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Das Wiedersehen

©  Sonja Kleigrewe-Batanissi


Mit Herzklopfen trat der Sohn seinem Vater entgegen. Im Scheinwerferlicht des Buschtaxis sank er vor dem Alten in die Hocke." Nein, nein. Lass das", lachte der Vater. "Den alten Gruß will hier keiner mehr." Er reichte dem Sohn beide Hände. "Willkommen zu Hause!" Der zierliche alte Mann reichte dem Jüngeren kaum bis zur Schulter."Da ich nicht wusste, ob du heute noch kommen würdest, bin hier unter der Palme sitzen geblieben und wartete einfach. Zu irgendeiner Stunde wird er schon kommen, dachte ich mir. Gott ist groß! " sagte der Alte.
"Ja Papa, ich bin da."
Sie verteilten die Gepäckstücke untereinander und machten sich auf den Weg. "Deine Mutter hat ihr bestes Schaf gemästet. Sie hat uns alle angesteckt mit ihrer Aufregung."
Der Vater sah zu seinem Sohn empor. "Neun Jahre sind eine lange Zeit." Tränen traten ihm in die Augen. Er blieb stehen und wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn. " Du siehst, ich bin noch am Leben." Er lachte rau. "Dank deines Geldes hatten wir immer genug zu essen." Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander. Dann blieb der Alte schwer atmend stehen. Er stellte eine Reisetasche auf den Boden. "Ich bin stolz auf dich!" Zum ersten Mal in seinem Leben hörte der Sohn ein Lob aus dem Munde des Vaters. Er schluckte bevor er bewegt erwidern konnte: "Danke Papa." Sie umarmten einander in der Dunkelheit.
"Sie sind alle zu Hause. Deine Brüder. Dazu die Frauen. Deine Schwester mit den Zwillingen. Essowè, deine Tochter, weigerte sich heute in die Schule zu gehen. Aus Angst, sie könnte dich verpassen. Alle ersehnen deine Ankunft."
Der Vater stöhnte leise unter der Last, doch er erlaubte nicht, dass ihm eines der Gepäckstücke abgenommen wurde. Sie liefen über unebene, steinige Wege. Lediglich der Mond warf ein schwaches Licht. Der Angekommene blickte immer wieder überwältigt in den Himmel. So viele Sterne. Fast hatte er es vergessen. Vögel kreischten. Im trockenen Gras raschelte etwas. Hoffentlich keine Schlange, dachte er und wunderte sich über seine Furcht. Früher lief er diese Wege ohne auf die Geräusche zu achten. Sein Vater bemerkte sein kurzes Innehalten. "Warte, in einigen Tagen bist du wieder Afrikaner:" Sie lachten. Ein lauer Wind trug ihnen Stimmfetzen zu. Fremde, vertraute Worte. Schwitzend näherten sie sich dem Haus der Familie.
"Papa kommt zurück! Seht, Grand-frère ist bei ihm! Sie kommen!" Der rufende junge Mann saß mit den Brüdern vor dem Haus und sah als erster die nahenden Gestalten. Sogleich wurden aufgeregte Frauenstimmen hörbar. Kurz darauf Freudeschreie. Die Mutter rannte den Männern entgegen. Die Arme erhoben, die Ahnen laut segnend, keinen Schmerz vermuten lassend in dem gekrümmten Rücken. "Es sah aus, als flog Maman in die ausgebreiteten Arme ihres Erstgeborenen!" würde man sich später fröhlich zurückerinnern, wenn die Familie zusammen saß und von dem großen Ereignis sprach. "Endlich! Endlich! Endlich! Gott-ist- groß!" jubelte die alte Frau.
Die Familie bildete einen Kreis. Die Frauen wiegten sich in den Hüften und begannen zu singen. Im Licht der Kerosinlampen leuchteten ihre Zähne wie Perlen. Jeder fand freundliche Worte des Willkommens. Hände wurden geschüttelt, Rücken geklopft. Neue Familienmitglieder vorgestellt. Grand-frère nahm eines der Babys auf den Arm, das seine Schwester ihm stolz entgegen hielt. "Gut gemacht," bemerkte er und sah, dass die junge Mutter mager war hinter den prallen Brüsten. Nur Essowè hielt sich schüchtern zurück. Nach einer Weile fragte jemand, ob der Willkommengeheißene das scheue Huhn hinterm Baum versteckt, noch kenne. Alle lachten und schauten in Essowès Richtung. "Sie ist eine junge Frau geworden," bemerkte Komi und schubste die stolpernde Nichte freundschaftlich vor ihren Vater. Das Mädchen senkte beschämt den mit kleinen Zöpfen kunstvoll verzierten Kopf und kicherte. Vater und Tochter begrüßten sich unsicher. Sie waren sich fremd.
Am nächsten Morgen kamen Nachbarn und Verwandte, um den Heimkehrer zu begrüßen und neugierig zu bestaunen. Ein Sohn des Dorfes war nach vielen Jahren zurückgekehrt. Sie hatten von einigen gehört, die den Kontinent verließen. Sie kannten keinen, der zu seiner Familie zurückgekehrte. Eine verknitterte Weltkarte lag ausgebreitet auf dem Tisch. Mit rotem Stift war Deutschland markiert. Innerhalb weniger Stunden erkoren sie ihn zum Helden. Geduldig stand er den vielen Fragen Rede und Antwort, hörte Nöte und Sorgen der Menschen an. Musste versprechen, lernfaulen Kindern ins Gewissen zu reden. Verteilte über Monate gesammelte Brillen, Tabakproben, Kugelschreiber und Schuhe. Fotografierte mit seiner Kodak den Großteil der mitgebrachten Filme. "Wenn es wieder so viele Jahre dauern wird, bis du wiederkommst, werden viele von uns längst unter der Erde liegen. Das wäre doch schade um die schönen Bilder," bemerkte Onkel Kofi und stellte sich neben seinen Frauen in Positur. Grand-frère versprach die entwickelten Fotos zu schicken. Amadou bat ebenfalls darum, mit seinen Enkeln fotografiert zu werden. "Mein Augenlicht ist lange erloschen. Aber ich möchte auch einmal in meinem Leben auf einem Foto zu sehen sein." Im bodenlangen lila Gewand, barfuß und einen Stecken in der linken Hand, dabei ein Strahlen übers ganze Gesicht, ließ er sich ablichten. In Deutschland wird Grand-frère immer wieder erklären müssen, wer diese imposante Erscheinung ist. "War ich gut so?" fragte er Grand-frère und bat, ihn vorsichtshalber noch mal alleine zu knipsen. Die Menschen waren ausgelassen und feierten. Die aufgefüllten Kalebassen machten immer wieder die Runde. "Amadou, komm lass uns von deinem Tabak rauchen," rief eine Frau. Amadou hob seinen Stecken und drohte fröhlich: " An diesem Tabak darf höchstens mal geschnuppert werden! Das ist mein Geschenk von einer weiten Reise und wird niemals geraucht. Niemals, hast du verstanden!" "Amadou, Amadou," lachte die Frau.
Im Schatten des Flammenbaums trommelten zwei Männer mit schnellen Fingern, die bauchige Acrima fest zwischen den Schenkeln haltend. Komi spielte seine alte Kibou auf nur einer Saite. Die Laute kaufte er vor drei Jahren auf einem Markt in Elavagnon. Da sie unvollständig war, handelte er den Preis weit herunter. Sollte er einmal in die Hauptstadt kommen, würde er sich nach einer neuen Saite umsehen. Eine Gruppe Mädchen klatschte zum Takt mit den Händen. Über dem roten Lateritboden reflektierte die untergehende Sonne und ließ die Lehmhäuser erstrahlten. Von weitem schlugen Hirsestampfer im Herzschlag Togos zum leiser werdenden Gackern der Hühner im Hof. Das Fest dauerte bis spät in die Nacht.
Für den übernächsten Tag wurde ein Familienrat verabredet. In den vergangenen Jahren stand der jüngere Bruder dem Vater zur Seite und kümmerte sich mit ihm um die Belange der größer werdenden Familie. Nun sollte Grand-frère über alles unterrichtet werden. Alte Konflikte wurden wortreich dargestellt und durch mehrere Meinungen bezeugt. Essowè war eine gute Schülerin. Die Lehrer regten an, sie auf die entfernte höhere Schule zu schicken. Dazu müsste sie bei Verwandten wohnen. Das verursachte monatliche Mehrausgaben. Handhebend stimmte die Familie ab. Dorfskandale wurden hemmungslos in Szene gesetzt. Anekdoten machten launig die Runde. Die Anschaffung eines neuen Wellblechdaches wurde heftig diskutiert. Der Vater wies darauf hin, dass eine Reparatur des alten genügen müsse. Lieber solle von den anfallenden Kosten Reisvorräte angelegt werden. Grand-frère beschloss letztendlich die Anschaffung eines neuen Daches. Er beruhigte seinen Vater in dem er versprach, noch vor seiner Abreise für Vorräte zu sorgen. Gleichzeitig ordnete er eine ärztliche Untersuchung für den Vater und die Mutter der vor kurzem geborenen Drillinge an. Der bellende Husten des einen und das Untergewicht der anderen, die mit den schwierigen Geburten ein drittes Kind tot gebar, machten seines Erachtens diese Maßnahme unumgänglich. Freunde in Deutschland hatten vor seiner Reise Geld gesammelt und ihm freigestellt, es nach der Notwendigkeit vor Ort zu nutzen.
Die jungen Frauen langweilten sich bei den nicht enden wollenden Gesprächen. Sie interessierten sich weitaus mehr für die Geschenke, die der Schwager mitgebracht hat. Im Hof schwatzten sie gut gelaunt miteinander, während die einen vor ihren Feuerstellen hockten und kochten, die anderen die Kinder wuschen und nährten. Umgeben von einer Wolke Kölnisch Wasser, probierten sie abwechselnd in Stöckelschuhen zu laufen und fabulierten, sich gegenseitig übertreffend, von einem Leben im fernen Europa. Vier kleinen Jungen hatten sich eine Zitrone geschnappt und begonnen Fußball zu spielen. Auf ihren frisch gewaschenen und pomadierten Körpern hatte sich erneut eine Staubschicht gebildet. Eine Mutter schimpfte genervt und drohte mit der Hand.
Essowè wich keinen Augenblick von ihrem Vater und sah ihn immer wieder verstohlen an. Es hieß, sie sei ihm sehr ähnlich. Lange hatte sie geglaubt, dass Großvater ihr Vater sei. Ihre Mutter hatte das kleine Mädchen bei der Familie Grand- frères gelassen nachdem sie wusste, dass sie ohne Mann würde leben müssen. Sie handelte mit Webstoffen und zog quer durchs Land. In einem Dorf, welches bei den Bergen Karas liegt, lernte sie einen anderen Mann kennen und gründete mit ihm eine Familie. Essowè war die erstgeborene Tochter eines erstgeborgenen Sohnes. Von klein auf liebte sie Erzählungen über ihren Vater. Mal galt sein revolutionäres Verhalten als verrucht. Ein anderes sprachen selbst die Alten mit Respekt über seine mutigen Widerstände. Seine lange Abwesenheit und die Tatsache, wie er aus der Ferne für die Angehörigen sorgte, machte ihn zu einer lebenden Legende. Sie verehrte diesen starken, fremden Mann und wünschte, dass sie ihm gefiele.
Nach Einbruch der Dunkelheit verhieß köstlicher Duft ein üppiges Nachtmahl. Der Großvater schickte die Enkelin den Frauen zur Hand zu gehen. Essowè folgte nur widerstrebend.
Der alte Mann trug, wie auch Grand-frère als Zeichen seiner Würde einen neuen Complet mit bunter Stickerei an Kragen und Ärmelenden. Er hatte sie selbst genäht und für seinen Sohn aufgehoben. Auf seinem Kopf saß eine neue Schirmmütze. "Vassemer Geflügelfabrik" stand in weißen Buchstaben vorn zu lesen.
Er räusperte sich. "Es gibt noch ein Problem, über das ich reden möchte." " Ja Papa?" Alle Augenpaare richteten sich auf den Alten. Der erhob sich von seinem Sitz, scheuchte den schlafenden Hund und setzte sich umständlich wieder hin.
"Frage deine Mutter, was sie mit ihrem Taschengeld macht, dass ich ihr in deinem Auftrag gebe!" Der Vater legte die Hände auf die Knie und fixierte den Boden zwischen den Beinen, die vollen Lippen dabei zu einem schmalen Schlitz gepresst .
Er ist alt geworden. Doch er ist noch immer ein stolzer Mann, registrierte Grand-frère anerkennend. Die Mutter, gewohnt wortführend bei den Vorkommnissen der Familie zu sein, erhob sich empört von ihrem Stuhl. Bevor nur ein weiteres Wort gesprochen werden konnte, ließ sie alle Anwesenden lautstark wissen, dass schließlich sie diesen nun in Europa lebenden Sohn geboren habe. Fließe damit nicht auch der Wohlstand der Familie aus ihrem Schoß? Sie sah ihren Mann unverhohlen an. Der war gerade dabei, sich ein Zigarillo anzuzünden und blies hustend Rauch aus. Verächtlich zog die Erboste darauf hin geräuschvoll Luft durch die Zähne, schnalzte mit der Zunge und stob hinaus. Der Stoff im Türrahmen blähte sich hinter ihr. Irgendwo weinte ein Kind.
Grand-frère rieb sich die Augen. Mit einem mal fühlt er sich erschöpft. Wünschte sich einen Augenblick allein sein zu dürfen. "Was macht Maman mit dem Geld?", fragte er stattdessen höflich den Vater. Der Alte erhob sich. Jeder sah, wie unbehaglich er sich fühlte. Bei der Reaktion seiner Frau war damit zu rechnen, dass sie nun tagelang kein Wort an ihn richten würde. Die Ader über der linken Schläfe schwoll und verriet seine Erregung. Aber nachdem er nun schon angefangen hatte, brachte er seinen Ärger gänzlich zur Rede.
"Deine Mutter!" Die Anwesenden hörten ihn tief vom Zigarillo inhalieren "Deine Mutter glaubt von Zeit zu Zeit, sie sei eine Ministerfrau!" Er machte eine bedeutungsvolle Pause. Vor seinem Stuhl stehend fuhr er fort:" Wenn es ihr in den Sinn kommt, zieht sie ihren schönsten Pagnes an. Dazu Schuhe und Handtasche. So stolziert sie auf den Markt und lädt die Frauen ein. Dort erzählt sie abenteuerliche Geschichten, singt freche Lieder und spendiert ausgiebig den teuren Tchoukoutou!" Er legte wieder eine Pause ein, krauste seine Stirn und blickte seinem Erstgeborenen direkt in die Augen. "Kommt sie dann nach Stunden nach Hause, (er imitierte einige schwankende Schritte) - spricht sie mit sich selber und legt sich auf das Chaiselongue schlafen." Im Flüsterton hörten die Männer: "Sie will nicht mehr bei mir liegen." Während er die Glut mit zitternden Fingern ausdrückte raunte seine belegte Stimme: "Ich bin ihr nicht mehr gut genug!" Jetzt war es heraus. Seine geöffneten Hände drückten Ratlosigkeit aus, dazu nickte er mehrmals mit dem Kopf und schlurfte davon. Der Hund folgte ihm winselnd.
Damit war der Familienrat beendet.
"Ich werde mit Maman reden," rief Grand-frère ihm hinterher. Als er auf seine Brüder blickte, hielten sie die Köpfe gesenkt und grinsten.




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Eingereicht am 29. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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