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In weiter Ferne

©  Heiko Höflich


Der Himmel war verhangen, als wir vor dem schweren eisernen Tor des Ferienlagers hielten. Über uns braute sich eine breite Front dunstigen Nebels zusammen, dass ich fast das Gefühl bekam, es könnte bald dämmern, wäre da nicht am südwestlichen Hang der vorgelagerten Hügelkette ein feiner Strahl gelben Sonnenlichts durch die Wolkenberge gebrochen.
Mike, der neben mir saß und unseren Wagen steuerte, schaute bedächtig auf die Uhr. "4 ½ Stunden von Johannesburg bis hierher. Wir haben länger gebraucht, als ich erwartet habe.", sagte er, öffnete mit einem kurzen Knarren die Tür und ging zum Tor.
Mike hatte keinen Blick für die künstlerischen Züge der Landschaft; ihn interessierten eher die pragmatischen Seiten im Leben. Ich würde ihn nicht als reaktionär bezeichnet, aber in seiner Art hatte er durchaus eine konservative Ader und fühlte sich nirgendwo wohler als im guten alten Deutschland. "Man ist ja materiell gesichert und kann sich auch diesen oder jenen Luxus leisten.", waren seine Worte, als wir einmal in eine sozialpolitische Debatte gerieten. Umso mehr hatte ich mich gefreut, als er sich schließlich bereit gefunden hatte, mich auf diese Reise zu begleiten.
In der Mauer, unmittelbar links des gusseisernen Torflügels, war eine Sprechanlage installiert. Durch die grünlich getönten Scheiben unseres Wagens sah ich, wie Mike auf einen scheiblettengroßen Lautsprecher einredete und dabei wild mit den Armen gestikulierte, wie um seinen Worten eine besondere Bedeutsamkeit beizumessen. Dann kam er zurück zum Wagen. "Die Alte hat´s irgendwie nicht richtig gerafft. Dachte, ich wollte ihr irgendwelche Tiere verkaufen oder so was.", lamentierte er wie zu sich selbst und ließ sich erschöpft wieder in den Sitz fallen. Das Tor aber schwang wie von Geisterhand gesteuert mit einem ausladenden Schwung zurück und eröffnete uns den Blick auf eine breite Sandpiste, die sich zwischen einer Reihe von mannshohen Sträuchern Richtung Horizont wand.
Es dauerte noch fast eine Viertelstunde, bis wir endlich vor einem schmucken länglichen Holzhaus auf einen geschotterten Parkplatz fuhren. Mike hatte kaum den Motor abgeschaltet, als über die breite Veranda ein dunkelhäutiger, in blau abgesetztem Livree gekleideter Diener auf uns zugelaufen kam. Ich stieg aus, ging dem Mann entgegen und drückte ihm herzlich die Hand. Er verbeugte sich leicht und seine auffällig weißen Zähne verzogen sich dabei zu einem Lächeln. Ich schämte mich ein bisschen, in meinen verdreckten Wanderhosen vor einem livrierten Diener zu erscheinen. "Haben Gepäck?" fragte der Mann in schwer verständlichem, aber durchaus bemühtem Deutsch. "Ähm, ja klar!" antwortete ich leicht verlegen, aber Mike war bereits um den Wagen herum gelaufen und hatte unsere Taschen aus dem Kofferraum geholt.
So gingen wir, dem dunkelhäutigen Angestellten folgend, über die Veranda ins Haus. In einem spärlich möblierten, aber angenehm kühlen Vorraum stellte er schließlich unsere Koffer ab. "Warten hier. Sage Chefin, dass da.", sagte er wieder bemüht und verschwand durch eine kleine Holztür in einen Nebenraum - vermutlich so etwas wie einem Büro.
Ich hatte kaum Zeit, mich umzusehen und mich über einige merkwürdige, offenbar sehr alte Bleistiftzeichnungen zu wundern, die dort an den Wänden hingen, als unser dunkelhäutiger Begleiter bereits in Gefolgschaft einer Dame zurückkehrte. Sie war so um die 50, hatte graumeliertes Haar und sprach mit einem osteuropäischen Akzent. "Herzlich Willkommen!" sagte sie mit einer warmen vertrauensvollen Stimme und drückte zuerst Mike und dann mir die Hand. Hätte ich einen Augenblick die Umgebung vergessen, hätte ich sie vielleicht für eine Buchhändlerin gehalten - oder eine Lehrerin vielleicht. "José wird Sie zu Ihrer Hütte begleiten. Ich möchte Sie dann bitten, um acht Uhr zum Empfang wieder hier zu sein. Wir werden dann noch ausreichend Zeit haben, uns zu unterhalten." Mit diesen Worten drehte sie sich bereits wieder um und verließ den Raum durch die kleine Holztür, durch die sie auch gekommen war.
Unsere Hütte lag etwas abseits des zentralen Haupthauses am Rand eines kleinen Zedernwäldchens und war großzügig und geschmackvoll eingerichtet. Es gab eine große Wohnküche mit bunt ausgelegten Korbsesseln, einem ebensolchen Sofa und einer Reihe offener Regale, in denen Hunderte von Büchern in allen möglichen Sprachen standen. In der Ecke zum Fenster war ein gusseiserner Kamin eingebaut, in dem geräuschvoll und munter ein kleines Feuer loderte und den Raum mit dem süßen Duft von verbranntem Holz erfüllte. An den Wänden hingen alte romantische Bleistiftzeichnungen, ähnlich denen, die ich schon im Haupthaus gesehen hatte. Nebenan gab es ein kleines Schlafzimmer mit dicken Federbetten.
Nachdem José unsere Koffer in der Mitte der Hütte abgestellt und ich ihm ein paar Rand Trinkgeld gegeben hatte, warf ich meine Jacke auf einen der Korbsessel und ließ mich auf das Sofa fallen. Nach der langen Fahrt hatte ich das Gefühl, für ein paar Minuten die Beine ausstrecken zu müssen. Es war erst kurz vor Sieben; ich hatte also noch ausreichend Zeit.
Trotzdem hätte ich den Empfang fast verschlafen. Die Uhr schlug bereits Viertel vor Acht, als Mike mich unsanft in die Seite stieß und mich drängte, mich endlich fertig zu machen. Also stand ich auf, rückte meine verschmutzte Wanderhose zurecht, klatschte mit einer Hand eine Fuhre Wasser in mein Gesicht, mit der anderen eine Ladung Deo in die Achselhöhlen und lief hinüber zum Haupthaus.
Punkt Acht standen wir wieder in dem Raum, in dem uns die Hausherrin eine Stunde vorher empfangen hatte. Doch jetzt war zu unserer Linken noch eine weite doppelflügelige Tür aufgeschlagen, die in einen Raum führte, der wie eine alte Scheune aussah. Auch hier brannte ein warmes Feuer im Kamin und auf den Tischen standen große rote Kerzen. Ringsherum saßen etwa 20 junge Leute, die freudig und aufgeregt miteinander tuschelten. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass jemand unser Kommen bemerkte.
Wir suchten uns einen kleinen Tisch an der linken Wandseite aus, etwas abseits der ganzen Meute. Ich hatte keine Lust viel zu reden und war noch etwas tranig vom Schlaf und darum ganz dankbar, dass auch Mike sein Mitteilungsbedürfnis zügeln konnte. Stattdessen beobachteten wir die Menschen im Raum: Da gab es Mädchen und Jungs ganz unterschiedlicher Couleur und Herkunft: Ein paar langhaarige Ökos, die lauthals Kommentare in genäseltem Holländisch abgaben, ein halbes Dutzend dunkelhäutiger, vielleicht lateinamerikanischer Mädchen, die bunte Sommerkleider und Strickjacken über den Schultern trugen, daneben ein etwas älteres, wohl britisches Ehepaar und zwei langbärtige in Motorradjacken gehüllte Hippies. Aber jeder von diesen Leuten schien auf seine eigene Art ein Teil des Ganzen zu sein. Und auch ich selbst hatte, abgesehen von meiner leichten Mattigkeit, das Gefühl, all diese Menschen seit langem zu kennen.
"Darf ich Euch etwas zu trinken bringen?". Vor uns stand ein dunkelhäutiges Mädchen in grüner Tracht und weißer Schürze. Ihre Augen blickten freundlich und vertrauensheischend zwischen Mike und mir hin und her. Ich hatte sie nicht kommen sehen. "Ich heiße Isabel. Wir werden uns jetzt sicher öfter sehen.", fügte sie noch an und ein weiches Lächeln sprang von ihren Lippen. "Ähm, ja. Ich hätte gern einen Merlot. Und was nimmst Du?", fragte ich zu Mike gewandt. Er entschied sich für den obligatorischen Cappuccino. "Alles klar!", setzte Isabel hinzu und verschwand behänden Schrittes in Richtung Empfang.
Keine Minute später stand sie schon wieder bei uns und servierte die bestellten Getränke. Wir hatten in der Zwischenzeit kein einziges Wort miteinander gesprochen, aber ich genoss es auch, einfach nur dazusitzen und die Menschen zu beobachten. Und ich denke, Mike ging es ebennso. "Na, dann.", ich erhob mein Glas und prostete zu Mike hinüber, "Auf eine schöne Zeit!"
Ich hatte kaum an meinem Wein genippt, als auch schon die Hausherrin in der Tür erschien. Sie sah jetzt nicht mehr aus wie eine Lehrerin, sondern war in ein elegantes schulterfreies Sommerkleid gehüllt und trug ihr Haar gebunden und mit einem silbernen Kamm zusammengesteckt. Sie betrat den Raum wie eine Drohne - doch ohne dass sie irgendwie überheblich wirkte. Es war eher ihre Aura, die sofort die Gespräche im Raum verstummen ließ und alle Blicke auf sich zog.
"Ich heiße Euch alle ganz herzlich willkommen! Mein Name ist Marie und ich bin die Leiterin dieses Camps.", sagte sie mit ruhiger, leicht pädagogisch wirkender Stimme und stellte dabei gelassen die Beine übereinander wie es nur Frauen können. "Ich denke wir verzichten auf eine lange Vorstellungsrunde und wenden uns gleich den praktischen Dingen zu: Isabel, die Sie sicher schon alle kennen gelernt haben, wird Ihnen gleich ihre Begrüßungscocktails servieren. Alles weitere erfahren Sie morgen früh von selbst. Wie Sie wissen, glänzen wir ja weniger durch Dialektik als durch unsere lebensnahen Abläufe. Im Übrigen werde ich im Laufe des Abends noch zu Ihnen an den Tisch kommen, um Sie alle schon im Vorhinein ein bisschen kennen zu lernen. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis, aber wir sind ganz gerne vor unangenehmen Überraschungen gefeit."
Und mit diesen Worten wandte sie ihrem Publikum den Rücken zu, ging zu einem leeren Tisch am Kamin und wühlte in einem schwarzen Koffer, der aufgeklappt am Boden stand. Dann hob sie einen ganzen Stapel von CDs aus dem Koffer und legte ihn neben sich auf den Fußboden. "Haben Sie etwas gegen Mainstream?" fragte sie noch halblaut ohne sich umzuwenden in den Raum hinein - offenbar ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. "Keineswegs; in Maßen genossen durchaus gesund!", sagte ich, denn wenn es um Musik ging, ließ ich mich nicht lange um meine Meinung bitten. Schließlich zog sie eine Platte von Heather Nova aus dem Stapel und legte sie mit spitzen, ungeübten Fingern in den CD-Player, der auf dem Kaminsims stand.
Inzwischen war Isabel an unseren Tisch zurückgekehrt und brachte die versprochenen Cocktails. Gleichzeitig erklangen im Hintergrund die ersten Takte von "Widescreen". Isabel war wirklich eine wunderbare Seele, stellte ich befriedigt fest.
Als wir kaum unsere Gläser geleert hatten, trat auch schon Marie an unseren Tisch. "Darf ich?", fragte sie rhetorisch und ließ sich etwas ungelenk auf den freien Stuhl an der Seite von Mike gleiten. "Ich bewundere es immer wieder, dass so viele junge Menschen sich aufraffen, um hierher zu kommen. Offenbar ist die neue Generation doch nicht so spaßverliebt, wie uns die Medien immer glauben machen.", fing sie in schnatterndem Ton an zu erzählen. Mir war allerdings nicht ganz klar, ob sie uns auch mit in die neue Generation einbezog oder uns eher als Verbündete ihres eigenen Alters sah, als Vertraute, mit denen man mit der notwendigen Distanz über die "heutige Jugend" sprechen konnte.
Aber ich fühlte mich auch viel zu müde, um dieses Thema noch weiter mit ihr zu erörtern und versuchte deshalb, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: "Wann werden wir morgen früh anfangen?" "Ich denke so gegen 10, wenn alle gefrühstückt haben. Wir sollten es am ersten Tag nicht übertreiben." "Und was erwartet uns, wenn ich fragen darf?" "Ach, das wissen Sie doch schon alles.", sagte sie und machte eine abwinkende Handbewegung. "Also, machen Sie sich noch einen schönen Abend. Aber gehen Sie rechtzeitig schlafen! Auch wenn wir erst um 10 anfangen: Es wird sicher anstrengend werden." Und mit diesen Worten stand sie auf und ging hinüber an den Tisch der Hippies.
Am nächsten Morgen erwachte ich früh. Es hatte wohl kaum zu dämmern begonnen und in unserer Hütte war es noch fast dunkel, doch durch die weit geöffneten Vorhänge erkannte ich bereits einen dünnen grauen Wolkenschleier am Horizont. Wie immer an fremden Orten, hatte ich auch hier in der ersten Nacht nicht gut geschlafen. Trotzdem fühlte ich mich schon munter. Also raffte ich mich auf, zog leise meine Sandalen über und schritt hinaus auf die Veranda.
Der frische Südwind blies mir angenehm kühl ins Gesicht. "Es wäre ein guter Morgen, um spazieren zu gehen.", dachte ich beiläufig, überlegte es mir dann aber anders, setzte mich auf die oberste Stufe der Verandatreppe und zündete eine Zigarette an. Ich hatte die ganzen neuen Eindrücke noch nicht verarbeitet. Ich dachte an Marie: Das war schon merkwürdig. Da kommt eine Frau aus Polen oder Russland oder was weiß ich woher und macht hier mitten im Busch so ein Camp auf. Dabei weiß sie offenbar selbst nicht, ob sie eher die zeigefingerschwingende Herbergsmutter, die elegante Weltdame oder die tiefgründige, etwas geheimnisvolle Intellektuelle sein will. Dazu ihr geheimnisvolles Getue, was den heutigen Tag anging. Aber bei all dem mochte ich sie trotzdem. Naja, wir werden sehen, was uns noch so bevorsteht.
Fast unmerklich hatte sich der Himmel erhellt und der Umgebung Farbe eingehaucht. Aus dem schwarzen Dickicht, das mir gegenüber lag, wurde eine grüne Hecke aus einzelnen Sträuchern und Ästen. An einer der bereits verblühten Zedern kletterte ein Eichhörnchen empor. Ansonsten war nichts zu hören als der vielstimmige Gesang südländischer Vögel.
Hinter mir in der Hütte klingelte mein Wecker: Ein unangenehmes grelles Piepsen, das mich tief aus meinen Gedanken riss und in die Wirklichkeit des Tages zurückholte. Kurz darauf hörte ich Mike leise grunzen. Aber Mike war kein Morgenmuffel. Es dauerte daher keine ganze Minute, da stand er, noch mit Shorts und zerknittertem T-Shirt bekleidet, bereits hinter mir. "Bist Du schon lange auf?" "Naja, ich konnte nicht mehr schlafen. Da bin ich aufgestanden und habe mir den Sonnenaufgang angesehen. Es ist wunderschön hier, weißt Du?" "Ich mach mich grad fertig. Dann können wir zum Frühstück gehen.", wandte er sich gleich wieder den praktischen Dingen zu. Dann verschwand er wieder in der Hütte. Wenig später hörte ich das Wasser in der Dusche rauschen und das merkwürdig hohle, kratzende Geräusch seiner Zahnbürste.
Zehn Minuten später saßen wir schon im Frühstücksraum. Es waren dieselben Leute da wie am gestrigen Abend, nur dass alle diesmal weniger elegant gekleidet waren, sondern T-Shirts und kurze Hosen trugen. Das "Megadeath"-Shirt von einem der Hippies wirkte in dieser Umgebung ein wenig skurril. Hinter einer Luke an der Stirnwand des Raumes sah ich Isabel mit einer Reihe von Sachen hantieren. Offenbar war sie damit beauftragt worden, immer für ausreichend Nachschub bei den Gästen zu sorgen.
Es gab frischen Obstsaft, Rührei mit Kräutern und ein reichhaltiges Frühstücksbüfett mit verschiedenen Brot- und Käsesorten. Trotzdem herrschte eine eher verhaltene Stimmung, was aber wohl eher an der frühmorgendlichen Uhrzeit als an mangelnder Vorfreude auf den heutigen Tag lag. Ich selbst aber fühlte mich munter und gut ausgeschlafen und plauderte die ganze Zeit über mit Mike über unsere Frühstücksgewohnheiten.
Kurz nachdem ich das zweite Mal am Büfett gewesen war, betrat Marie den Raum. Im Gegensatz zum gestrigen Abend war ihr Auftritt diesmal keine schillernde Erscheinung. Im Gegenteil: Es schien kaum jemand ihr Kommen zu bemerken. Sie trug heute ein langes weißes Gewand und alten afrikanischen Holzschmuck um den Hals. Sie ging wie alle anderen zum Büfett und holte sich einen Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade. Schließlich setzte sie sich an einen Tisch am Fenster zu einem Mädchen mit rotgefärbtem Bürstenhaarschnitt. "War die gestern auch schon hier?", fragte ich zu Mike gewandt und deutete auf ebendieses Mädchen. "Vielleicht ist sie erst heute Morgen angekommen - oder hat das Abendessen einfach ausfallen lassen.", meinte er. Und damit war dieser Gesprächsgegenstand auch schon ad acta.
Als wir fertig gegessen hatten, kam Marie zu uns an den Tisch. "Wenn Ihr Eure Sachen zusammen gepackt habt, treffen wir uns an der alten Scheune. Das ist drüber hinter dem Swimming-pool, den Weg weiter geradeaus. Und vergesst nicht, ausreichend zu trinken mitzunehmen: Es könnte heiß werden.", teilte sie uns kurz und sachlich mit und verschwand wie immer durch dieselbe Tür, durch die sie gekommen war. Also machten auch wir uns auf den Weg.
Als wir eine Viertelstunde später zur alten Scheune kamen, waren dort bereits die meisten versammelt. Die alte Scheune war ein langes fensterloses Holzhaus, das mich im ersten Augenblick an einen skandinavischen Schafstall erinnerte. Es lag auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer tiefgrünen Wiese. Wir gingen hinüber zu einem gepflasterten Picknickplatz, der ganz am Ende der Scheune lag, und setzten uns auf eine Reihe von einfachen Holzbänken. Neben uns saßen zwei langhaarigen Frauen, die ungefähr so aussahen, wie die Sorte, die man auf Esoterik-Seminaren trifft - oder zumindest stellte ich mir das so vor.
Um nicht unhöflich zu sein, stellten wir ein paar Fragen: So die üblichen Floskeln, die man bringt, wenn man sich auf einer Reise trifft: "Wo kommt Ihr denn her?", "Was macht Ihr beruflich?" usw. Ich erzählte ihnen, ich wäre Schreiner und hätte sechs Jahre im Gefängnis gesessen. Ich habe keine Ahnung warum, aber ich hatte einfach Lust sie anzulügen.
Eine Weile später erschien dann auch Marie. Doch sie machte keinerlei Anstalten, uns irgendetwas zu erzählen oder etwas vorzubereiten. Sie setzte sich einfach zu einer Gruppe von Franzosen und mischte sich ins Gespräch. Mike war inzwischen mit einer der Esoterik-Frauen in eine Diskussion verstrickt. Ich glaube, es ging um irgendwelche Wirtschaftthemen. Die andere Esoterikerin saß sichtlich gelangweilt daneben und hatte offenbar ebenso wenig Lust, sich mit mir zu unterhalten, wie ich mich mit ihr. Es blieb mir also wenig anderes übrig, als mich nach anderen Gesprächspartnern umzusehen.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ein paar Bänke weiter, mir fast gegenüber, das rothaarige Mädchen saß, das wir schon beim Frühstück gesehen hatten. Sie saß wieder allein. Offenbar hatte sie schon versucht, Blickkontakt zu mir aufzunehmen, denn als ich jetzt zu ihr herübersah, lächelte sie sogleich und deutete mit einer Geste an, dass ich mich doch zu ihr setzen möge. Also stand ich auf und ging hinüber.
"Hallo", sagte ich knapp, ohne zu wissen, ob sie überhaupt Deutsch verstand. "Bist Du hier auch zu Gast oder arbeitest Du im Camp?" "Das kann man so und so sehen.", antwortete sie abwägend. Ihr Tonfall hatte einen süßlichen Akzent, den ich irgendwo zwischen Frankreich und Südeuropa einsortierte. "Zumindest verbringe ich die meiste Zeit hier.", fügte sie an und sah mir mit ihren dunkelbraunen Augen ernst und zugleich liebevoll ins Gesicht. Ich überlegte, ob mir dieses Mädchen gefiel oder ob es nur ihr geheimnisvolles Wesen war, das mich neugierig machte. Zumindest hatte sie schöne volle Lippen; ich hätte sie gerne geküsst.
Mike und seine Esoterik-Frau waren inzwischen aufgestanden und zu einem Parkplatz hinter der Scheune verschwunden. Offensichtlich wollten sie einen Ausflug machen. Ich selbst fragte mich immer noch, was hier vor sich ging und warum Marie keinerlei Anstalten machte, etwas zu unternehmen, sondern offenbar die Absicht hegte, uns so weit wie möglich uns selbst zu überlassen. Aber dafür war ich eigentlich nicht hergekommen.
"Ich kenne mich hier gut aus, weißt Du? Aber ich kann auch nicht genug davon bekommen. Es ist jedes Mal wieder neu hier, jedes Mal wieder anders. Es hängt immer von den Gästen ab.", fuhr das rothaarige Mädchen fort und riss mich mit ihren Worten aus meinen Gedanken. "Ich möchte Dich küssen!", hörte ich mich plötzlich sagen und hatte scheinbar den Verstand verloren. So etwas hatte ich noch nie zu einer Frau gesagt. "Ich habe nichts dagegen.", sagte sie und konnte ein süffisantes Lächeln nur schwer unterdrücken. "Aber vielleicht machen wir zuerst einen kleinen Ausflug.", schlug sie vor, "Ich denke, Du solltest zuerst etwas über Dich selbst erfahren - und um diese Zeit sind sicher noch genügend Wagen da." Ich war einverstanden. Das Gefühl, diese wundersamen Lippen bald zu küssen beflügelte mich. Also nahmen wir uns bei den Händen und liefen quer über die Wiese hinunter zum Parkplatz. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, dass Marie ihren Kopf erhoben hatte und uns mit einem breiten Lächeln nachsah. Danach sprach sie flüsternd ein paar Worte zu der jungen Französin, die neben ihr saß.
Auf dem Parkplatz stand eine ganze Reihe Autos unterschiedlicher Fabrikate. "Ich hätte gerne einen von diesen Jeeps. Geht das?", fragte ich meine Begleiterin und deutete auf drei nebeneinander stehende schwarze Geländewagen. "Das geht.", antwortete sie, "Aber ich denke, in deinem Fall wäre es besser, wir nähmen einen Sportwagen." Ich fragte nicht weiter nach, sondern überließ mich ganz ihren Weisungen.
Also gingen wir auf einen kleinen italienischen Zweisitzer zu. Das rothaarige Mädchen fingerte mit der rechten Hand in ihrer Hosentasche, holte schließlich einen flachen schwarzen Schlüssel heraus und reichte ihn zu mir herüber: "Du musst fahren; sonst macht es keinen Sinn." Ich hatte es längst aufzugeben, ihre mysteriösen Andeutungen verstehen zu wollen. Also nahm ich wortlos den Schlüssel und setzte mich ans Steuer. "Wie heißt Du eigentlich?" Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und zögerte noch einen Augenblick. "Cassandra." "Ich bin Heiko." "Ich weiß." Woher auch immer sie das wusste: Es wurde Zeit, dass etwas geschah. Also startete ich den Motor und fuhr langsam über einen sandigen Zufahrtsweg davon.
Unser Weg führte in einer weiten Rechtskurve um die alte Scheune herum, zurück in die Richtung, aus der wir nach dem Frühstück herüber gegangen waren. Dann fuhren wir eine kleine Anhöhe hinauf, von der aus sich ein weiter Blick über das Tal und das umliegende Buschland eröffnete. Oben angekommen hielt ich an einer kleinen Ausbuchtung auf der linken Wegseite an. Weit hinten am Horizont erstreckte sich dunstig die Bergkette, über die wir am gestrigen Abend hergekommen waren. Zur rechten Seite verlor sich der Blick in den Unendlichkeiten der Savanne.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ein Stück weit vor uns, dort, wo unser Weg in seinem weiteren Verlauf eine Linkskurve beschrieb, ein kleiner Kreisverkehr angelegt war. Dort fuhr ein alter dunkelblauer Ford immer wieder um einen ausgetrockneten Dornbusch herum. "Was soll das denn?" fragte ich zu Cassandra gewandt und deutete mit dem Finger in Richtung des Kreisverkehrs. "Das ist Dein Freund Mike.", sagte sie und schwieg dann eine Weile. "Wir sind hier ein philosophisches Camp. Das wusstest Du doch, oder? Jeder verhält sich hier seiner Ideologie entsprechend." "Heißt das", stotterte ich leicht verlegen, "dass Mike im Grunde seines Herzens ... Buddhist ist???" "Genau das heißt es." antwortete sie fast unbeteiligt. Gedankenverloren startete ich den Motor und fuhr davon. Hinter uns verlor sich eine Staubwolke in den Weiten des Landes...




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Eingereicht am 30. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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