als klare Ansage für mich. Was könnte ich gegen ihn ausrichten? Wir zwei ganz allein, Auge in Auge.
Er dreht sich langsam weg und genießt einen Baum unterhalb der Terrassenhöhe. Seine Ohren schlagen langsam und ruhig. Seine mächtige Gestalt schreitet den Hang langsam hinunter. Immer wieder einen Ast aus der Baumkrone brechend, der laut krachend auf seinem Kopf landet. Mit Genuss zermalmt er die Blätter. Was für ein Leben…
Wohin es ihn wohl führt? Seine Familie ist da draußen in der Weite. Bestimmt behält er sie im Auge, auch wenn er ein Einzelgänger ist.
Stell Dir vor, er dreht sich noch einmal um und hebt den Rüssel. Ohne es zu wollen, winke ich ihm zu und wünsche ihm nur das Beste.
Es ist schön, einfach schön, wie wenig ausreicht, um in mir tiefe Zufriedenheit und Glück hervorzurufen. Lange habe ich darauf gewartet.
Ein Elefant in Afrika hat es geschafft!

Ich umarme Dich aus der Ferne!
Deine Freundin




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Eingereicht am 01. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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