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Bekehrung

©  Christian Damerow


Es war einmal ein Mann vom Stamme der Uzra. Die Jahre seines Lebens hatte er von klein auf inmitten der sonnengegerbten Weiten des afrikanischen Landes zugebracht; hier hatte ihm sein Großvater, ein Mann reich an Geschichten seines Volkes und geschlagen mit Weisheit, die Weisen gelehrt geschliffne Steine vom Wüstenboden aufzulesen und in ihren Narben die Spuren der Zeit zu deuten, er hatte ihn in die Öde hinausgeführt, wo sein frisch beschnittenes Mannestum in sengendem Schein Bekräftigung finden sollte, er tat ihm kund, dass aus dem Feuer die Stimmen der Toten sprechen und im Himmel die Gesichter kommender und geschwundener Tage geschrieben stehen, er lehrte ihn die andächtige Stille der Jagd, da sie Seite an Seite im Dickicht eines Wasserlochs lagen und nach dürstenden Herden Ausschau hielten. Die Arten Speise und Trank aus den trockenen Böden allein zu ziehen prägten sich ihm in Zeiten der Dürre ein und die Arten seinen Feind mit Händen allein zu bewältigen wurden ihm zu eigen. Er zog Schulter an Schulter mit den jungen Männern des Stammes gegen anrennende Feinde aus und wurde zum Mörder, als eine Speerspitze ihm die Seite durchstach, er sah seinen Vater in Falten und lichtem Haar hinscheiden, den Mann, welcher einst in seinen Mannestagen groß wie ein Löwe schien und ihn die Sprache gelehrt hatte, welche die greisen Stammesältesten zu gebrauchen pflegten. Er trug Sorge für das Wohl seiner allein zurückgebliebenen Mutter bis auch sie ihre Kleider ablegte und ihm vor all seinen Brüdern die nun verwaiste kleine Hütte ihrer Familie zusprach.
Als er kaum hinaus war über das hitzige Alter des Knaben, verfiel er in hingebender Liebe zu einem Mädchen mit Augen so weit wie der sternbesäte Wüstenhimmel, welches Tag ein Tag aus unter den Menschen seines Volkes gewandelt war und ihm Korn für Korn die keimende Liebe in die Augen gestreut hatte, ein jedes Mal, da sie ihm zu Gesicht gekommen.
Er liebte sie und versagte sich wohlweislich das Recht der Männer andere Frauen ihr zur Seite zu stellen. Sie gebar ihm Kinder, die ihn durch seine Augen betrachteten und kein Jahr fand sich in seiner Erinnerung, welches er hätte entbehren wollen.
Seine Tochter mit obsidiandunkler Haut verlor er an den Hunger in den Tagen der Ernte, ihr Bauch so prall, als trüge sie ein Kind im Kinderleibe, zwei seiner Söhne starben an einem fiebrigen Windhauch vom Munde böser Geister, ganz plötzlich über Nacht, der älteste Sohn fiel den Fängen der Raubtiere zum Opfer und blieb kaum mehr denn Knochen.
Dennoch schätzte dieser Mann sich seines Lebens glücklich, er führte ein Leben in stolzer Einfachheit, in der staubigen Hütte von dürrem Gezweig, in der Liebe zu seinem Weib, und bald schon war es an ihm selbst seinen Enkeln Geschichten seines Volkes, der Geister und Götter in den Wesen der Wüste preiszugeben. Sein Haar wurde grau, er saß am Sterbebett seiner Liebsten und seine Kinder zogen bald schon in die Ferne, wo die rasselnden und kreischenden Dinge von blankem Stahl ihren pechschwarzen Atem in die heißen Lüfte keuchten und ihre Bahnen zogen auf jenen über Nacht ausgerollten eisernen Wegen, und dennoch war dieser Mann ein glücklicher Mann, bis zu dem Tage, da das jüngste Gericht in Gestalt eines Engels an seine Tür pochte.
Es kam wie aus heiterem Himmel, keine Spur davon hatte sich in den Wolken gezeigt, doch dort stand der Engel, sein helles Gefieder in der Mittagssonne schweiß getränkt.
"Wende dich seiner Hoheit zu", verlangte dieser im Licht der Wüstensonne, "oder büße für all die Sünden deines heidnischen Lebens."
Der Mann erwiderte nichts, denn es war ihm ein Rätsel wovon dieses sonderbare Geschöpf sprach.
"Der Tag des Gerichts ist gekommen, da Gutes vom Bösen geschieden wird und der Herr aus dem Buch eurer Sünden liest, drum bekenne dich zu seiner Allmacht oder darbe auf immer in den Massen der Frevler und Missetäter, die lüstern und unbelehrbar ihre sündhaften Wege beschritten. Höre die Worte des einen Evangeliums und kehre dich ab von diesem deinen irrgegangenen Leben, der Reinigung deiner Seele zu."
Der Engel wischte sich mit den kristallfeinen Gliedern seiner Hand die hinabrinnenden Schweißperlen aus den lidlos blickenden Augen.
"Dir wird keine weitere Gelegenheit gegeben sein."
Der alte Mann aber sagte:
"Ich weiß nichts von der Allmacht Seiner Hoheit, noch verstehe ich die Dinge, von denen du mir sprichst,ich bin alt und kenne die Wüste und ich kenne die Liebe und dies ist alles was ich weiß, alles wonach ich verlange, und darum bitte ich dich nun zugehen und mir noch den Rest meiner Tage zu lassen."
Und der Mann wünschte dem Engel ein schönes Leben noch und zog ihm den ausgeblichenen Verhang der Hüttenöffnung vor den Augen zu und starb schon in Kürze, weit draußen auf den rauen Wüstenböden, auf dem Wege zurück zu seinem leeren Bett.
(Eine andere Erzählung besagt, jener Mann sei, kaum, dass er dem Engel Lebewohl gewünscht, in sengendem Feuer und tosendem Donner verloschen und sein Geist, ehe er sich's versah, in die Tiefen einer ihm gänzlich fremden Hölle gestürzt, voll von Menschen aller nur erdenklicher Farbgebung, derer er nie zuvor ansichtig geworden, getunkt in schwärende Massen lodernder Speichelflüsse, erschauernd unter den gurgelnden Schreien der eigenen durchschnittenen Kehlen und schneidende Gläser weinend hinter verschmolznen Lidern und dort in den Reihen der Verdammten sah er sich ganz unverhofft seiner Frau und seinen geraubten Kindern gegenüber, die Gesichter von schmutzigem Ruß bestäubt und nahezu unkenntlich gemacht, und obschon seine Schreie zu laut in der dunstigen Luft erstarben, als dass er ihr all die noch ungesagt gebliebenen Dinge hätte sagen können, die ihm auf der geschwollenen Zunge lagen, war er beglückt dort drunten bis in alle Ewigkeit an ihrer Seite zu leiden und von Zeit zu Zeit einen Blick zu erhaschen unter ihren geschlossenen Lidern.)




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Eingereicht am 02. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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