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Kurzgeschichte Afrika Kurzgeschichtenwettbewerb Afrika Kurzgeschichten


Afrika

©  Simone Barkley


Die Päckchen und Briefe von meiner Tante aus Afrika waren in meiner Kindheit für mich am wertvollsten. Drei Jahre vor meiner Geburt war meine Tante ausgewandert und für mich war es immer schon ein überaus reizvoller Gedanke gewesen, dieses Land zu erforschen. Ich fragte nie, warum sie gegangen war, und immer wenn die Tage kälter wurden und mich der kalte Küstenwind fast vom Fahrrad hob, trugen mich meine Gedanken weit weg zu meiner Tante. Jedes noch so kleine Souvenir aus Afrika verwahrte ich fein säuberlich in einer Vitrine. Jeden ihrer Briefe habe ich x-mal gelesen und ordentlich in einer Extra-Schublade aufbewahrt. Immer wenn meine Mutter mir einen erneuten Brief von meiner Tante übergab, verzog ich mich in mein Zimmer, machte es mir auf meinem Bett gemütlich und las mit Begeisterung immer wieder die unheimlich spannenden Geschichten, die sie mir berichtete. Dagegen kamen mir die Sachen, die ich aus Deutschland zu berichten wusste, wie eine Sammlung Schlaftabletten vor. Doch sie freute sich immer, wenn ich ihr schrieb. Und sie verstand mich immer, auch als ich älter wurde und mich viel mit Freunden traf oder mein Abitur vorbereitete und nicht mehr so häufig zurückschrieb.
Es war an einem Dienstag, als mir meine Mutter eine Nachricht überbrachte, die mich bis ins Mark erschütterte. Ich befand mich gerade in der Vorbereitung auf mein Examen in Wirtschaft/Politik und es lief nicht besonders gut, ebenso wenig lief es in meiner langjährigen Beziehung zu meinem Freund Werner. Doch der Tod meiner Tante übertraf alles. Es wurde lange diskutiert, wer aus der Familie den schweren Weg nach Afrika antreten sollte. Und das Los viel auf mich. Es erschien mir die richtige Entscheidung, denn ich hegte die Befürchtung, dass es für meine Mutter zu belastend wäre. Es ging erstaunlich leicht, mir bei der Uni einen kleinen Aufschub zu ergattern und so befand ich mich, seelisch vorbereitet, sieben Tage später im Flieger.
Die traurigen Augen meiner Mutter am Flughafen werde ich nie vergessen. Die Augen meiner Mutter, die Erinnerungen an meine Tante, die Vorfreude auf mein Traumland und die kalten, vorwurfsvollen Abschiedsworte meines Freundes jagten abwechselnd durch meinen Kopf. Das Flugzeug landete in Kapstadt. Von dort würden es noch c. a. drei Stunden mit dem Auto bis zur Farm meiner Tante sein. Doch soweit war es noch nicht. Ich hatte meine Koffer geangelt und ließ meinen Blick schweifen. Es war ein kulinarisches Bild von Afrikanern, europäischen und amerikanischen Touristen und Immigranten. Hier war ein Wort Französisch, dort ein Wort Englisch oder Afrikanisch zu hören. Es fesselte mich. Aber ich setzte meinen Weg fort hinaus aus dem Gebäude. Ein riesiger Hitzeschwall überkam mich und ich glaubte zu zerfließen. Ein unbeschreiblicher Duft von Rosmarin, Mais und Thymian durchzog meine Nase und ich sog ihn tief in mich ein. Ich griff in meine Tasche, kramte den Zettel des Verwalters hervor um ihn erneut zu lesen. "Erwarte Sie am 17. Mai gegen 16: 00 Uhr in der nahe gelegen Bar des Hotels Blue Sky, ergebensten Gruß Ihr Emanuel Winter." In Ihren Briefen hatte meine Tante nie "Herr Winter" geschrieben, sondern ihn immer nur schlicht mit Winter betitelt. Es gefiel mir und ich beschloss es ihr gleich zu tun, nur für mich im Geheimen. Doch dafür müsste ich Winter erstmal finden. Ich seufzte auf, und warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Es war 15:30 Uhr. Vier Kinder bedrängten mich, meine Koffer gegen einen kleinen Betrag tragen zu dürfen. Es kam mir nicht richtig vor und so gab ich ihnen etwas Geld, meine Tüte Fruchtbonbons und beschloss, meine Koffer selber zu tragen. Nach einer viertel Stunde stieß ich auf das besagte Hotel. Das hatte ja gut geklappt. Vor dem kleinen Hotel standen 12 Tische, an denen ein paar Leute saßen. Eine Bar trennte Hotel und Veranda. "Entschuldigung, hat zufällig schon ein Herr Winter nach mir gefragt? Mein Name ist Katrin Wedemeier." "Bedaure, nein. Doch warten Sie, es wurde eine Nachricht für Sie aufgeno ldame und überreichte mir einen kleinen Notizzettel. "Hallo Frau Wedemeier, werde mich etwas verspäten, bestellen Sie sich doch bitte auf meine Kosten etwas zu Trinken, ergebensten Dank E. Winter" Als um 20:00 Uhr immer noch nichts von Winter zu sehen war, bestellte ich mir etwas zu essen, denn ehrlich gesagt, hatte ich großen Hunger. Es wurde später und später. Ich schlief vor Erschöpfung ein. Um c a. 23:00 Uhr wurde ich geweckt. "Frau Wedemeier? Winter mein Name. Ich muss sie um Verzeihung bitten, aber bei uns in Afrika kann man leider nie sagen, was einem als nächstes geschieht." Ich richtete mich auf und musterte den Mann, der nun vor mir stand. Er trug eine Jeans, ein blaues Hemd und ein rotes Halstuch. Seine schwarze Haut wirkte in der Dunkelheit sehr geheimnisvoll. Seine krausen Haare trug er unter einem Käppi und seine großen dunklen Augen blitzten wie die Sterne in der Nacht. Wir machten uns auf den Weg. Durch das gleichmäßige Geräusch des Motors verfiel ich schnell in einen kleinen Schlaf. Mit einem Ruck wurden meine Seance beendet. Wir mochten vielleicht die Hälfte der Strecke geschafft haben. Ein größerer Jeep versperrte dem Unseren den Weg. Auf dem Jeep befand sich ein wild mit Waffen rumfuchtelnder Trupp Schwarzer. Mehr konnte ich durch den Scheinwerfer des Autos nicht erkennen. Mein Herz blieb beinahe stehen. "Bleiben Sie ganz ruhig, es wird schon nichts passieren, werde mal kurz mit denen reden müssen, sonst lassen die uns hier nicht vorbei, verschließen Sie aber trotzdem die Türen!" Mit diesen Worten verließ Winter das Auto. Mein Atem stockte. Wie sollte man da ruhig bleiben? Schließlich befand ich mich vor kurzem noch sicher in meiner kleinen WG in Deutschland und nun musste ich um mein Leben fürchten. Durch dass halb geöffnete Fenster drang das Gewirr gereizter Worte, die ich nicht verstand. Doch dann sagte jemand zwei Worte, die ich glaubte, schon mal in einem von Tante Gertruds Briefen gelesen zu haben, doch ich kam nicht auf die Übersetzung. Für den Trupp schienen es Reizworte zu sein, denn und warfen hasserfüllte Blicke zu unserem Auto herüber. Winter musste sich bemühen, sie zurückzuhalten und fing sich einen Nasenstüber ein. Noch immer versuchte ich mich zu erinnern, was diese Worte bedeuteten. Plötzlich traf es mich wie ein Schlag. Ja Natürlich! Die Worte bedeuteten --Weiße Frau! Und da begriff ich, in was für einer Gefahr ich mich befand und dass es für sie nicht das Problem war, dass ich eine Frau war, sondern dass ich weiß war. Meine Kehle schnürte sich zu. Die Lage hatte sich nicht verbessert, doch dann hörte ich, wie Winter den Namen meiner Tante erwähnte. Langsam beruhigten sich die Männer und einen Augenblick später wurde uns der Weg frei gemacht. Als sich unser Wagen in Bewegung setzte wurde mir plötzlich schwarz vor Augen.
Die Morgensonne schien bereits durch das Fenster als ich im Hause meiner Tante erwachte. Anhand ihrer früheren Briefe erkannte ich ihr Schlafzimmer, ohne jemals hier gewesen zu sein. Wie war ich hierher gekommen? Wie durch einen Schleier kam nach und nach die Erinnerung vage zurück. Winter hatte mich aus dem Auto gehoben, ins Haus und die Treppe hoch getragen. War da nicht noch jemand gewesen? Doch es schien mir nicht mehr einzufallen. Ich streifte mir einen weißen Bademantel über der neben meinem Bett auf einem Stuhl zurechtgelegt worden war, und begab mich aus dem Zimmer. Hinter der Tür verbarg sich ein riesiger Flur, von dem aus eine breite Treppe nach unten führte. An den Wänden hingen Bilder von der Steppe und wilden Tieren. Dazwischen viele fremdländisch wirkende Waffen der Eingeborenen. Es kam mir wie ein Traum vor. Eine der Türen stand offen, es war das Badezimmer, jemand musste schon alles für mich zurechtgelegt haben. Nach einer ausgiebigen Dusche begab ich mich nach unten. Der untere Bereich des Hauses war riesig. Dank der Fotos, die meine Tante mir vor Jahren mitgeschickt hatte, wusste ich genau wohin jede der Türen führte. Eine Tür führte in ein riesiges Arbeitszimmer, dort befand sich ein riesiger Mahagonischreibtisch, darauf stand ein alter Computer. Überfüllte Ablagekörbe deuteten auf eine menge Arbeit. Ich betrachtete die Urkunden, die an der Wand hingen. Ebenfalls befanden sich dort ein Gemälde von Moskau, eines von Paris, eines von London, eines von Madrid, und eines von Berlin. Ein Anflug von Heimweh machte sich in meinem Herzen breit, als ich auf Berlin sah. Die Neugier besiegte jedoch jeden traurigen Gedanken und ich ging weiter auf Entdeckungsreise. Der zweite Raum führte in ein Wohnzimmer. Dort befand sich ein Schrank im Kolonialstil, eine Sitzgruppe aus kleinen einzelnen Sitzgelegenheiten, die sich alle nicht weit über dem Fußboden befanden. Alles in allem vermittelte es eine Atmosphäre, die man aus alten Safari-Filmen kannte. Durch eine riesige Schiebetür gelangte man in den dritten Raum er hatte sich meine Tante beim Einrichten ganz dem Kolonialstil hingegeben. Die Wände waren geziert von Fotos aus einem Eingeborenendorf. Der Tisch war für ein reichliches Frühstück gedeckt. Ich beschloss, vor dem Frühstück nach Winter zu suchen. Ich ging meinen Weg zurück zum Flur und steuerte auf das vierte Zimmer zu, welches die Küche sein musste. Ich wollte gerade die Klinke herunterdrücken, als ich bemerkte, dass sich zwei Personen in der Küche unterhielten. Normalerweise gehörte ich nicht zu den Leuten, die lauschen, da ich es selber auch nicht haben wollte, doch die Unterhaltung drehte sich um den nächtlichen Vorfall. "Emanuel, mach dir keine Gedanken. Spätestens in fünf Tagen sitzt sie wieder im Flugzeug, es wäre jedenfalls besser für sie. Sonst müssten wir nachhelfen," sagte eine Frauenstimme "Da magst Du Recht behalten, aber ich hatte gehofft, sie wäre wie ihre Tante. sie fand den Weg zu unseren Leuten. Doch ihre Nichte! Nein, lange würde sie nicht überleben, obwohl sie dasselbe Leuchten in den Augen hat." Vor dem Haus bremste ein Auto scharf. Erschrocken trat ich einen Schritt, von der Küchentür zurück, wobei der Holzboden unter meinen barfüssigen Sohlen knarrte. Oh nein. Mir stieg das Blut in die Wangen, wie bei einem kleinen Kind, das beim Lauschen erwischt wurde. Die Stimmen in der Küche waren verstummt. Schnelle Schritte auf der Holzveranda erklangen. Vor der Eingangstür erschien ein junger Mann, der nun beherzt an die Tür klopfte. Ich wollte ungesehen nach oben verschwinden, aber da er mich schon erblickt hatte, konnte ich ihm auch ebenso gut die Tür öffnen. "Guten Morgen, Sie sind bestimmt die Nichte von Gertrud?! Ich bin Peter Schmitt. Ihre Tante und ich waren sehr gute Freunde. Mein herzliches Beileid!" "Ja stimmt, Gertrud war meine Tante, ich bin Katrin Wedemeier. Kommen sie doch rein." Unsicher deutete ich an, dass er hereintreten sollte. "Möchten sie mit mir Frühstücken? Ich nehme an, es würde für eine ganze Kompanie reichen." Fragte ich und musste an mein sonst so karges Frühstück, bestehen und einer Schüssel Milch mit Kellogg`s in meiner unaufgeräumten Studentenküche in Hamburg denken. "Es wäre mir eine Ehre," antwortete Peter Schmitt, während er mit einem Lächeln eintrat. Aus der Küche waren Winter und eine Frau herzu getreten. Sie musste ungefähr vierzig Jahre alt sein. Ihre blonden Haare hatte sie hinten zusammengebunden. "Guten Morgen Frau Wedemeier, wie schön, Sie sind erwacht, herzlich willkommen. Tun Sie mir den Gefallen und frühstücken sie erst einmal richtig, damit sie wieder zu Kräften kommen. Herr Schmitt, schön Sie zu sehen. Also dann" Sie nickte uns zu und verließ den Raum. "Peter, ich muss nachher noch einmal mit dir sprechen bevor du gehst. Und Frau Wedemeier, bezüglich des Nachlasses, haben Sie um 11:00 Uhr kurz Zeit für mich?" "Ja, sicher doch Herr Winter, im Arbeitszimmer?" "Wir sehen uns um 11:00 Uhr im Arbeitszimmer, und Peter, du denkst dran noch einmal zu mir zu kommen bevor du gehst. Es ist wirklich wichtig." und mit diesen Worten ging er. Peter Schmitt lächelte verlegen zu mir herüber "Also… besteht die Einladung noch?"
Es stellte sich heraus, dass Peter Schmitt der Besitzer der Nachbarfarm war. Mein neuer Nachbar schien sehr wissbegierig zu sein. Er musste gute zehn Jahre älter sein als ich, also c a. 33 Jahre und er wirkte auf mich sehr sympathisch. Er hatte dunkelblonde Haare, die in eine sehr nette modische Form gebracht. Seine Haut war sehr dunkel gebräunt, und das verlieh seinen blauen, gütigen Augen einen enormen Glanz. Er trug ein schwarzes T-Shirt und eine braune Cordhose. Als ich von meinem nächtlichen Erlebnis erzählte, glitt ein Schatten über sein Gesicht. "Ich glaube es wird Zeit, dass ich mich mit Emanuel unterhalte. Vielen Dank für das wunderbare Frühstück. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir sehen uns bestimmt bald wieder. Es war mir ein Vergnügen." Und dann begab er sich hastig zur Tür. Ich schaute ihm nach und nahm nachdenklich einen Schluck aus meiner Tasse. Was sollte man von ihm halten? Ich kannte ihn nicht, doch hatte man sofort das Gefühl, ihm ganz und gar vertrauen zu können. Ich beschloss trotzdem vorsichtig zu sein.
Punkt 11:00 Uhr fand ich mich im Arbeitszimmer ein. Herr Winter befand sich bereits dort. "Darf ich fragen, wie wir verfahren wollen, Herr Winter?" "Morgen Mittag kommt ein Notar, der das Testament bestätigt. Dann haben sie alle Zeit der Welt, hier im Hause den ganzen Papierkram zu organisieren. Selbstverständlich können sie auch, wenn sie es wünschen, in drei Tagen wieder nach Deutschland zurückfliegen." Er warf mir einen besorgten Blick zu. "In Ordnung. Das ermöglicht mir noch ein wenig die Landschaft zu genießen. Darf ich sie noch etwas anderes Fragen?" Ich sah ihn hoffend an. "Natürlich worum geht es?" Man sah, dass er sich denken konnte, worum es gehen würde. "Eines beunruhigt und verwirrt mich, Herr Winter, weshalb sind einige Leute hier immer noch so voller Hass gegenüber Weißen? Ich dachte dieses Thema wäre nicht mehr so akut" Meine Frage brachte ihn in Verlegenheit. "Nun ja, dies ist Afrika. Stellen sie sich vor, jemand hätte ihre Vorfahren wie Tiere gefangen genommen und verknechtet. Und alles was ihnen als Trost geblieben ist, ist ihr Land. Wir Afrikaner lieben unser Land genau wie unsere Kinder. Genau genommen ist Afrika unser Kind. Und stellen sie sich vor, die Eindringlinge, die damals ihre Familien geraubt haben, fordern jetzt auch noch ihr Land, das wie schon erwähnt, Ihr Leben ist. Wie würden sie da Fühlen? Wir haben leider nicht die europäische Gabe, stets "gelassen" zu reagieren." Ich blickte beschämt zu Boden. "Das bedauere ich zutiefst. Doch könnte man nicht durchaus viel mehr erreichen, indem man mit Diplomatie vorgeht. Anstatt mit purer Gewalt und Aggressivität? Gewalt erzeugt Gegengewalt. Dies war schon immer so oder nicht?" Winter lächelte, doch er zog es vor, nicht weiter darauf einzugehen. "In den nächsten Tagen wird es genug Zeit geben, darüber nachzudenken und zu reden. Genießen Sie doch erstmal den schönen Tag. Ich darf mich verabschieden." Und mit diesen Worten verließ Winter das Arbeitszimmer. Am Abend kam mein neuer Nachbar auf ein Glas Wein vorbei. Ich verstand mich so gut mit Pe nte, dass wir bis tief in die Nacht redeten.
Am darauffolgenden Tag fanden sich alle im Arbeitszimmer ein. Der Notar warf einige prüfende Blicke in die Papiere und murmelte still ein "aha" oder ein "soso" "Kommen wir nun zu Ihnen, Frau Kathrin Wedemeier. Ihnen vermacht ihre Tante das Haus und das dazugehörige Land. Das heißt, Sie entscheiden, was mit dem Besitz passiert und ob er einmal verkauft wird. Überlegen Sie sich gut was Sie vorhaben. Herr Winter: Sie und Ihre Frau sollen, so lange dies alles im Besitz dieser Familie bleibt, der Verwalter bleiben und somit mit Ihrer Frau im Verwalterhaus leben. Ich darf mich von Ihnen verabschieden." Ich konnte es nicht fassen. Was hatte meine Tante mir da zugemutet. Das war eine große und schwierige Entscheidung. Von mir sollte also nicht nur mein eigenes Schicksal, sondern auch das von Herrn Winter und seiner Frau abhängen. Ich musste mich erst einmal zurückziehen und darüber ganz in Ruhe nachdenken. Ich kam zu keiner Entscheidung. Sollte ich etwa Hals über Kopf alle Brücken abrechen? Konnte ich Winter und seine Frau zwangsweise auf die Straße setzten? Nein, wie könnte ich. Ich beschloss, dies nicht heut zu entscheiden. Um mich abzulenken nahm ich dass Angebot von Peter an, ihn zum Abendbrot zu besuchen. Es tat gut, über alles zu reden, und mein Nachbar schien sehr gut zuhören zu können. Es war sehr spät als mich Peter zur Farm zurück fuhr. Mit Unbehagen dachte ich während der Fahrt an den nächtlichen Vorfall vom ersten Tag zurück, der mir nur noch wie ein böser Alptraum vorkam. Doch in der Gegenwart von Peter fühlte ich mich ungemein stark und geborgen.
Den gesamten nächsten Tag verbrachte ich im Arbeitszimmer und durchforstete alle Papiere meiner Tante. Durch die ganzen Unterlagen erhielt ich einen großen Einblick über das, was meine Tante hier geleistet hatte. Sie und viele Partner hatten mit großer Mühe versucht, Frieden und Sicherheit in das so unruhige Land zu bringen. Es war so bedrückend zu sehen, wieviel Steine ihr am Anfang in den Weg gelegt worden. Wieviel Hass ihr am Anfang entgegengebracht wurde. Die Leute hatten einfach nicht verstanden, dass sie nur das Beste für Afrika gewollte hatte. Viele Enttäuschungen und Rückschläge hatte sie einstecken müssen. Bei vielen Verhandlungen hatte sie maßgeblich mitgewirkt. Zu keinem Zeitpunkt hatte meine Tante die Vorstellung von einem friedlichem Afrika aufgeben. Bis zum Schluss hatte sie gekämpft. Es ging zwar in eine positive Richtung, dies konnte ich schwarz auf weiß vor mir sehen, doch noch immer war es unruhig in Afrika. Herr Winter kam ins Arbeitszimmer. "Endschuldigen Sie, Frau Wedemeier. Meine Frau und ich wollten Ihnen nur noch einmal sagen, egal wie Sie sich entscheiden, machen Sie es nicht von uns abhängig. Wir kommen schon weiter. Schließlich sind wir nicht mehr die Jüngsten. Vielleicht setzten wir uns einfach zur Ruhe und gehen zu meinen Sohn." Er stellte das Tablett ab und machte sich auf, das Zimmer wieder zu verlassen. "Herr Winter," rief ich Ihn wieder zurück. "ich muss gestehen, dass es eine der schwersten Endscheidungen in meinem Leben ist. Ich fürchte nur, dass ich keine Wahl haben werde. Ich kann zu diesem Zeitpunkt Deutschland nicht so ohne Weiteres verlassen. Ich bin Ihnen für alles Dankbar, und ich respektiere, dass Sie und Ihre Frau mir meine Endscheidung erleichtern wollen. Ich kann Ihnen noch nicht sagen, wie ich mich entscheide, doch ich versichere Ihnen, dass wir eine Lösung finden werden, die für alle perfekt ist," versuchte ich deutlich zu machen. "Ich danke Ihnen. Doch es gibt keinen Grund, sich über uns den Kopf zu zerbrechen. Meine Sorge gilt Ihnen. Ich könnte es mir nie verzeihe ößt. Afrika ist gefährlich. Es ist schon besser geworden. Doch Afrika brennt. Und keiner kann sagen wann sich die Lage entspannt." Mit diesen Worten verließ er wieder das Zimmer. Ich wollte noch weiter mit ihm reden, doch sagte mir etwas, dass ich nicht mehr von ihm erfahren würde. Am Abend konnte ich nur schlecht einschlafen. Und wenn ich einschlief, plagten mich Alpträume über eine brennende Afrikakarte, und dann durchlief ich wieder die nächtliche Begebenheit vom ersten Tag. Schweißgebadet wachte ich auf. Zum Glück habe ich nur geträumt, dachte ich, doch vor dem Haus hörte ich auf einmal ein Stimmendurcheinander. Ich streifte mir schnell meinen Bademantel über und stieg langsam die Stufen hinab ins untere Stockwerk. Im Flur bemerkte ich, wie der Türknopf herumgedreht wurde. Schnell verkroch ich mich ins Arbeitszimmer und versuchte mich ruhig zu verhalten. Tatsächlich kamen Leute ins Haus und ihre Schritte kamen langsam in meine Richtung und machten schließlich vor dem Arbeitszimmer halt. Ich konnte nicht mehr schlucken vor Aufregung. Die Tür öffnete sich und ich schrie vor Aufregung leise auf. Vor mir standen die Männer vom ersten Abend. Sie richteten auf mich Ihre Waffen und es schien Ihnen diesmal auch egal zu sein, wer ich war. Das war's, gleich würden mich eine, oder mehrere Kugeln treffen, und wahrscheinlich würde man erst morgen meine Leiche finden. Winter kam aufgeregt hineingestürzt. Diesmal redete er in Englisch mit Ihnen. "Was soll dass!!!!" Doch noch bevor er weiter reden konnte, wurde er von einem Gewehrkolben niedergestreckt. Frau Winter kam schreiend hinzu. Zunächst wollte sie auf einen der Männer losgehen, doch dann entschied sie, sich zunächst neben mich zu stellen. Zwei der Männer zielten erneut auf mich und Frau Winter. Doch in letzter Sekunde wurde die Aufmerksamkeit auf ein heranbrausendes Auto gelenkt. Es bremste scharf und bei den Männern stieg die Nervosität. Peter kam zur Tür herein gesprungen, hob dann seine Arme nach oben behielt jedoch dabei einen bestimmenden Gesichtsausdruck. Er fi Anführer auf Englisch zu reden. "Wollt ihr wirklich alles aufs Spiel setzen? All die Verhandlungen, die sehr gut für den Frieden verlaufen? Wollt ihr für ein erneutes Scheitern verantwortlich sein? Könnt Ihr das verantworten? Lohnt sich das? Ihr könnt uns alle erschießen, doch wenn nicht einer aufhört mit dem Blutvergießen, wird es nie enden. Hat sich die Erde Afrikas nicht schon rot genug verfärbt." Die Männer diskutierten wild und ich dachte für einen Moment, sie würden sich gegenseitig erschießen. Doch dann nahm alles eine glückliche Wendung. "Wir werden gehen, und wir werden nicht wieder zurückkommen. Nicht wegen Ihnen, sondern wegen Afrika. Sie haben nichts mehr von uns zu befürchten." Und damit war der Spuk zu ende. Die Männer stiegen wieder in ihren Wagen und brausten davon. Meine Hände zitterten und Frau Winter lief zu Ihrem Mann, der langsam wieder zu sich kam. Als Peter tröstend seine Hände auf meine Schulter legte, begann ich erst richtig, die soeben erlebte Situation zu verarbeiten. Die Tränen stiegen mir in die Augen und meine Beine gaben nach. Mit sicherem Griff packte Peter zu und fing mich auf. Er hob mich auf und trug mich zu meinem Bett. Setzte sich neben mein Bett und blieb solange bis ich eingeschlafen war. Ich war froh, dass er hier neben meinem Bett saß.
Am nächsten Morgen beim Frühstück sahen wir uns alle schweigend an. "Ich glaube, es ist besser, wenn ich gleich morgen früh den Flieger nehme." Es fiel mir trotz allem nicht leicht. "Selbstverständlich bleiben Sie vorerst hier wohnen, Herr und Frau Winter. Hier habe ich soweit alles in Ordnung gebracht und ich werde mich von Deutschland aus um alles weitere kümmern." Peter musterte mich während meiner Worte kurz und senkte dann wieder seinen Blick nach unten. "Aber natürlich, wie wir schon sagten, machen sie sich um uns keinen Kopf. Ohne ihre Tante ist es hier nicht mehr wie es einmal in diesem Haus war." Sagte Frau Winter und warf mir einen freundlichen Blick zu. Wenn ich wusste, dass es die richtige Endscheidung war, wieso fühlte es sich dann falsch an? "Wenn Du nichts dagegen hast, fahre ich Dich morgen zum Flughafen." sagte Peter, als er sich verabschiedete. Ich konnte nur zaghaft nicken. Der Gedanke, den neu gewonnenen Freund wieder zu verlieren, tat weh.
Der nächste Morgen war für alle furchtbar. Frau Winter hatte Tränen in den Augen, als sie mich zum Abschied drückte. Winter seufzte auf und reichte mir zum Abschied die Hand: "Passen sie auf sich auf, Frau Wedemeier und vielleicht können sie uns ja mal besuchen. Ich glaube, es wird sich doch noch alles zum Guten wenden." Wie sehr ich das hoffte, konnte ich in diesem Moment kaum zum Ausdruck bringen, deshalb versuchte ich es erst gar nicht. Ich stieg ein und als wir fast außer Sichtweite waren, blickte ich noch einmal sehnsüchtig zurück. "Es fällt keinem leicht, Afrika wieder zu verlassen." Sagte Peter und dann schwiegen wir. Je näher wir dem Flughafen kamen, desto schwerer wurde mir mein Herz. Wir standen nun auf dem Flughafenparkplatz. Peter wand sich zu mir: "Du musst nicht fliegen, wenn Du nicht möchtest. Ich weiß, es ist verrückt, aber ich möchte, dass Du bei mir bleibst. Vertrau mir, ich weiß, es würde mit uns klappen. Du magst mich doch auch?" Genau vor so einem Moment hatte ich mich gefürchtet. Ja ich mochte Ihn. Richtig gerne sogar. Doch ob es für so einen Schritt reichen würde? Wenn ich jetzt in Afrika bleiben würde, wäre es für ihn sicher ein Zeichen, dass ich ihn Liebte. Aber konnte ich nach so kurzer Zeit schon sicher sein? Im Moment war ich mir sicher, dass ich ihn zumindest Ansatzweise liebte. Aber was wäre, wenn sich der Alltag bemerkbar machen würde? Was wäre mit meinem Abschluss an der Uni. Und was wäre mit meiner Mutter, würde sie es verkraften, noch einen geliebten Menschen an Afrika zu verlieren. Und was war mit Werner. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich, seit ich in Afrika gelandet war, keinen einzigen Gedanken an Ihn verschwendet hatte und schämte mich dafür. Das hatte Werner nicht verdient. Doch nun musste ich erst einmal mit Peter reden, der mich immer noch mit großen, erwartungsvollen Augen ansah. "Peter, ja ich mag dich. Ich mochte dich von Anfang an. Aber aus Deutschland wegzugehen und hier nach Afrika zu ziehen ist kein kleiner Schritt, sondern eine Entscheidung fürs Leben. Ich studiere d. Und ich bin immer noch in einer festen Beziehung. Da sind so viele Dinge, die ich in Deutschland habe, die ich nicht so einfach beenden kann. Ich kann das nicht so Hals über Kopf entscheiden" versuchte ich ihm begreiflich zu machen. "Ich möchte aber, dass du dich jetzt und nicht in einem halben Jahr entscheidest!" sagte er. Sein Gesicht war wie versteinert. "Dann muss meine Entscheidung nein lauten." brachte ich heraus, doch ich fühlte mich hundeelend. "Dann lautet sie nein. Wenn dass deine Entscheidung ist, dann lass uns dich zu deinem Flieger bringen." Hastig verließ er dass Auto. Schweigend gingen wir zum Flieger und eh ich wusste wie mir geschah, saß ich auch schon auf meinem Platz. Wieder vor mir ein langer Flug, bei dem ich mehr Zeit zum Nachdenken hatte, als mir lieb war. Hatte ich mich richtig entschieden? Ja es war richtig. Aber ein kleiner Anflug von Unsicherheit blieb.
Ich hatte nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde, mich im kalten Deutschland wieder einzuleben. Werner war immer noch beleidigt, dass ich so Hals über Kopf dorthin gefahren war, wo er nicht hatte mitkommen können. Es begannen quälende Wochen. Ich versuchte so gut es ging, mich auf die Uni zu konzentrieren und versuchte wieder eine Basis zu Werner aufzubauen. Es fiel mir schwer nicht an Afrika und nicht an Peter zu denken. Es wollte mir nicht recht gelingen. Dann war es soweit, ich legte meine Prüfung und auch Werner ab und fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr. Es war an dem Tag nach meiner letzten Prüfung. Früh am nächsten Morgen klingelte es an der Tür. "Peter!!!! Ich werd verrückt. Was machst Du denn hier?" strahlte ich ihn überglücklich an. "Ich musste doch mal schauen, wie es mit deiner Prüfung gelaufen ist. Gehen wir frühstücken?" druckste er herum. Zwanzig Minuten später befanden wir uns in einem gemütlichen Kaffee in der Altstadt. "Deine Prüfung ist nicht der einzige Grund weshalb ich hier bin." Sagte er schließlich. "Ich werde übermorgen wieder fliegen, und ich bitte Dich eindringlich, bitte komm mit, Deine Eltern können doch nachkommen. Ein nein lass ich diesmal nicht gelten, den Fehler mach ich bestimmt nicht noch einmal. Und wenn Du immer noch nicht möchtest….!" Peter atmete tief auf und fuhr dann weiter "Ich komme bestimmt nicht noch einmal zu dir! Wenn nicht als meine Partnerin dann komm doch bitte als Nachbarin." Sagte er liebevoll und schaute mich dabei hoffnungsvoll mit seinen großen Hundeaugen an. "Ich möchte dir und mir Zeit geben Peter. Aber ich glaube, es wäre gar nicht so schlecht einen netten Nachbarn zu haben wenn ich demnächst nach Afrika ziehe" sagte ich mit einem Lächeln. Dass er längst mehr für mich war als nur ein Nachbar, wurde mir immer mehr bewusst. Seit dem lebe ich nun in Afrika, nicht einen Tag habe ich bereut. Ende




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Eingereicht am 02. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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