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Göttinnenrat

©  Bianca Kronsteiner


Südafrika. Kapstadt. Alexia stieg aus dem Flugzeug, sie wusste gar nicht mehr, wie viele Stunden sie im Flieger gesessen hatte und beim Dröhnen des Motors allmählich eingeschlafen war.
Die Hitze schlug ihr, wie eine Ohrfeige, entgegen. Einen Moment blieb sie stehen, schloss die Augen, atmete tief durch. Es kam ihr so vor, als ob die Luft sie erdrücken wolle. Komm schon! Fuhr sie sich selbst an. Du hast dir doch schon immer gewünscht hierher zu fliegen. Reiß dich gefälligst zusammen! Ja, es war schon ewig ihr Wunsch gewesen nach Kapstadt zu reisen. Warum konnte Alexia selbst nicht sagen. Es war einfach ein Verlangen gewesen, eine innere Stimme, die nach dieser Stadt geschrieen hatte. Nun jubelte diese Stimme laut auf, gleichzeitig bekam Alexia aber ein ungutes Gefühl, eine Vorahnung vielleicht? Nein! Sie presste die Augen fest zusammen, keine Schwarzmalerei mehr! Zumindest für die nächsten zwei Wochen. Die letzten paar Monate waren viel zu anstrengend und nervenaufreibend gewesen.
Ein kleiner Bus kam, Alexia stieg mit den anderen Touristen ein, ihr - schon etwas älteres Modell eines Busses - bewegte sich langsam über den Flugplatz.
Obwohl sie es sich strengstens vorgenommen hatte, diese Gedanken Beiseite zu schieben, stiegen die Bilder vor ihrem inneren Auge auf, als würde sie alles noch einmal erleben. Für viele wären diese Erinnerungen nur halb so schlimm gewesen, doch Alexia war ein Profi in Sachen Sich-in-etwas-reinsteigern. Die Schule hätte sie beinahe um den Verstand gebracht. Dort eine Prüfung, hier noch ein Test und zur Abwechslung mal ein Sachreferat von zwanzig Minuten. Die letzten vier Monate vor Schulschluss verbrachte Alexia nur mit lernen, Hausübungen machen, Referaten schreiben, lernen, ...
Die achtzehnjährige hatte vollkommen vergessen zu leben. Das war schon immer eines ihrer größten Mankos gewesen. Manchmal dachte Alexia gar nicht mehr daran, dass sie auch nur ein Mensch war, manchmal sah sie in ihrem Spiegelbild nur noch eine Schülerin, die unbedingt die Matura schaffen wollte.
Vier Monate fast nur durchgelernt, bis spät in die Nacht, früher oder später macht das jeden fertig. Deswegen plünderte sie vor einem Monat ihren Bausparer und buchte einen Flug nach Kapstadt, um wieder daran erinnert zu werden das Leben zu genießen.
Eigentlich wäre die Reise gemeinsam mit ihrer Freundin - Daria - geplant gewesen, doch ... Die Bustüren gingen mit einem lauten Zischen auf, das Alexia aus ihren Gedanken riss. Eine Unmenge aufgeregter Touristen schob sie durch die Gänge des Flughafens, bis zu den Förderbändern, wo ein Koffer nach dem anderen zu seinem Besitzer befördert wurde. Die achtzehnjährige schnappte sich das große, dunkelblaue Modell zum Ziehen, marschierte weiter zu den nächsten Bussen, stieg ein.
Nach ein paar Minuten Fahrt wurde Alexia wieder von ihren Erinnerungen gefangen genommen. Die Afrika-Reise wäre zuerst mit Daria geplant gewesen, aber dann war da dieser schreckliche Unfall ... dieser verdammte Autofahrer! ... hätte sie beinahe getötet ... obwohl ... jetzt liegt Daria im Koma ... wäre da der Tod nicht besser gewesen? ... würde sie jemals wieder aufwachen? ... keine drei Wochen her ... keine drei Wochen her ...
Alexia schniefte, bemüht nicht zu weinen blickte sie stur aus dem Fenster. Daria hätte bestimmt nicht gewollt, dass ich wegen ihr die Reise ins Wasser fallen lasse. Bestimmt nicht. Mit einem etwas gequälten Lächeln dachte das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren an diesen wunderbaren Menschen, dem nie irgendetwas die gute Laune, die Hoffnung verdorben hätte. Nicht einmal der Weltuntergang.
Zwei Tage waren jetzt schon seit Alexias Ankunft in Kapstadt vergangen. Der erste Eindruck war nicht schlecht gewesen. Nette Leute, schönes Hotel, traumhafte Umgebung. Heute stand etwas ganz Besonderes auf dem Programm: Eine Safarifahrt. Bewaffnet mit einer Kamera, Strohhut und Sonnenbrille, machte sich Alexia auf den Weg zu den hoteleigenen Jeeps inklusive Führer. Der Vormittag war noch recht angenehm, die große Hitzewelle würde erst mittags anbrechen und den ganzen restlichen Tag andauern. Alexia erreichte die Parkplätze, wo nicht nur Jeeps, sondern auch etliche Busse und Autos von Urlaubern standen.
Außer ihr kamen noch vier weitere Urlauber mit. Zwei Franzosen, ein Spanier und eine Engländerin unterhielten sich abwechselnd in den verschiedenen Sprachen. Ob die auch Deutsch sprechen? Alexia beantworte ihre Frage gleich darauf mit einem entschiedenen "Vielleicht".
Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis sie den geschützten Park erreichten. Staunend beobachtete Alexia die Elefanten, die gemütlich ihrer Wege gingen, eine kleine Gruppe von Löwen lag dösend im Schatten der Bäume. Gelegentlich schoss Alexia ein paar Fotos, Erinnerungen an diese berauschende Atmosphäre. Eine Giraffenherde, mit einigen noch kleineren Artgenossen, kreuzte ihren Weg.
Jegliches Zeitgefühl ging verloren, deswegen wusste Alexia auch nicht, wann genau es geschah.
Die Engländerin schrie plötzlich auf, deutete mit ängstlicher Miene nach rechts. Ein riesiges, schwarzes Ungetüm mit beängstigend großen Hörnern und feuerroten Augen steuerte direkt auf sie zu, nur eine Staubwolke konnte man hinter diesem Monster erkennen. Alexia brauchte eine Sekunde, um zu verstehen, was da heranstürmte. Ein Büffel, ein wildgewordener Tornado auf vier Beinen!
Der Fahrer konnte gar nicht mehr reagieren, es wäre nie gutgegangen. Vom Führer bis hin zu Alexia starrte jeder dieses verrückte Tier an. Wartete nur darauf von diesem Ding überrannt zu werden. Es waren nur Sekunden, bis der Büffel ihnen ganz nahe war und knallte ohne zu zögern in den Jeep. Da eben dieses Fahrzeug kein Dach hatte, wurden Alexia und die anderen hinausgeschleudert, als sich der Wagen mehrmals überschlug. Mit einem Schmerzenschrei schlug die achtzehnjährige am staubigen Boden auf. Ein paar Meter weiter und sie wäre kopfüber in einen großen Stein geflogen. Na, hab ich aber ein Glück. Dachte Alexia sarkastisch, als sie mühsam versuchte sich auf allen Vieren aufzurichten. Hektisch und schnell atmend blickte sie sich um. Niemand ihrer Begleiter war in der Nähe. Niemand anders war da, niemand ... abgesehen vom Monsterbüffel, der mit unglaublicher Geschwindigkeit direkt auf sie zuraste! Alexia kam es so vor, als könne sie das wütende Schnauben des Ungeheuers hören. Es kam immer näher. Selbst wenn Alexia im Stande gewesen wäre wegzulaufen, hätte sie wahrscheinlich nicht den Mut gehabt sich zu bewegen. Kurz bevor der Büffel sie erreichte, staunte das Mädchen über dieses Tier, es war mindestens so groß, wie ihr Jeep, den es über den Haufen gerannt hatte. Der Abstand zwischen ihr und dem Büffel betrug vielleicht noch drei Meter.
Dann passierte etwas, dass Alexia zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklären konnte: Der überdimensionale Büffel blieb einen Schritt vor ihr stehen! Beide sahen sich in die Augen, Alexia blinzelte verwirrt, der Büffel blinzelte zurück. Einige Sekunden lang verharrten sie so, plötzlich machte das Monstrum kehrt und schlenderte langsam dahin. Alexia kniete sich hin, atmete erleichtert auf, als der Büffel ohne jede Vorwarnung zurückkam. Vielleicht hat er ja was vergessen. Ihr kam diese ganze Situation immer unrealistischer vor, deswegen auch der etwas unpassende Gedanke. Das Ungetüm blieb wieder mit einem Schritt Abstand stehen. Alexia starrte zu dem Tier hoch. Noch merkwürdiger kann es gar nicht mehr werden. Leider dachte sie falsch. Die rotglühenden Augen starrten hypnotisierend in die ihren. Ein kühles Lüftchen wehte ihr ins Gesicht. Doch bald wurde aus dem Lüftchen ein stärkerer Wind, der immer kraftvoller wurde, bis sich schließlich ein ausgewachsener Tornado daraus entwickelte. Alexia und der Büffel mittendrin. Sand wirbelte herum, flog ihr in die tränenden Augen. Der Tornado wurde immer stärker. Die beiden ungleichen Gestalten im Zentrum. Dem Büffel schien dies ziemlich gleichgültig zu sein, denn er blickte noch immer in Alexias Augen. Alles rund um sie herum drehte sich, immer schneller, immer verwirrender. Panik stieg in ihr hoch.
Durch das zuerst leise Plätschern des Wassers erwachte Alexia wieder. Sie begriff anfangs nicht, was geschehen war, doch als es ihr wieder einfiel sah sie sich schnell um, den merkwürdigen Büffel konnte sie nirgends sehen. Erleichtert atmete Alexia auf, keine Sekunde später befiel sie ein ungutes Gefühl. Dies war eindeutig nicht der Ort, an dem sie das Bewusstsein verloren hatte. Es war schon Abends, überall standen schöne, große Bäume, mit saftigen Blättern und obwohl sie es nicht sah, erkannte sie das Geräusch von fließendem Wasser ganz genau, irgendwo in der Nähe befand sich ein Wasserfall. Also, wenn ich nicht vollkommen verrückt geworden bin, ist das sicherlich nicht die trockene Gegend, in der ich zuletzt war. Dachte Alexia, als sie den Staub von ihrer Hose und ihrem T-Shirt klopfte.
Kurz entschlossen wandte sich die achtzehnjährige in die Richtung, von der das Geräusch des Wassers kam. Ihr Mund war staubtrocken. Nach ein paar Minuten erreichte sie den Wasserfall. Aber Alexia hatte nur Augen für den See, eilig schritt sie darauf zu und trank gierig daraus. Plötzlich hörte sie jemanden lachen. Ein glockenhelles, freundliches Lachen. Verwirrt blickte Alexia umher, bis sie begriff, dass das Lachen über ihr war. Noch immer nicht im Klaren, was hier eigentlich los war, sah Alexia in Richtung Himmel. Kurze Zeit konnte sie nichts anders tun, als verblüfft nach oben zu blicken. Bevor das Wasser im freien Fall in die Tiefe stürzte, floss es sanft über einige Felsen herab. Und eben genau auf einem dieser Felsen saß eine Frau. Die badet in einem Wasserfall! Schoss es Alexia durch den Kopf. Die Frau sah zu ihr hinab, lachte wieder und sprang dann ohne Vorwarnung in die Tiefe. Mit angehaltenem Atem verfolgte Alexia die ganze Szene: Ein eleganter Sprung, perfekte Landung im Wasser, schnell schwamm die Frau ans Ufer zu Alexia. Als sie aus dem Wasser stieg, staunte Alexia noch mehr. Mal abgesehen von den gelben Seidentüchern, die sie locker um ihre Hüfte und Schultern geschlungen hatte, trug sie nichts mehr außer einer Halskette aus weißen Muscheln und zwei goldenen Armbändern. Ihre vollen Lippen, die langen, dunklen Haare und Augen zeichneten sie als Afrikanerin aus. Sie schritt näher an Alexia heran, bis sie nur mehr zwanzig Zentimeter trennten. Wieder lachte die Afrikanische Frau.
"Was siehst du mich denn so komisch an?" fragte sie mit angenehmer Stimme.
"Warum kannst du meine Sprache sprechen?" war alles, was Alexia herausbrachte. Wieder ein Lachen.
"Meinst du eine Göttin kann nicht alle Sprachen der Welt sprechen?" Am Ende des Satzes setzte sich die Frau - Göttin? - im Schneidersitz auf den Boden. Mit einer Handbewegung deutete sie Alexia es ihr Gleichzutun.
"Eine Göttin?" fragte die achtzehnjährige, als sie sich auf die Erde niederließ.
"Eine Göttin." Kam die Bestätigung. "Oshun ist mein Name. Göttin des Wassers. Ich liebe es mich zu schmücken, vor allem in den Farben Gold und Gelb." Ein kurzer Blick auf die goldenen Armbänder und Ohrringe.
"Alexia." Stellte sie sich nun vor.
"Ich weiß."
"Woher?"
"Nicht so wichtig. Alles was ich wissen muss über dich, weiß ich."
"Aha. Und was soll das jetzt heißen?" Alexia war sich noch nicht ganz sicher, ob sie dieser Frau wirklich glauben sollte, was die Sache mit der Göttin anging. Denn erschien sie nicht gerade sehr göttinnenhaft, sondern eher wie ein ganz normaler, sympathischer Mensch.
"Du kannst mir ruhig glauben."
"Hab ich jetzt laut gedacht?" fragte Alexia alarmiert, sie wollte ja niemanden beleidigen.
"Nein, ich kann deine Gedanken lesen." Ja, klar. Wenn Daria das hören könnte, würde mich interessieren, was sie dazu sagen würde.
"Daria kann mich aber leider nicht hören, deswegen musst du umso besser aufpassen." Die nächsten paar Minuten verbrachte Alexia stillschweigend, zum Einen, weil sie vollkommen von den Dingen fasziniert war, die ihr erzählt wurden. Und zum Anderen, hatte die Stimme der Göttin Oshun einen so herrlichen Klang, dem sich niemand lange entziehen konnte. Oshun endete, es waren keine zehn Minuten vergangen. Nun lachte Alexia.
"Du willst also im Ernst sagen, dass du mir helfen willst mein Leben wieder in den Griff zu bekommen?"
"Ja und Nein." Antwortete Oshun ruhig. "Ich kann dir nur einen Rat geben, was du damit anfängst, liegt nicht in meiner Macht." Alexia wurde plötzlich ohne einen bestimmten Grund wütend.
"Du hast doch gar keine Ahnung, was es bedeutet seine beste Freundin von einem Auto überfahren zu sehen. Du weißt doch gar nicht, wie es ist Tag und Nacht nichts anderes zu tun, als hinter den Büchern zu sitzen und vollkommen vergisst, das Leben zu genießen, glücklich sein ... Ich weiß gar nicht mehr, was es bedeutet ... Freude ..." Tränen der Wut füllten ihre Augen.
"Da muss ich dir Recht geben." Es war kein trauriges Lächeln, das da ihr Gesicht zierte "trotzdem wirst du von mir einen Rat erhalten."
"Und wie lautet der?" Die Wut ging wieder etwas zurück.
"Verbinde deinen Körper mit Glückseligkeit."
"Wie bitte?" Alexia schüttelte den Kopf. "Und wie soll ich das, deiner Meinung nach, anstellen?"
"Beschäftige dich mehr mit dir selbst, versuche mehr von dir selbst zu erfahren. Spüre dich, deinen Körper." Ein geheimnisvoller Ausdruck umspielte ihr Gesicht.
"Na toll!" hilflos warf sie die Arme in die Höhe. Eine Sekunde später begann sich langsam wieder der Tornado zu melden, der sie hergebracht hatte. Alexia im Zentrum des Sturms.
Dieses mal verlor Alexia nicht ihr Bewusstsein. Sie spürte, wie der Tornado sich legte, als er schließlich vollkommen verschwunden war, schrie die achtzehnjährige entsetzt auf. Nein ... wie ist das möglich? Das kann doch gar nicht sein ... Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander. Genauso wie die neun Tornados vor ihr. Das wäre ja nur halb so schlimm gewesen, an Tornados gewöhnte sie sich ja langsam. Was ihr nicht in den Kram passte war, dass sie mitten in der Luft hing. Weit und Breit war kein Boden in Sicht, um sie herum nur Wolken.
"Na, ist doch mal etwas anderes oder?" Eine unheimliche Stimme ertönte, doch nirgends war jemand zu sehen. "Ich sag immer, Veränderungen tun gut." Plötzlich zuckten neun Blitze, nur wenige Meter von ihr entfernt, auf. Als sie verblassten erschien wieder eine Afrikanische Frau, doch handelte es sich nun nicht mehr um die sympathische, junge Oshun, sondern um eine kräftigere Frau mittleren Alters. Sie trug ein weinrotes Kleid, das sich ein wie Wirbelsturm bewegte, auf dem Kopf war ein, ebenfalls weinroter, Turban, dessen Enden so gedreht waren, dass sie wie Büffelhörner aussahen. Mit offenem Mund betrachtete Alexia diese neue Gestalt, sie brachte vor lauter Verwunderung kein Wort heraus.
"Wenn ich mich vorstellen darf." Eine spöttische Verbeugung. "Mein Name ist Oya, Göttin des Wetters, vor allem für Wirbelstürme, Feuer und Gewitter verantwortlich." Endlich konnte Alexia sich überwinden, etwas zu sagen.
"Du warst der Büffel, nicht wahr." Dabei deutete sie auf den Turban.
"Ganz genau." Oya lächelte leicht.
"Also hab ich dir das Ganze zu verdanken." Meinte Alexia zischend, merkwürdigerweise empfand sie zwar Respekt vor der Göttin, aber keine Furcht, genauso wie bei Oshun.
"Nichts zu danken, hab ich doch gern gemacht." Eine abwehrende Handbewegung.
"Das war nicht als Kompliment gedacht."
"Ah ... wie ich sehe, machst du Fortschritte. Sehr gut. Du veränderst dich." Alexia hatte langsam keine Lust mehr mit dieser Göttin zu diskutieren, da sie spürte, dass sie den Kürzeren ziehen würde.
"Willst du mir vielleicht auch noch einen Rat geben?" brummte sie. Es war etwas an dieser Göttin, das Alexia den Mut nahm, ihr gleichzeitig aber auch das Gefühl gab, stark zu sein.
"Ja." Kam die Antwort.
"Und der wäre?"
"Lasse die Veränderungen in deinem Leben zu." Von irgendwoher donnerte es. "Ziehe jetzt weiter." Der Donner kam nun aus Oyas Stimme. Noch bevor die Angesprochene etwas erwidern konnte, fiel die Schwerelosigkeit von ihr ab und sie fiel, laut schreiend in die Tiefe.
Womöglich waren es nur Sekunden, genauso gut konnten aber Stunden vergangen sein, bis Alexia das Meer erkannte, das sich ihr näherte. Sie wusste nicht was schlimmer war: Noch länger hinunterzustürzen, oder in das harte Wasser zu fallen. Gleich würde es sich herausstellen. Sie fiel und fiel, zum Schreien hatte Alexia keine Kraft mehr. Dann berührte sie das Meer, glitt sanft hinein. Selbst, nachdem sie zweimal mit einem Tornado gereist, zwei Göttinnen getroffen und vom Himmel gefallen war, wunderte sich Alexia über die unheimlich weiche Landung ins Meer. Leider stoppte das Wasser ihren Aufprall nicht, sie wurde immer tiefer in die Dunkelheit des Wassers hineingesogen. Bald würde sie der immer stärker werdende Druck umbringen.
Plötzlich spürte Alexia eine Veränderung in sich. Kurz darauf machte sie eine unheimliche Entdeckung: Ihre Beine verwandelten sich in die Flosse einer Meerjungfrau! So, jetzt wird es mir aber langsam zu bunt. Dachte Alexia, als sie das Ergebnis sah. Zumindest würde sie nun weder ertrinken, noch aufgrund des Wasserdrucks sterben.
Es dauerte noch einen Augenblick, bis sie sich an ihre Flosse gewöhnte und damit umgehen konnte. Doch schon bald schwamm Alexia langsam Richtung Wasseroberfläche.
"Warte!" hörte sie plötzlich jemanden rufen. Der Klang dieser Stimme, war anders als die der beiden Göttinnen. Irgendwie jung und kräftig, jedoch auch weise und müde. Wieder starrte Alexia mit weit offenem Mund eine besonders schöne Gestalt an. Eine richtige Meerjungfrau! Sie trug ein weißes Netz um die Schultern, eine weiße Muschel hing an ihrem Hals und eine blaue Koralle, mit wunderschönen Perlen beschmückt, zierte, wie eine Krone, ihren Kopf.
"Lass mich raten." Sagte Alexia etwas genervt. "Du bist eine Göttin." Die Meerjungfrau-Göttin nickte.
"Ich heiße Yemaja und bin die Mutter des Meeres." Sie hielt kurz inne und fügte dann noch dazu. "Wer mich um Hilfe bittet und mir vertraut, dem wird auch Hilfe gewährt."
"Oh, sehr schön. Ich bräuchte da nämlich deine Hilfe: Könntest du mich bitte nach Hause schicken?" Die letzten paar Wörter hätte sie beinahe geschrieen. Was bildeten sich diese Göttinnen denn überhaupt ein? Treten von Heute auf Morgen in ihr Leben und glauben, alles wieder gut machen zu können! Auf alles eine Antwort zu wissen! Lange würde Alexia da bestimmt nicht mehr mitmachen.
"Du willst mir bestimmt auch einen Rat geben, oder?" Zu ihrer Verwunderung schüttelte Yemaja den Kopf.
"Nein. Ich möchte dich gerne um etwas bitten." Obwohl Alexia sichtbar wütender wurde, behielt Yemaja ihre innere Ruhe.
"Und um was, bitteschön?" Die Göttin schwamm ganz nahe an sie heran und flüsterte ihr ins Ohr:
"Vertrau dich mir an. Um alles, was ich dich bitte ist deine völlige Hingabe, an mich, die Mutter des Meeres. Ich werde dir helfen deine Sorgen zu vergessen." Nach diesen Worten schloss Yemaja sie in ihre Arme. Ohne Vorwarnung fing Alexia an zu weinen, es tat gut endlich wieder von jemandem umarmt zu werden, das Gefühl zu haben, beschützt zu sein. Yemaja flüsterte Alexia Worte ins Ohr, die sie nicht verstand. Es war wohl eine andere Sprache. Egal. Sie weinte, weinte so lange, bis sie sich vollkommen leer fühlte. Und es war gut so.
Heute war der Tag, an dem Alexia zurück nach Hause flog. Diese Reise hatte sie von Grund auf verändert. Sie fühlte sich nun viel freier, außerdem war sie sich nun ganz sicher, dass Daria eines Tages wieder aufwachen würde. Und dann hätte Alexia ihr eine Menge zu erzählen.
Um ihren Hals hing eine Muschel, der Beweis, dass alles nicht nur ein verrückter Traum gewesen war. Doch noch etwas hatte sie von den drei Göttinnen Oshun, Oya und Yemaja mitbekommen:
Verbinde deinen Körper mit Glückseligkeit.
Veränderungen gehören zum Leben dazu.
Vertraue dich anderen Menschen an.
Von jeder Göttin eine ihrer größten Weisheiten, Alexia würde sie immer mit sich tragen, genauso wie die Muschel.




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Eingereicht am 02. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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