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Der Gepard und der Farmer

©  Marzena G.


Die Sonne brennt sengend in Namibia. Feuer entzünden sich im dürren Gras und fressen sich kilometerweit durch die Steppe, nur gestoppt durch den sich drehenden Wind. Und auch wo die Strahlen der Sonne kein Feuer entfachen, sind sie heiß, so heiß, dass die Landschaft in der Hitze flimmert. Die Sonnenuntergänge sind kurz und knallorange. Die Sonne hängt wie ein riesiger Ball aus Feuer am Himmel und sinkt. Von einem Augenblick auf den nächsten bricht die Nacht über die Steppe herein. Der Gepard streckt seine schlanken Glieder und legt sich zum Schlafen nieder.
Walther stand auf noch bevor die Sonne aufging. Der Tag eines namibischen Viehzüchters war lang. Mittags in der größten Hitze ruhte er sich im Schatten eines Baumes aus und schaute seiner Karakulschafherde beim Trinken zu. Der Fluss, der in der regenreicheren Zeit durch sein Grundstück floss und in der regenarmen Zeit versiegte, bildete an dieser Stelle einen kleinen See. Vom See wehte ein leichter Wind, der nur wenig kühler war als die umgebende Luft. Walther strich sich ein paar feuchte blonde Haarsträhnen aus dem Gesicht. Er kam am Mittag gerne hierher. Das Wasser schimmerte in der Mittagshitze. Die gesamte Oberfläche des Sees war mit Wasservögeln bedeckt, sie schienen selbst ein Teil der Sonnenlicht reflektierenden Wellen. Ab und zu erhob sich einer der Vögel in die Luft und kreiste über dem See und der Schafherde. Walther stieß sich seinen Hut tiefer ins Gesicht und döste.
Nachmittags kehrte er zurück zum Hof. Seine Schwester erwartete ihn mit dem Abendessen. Vera war trotz der guten medizinischen Versorgung in einem Windhhoeker Krankenhaus in ihrer Kindheit so schlimm an den Masern erkrankt, dass sie erblindet war. Mit Hilfe ihrer Ovambo-Haushälterin Uburu fand sie sich jedoch gut im Haus zurecht. Sie setzten sich an den Tisch zu einem einfachen Mahl aus Schaffleisch und Brot.
"Es gibt schlechte Nachrichten", eröffnete Vera das Gespräch. Sie tastete nach dem Besteck. Walther drückte ihr Messer und Gabel in die Hände und sie lächelte. Vera bestand darauf, ihr Fleisch selbst zu schneiden. Sie suchte mit ihren Fingern nach dem Rand des Tellers und stach ihre Gabel mit einer eleganten Handbewegung in ihr Fleisch. "Einer der Jungen hat ein halb gefressenes Schaf gefunden. Es wurde wohl erst heute Morgen von irgendeinem Raubtier gerissen."
"Wahrscheinlich wieder ein Gepard." Walther sah seiner Schwester nachdenklich beim Essen zu.
Kein anderes Raubtier ließ die Hälfte seiner Beute zurück. Ein Gepard war nicht stark genug, seine Beute gegen andere Räuber zu verteidigen. Er fraß so viel er konnte und überließ den Rest den Aasfressern.
Am nächsten Morgen legte Walther mit seinen Männern ein paar Fallen in der Nähe der Stelle aus, an der sie das gerissene Schaf gefunden hatten. Die Fallen ständig zu überprüfen war mühselig und langwierig. Tage verstrichen. Walther trug stets seinen Revolver bei sich, um den Räuber zu erschießen. Aber alles, was er in den Fallen fand, waren ein Stachelschwein, mehrere Warzenschweine und ein Honigdachs. Zum Glück verlor Walther keine weiteren Schafe, einer der Jungen stieß jedoch auf Kudu-Überreste.
Nach vier Tagen bemerkte Walther morgens die Staubwolke eines Jeeps am Horizont. Das Fahrzeug hielt vor dem Hof und eine hübsche brünette Frau mit riesiger Sonnenbrille stieg aus. Sie sah unanständig gepflegt und forsch für diese frühe Stunde aus in ihrem braunen kurzärmeligen Safari-Anzug. "Walther Krüger?"
"Wer will das wissen?" Walther war zu nichts zu gebrauchen vor seinem morgendlichen Kaffee.
Sie trat näher und streckte die Hand aus. "Mein Name ist Claire Duner. Ich komme von der CPO, der Cheetah Preservation Organisation." Sie erwiderte seine Frage auf Eglisch.
Walther stöhnte innerlich. So etwas hatte ihm gerade noch gefehlt. Er musterte die Frau ungehalten.
Claire zog langsam ihre Hand zurück. "Ich habe erfahren, dass sie vermutlich Probleme mit einem Gepard haben", fuhr sie zögernd fort.
"Soso, und wie genau haben sie das erfahren?" Walther verfluchte in Gedanken die Ovambo-Jungs, die für ihn arbeiteten, bestimmt hatte einer von ihnen geplappert.
"Ich habe sie hergebeten." Walther fuhr herum. Vera stand in der Haustür. "Warum, um Himmels Willen?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Warum nicht? Du hast schon früher Geparde geschossen. Und? Hat es was gebracht? Es kommen immer Neue und reißen die Schafe."
Claire starrte die beiden verwirrt an. Sie verstand wohl kein Wort deutsch. Walther dachte kurz über Veras Einwand nach. Irgendwie hatte sie ja schon recht. Schließlich rang er sich dazu durch, Claire auf einen Kaffee hereinzubitten. Irgendwie sah sie ja auch ganz nett aus. Sie traten ins Haus. Vera tastete sich vor ihnen durch den Flur.
"Your sister is blind?" Ihre Schwester ist blind? Claire klang überrascht und mitfühlend. Das war das erste, was in Walthers Augen wirklich für sie sprach. Er nickte. Sie gingen ins Wohnzimmer und ließen sich von Uburu frischen Kaffee aufbrühen und Frühstück bringen.
"Wir müssen die Geparde in der freien Wildbahn schützen. In den beengten Naturreservaten haben sie schlechte Karten gegen Löwen und Leoparden", erklärte Claire und nippte an ihrem Kaffee.
"Ich habe das Recht, einen Gepard, der meine Schafe reißt, zu schießen", wandte Walther ein.
"Sofern sie es zum Problemtier erklären."
"Ist ein Gepard, der Schafe reißt, etwa kein Problemtier?" Sie starrten sich gegenseitig an.
"Keiner will ihnen ihr Recht, ihre Herde zu schützen, nehmen. Aber der Gepard ist eine bedrohte Spezies. Die weltweit größten Bestände an Geparden befinden sich auf Farmland. Der Erhalt der Spezies liegt in ihren Händen!" "Als gäbe es nicht genug von den Viechern! Nur weil wir Farmer die anderen Raubkatzen hier fast ausgerottet haben, haben die es jetzt so gut auf unserem Land", fauchte Walther.
"Sie können doch nicht im Ernst behaupten, dass sie darauf auch noch stolz sind?" Claire schaute ihn aus traurigen Augen an. Sie hatte die Sonnenbrille längst abgenommen. Sie lag auf dem Tisch zwischen Kaffee und Marmeladentoast. Ihre Augen waren wunderschön.
Walther senkte den Blick. "Nein, natürlich nicht. Aber ich habe hier einen Hof zu führen. Und meine Schwester--"
"Ich kann für mich selbst sprechen", unterbrach ihn Vera.
Claire blickte Walther verwundert an. "Ihre Schwester scheint doch ganz gut zurecht zu kommen."
Das ist nicht der Punkt", grummelte Walther.
"Hören sie sich doch wenigstens mal an wie wir arbeiten."
In der nächsten Stunde erläuterte Claire Walther die Methoden der CPO. Die Organisation fing die Tiere und verfütterte mit Übelkeit erweckenden Mitteln versetztes Nutztier-Fleisch an sie, um ihnen abzugewöhnen, das Vieh der Farmer zu reißen. Die Erfolgsquote war recht hoch. Walther musste zugeben, dass es ganz interessant klang. "Wir haben schon mit vielen Farmern zusammengearbeitet", endete Claire. Auf Veras Drängen verabredete sich Walther für den nächsten Tag mit ihr und verbrachte den Rest des Tages damit, die Fallen abzubauen. Er dachte die ganze Zeit an ihre Augen.
Claire wollte als erstes die Stellen sehen, an denen sie die Beute gefunden hatten. Sie hatte hinten in ihrem Jeep einen großen Käfig mitgebracht, in dem der Gepard unverletzt gefangen werden sollte. Die Sonne war gerade aufgegangen, und es war noch angenehm kühl. Es duftete nach Gras, und die Vögel sangen. Die Beiden bewegten sich in einer Spirale, ausgehend von der zweiten, neueren Stelle. Sie beobachteten jeden Baum in der Umgebung mehrere Stunden lang aus der Ferne auf der Suche nach dem 'Spielbaum' des Geparden. "Ein Gepard kehrt immer wieder zu seinem Spielbaum zurück", erklärte Claire. Glücklicherweise gab es nicht allzu viele Bäume in der kargen Steppe. Walther fand nach einiger Zeit Gefallen an diesen Stunden des Lauerns. Still und leise, um den Gepard nicht abzuschrecken, lagen sie gemeinsam im Gras mit ihren Ferngläsern und beobachteten die Umgebung. Walthers Blick wanderte immer wieder zu der schlanken Taille der in Beige gekleideten Frau neben ihm.
Endlich, gegen Ende des zweiten Tages sah Claire genauso derangiert und verschwitzt aus wie er sich fühlte. Es schien sie aber nur noch hübscher zu machen. Angespannt starrte sie durch ihr Fernglas und stieß ihn plötzlich mit dem Ellbogen in die Seite. Sie hob langsam dem Arm und deutete auf einen der Bäume, den sie beobachteten. Walther richtete sein Fernglas in die Richtung, und da war er, im Schatten des Baumes, der Gepard. Er war unverkennbar mit seinem schwarzgefleckten gelben Fell und den waagerechten Linien an seinen Augen. Walther hatte keine Ahnung, wie lange er das schöne Tier anstarrte, bevor es anmutig aufsprang und davon stolzierte.
Nach einer halben Stunde rührte sich Claire. "Das ist unsere Chance", flüsterte sie. "Der Gepard ist jetzt auf der Jagd." Sie holten den Jeep mit dem Käfig und stellten die Falle vor dem Baum auf. Sie sammelten Äste und Dornenzweige aus der Nähe und errichteten daraus einen hohen, breiten Wall um den Baum, so dass der einzige freie Weg durch den Käfig führte. Es war eine langwierige und anstrengende Arbeit, und sie kamen beide dabei gründlich ins Schwitzen. Walther hoffte, dass der Gepard nicht inzwischen eines seiner Schafe riss. "Und das funktioniert tatsächlich?" Claire schnappte nur nach Luft, während sie ein Dornengestrüpp hinter sich herzerrte, und nickte.
Sie postierten sich wieder an ihrem Beobachtungspunkt, Claire diesmal mit dem Betäubungsgewehr, und warteten. Walther bezweifelte, dass der Gepard dumm genug sein würde, den Käfig zu betreten. Die Raubkatze schien ihm Recht zu geben, als sie zurückkehrte und begann, misstrauisch um den Wall aus Dornengestrüpp herumzuschleichen. Claire wurde neben ihm immer angespannter. Er meinte, förmlich zu sehen wie sie den Atem anhielt. Der Gepard kam zurück zum Käfig und schnupperte an diesem einzigen Durchgang zu seinem Spielbaum. Er lief ein paar Mal auf und ab und peitschte mit seinem langen Schwanz. Dann ging er zögernd in den Käfig. Die Türen schnappten zu. Der Gepard fuhr erschrocken herum, ein gelber, gelenkiger Blitz. Erst jetzt wurde Walther bewusst, dass sie es mit einem tödlichen und schnellen Raubtier zu tun hatten. Claire sprang auf und schnappte sich ihr Betäubungsgewehr. Walther rannte ihr hinterher. Als sie näher kamen, fauchte der Gepard sie an und legte seine Ohren an.
Claire wandte sich an Walther. "Könnten sie ein paar ihrer Männer holen, damit sie mir helfen, den Käfig aufzuladen?"
"Klar."
Als Walther mit den versprochenen Männern zurückkehrte, hatte Claire bereits ihren Jeep hergefahren, und der Gepard lag betäubt auf dem Käfigboden. "Und? Was passiert jetzt", fragte Walther, während sie den Käfig aufluden. "Jetzt nehme ich den Gepard erst mal mit, und er wird umerzogen. Dann verpassen wir ihm einen Sender, um ihn im Auge behalten zu können, und setzen ihn irgendwo in der Nähe aus."
"Um an meinen Schafen zu testen, ob ihre Umerziehung geklappt hat?" Sie grinste. "Genau."
Walther legte seinen Arm um ihre Schultern, während die Sonne einen ihrer spektakulären Untergänge hinlegte, und die Steppe um sie herum orange glühte. "Na, dann können sie mich ja wenigstens zur Entschädigung in Windhoek zum Essen einladen."
Sie lachte und drückte ihm ihre Karte in die Hand, bevor sie im Licht des Sonnenuntergangs davonbrauste.




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Eingereicht am 30. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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