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Maymouna

©  Christoph Benda


Unser Boot schaukelte über die Wellen, der Motor tuckerte, in den Mangroven hing der Dunst des Morgens. Gelegentlich wies der Junge am Steuer hier hin oder da hin, um uns auf einen Reiher oder Pelikan aufmerksam zu machen. Einmal würgte er den Außenborder ab und wir glitten fast geräuschlos auf eine Insel zu, die sich in den Wurzeln eines mächtigen Baobab (1) verfangen zu haben schien. Auf einem der knorrigen Äste saß ein Fischadler und starrte uns mürrisch an. Assane und ich hatten uns um sieben zum Frühstück verabredet und da nur relativ wenige Leute im Dorf unterwegs gewesen waren, waren wir schon seit acht Uhr am Wasser. Wir hatten eine Piroge (2) gemietet, mein Wunsch, den vollen, regulären Preis zu zahlen, hatte den Bootsbesitzer gekränkt. Er war Assanes Onkel. Geld war ein sehr bedeutendes Thema hier, die Regeln im Umgang mit dieser Bedeutung waren allerdings schwer zu durchschauen. Der Fischadler wandte seinen Kopf ab, Abdulaije, der Steuermann, warf den Motor wieder an und wir tuckerten weiter. Der Mangrovenwald überzog das Delta wie ein Labyrinth, die Sonne hing undeutlich hinter den Schleiern hoher Luftfeuchtigkeit. Sich hier zu verirren und zu verlieren war einfach für einen Weißen.
Ich war im Senegal, zweihundertfünfzig Kilometer südlich von Dakar in einem winzigen Ort an der Mündung des Saloum Flusses und hatte zwei schlimme Wochen hinter mir. Ich bin Netzwerktechniker. Das heißt, ich könnte Diplomingenieur der Fachrichtung Informatik sein, hätte ich nicht mein Studium geschmissen. Hätte ich, anstatt lähmende, aber einträgliche Jobs anzunehmen, meine Diplomarbeit geschrieben. So wie meine Freundin - meine Exfreundin - Susanne, die in Dakar ihre Diplomarbeit schrieb, über ein Entwicklungsprojekt, dessen Besonderheit darin lag, dass es von den Betroffenen selbst initiiert worden war und von der lokalen Bevölkerung getragen wurde. Das war Susanne wichtig, denn auch Entwicklungshilfe ist häufig nichts als eine neue Form der Kolonialisierung, die die Würde und Selbständigkeit derer untergräbt, die gefördert werden sollten. Ich war da ganz auf Susannes Seite und ich hatte wirklich versucht, sie zu unterstützen. Wie Susanne hatte ich Verständnis für globale Probleme, fand die Rechte von Minderheiten überaus wichtig und übte bewusst die Verantwortung aus, die mir jede einzelne Kaufentscheidung auferlegte. Aber mir fehlte Susannes Gabe, diese Dinge persönlich zu nehmen, mich tatsächlich zu engagieren. Ich hatte ihr also recht geben müssen, als sie sagte, dass es auf Dauer keine Lösung war, wenn ich an Projekten teilnahm, ohne davon überzeugt zu sein. Dass es keine Basis für ein weiteres Zusammenleben sein konnte, wenn sie ihre ganze Kraft in die Entwicklungszusammenarbeit stecken wollte, und ich nur mitmachte, um unsere Beziehung zu kitten. Ich war nicht wütend gewesen, als sie mich verließ, nachdem ich zehn Tage lang für das Projekt gearbeitet hatte. Zehn Tage lang Server aufgesetzt, Netzwerkarten installiert und Rechner konfiguriert hatte, damit einer der ärmsten Bezirke von Dakar ein Telefon- und Internetcenter bekam, dessen Services sich die Bewohner auch leisten konnten. Ich war nicht wütend, weil ich wusste, dass ich nur hier war, um die Gewohntheit unserer sechsjährigen Beziehung wieder herzustellen. Es war nicht schön gewesen zu erkennen, dass ich es nicht einmal aus Liebe getan hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, da waren Susanne und ich unschlagbar gewesen. Wir kümmerten uns nur um einander, der Rest lief blendend und ganz von selbst. Unsere Herzen waren ein Garten, unsere Liebe war wie das Tauchen in Milch. Aber die Liebe hatte uns vor Jahren verlassen, und wir hatten uns daran gewöhnt. Geblieben war am Ende nicht einmal eine Beziehung. Alles was wir hatten, war die Gewissheit, dass wir einander ertragen konnten. Trotzdem konnte ich gut verstehen, dass Susanne nichts als Verachtung für mich empfand, weil ich mich keine zwei Tage später in Maymouna verliebt hatte.
"Ich denke, es ist richtig, wenn du Susanna vergisst," holte mich Assane in unser Boot zurück. -- "Susanna? So viel ich weiß, heißt sie Susanne." -- "Susanna klingt schöner", Assane wirkte sehr entspannt. "Ich habe mit ihr gesprochen", fuhr er fort, "sie sagt, du warst einmal der Richtige für sie, aber alles hat sich geändert." -- "Das habe ich gemerkt." -- "Auch in Afrika ändert sich oft alles", meinte Assane, "aber in Europa gibt es den Vorteil, dass man sich immer wieder entscheiden kann." -- Ich lächelte: "Geschworen wird auf die Ewigkeit, gedacht wird in Wochen." -- "Ich denke, die Europäer wissen gar nicht, was für einen Luxus sie in dieser Sache haben: Susanna, Nadine, andere Bekannte aus Europa, alle sagen ‚Ja, Beziehungen habe ich schon einige gehabt, aber heiraten würde ich nur meine große Liebe.' Das muss man sich leisten können." -- So hatte ich das noch nie gesehen. Dennoch gab ich zu bedenken: "Aber wie soll man es mit jemandem ein Leben lang aushalten, wenn man ihn nicht wirklich liebt?" -- "Ich bin nicht sicher, ob es diese Liebe gibt", meine Assane, "alles ist immer auch ein Arrangement."
Am Tag nach meinem letzten Streit mit Susanne hatte Assane mich in sein Haus zum Abendessen eingeladen. Er leitete das Internetprojekt und im Gegensatz zu den vielen groß gewachsenen, selbstsicheren Männern, die ich hier kennen gelernt hatte, war er keine Schönheit. Sein Brustkorb war eingefallen, seine Schultern waren rund und sein Gesicht erinnerte mich an einen der Geier aus Walt Disneys Version des Dschungelbuchs. Aber er war meine Vertrauensperson geworden, eigentlich so etwas wie ein Freund. Neben französisch und italienisch sprach er fließend englisch, die einzige Fremdsprache, in der ich mich über den engen Rahmen technischer Anweisungen hinaus ausdrücken kann. Außerdem war er der einzige Senegalese, den ich jemals alleine gesehen hatte. Ob Frauen, Männer oder Kinder, Senegalesen waren immer in lärmenden Gruppen unterwegs. Assane hingegen wirkte auf eine hinfällige Art erhaben und schien in seiner Abgeschiedenheit manchmal genauso wenig hier her zu gehören wie ich. Jedenfalls war mir seine Freundlichkeit nach den hässlichen Szenen, die meine Beziehung beendet hatten, sehr willkommen, und ich nahm seine Einladung gerne an. Assane teilte eine Haus mit seiner Großmutter Esther, die sich trotz ihres hohen Alters über jeden Gast zu freuen schien und mich herzlich begrüßte. Im Hof des Hauses hatte eine kleine Frau einen Grillofen aufgestellt und bereitete Fisch zu. Einige Männer, die ich im Center noch nie gesehen hatte, standen neben dem Öfchen zusammen, und Assane stellte mich vor. Es entwickelte sich ein stockendes, oberflächliches Gespräch über Afrika und darüber, dass es schön war hier. Die meiste Zeit standen wir nur da und lächelten und sahen der kleinen Frau beim Grillen zu. Der Hof lag zwischen einem etwas abgewohnten, aber schönen Wohnhaus in französischem Stil und einem niedrigen Gebäude, dessen vorderer Teil als Küche diente. Am hinteren Ende wurde er von einem Hühnergehege begrenzt, zur Straße hin von einer Mauer, an der ein riesiger Hibiskusstrauch wucherte. In der niedrigen Küche dampfte ein Topf mit Sauce auf einer elektrischen Kochplatte. Assane schaffte flache Sessel und Polster heran und wir setzten uns zwischen der Küche und dem Hibiskusstrauch im Kreis, ein winziger Tisch wurde in die Mitte gestellt. Es war bereits ganz dunkel geworden und nur das Quietschen der Tür kündigte die Ankunft neuer Gäste an. Ein sehr hübscher Daffar und seine schwangere Frau Aminata nahmen bei uns Platz und zuletzt kam ein kleiner Kerl namens Mamadou. Damit waren wir offenbar komplett. Aminata war praktisch sofort zur kleinen Frau gegangen und beaufsichtigte die Fertigstellung des Abendessens, die Männer unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Manchmal sagte jemand etwas auf Französisch und ich lächelte und nickte. Nach einer kleinen Weile brachte Aminata einen Korb mit Weißbrot, die kleine Frau trottete mit einer riesigen Platte voll Sauce und Fisch hinter ihr her, stellte sie auf den schemelartigen Tisch und verschwand. Wer auch immer sie war, der gegrillte Fisch und die Zwiebel-Senfsauce, die sie zubereitet hatte, dufteten herrlich. Nur Besteck gab es keines. Assane murmelte "Bishmillah!" (3) und alle hauten rein. Nur ich verbrannte mir die Finger. Ich esse nicht gerne Fisch. Ich habe kein Problem mit dem Geschmack, oder damit, dass der Kopf noch dran ist, aber ich hasse Gräten. Und wann immer ich in den dunklen Haufen Fisch vor mir griff, war das erste, was ich spürte, ein Gestrüpp aus spitzen, bösartigen Gräten. Während die anderen unentwegt appetitliche Stücke aus dem Fisch brachen, sie ohne hinzuschauen mit den Fingern entgräteten und mit einem Tupfer Sauce verspeisten, gelang es mir nicht, ein einziges essbares Stück Fisch in die Finger zu bekommen. Also musste ich mich mit Brot begnügen. Ich hätte einen Büffel verspeisen können, aber ich musste mich mit wenigen Scheiben Brot begnügen, trank Bier, das Assane für mich besorgt hatte und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Niemand in der schmatzenden Runde sprach und auch ich schwieg, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich wäre zu blöd zum Essen. Hätten wir alle munter drauflos geplaudert, hätte ich das Quietschen der Tür vermutlich gar nicht gehört. So aber hob ich meinen Blick und sah eine junge Frau hereinhuschen. Assane sah ebenfalls auf und sagt freundlich: "Ah, Maymouna! Toogal!" (4) -- Und so setzte sich Maymouna neben mich, wo noch ein Hocker frei war. Assane stellte sie als Studentin vor, die während des Semesters bei Esther wohnte. Während sie mit Assane in dem selbstbewussten, stets ein wenig provokanten Ton, der mir auch bei den wenigen Frauen im Center aufgefallen war, einige schnippische Sätze austauschte, schien sie mich gar nicht wahr zu nehmen. Ich grinste verlegen und aß weiter mein Brot. Bisweilen tauchte ich ein Stück davon in die Sauce, um wenigstens diesen Genuss nicht zu versäumen. Als ich missmutig eines meiner letzten Brotstückchen in die Sauce stupfte, ertastete ich überrascht ein absolut grätenfreies Stück Fisch, das direkt vor mir am Teller lag. Das konnte nicht sein. In meiner Verzweiflung hatte ich praktisch jedes Stück Fisch, das ich irgendwie erwischen konnte, auf seine Grätendichte hin abgetastet. Dabei konnte mir nicht gut ein glattes Filet direkt vor meiner Nase entgangen sein. Egal. Ich aß und es schmeckte so fremdartig und wunderbar, wie ein glotzäugiger Fisch nur schmecken konnte. Die kleine Frau hatte die Haut mit vielen Schnitten perforiert und eine scharfe Paste tief ins Fleisch gerieben, die einem die Tränen in die Augen trieb und den Magen zum Jubilieren brachte. Gerade wollte ich eine Lobrede vorbringen, als ein weiteres prächtiges Stück Fisch vor mir auf den Tellerrand plumpste. Es kam von Maymouna. Sie sprach mit Daffar und obwohl nichts darauf hindeutete, dass sie meine Anwesenheit überhaupt registriert hatte, hatte sie als einzige meine Not erkannt und schnipste mir kleine Häppchen Fisch herüber. Sie brach ein Stück aus einem der Tiere, drückte die Gräten geschickt heraus und entfernte sie mit einem Wischer ihres Daumennagels. Dann ließ sie es vor mir auf den Teller kullern. Ihre Konturen zerflossen fast vollständig in der Dunkelheit und ich hätte nicht sagen können, wie sie eigentlich aussah, aber trotzdem war ich in diesem Augenblick in sie verliebt. Es war nur Fisch, aber nach meinen bisherigen Erlebnissen in Dakar kam es mir vor wie ein Wunder an Zärtlichkeit und ich war glücklich.
Der Boden unserer Piroge war mit zwei grob behauenen Planken ausgelegt, unter denen sich ölige Pfützen Wasser gesammelt hatten. Abdulaije kramte eine Angelschnur unter einem der Bretter hervor und warf sie aus. Er beobachtet die Leine, die sich zuckend durch die Wasseroberfläche schnitt. Offenbar konnte er ohne Mühe das Ziehen der Strömung von jenen Bewegungen unterscheiden, die vom Knabbern eines neugierigen Fisches herrührten. Assanes letzter Satz hing mir in den Ohren: "Alles ist immer auch ein Arrangement." -- "Das mag stimmen", führte ich unser Gespräch fort, "vielleicht ist die Liebe tatsächlich Luxus; eine Draufgabe für die, die wirklich Glück haben. Aber ich denke, die Möglichkeit, aus seinem Arrangement gegebenenfalls wieder auszusteigen, sollte jeder haben." -- "Im Senegal ist das für die Wenigsten so", meinte Assane trocken. "Nur jeder zehnte Mann hat Arbeit, für Frauen gibt es fast gar keine Jobs; heiraten, sich einen Mann suchen, das ist normalerweise die einzige Möglichkeit für eine Frau, sich abzusichern. Aber es gibt sehr viel mehr Frauen als Männer im Senegal und die Familien zerbrechen. Die Aussichten der meisten Frauen sind wirklich beschissen." Er machte eine kleine Pause und strich mit seiner Hand durch das gekräuselte Wasser unserer Bugwelle. "Man sollte also nicht allzu stolz sein, wenn man hier als reicher Weißer einem Mädchen den Kopf verdreht." -- Ich saß in einem winzigen Boot, rund herum gab es nichts. Keine Mangroven, keine Morgensonne auf den verschlungenen Wasserarmen, keine Pelikane, keinen Weg zurück.
Nach dem ersten Abendessen in Assanes Haus hatte er der kleinen Frau aufgetragen, mir ein Zimmer im Wohnhaus herzurichten, damit ich nicht gemeinsam mit Susanne im Haus des Internet Center leben musste. Zum Dank erklärte ich mich bereit, den Wagen, den ich für meine Zeit im Senegal gemietet hatte, für den Transport eines Generators zur Verfügung zu stellen, den ein Onkel von Assane dem Projekt vermacht hatte. Bis zu unserer Abreise in die Sine Saloum Region, wo der Onkel lebte, verbrachte ich herrliche Tage mit Assanes Familie. Mamadou, Assane, Maymouna, Esther, - die gesamte Belegschaft des Hauses wurde für mich zu einer Clique von Jugendlichen im Sommer. Wir aßen zusammen, lachten über jeden Witz, der sich mit den 50 Wörtern erzählen ließ, die wir an gemeinsamer Sprache zusammen brachten und gingen abends tanzen, wo der wilde Mbalax (5) uns einhüllte. Und wann immer mein Blick den von Maymouna traf, lächelten wir, ohne zu wissen, wer damit angefangen hatte. Die meisten Frauen in Dakar wirkten eher einschüchternd auf mich und waren aufgedonnert, als gäbe es keine Armut: Ihr Haar war zu Skulpturen geformt, deren Herstellung Stunden in Anspruch nehmen musste, jedes Kleid bestand aus Unmengen von Stoffbahnen, gemustert wie Sofabezüge aus den 70er Jahren. Stolz und lebenshungrig paradierten sie durch die sandigen Straßen wie verirrte Supermodells. Maymouna hingegen trug meist blaue Jeans und ein schlichtes T-Shirt, ihr Haar hatte sie glatt zurückgebunden. Sie hätte nicht schöner sein können, und wenn ich sie ansah, fühlte ich mich für einen Moment nicht fremd. Vielleicht war ich meiner Welt entglitten, allein in Afrika, ohne Ahnung, ohne Verständnis, blind und unfähig, Bedrohung und Alltag zu unterscheiden. Aber Maymouna hatte mich in einen Schoß gebettet, in dem ich willkommen war; mit einer Geste von intimer Freundlichkeit, die in der westlichen Welt unbekannt war, zu der dort niemand im Stande gewesen wäre. Ich stellte mir den Duft ihrer schwarzen Haut vor und ich war neugierig wie der erste junge Mann, der sich je einer jungen Frau genähert hat. Eines Abends, es war schon still geworden in Esthers Haus, kam Maymouna in mein Zimmer. Ich hätte sie nicht gehört, aber als sie die Türe öffnete, fiel der Lichtstrahl einer Lampe am Hof genau vor mir an die Wand. Ich drehte mich um, Maymouna kam die wenigen Schritte auf mich zu und küsste mich. Ohne ein Geräusch war sie wieder verschwunden. Mehr war nicht geschehen. Aber irgendjemand hatte sie in mein Zimmer huschen oder es verlassen sehen, und am nächsten Tag waren wir das Stadtgespräch. Es hatte wenig Sinn, große Erklärungen abzugeben. Ich hatte Esthers Gastfreundschaft ausgenutzt, um mich an ein junges Mädchen heranzumachen, das in ihrem Haus lebte. So sah das aus. Vom frühen Morgen an hatte es einige Aufregung gegeben, Maymouna war nirgends zu sehen gewesen und Assane hatte mich noch vor dem Frühstück zum Aufbruch gedrängt. Die Fahrt in die Sine Saloum Region hatten wir schweigend zurückgelegt. Auf Assanes Anraten hin sollte ich die Tage bis zu meinem Abflug im Haus des Onkels mit dem Generator verbringen, der mir mit unlesbarer Miene ein Zimmer mit Blick auf den Fluss anbot. Ich wusste nicht, ob er über meine Eskapaden im Bilde war. Assane sah ich erst wieder, als wir am nächsten Tag das Boot bestiegen. Ich hatte nichts zu dem Vorfall gesagt, also tat er es. Und er hatte einen guten Platz gewählt: In einem kleinen Boot am brackigen Wasser des Saloum Deltas konnte ich nicht gut ausweichen. Ich fühlte mich ertappt und bloßgestellt, der Küsserkönig unter den Sextouristen, und Assane lächelte beim Anblick meiner bußfertigen Miene: "Ich glaube trotzdem nicht, dass du für Maymouna nur ein Ticket bist", meinte er. -- "Ein Ticket?" -- "Nach Europa. Ins Land der Super-Versorger." Assane hatte offenbar nicht vor, mich zur Rede zu stellen, oder mich für was auch immer zur Verantwortung zu ziehen. Was geschehen war, war geschehen. Aber während sich unser Boot langsam durch das gleißende Wasser schnitt, machte mir Assane klar, wie es auf der anderen Seite meiner Urlaubsromanze aussah:
Am Tag als Maymouna von ihrem Vater Moussa Traore verstoßen worden war, hatte ihr ihre Schwester Mariama die Geschichte ihrer Hochzeitsnacht erzählt: Mariama war 25 Jahre älter als Maymouna und in der Nacht nach ihrer Heirat mit Thione Diallo feierten die Familien der Brautleute bis zum Morgen die Vermählung ihrer Kinder. Im einzigen Raum ihres kleinen Hauses hatte Mariama das Laken auf die Bastmatte gebreitet, das Hirsestroh am Dach war frisch und roch nach Erntezeit. Draußen im Dorf hörten sie ihre Verwandten lachen und essen, das Tam Tam tönte durch die Dunkelheit. Es war kalt, als sich Thione erhob, sich mit dem Messer in den Daumen schnitt und das Laken mit dem jungfräulichen Blut seiner Hand verzierte. Als die Sonne am nächsten Tag aufgegangen war, trat Mariama mit Thione vor das Haus und präsentierte im Jubel des halben Dorfes ihren Eltern und Schwiegereltern das blutige Laken. -- "Man sollte leben wie man es für richtig hält", hatte sie zum Abschied zu Maymouna gesagt. "Wir mussten es verbergen, du musst das jetzt nicht mehr." -- Maymouna war nicht dazu erzogen worden, etwas zu verbergen. Wie Mariama war sie von Nafissatou, der ersten Frau ihres Vaters, erzogen worden, da dessen zweite Frau Ngone selbst fast noch ein Kind war, als sie mit Maymouna schwanger wurde. Auch die junge Ngone wurde von Nafissatou zu einer Frau erzogen. Ohne Groll, ohne Bosheit. Obwohl Ngone ihr die Liebe ihres Lebens zerstört hatte. Als Nafissatou fast zwanzig Jahre vor Ngones Geburt ihren Moussa geheiratet hatte, waren alle in ihrem Dorf sicher, dass sie damit das Glück ihres Lebens gemacht hatte. Moussa war der fleißigste Mann am ganzen Saloum - Fluss und während ihm seine Frau in rascher Folge Mariama, ein wunderschönes Mädchen, Mamoussa, den späteren Ringkämpfer (6) und die stille Oumou schenkte, betraute ihn ein französischer Händler mit der Leitung eines Handelspostens nahe der Mündung des Sine in den Saloum. Nach Erlangung der Unabhängigkeit wurde Moussa sogar gestattet, den Handel selbst weiterzuführen. Moussa Traore war eine Respektsperson geworden: gläubig, streng, gerecht und reich. Und Nafissatou war seine Frau. Sie wurde geachtet, respektiert und beneidet. "Warum sollte so ein Mann mit nur einer Frau zufrieden sein?", wurde oft gefragt. "Die Zeiten sind schlecht," hörte man die Menschen klagen, "und während Moussa Traore sein vieles Geld auf so wenige Mäuler verteilt, müssen wir hungern." "Ist so der Sohn eines Dorfes zu seinem Dorf?" hört man die Menschen klagen. "Wir leisten die Arbeit auf den Feldern und er, der Freund der Marabuts (7), bekommt das Geld dafür." -- Die Zeiten wurden noch schlechter. Der erste Präsident der unabhängigen Republik Senegal wurde zum ersten senegalesischen Präsidenten in Ruhe und zog sich nach Paris zurück. Andere kamen, die man am Land auch nie zu Gesicht bekam, die Preise für die gerte (8) fielen. Die Männer saßen zu Hause bei ihren Frauen und die Frauen sprachen davon, dass ein Mann wie Moussa eine Frau wie ihre Tochter gebrauchen könnte. Damit wäre Moussas Wohlstand auch der Wohlstand der Tochter und für eine gute Tochter gab es keinen Grund, den neuen Wohlstand nicht mit ihrer Familie zu teilen. Davon sprachen die Frauen so lange, bis die Männer ihr Weniges zum Marabut brachten, damit er für das Glück der Familie beten und Allah Moussas Herz den Reizen ihrer Töchter öffnen würde. Moussa sah die vielen Töchter und Moussa sah auch die große Not. Aber er war Nafissatous Ehemann und obwohl er das Recht auf vier Frauen hatte, hatte er ihr das Versprechen gegeben, auf sein Recht zu verzichten. Wenn auch Platz war in seinem Haus, sein Herz sollte erfüllt sein von der Liebe zu Nafissatou. Das sagte er sich, das sagte er Nafissatou, und das sagte er dem Marabut, der ihn an seine Pflicht als wohlhabender Mann erinnerte. -- "Von einem Recht nicht Gebrauch zu machen, das einer armen Familie den Unterhalt sichern kann, ist ein Unrecht," sagte der Marabut. Moussa Traore war ein gläubiger Mann, Freund der Marabuts, wohlhabend, streng und gerecht. Ngone Ba war achtzehn Jahre alt, ihr Hintern wölbte ihren verschlissenen Boubou und ihre Brüste standen steil nach vor. Moussa wollte kein Unrecht begehen, sie wurde seine zweite Frau.
Es hatte eine Weile gedauert, bis ich mich an Assanes Art des Geschichtenerzählens gewöhnt hatte. Namen, Laken, Erdnüsse und Präsidenten wirbelten durch meinen Kopf und setzten sich erst langsam zu einem Bild von Maymounas Leben zusammen.
Nafissatou blieb Moussas Frau. Seine erste Frau. Sie wurde geachtet und respektiert, aber beneidet wurde sie nicht mehr. Beneidet wurde jetzt die junge Ngone. -- "Warum sie?" keiften alle Mütter, die Ngone nicht geboren hatten. -- "Sieh sie dir doch an," sagten alle Männer, die Ngone nicht bekommen hatten. -- "Was ist mit dir?" fragte Moussa seine Nafissatou. -- "Ich bin noch in deinem Haus, aber ich bin nicht mehr in deinem Herzen," sagte Nafissatou. "Ich bin die Mutter deiner Kinder und werde auch Ngone eine Mutter sein. Aber ich werde nicht mehr deine Frau sein." -- Sie sah an ihrem alternden Körper hinab und sie schämte sich für ihren Mann. Die Not lindern. Seine Pflicht tun. In der Nacht hörte sie ihn über Ngone schnauben. Maymouna wurde als Erste geboren. Wenn es möglich war, war sie noch schöner als Mariama, ihre älteste Schwester. Dann kamen Madieng und Aylin. Viele Frauen rächten sich für die Schmach, die die Jüngere bedeutete, dadurch, dass sie der Jüngeren das Leben zur Hölle machten. Wenn sie selbst einmal kochten, verprassten sie dabei das Geld für eine Woche und schimpften dann über die Unfähigkeit der Jungen, das Geld zusammen zu halten. Kochte die Jüngere, taten sie Salz in den Laax (9) und schlugen die junge Köchin, weil sie dem Mann das Essen verdorben hatte. Hatten sie nichts zu tun, verfluchten sie die Familie der Jüngeren und spotteten über die Brut von Verrückten, die sie hervorbrachte. In der Regel waren die jungen Frauen die Pension der alten Frauen und die alten Frauen gaben den jungen Frauen all die Schmach und Prügel weiter, die sie in ihrer Jugend selbst hatten einstecken müssen. Nafissatou war anders. Sie rächte sich nicht an Ngone für die Schmach, die Moussa ihr angetan hatte. Um Ngone kümmerte sich die Zeit, die ihren Hintern welk und ihre Brüste schlaff werden ließ. Sie rächte sich auch nicht an Ngones Kindern. Sie zog sie mit all ihrer Liebe und all ihrem Wissen groß, als wären es ihre eigenen. Sie rächte sich an Moussa, indem sie seinen Kindern einen größeren Horizont gab, als er ertragen konnte. Sie selbst wusste nicht, wie die Welt jenseits von Fatick aussah, wohin ihre weiteste Reise sie geführt hatte. Aber sie wusste, dass es in Dakar die Universität gab. Ihr Sohn Mamoussa brachte an einem Tag mehr Ernte ein als zwei Männer seines Alters und zwei ältere Männer zusammen. Er verstand das Land, er verstand den Boden, er konnte zählen und er war hart. Wenn es möglich war, würde er den Handel noch besser betreiben, als sein Vater es getan hatte. Ihre Töchter Mariama und Oumou waren längst verheiratet, also war Maymouna das Kind, das Nafissatou auf ihre Idee brachte: Maymouna war gescheit und fleißig und als Nafissatou die Männer schachern und die Frauen keifen hörte, noch bevor Maymouna richtig laufen konnte, beschloss sie, ihr den Weg zu ebnen. Maymouna würde die Schule besuchen, genauso wie Madieng und Aylin. Nur, in ihrem Dorf Soum gab es keine Grundschule. -- "Was willst du machen?", fragte Moussa sein Frau: "Madieng und Aylin gehen in die Dahra (10). Maymouna wird heiraten wie ihre Schwestern." Für ihn war das Thema erledigt. Aber Nafissatou blieb hart: "Maymouna geht in die Grundschule. Und ihre Brüder auch. Selbst wenn sie nur deine Kinder sind, ich werde sie nicht in die Hände der Marabuts geben." -- Die nächste Grundschule war in Fatick, wo Ouleymatou Ba lebte, eine von Ngones Tanten. Bei der Hochzeit war sie in Soum eingefallen mit ihrem Mann, seinen zwei jüngeren Frauen, ihren Söhnen, Töchtern, Nichten, Neffen, Brüdern und Schwestern und hatte alles an Geschenken an sich gerissen, was Ngone zugestanden wäre. Sie selbst hatte ein paar alte Tücher mitgebracht, die angeblich der ganze Stolz der Familie waren. Seit damals hatte sie bei jeder Gelegenheit ihre Wut und Verzweiflung darüber ausrichten lassen, dass die reiche Ngone sich niemals ihrer armen Verwandten im dreckigen Fatick besann, sondern all den Wohlstand und die Pracht ihres Lebens als Händlergattin für sich alleine beanspruchte. Maymouna zog nach Fatick, wo sie in Empfang genommen wurde wie ein Schlachtopfer. -- "Ouleymatou lässt mein Kind arbeiten und im Ziegenstall schlafen. Und dafür will sie auch noch Geld!" Moussa war außer sich. "Hast du Ngone nicht wegen deiner Verantwortung als reicher Mann geheiratet?", entgegnete Nafissatou. "Jetzt trage sie, die Verantwortung. Zahlbar in Boubous und Pagnes (11) aus kostbarem Tuch, Geld und Getreide und wochenlangen Besuchen von Ngones Sippe, die trotz all dieser Zuwendungen niemals müde wird, das schwere, schwere Leben der Familie zu beklagen. Du bist der reiche Mann, der sich das leisten wollte." -- Moussa war müde, und sein Groll wuchs. Er sah Maymouna mit Bestnoten die Aufnahmeprüfung für die Oberschule bestehen, und auch Madieng entfernte sich mit jedem Jahr des strebsamen Lernens von der Welt seines Vaters und ihren Werten.
Aylin hatte es nicht gebracht. Ähnlich wie unser Steuermann Abdulaije war er Fischer geworden und schipperte irgendwo ein Boot durch den Sumpf. Abdulaije hatte sich seine Fischerleine um den großen Zeh gewickelt und starrte auf das reglose Wasser. Nichts hatte angebissen, die Fischerei ging schlecht. Maymouna und Madieng aber waren damals die Revolution gewesen, in ihrem Dorf. Assane sprach weiter und seine Erzählung ließ die Umstände ihres Lebens vor mir Gestalt annehmen, so klar und direkt, als wäre ich dabei gewesen.
Nafissatou war unerbittlich und Maymounas Erfolge gaben ihr recht. Nach bestandener Eignungsprüfung für das Gymnasium ließ ihr Lehrer den Eltern ausrichten, dass es klug wäre, Maymouna ein Gymnasium in Dakar besuchen zu lassen, um sie auf ein mögliches Studium vorzubereiten. -- "Frag deinen Marabut, ob er in Dakar eine Familie kennt, bei der Maymouna wohnen kann", sagte Nafissatou zu Moussa. -- Damit begann der erste große Streit im Haus Traore. Er zog sich über den ganzen Sommer. Es regnete, der Saloum schwoll an, die Hitze drückte schwer und feucht und Moussa verlor Zentimeter um Zentimeter in der erbarmungslosen Schlacht gegen seine erste Frau. Als Ngone eines Abends stichelte, warum er, der Mann im Haus, nicht das letzte Wort über die Zukunft ihrer Kinder hatte, prügelte er sie, bis sie zu Nafissatou floh. Die folgenden Wochen waren schwer. Das Geschäft ging schlecht, die Politiker ließen jede Woche vorrechnen, wie die Auflagen der Weltbank erfüllt wurden und der ganze Senegal damit auf dem richtigen Weg war, aber der ganze Senegal litt unter den verordneten Maßnahmen gegen die Krise mehr, als er je unter der Krise gelitten hatte. Moussa war Händler und gewohnt, dass das Geld rasch durch seine Hände ging. In den guten Tagen hatte er verabsäumt, in Grundbesitz zu investieren. Jetzt war sein Marabut Herr über die Ländereien mit deren Erträgen Moussa handelte, aber diese Erträge waren nichts mehr wert. Und weil der Marabut sich selbst näher war, als der gläubige und strenge Moussa es je sein konnte, ging es dem Marabut leidlich und Moussa ging es schlecht. Er war noch immer wohlhabender als alle im Dorf, aber das Werk seines Lebens bröckelte unter seinen Händen weg, bevor er es an seinen starken Sohn Mamoussa hatte übergeben können. Moussa saß in seinem Haus und sein Groll verfinsterte sich zur Wut. Ngones Klagen hingen in seinen Ohren, Ouleymatous Geschrei, die sich schon wieder vom schwindenden Reichtum der Familie Traore ausgeschlossen sah, hallte über die Ebene von Fatick bis Soum und Nafissatous Kälte war in Verachtung umgeschlagen. Moussa dachte: "Nafissatou hat meine Tochter Maymouna, mein Fleisch und Blut, dieses Mädchen, in dessen Körper kein Tropfen ihres Blutes fließt, zu einem Werkzeug gegen mich gemacht." Mochte der Handel schlecht gehen, mochten seine Gebete unerhört bleiben, aber die Herrschaft über sein Haus und die, die darin lebten, würde er nicht aufgeben. Er rief die Familie zusammen und tat seine Entscheidung kund: "Maymouna wird nicht nach Dakar gehen." "So?" fragte Nafissatou, "Ngone hat dir eine intelligente Tochter geboren. Klug und stark genug, das Leben in deinem Dorf hinter sich zu lassen und in der Stadt all das Geld zu verdienen, das du verloren hast. Aber sie ist es dir nicht wert. Ngones Kind ist es dir nicht wert, eine Zukunft zu haben." -- Ngone wagte nicht, dieser Rede etwas hinzuzufügen, aber das Funkeln in ihren Augen machte Moussa klar: die beiden Frauen in seinem Haus waren einig und gegen ihn. Er hatte verloren. Nafissatou hatte er verloren, als er Ngone genommen hatte und Ngone, als er sie geschlagen hatte, wie ein Trunkenbold. Maymouna saß im Kreis ihrer Familie und weinte. Sie war in die Grundschule geschickt worden und hatte gut gelernt. Sie war das einzige Kind aus ihrem Dorf, das die Oberschule besucht hatte, und es war ihr schwer gefallen, die fremde Stadt, die fremden Kinder, die strengen Lehrer und das harte Leben in Ouleymatous Haus zu ertragen. Aber sie hatte es getan, weil sie ihre Familie stolz machen wollte. -- Moussa sagte: "Du bist ein Werkzeug, das gegen mich verwendet wird. Du kennst meinen Willen und gehorchst nicht. Du bist nicht länger meine Tochter."
Die Sonne brannte auf den Saloum nieder und Abdulaije hatte unsere Piroge zur Insel Mar Lodj gesteuert. Die Insel war von keinem nennenswerten Reiz, aber mitten in dem sumpfigen, brütenden Mangrovendschungel war sie das einzige begehbare Stückchen Land. Das hatte sie zu einem beliebten Ziel bei den Touristen gemacht, die bei FLAM Reisen einen Tagesausflug in das "sehenswerte Sine Saloum Delta" gebucht hatten. Assane wehrte ohne ein Wort die Händlerinnen ab, die mit Körben, Puppen und Kalebassen auf uns zugerannt kamen, kaum dass sich der Bug unseres Bootes im Uferschlamm festgefahren hatte. Ich staunte. Die Frauen hier boten die gleichen Souvenirs an wie die Straßenhändler in Dakar. Offenbar gab es hier eine Kitsch-Mafia, ähnlich wie bei den Ausstattern von China-Restaurants in meiner Heimat.
Nafissatou hatte über eine Verwandte von Esther gehört, die ihr Haus jungen Mädchen vom Land zur Verfügung stellte, um wenigstens einigen das ewig gleiche Schicksal zu ersparen, in Dakar häuslichen Tyrannen oder weißen Päderasten in die Hände zu fallen. Die Bildungspolitik der Republik war gescheitert, Stipendien gab es kaum mehr und Esther hatte ohne Aufregung beschlossen, das Wenige zu geben, das ihr zur Verfügung stand und damit wenigstens einigen der Zuwanderer ein geregeltes Leben und den Besuch einer Schule zu ermöglichen. Von den Vielen, die nach Dakar kamen, weil es in ihren Dörfern nichts mehr zu holen gab, waren die Kindermägde die Schutzlosesten. Die sozialen Strukturen in ihren Dörfern brachen zusammen, die Familien konnten keinen Rückhalt und keine Zukunft mehr bieten, man hatte ihnen nichts beigebracht. Sie wussten nichts über ihre Körper, nichts darüber, wie man sich seine Gesundheit erhielt oder was eine angemessene Gegenleistung dafür war, auf einem Stück Karton schlafen und das Wenige essen zu dürfen, das ein armer Mann überlassen wollte. Ihnen bot Esther ihre Hilfe an, denn Dakar war eine harte Stadt geworden. Die Illusion der Gründerjahre der Republik, Dakar zu einer westlichen Metropole zu machen, war geplatzt. Geblieben war eine Filiale für die Interessen der Mächtigen in Frankreich, deren Bewohner den Glauben an ihren Aufstieg verloren hatten und in den Tag hinein lebten. Täglich kamen mehr Menschen aus den Dörfern und rund um das frankreichhörige Zentrum der Eliten entstanden Slums. Niemand dachte an den Stolz, ein weltoffener Schwarzer zu sein. In den Köpfen gärten Unzufriedenheit und Drogen, es gab keinen Zusammenhalt mehr. Wer etwas besaß, lief Gefahr, beraubt zu werden. Wer nichts hatte, konnte noch immer vergewaltigt werden. Maymouna hatte die Kämpfe erlebt, die die Entscheidung ihres Vater ausgelöst hatten. Tägliches Geschrei, der Spott des Dorfes, die Tanten, Nafissatous stille Qual, ihrer Tochter all das anzutun; die Erniedrigung, eine Frau um Quartier zu bitten, die ihr Leben den Ärmsten widmen wollte. Aber Maymouna war arm genug. Esther lobte sie für ihre Leistungen in der Schule und meinte, sie werde im Gymnasium gute Erfolge haben. Es freute sie, eine junge Frau im Haus zu haben, die vielleicht traurig und verwirrt war, aber nicht hoffnungslos. Meist verließen die Mädchen Esthers Hafen nach einem Jahr oder früher, brachen die Schule ab, wurden schwanger und lebten als heulendes Elend an der Seite eines Taugenichts, der von Europa träumte und in Dakar nichts anfassen wollte, weil es ihn bloß hindern würde, käme nur endlich seine Chance. Maymouna schien die Anlage zu haben, ihrer Helferin einmal eine Freude zu machen. Vielleicht schaffte sie es bis auf die Universität. Vielleicht war sie das eine Mädchen aus den Fünfzig, die bei Esther gelebt hatten, das es schaffte, eine gebildete, qualifizierte Fachkraft zu werden und als Schwarze in Dakar gute Arbeit zu leisten. Das hätte Esther viel bedeutet, dafür wollte sie noch recht alt werden.
Abends in meinem Zimmer im Haus von Assanes Onkel goss ich mir eine Handvoll Wasser in den Nacken. Beim Abwinkeln der Arme spannte meine Haut. Unsere Fahrt mit Abdulaijes Piroge hatte mich mit der Kraft der subtropischen Sonne bekannt gemacht, die den ganzen Tag lang wie eine Herdplatte am Himmel gestanden war. Müde vom unablässigen grellen Glitzern des Wassers, der dumpfen, feuchten Hitze und Assanes mäandernder Erzählung setzte ich mich auf mein Bett. Vor dem Fenster spiegelte sich der Mond im Saloum, im Hof erkannte ich im Gewirr der Stimmen Assanes unaufgeregten Tonfall. Mit mir hatte Assane nicht mehr gesprochen, seit er seine Geschichte mit dem knappen Satz: "Auf die Universität hat sie es inzwischen geschafft - Esther ist sehr stolz" beendet hatte. Falls er sein Schweigen als Aufforderung, Stellung zu nehmen, verstanden hatte wissen wollen, war ich ihr nicht nachgekommen. Er hätte mir einfach sagen können, dass ich Maymouna gefälligst in Ruhe lassen sollte, aber mir ihre Geschichte zu erzählen, hatte mich tief in ihre Angelegenheiten verstrickt. Kraus und verworren wie die Sumpflandschaft um mich waren die Gedanken durch meinen Kopf gezogen und erst jetzt, lange nachdem ich das Boot und seine gleichförmigen Geräusche hinter mir gelassen hatte, begann sich das grüblerische Dickicht, in das ich geraten war, zu klären. Assane liebte sein Land und war stolz auf das, was es sein konnte. Aber er sah auch, dass die Vision eines weltoffenen, starken Afrika, mit der sein Land in die Unabhängigkeit gestartet war, niemandem mehr etwas zu bedeuten schien. Daran gab er nicht etwa der Weltbank die Schuld, oder den Politikern, oder den Franzosen. Er gab die Schuld sich und seinen Leuten. Er sah es als seine Aufgabe an, den Traum davon, wie Schwarze leben könnten, wieder zu stärken. Und er hatte mir klar gemacht, dass Maymouna im Begriff war, genauso zu leben, wie Esther und er und vielleicht auch eine Menge anderer Senegalesen sich eine bessere Zukunft vorstellten: Die drückende Enge der konservativen Tradition hinter sich lassen, mit den Werten dreier Welten leben, den Werten Afrikas, des Islam und Europas, und wissen, dass keine dieser Welten der anderen überlegen war; die Wahl haben und sich das Beste nehmen, für eine neues Afrika. So sollte die Zukunft für die Menschen hier aussehen, wenn es nach Assane ging. Deshalb gab es ein Internet Center, in dem seine Landsleute etwas lernen konnten. Deshalb wollte er wenigstens für ein paar von ihnen Arbeitsplätze schaffen. Und dann war ich gekommen und hatte auch Maymouna die Sehnsucht nach Europa ins Herz gerammt, die sie vielleicht hindern würde, als selbstbewusste Schwarze in Afrika zu leben und zu arbeiten, ohne in den Westen zu schielen und das, was man im Senegal erreichen konnte, für minder zu halten. Vielleicht maß ich mir und meinem Begehren - meiner Liebe? - auch eine unproportionale Rolle in Maymounas Leben zu, aber ich war erstmals in der Lage, mehr zu sehen, als nur ihr Lächeln und ihre schwarze, duftende Haut.

Anmerkungen:
(1) Affenbrotbaum
(2) westafrikanischer Bootstyp
(3) "Mahlzeit!"
(4) "Setz dich!"
(5) senegalesischer Pop
(6) traditionell wird der stärkste Mann eines Dorfes dazu auserwählt, seinen Heimatort in den regionalen Wettkämpfen im Ringen zu vertreten, dem senegalesischen Volkssport
(7) Geistlicher und Gelehrter im schwarzen Islam, im Senegal häufig Angehöriger einer islamischen Bruderschaft
(8) Erdnüsse, die "cash crops" des Senegal
(9) Hirsebrei mit süßer Milch
(10) Koranschule
(11) traditionell senegalesische Kleidungsstücke, die bei feierlichen Anlässen als Geschenke überreicht werden




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Eingereicht am 01. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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