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Warten

©  Michael M. Seehoff


Langsam wird es hell. Über den Straßen liegt ein neblig dunstiger Schleier, der von den ersten Sonnenstrahlen durchdrungen wird. Der Hahn hat schon gekräht und ein erster Trupp Ziegen wird von einem alten Mann die staubige Straße hinunter getrieben. Er hat keine Eile. Den Stock hat er quer über die Schulter gelegt, darüber baumeln seine Hände. In der rechten Hand hält er einen Beutel. Alles, was er für den Tag braucht, ist darin. Es ist nicht viel. Der Beutel schaukelt leicht in seiner Hand.
Ich trete vom Fenster weg. Mein Magen knurrt. Der Kopf ist schwer vom vielen Bier, das ich gestern Abend getrunken habe. Mindestens eins zu viel, denke ich und gehe zur Toilette, die am anderen Ende des Hofes liegt. Toilette ist ein stark übertriebener Ausdruck für dieses Plumpsklo. Ich komme an der Küche vorbei und höre, wie der Wasserkessel zu pfeifen beginnt. Jean, der schwarze Boy meines Gastgebers, bereitet das Frühstück vor. Es ist mein letztes Frühstück in Tahoua, ich breche heute auf, will zurück in die Hauptstadt Niamey. Martin sagte mir gestern Abend, ich müsste viel Geduld mitbringen, hier bekäme man nicht so schnell wie in Cameroun einen Platz in einem Buschtaxi.
Es wird ein langes Frühstück. Wir nutzen jede Minute, um weiter zu reden und die Bande, die sich in den letzten Tagen erneut geknüpft haben, zu stärken.
Wir sind uns darüber im klaren, es ist eher unwahrscheinlich, dass wir uns je wiedersehen. Und schreiben? Wer schreibt schon gerne? Manchmal geht es eine Zeitlang gut, dann werden die Briefe seltener, dann kommt aus dem Urlaub noch einmal eine Karte, und es ist aus.
Meine Tasche habe ich bereits gestern Abend gepackt. Der Abschied ist kurz und herzlich. Immer die gleichen Worte: "Mach's gut, Alter, vielleicht sehen wir uns wieder, wer weiß."
Dann stehe ich auf der Straße in der Glut der Morgensonne und gehe zum Busbahnhof. Ein, zwei Stunden Warten, damit muss man rechnen, wenn man in Westafrika mit den öffentlichen Transportmitteln unterwegs ist. Ich bin darauf eingestellt, nach zwei Jahren Afrika habe ich ein anderes Verhältnis zur Zeit gewonnen.
Auf dem Busbahnhof stehen vier klapperige Kleinbusse, die Dächer teilweise mit Wellblech geflickt, die Polstersitze durch lokal geschweißte Bänke ersetzt, die dem Schweiß der Passagiere besser standhalten. Als man mir vor zwei Jahren sagte, dieses sei das normale Transportmittel, hatte ich schallend gelacht. Ich lächle heute noch, wenn ich die Busse sehe, die mit Sprüchen wie: "Gott sieht alles, der Fahrer nichts", verziert sind, denn nur mit einer gehörigen Portion Humor und Langmut ist die Situation zu ertragen.
Ich frage mich nach dem Taxi nach Niamey durch und bin erfreut, als man mir einen leeren Bus zeigt. Sofort sichere ich mir einen Platz. Oft ist der Andrang so groß, dass nicht alle in einen Kleinbus passen und man auf den nächsten warten muss.
Ich muss nicht auf den nächsten Bus warten aber warten muss ich doch. Die erste Stunde vergeht schnell. Mittlerweile ist ein halbes Dutzend Reisender eingetroffen, die genau wie ich nach Niamey fahren wollen. Ihr Gepäck ist voluminöser als meines: Säcke mit Mais, Hühner, eine Ziege, alles gilt als Gepäck und wird wie selbstverständlich entgegengenommen. Aber sechs Leute sind eindeutig zu wenig, um mit dem Bus nach Niamey zu fahren. Ich warte eine weitere Stunde. Und noch eine. Wir sind mittlerweile neun Personen.
Immer noch zu wenig.
Die Sonne hat den Zenit überschritten, die Schatten sind geschrumpft. Mein Hemd klebt mir am Körper, ich habe Hunger.
Am Ende des großen Platzes ist ein Restaurant. Eine kleine Mahlzeit wäre eine gute Alternative zu der Monotonie des Wartens.
Ich betrete den großen Raum des Restaurants, eine Weile dauert es, bis sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben. Eine willkommene Abwechslung zu der gleißenden Sonne über dem Busbahnhof. Die Dunkelheit vermittelt den Eindruck, es sei hier drinnen kühler.
Die vier Tische sind mit laut schmatzenden Männern besetzt. Sie sind damit beschäftigt, die großen Berge auf ihren Tellern abzutragen. Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Bergen: die einen bestehen aus Makkaroni mit rotgelber Sauce, die anderen aus Reis mit gelbroter Sauce. Auf beiden Sorten sitzen Fliegen, die immer wieder durch die grabenden Löffel in ihrem Schmarotzertum gestört werden.
Ich schaue durch ein kleines Fenster in den Hinterhof. Dort stehen auf zwei Feuerstellen große Töpfe. Nach kurzem Zögern entscheide ich mich für Makkaroni mit rotgelber Sauce und suche mir an einem der Tische einen freien Platz. Ich murmele ein "bonjour" und "bon appétit" und setze mich. Das Schaufeln wird nur kurz unterbrochen, dann geht es weiter als gälte es, keine Zeit zu verlieren. Ich bin Weiß. Darum bekomme ich zu meinem Berg ein 10 cm langes Stück Weißbrot. Weiße nehmen Baguette zum Essen. Das wissen alle Kellner in Westafrika, mindestens im frankophonen Westafrika.
Ich habe es noch nie geschafft, meinen Teller restlos leer zu essen, wohingegen ich es noch nie erlebt habe, dass ein Afrikaner seinen Teller halb leer hat zurückgehen lassen.
Ich wische den Löffel und die Gabel an meinem Hemd gründlich ab und beginne mit dem Tagebau. Das Säubern des Bestecks wird nicht weiter zur Kenntnis genommen, fast alle machen das hier. Erstaunte Blicke ernte ich, als ich das Wasser auf dem Tisch dankend ablehne und mir eine Cola bestelle. Wer Cola bestellt ist reich oder Weiß. Ich bin für meine Tischnachbarn ein reicher Weißer.
Die Hälfte meines Makkaroniberges ist abgetragen und ich bin durch das Pili-Pili in der Sauce arg ins Schwitzen gekommen. Dem Kellner deute ich durch ein Zeichen an, mir eine zweite Cola zubringen. Als er kommt und mir am Tisch die Flasche öffnet, löst sich aus der Dunkelheit des Raumes eine hagere Gestalt und steuert auf meinen Tisch zu. Aus dem weiten Gewand holt er ein paar Schmuckstücke hervor und legt sie mir vor den Teller.
"Pas cher, patron."
So fangen sie immer an, alles ist nicht teuer. Ich tue so als ob mich die Stücke nicht interessieren. Bedächtig esse ich weiter.
"Was willst du dafür geben?"
Ich schaue ihn an, als verstände ich nicht, was er sagt.
"Wie viel möchtest du? Drei, vier?" Bei diesen Worten zieht er weitere Ketten mit dem Kreuz von Agadez aus seinem Kaftan. "Ich mache dir einen guten Preis.
Wenn ich jetzt nur einen Ton sage, werde ich ihn bis zur Beendigung meiner Mahlzeit nicht mehr los. Warum sollte ich dieser Form der Unterhaltung aus dem Weg gehen? Ich antworte:
"Zwei würde ich nehmen, wenn du mir einen guten Preis machst."
"Nimm vier und ich mache dir einen guten Preis!"
"Was soll ich mit vier Ketten, wo ich doch nur einen Hals habe?"
"Aber du hast eine Frau, eine Tochter, eine Schwester und eine Mutter. Nimm die vier, ich mache dir einen guten Preis."
"Was ist ein guter Preis?"
"Ich gebe dir die vier für 10.000 CFA."
Entrüstet schüttle ich den Kopf und schiebe ihm die Ketten wieder zu.
"Sei nicht böse, das ist ein Handel. Du musst mir deinen Preis nennen."
"Bei diesen Zahlen wird mir ganz schlecht und mir es fällt kein Preis mehr ein. Ich kann nicht auf dein Angebot eingehen."
"Patron, wir sind in Afrika, da wird gehandelt..."
"..und Märchen erzählt. Ich glaube, du bist kein Händler, sondern ein Märchenerzähler."
"Allah sei mein Zeuge, ich rede die Wahrheit. Ich habe diese Ketten selber für 8.000 CFA gekauft, einen kleinen Verdienst musst du mir gönnen. Ich habe heute noch nichts verkauft und nichts gegessen. Wovon soll mein Bauch satt werden?"
"Nicht von Ketten, sondern von Reis."
"Aber ich habe heute noch kein Geschäft gemacht. Nimm die Ketten für 9.000."
"Wie viel willst du für eine haben?"
"Zweitausendfünfhundert."
"Dann zahle ich für vier nicht 9.000 CFA."
"Nenn mir deinen Preis."
"Das kann ich nicht. Bei deinen Preisen bekomme ich Angst. Ich will keinen Preis nennen. Er würde dich beleidigen."
"Patron, wir sind in Afrika. Jeder nennt seinen Preis und dann diskutieren wir. Nenne mir deinen Preis."
Ich sehe an seinem Gesicht, dass ich ihn bereits von seinem hohen Preis abgebracht habe. Er kann sich eines Grinsens nicht erwehren und damit habe ich bereits einen Vorteil. Er nimmt mich als Gesprächspartner ernst, hat Spaß, die Sache weiter zu treiben.
"2000!"
"Für jede Kette 2000? Allah, du willst mich ruinieren".
"Nicht für eine Kette, für alle vier".
Erstaunt blickt er mich an. Das hat er offensichtlich nicht von einem Weißen erwartet.
"Du willst nicht die Ketten kaufen? Willst du lieber einen Ring?" Bei diesen Worten zieht er ein altes Papier aus seinem Kaftan und wickelt daraus einen einfach gearbeiteten Silberring mit einem schwarzen Stein.
Ich will den Ring nicht, die Ketten nicht, ich will nur die Zeit totschlagen, mit Essen, mit Handeln oder sonst etwas. Ich schaue auf die Uhr. Eine Stunde ist vergangen, seit ich das Restaurant betreten habe. Ich stehe auf und trete ans Fenster. Der Platz, auf dem die Busse stehen, ist menschenleer. Die Fahrgäste sind in den Schatten geflüchtet und die Händler nach Hause gegangen, haben sich aufs Ohr gelegt und warten ab, bis die schlimmste Mittagshitze vorüber ist. Vor vier Uhr wird sich der Platz nicht beleben. Wenn um diese Zeit noch ein paar Fahrgäste zusammenkommen und der Bus nach Niamey fahren würde, kämen wir erst spät in der Nacht an. Keine angenehme Vorstellung, mitten in der Nacht in der Hauptstadt nach einem Hotelzimmer zu suchen.
Ich gehe zum Tisch zurück und setzte mich, beginne, den Rest meiner Mahlzeit zu essen. Der Händler sitzt immer noch an meinem Tisch; der Kopf liegt auf der Tischplatte und er schnarcht. Das Klappern meines Besteckes weckt ihn auf. Er blinzelt, hält mir den Ring wieder hin, so als wäre der Handel nicht unterbrochen worden. Weder durch mein Aufstehen, noch durch sein kurzes Nickerchen.
"Nein danke, da nehme ich doch lieber eine Kette."
"Hier, 2500."
"Diesen Preis hatten wir lange hinter uns gelassen. Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du mir die vier Ketten für 2000 CFA verkaufen."
"Nein! Nicht einmal eine Kette würde ich für diesen Preis hergeben!"
"Also vergessen wir das Ganze. Ich vergesse meinen Preis von 2000 CFA für vier Ketten und du vergisst deinen Preis von 9500. Fangen wir von vorne an.
Also, was ist der Preis, den du einem erfahrenen Weißen vorschlagen würdest.
Nicht einem Tourist, sondern einem, der die Preise kennt?"
"Nenn du einen Preis, den du zahlen willst."
"Wenn ich dir einen Preis nenne, den ich zahlen will, fängst du an zu schreien. Machen wir es so, du schlägst einen vor und ich höre einfach zu.
Wenn der Preis mir zusagt, werde ich ihn bezahlen."
"10.000 für diese vier schönen Ketten."
Ich schüttle nur den Kopf und esse weiter, ohne ihn weiter zu beachten.
"Gut, weil du mein erster Klient heute bist und ich noch nichts gegessen habe, gebe ich sie dir für 9000."
"Das hatten wir schon. Nein, bei diesem Preis habe ich kein Interesse."
"Dann nenne du mir deinen Preis."
"Nein, ich will erst einen vernünftigen Preis von dir hören."
"Nimm sie für 8500".
Er schiebt mir die Ketten hin und wartet darauf, dass ich ihm das Geld überreiche. An der Art und an seinem Gesichtsausdruck sehe ich, dass er sich seiner Sache sicher ist, den Handel damit zum Abschluss gebracht zu haben.
"Ich will meine Zeit nicht weiter mit Handeln vergeuden. Ich vergesse ebenfalls meinen Preis von 500 pro Stück und sage dir, 800 pro Stück und weil du ein netter Kerl bist und ich nach Niamey fahre, wo alle deine Brüder darauf warten, mir die gleichen Ketten zu verkaufen, lege ich noch einmal 300 drauf. 3500, mein letztes Angebot."
Die Rechnung ist immer die gleiche: Teile den zuerst genannten Preis durch 4. Das ist der Preis, den ein Einheimischer bezahlen würde. Alle Preise zwischen einem Viertel und der Hälfte des ursprünglichen Preises sind angemessen. Es ist eine Frage der Erfahrung, welchen Preis man in dieser Spanne erzielt.
Ich winke dem Kellner, frage, was ich zu bezahlen habe und gebe ihm das Geld. Dann mache ich Anstalten, aufzustehen.
"Patron, was ist nun mit den Ketten? Willst du sie haben?"
"Ja, und du kennst meinen Preis."
"Gib mir 7000."
"Nein."
Ich lasse ihn stehen und bewege mich in Richtung Ausgang, spüre, dass er mir folgt. Ich habe Zeit, denn ich muss warten.
Kaum habe ich das Restaurant verlassen, treffen mich das helle Sonnenlicht und die Hitze wie ein Keulenschlag. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und laufe in Richtung Taxistand. Keine Menschenseele weit und breit, nur der Fahrer schnarcht auf einer Bank im Bus.
Ich setze mich auf einen Stein unter einem großen Baum und hole aus meiner Tasche meinen Fotoapparat. Wie sieht die Langeweile aus. Welche Farbe hat sie? Ich schraube das Teleobjektiv auf die Kamera und schaue durch den Sucher. Zwei Bäume weiter steht eine Ziege im Schatten, Fliegen umschwärmen sie. Sie zuckt nur gelegentlich mit den Ohren.
Ich halte ihren gelangweilten Gesichtsausdruck mit der Kamera fest. Ob sie auch mit dem Bus fahren wird?
"5000", höre ich den Händler hinter mir.
Ich drehe mich bewusst langsam um.
"Nein, du kennst meinen Preis."
"Patron..."
Aus meinem Portemonnaie hole ich drei Tausender und einen Fünfhunderter. Die fächere ich auf und halte sie ihm unter die Nase.
"Nimm das Geld und lasse mich in Ruhe."
Diese Aufforderung ist eindeutig. Weiter geht der Handel nicht. Damit ist eine Linie gezogen. Höchstens morgen. Sollte ich noch da sein.
Er reicht mir die vier Ketten, nimmt das Geld.
"Und der Ring? Was gibst du mir für den Ring? Nenne mir deinen Preis!"
"Mon ami, wem sollte ich diesen Ring schenken? Oder willst du mir deine Schwester zur Frau geben, damit ich ihr diesen Ring schenken kann?"
Er lacht laut. Wir sind beide mit dem Handel zufrieden. Er dreht sich um und läuft zurück zum Restaurant. Dort wird er versuchen, einen weiteren Klienten zu finden oder sich den Magen mit Makkaroni und rotgelber Sauce oder Reis mit gelbroter Sauce füllen.
Die Ketten baumeln an meinem Finger. Zwei Stunden hat es gedauert, bis sie in meinen Besitz gelangt sind. Mit diesem Handel habe ich die Langeweile vertrieben und male mir aus, wessen Hals sie einmal schmücken werden.
Hat die Langeweile eine Farbe? Hier auf dem Platz ist sie braungelb. Alles um mich herum ist mit feinem Lateritstaub bedeckt: Autos, Gräser, Bäume, die Tische der Händler und die Langeweile. Ja, die Langeweile hat eine Farbe und die ist braungelb.
Ich hocke mich auf einen Stein unter einen Baum, der mir nur mäßig Schatten spendet. Gut, dass die größte Mittagshitze vorbei ist. Ich lehne mich an den Stamm des Baumes und schließe die Augen. Dicht an meinem Ohr höre ich das Summen einer Fliege. Ich brauche mich nicht zu bewegen, um sie abzuwehren.
Sie sticht nicht. Sie setzt sich auf meine Nase und ich spüre, wie sie langsam von der Nasenwurzel in Richtung Nasenspitze krabbelt. Dabei, so stelle ich mir vor, tastete sie die Nase mit ihrem Rüssel auf der Suche nach Nahrung ab. Sie fliegt kurz auf, setzt sich auf meine Wange, um ihre Tätigkeit dort fortzusetzen. Sie hat bestimmt keine Langeweile. Immer in Bewegung, bis zu ihrem Ende. Das kann schnell kommen, wenn sie sich im Gesicht eines Menschen niederlässt. Die Schwarzen sind schnell. Reflexartig schlagen sie zu und treffen msistens Fliege. Mir fällt das schwer. Bei mir haben sie große Chancen, mit dem Leben davonzukommen.
Die Kühe, keine zehn Schritte von mir entfernt, sind ebenfalls Opfer der Fliegen. Sie sind um die Nasen mit Fliegen bedeckt. Von Zeit zu Zeit schütteln sie ihre großen Köpfe, aber eher resigniert, wohl wissend, dass sie die Plagegeister auf Dauer nicht loswerden. Träge kauen sie wider, was sie vor ein paar Stunden gegessen haben. Ihre Schwänze sind ständig in Bewegung. Sonst herrscht Stillstand während der Siesta.
Ich schlage mich auf die Wange und töte damit die Fliege. Es wird nicht lange dauern, bis die nächste sich in meinem Gesicht nieder lässt. Das Gesicht brennt ein wenig an der Stelle, wo ich zugeschlagen habe. Auf der anderen Seite beginnt ganz langsam ein Schweißtropfen hinabzulaufen. Selbst ohne Bewegung komme ich ins Schwitzen. Meine Kehle ist trocken. Die Cola zum Essen hat nur noch mehr Durst ausgelöst. Der Platz liegt menschenleer vor mir. Am anderen Ende ist eine Bude, bei der man alles kaufen kann: Getränke, Zigaretten, etwas zu Essen aber auch Waschpulver, Zwirn, Pulverkaffee, Zucker und Konserven. Alles ist in erschwinglichen Portionen abgepackt. Ich erhebe mich und laufe auf die Bude zu. Ich setze mich der Sonne aus, um meinen Durst zu stillen.
"Eine Flasche Wasser bitte."
Eine schwarze Hand schiebt mir aus den Tiefen der Bude eine Flasche Wasser über die Theke. Ich schiebe ihr mein Geld zurück. Ein paar Münzen werden von der schwarzen Hand als Wechselgeld in meine Richtung geschoben.
"Was meinst du, fährt heute noch ein Bus nach Niamey?"
"Manchmal fahren die Busse, manchmal nicht. Gestern fuhr ein Bus. Warum sollte heute einer fahren? So viele Leute wollen nicht nach Niamey."
"Wenn genügend Leute kommen, glaubst du, dann fährt der Bus noch?"
"Warte es doch einfach ab."
"Gut, warte ich es ab. Etwas anderes bleibt mir sowieso nicht übrig."
Ganz allmählich füllt sich der Platz wieder. Die ersten Händler kehren von der Siesta zurück und bauen ihre Wahren auf Decken auf. Ein Trupp Schafe wird an mir vorbeigetrieben.
Der Busfahrer rekelt sich auf seinem Sitz und spuckt im hohen Bogen aus dem Fenster. Schlaftrunken steigt er aus, reibt sich die Augen und geht auf die andere Seite des Busses, um sein Wasser abzuschlagen. Bekommt er noch fünf Fahrgäste, damit es sich lohnt, den Weg nach Niamey anzutreten? Schwer zu sagen. Abwarten.




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Eingereicht am 28. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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