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Mbeki - Häuptling der Urapa

©  Sara Rebecca Puorger


"Wabani wo steckst du?" Mbila war nahe dabei in Tränen auszubrechen. Ihr kleiner Bruder hatte doch gerade noch neben ihr gesessen und gespielt. Ob er Verstecken mit ihr spielen wollte?
"Wabani komm, wir haben keine Zeit zu spielen. Die Sonne geht bald unter und wir haben noch einen langen Fussmarsch bis ins Dorf!" Mbila war müde. Als Häuptlingstochter hatte sie die ehrenvolle Aufgabe zugeteilt bekommen, die Umhänge der 24 jungen Krieger im heiligen Fluss zu waschen. Sie war erst zwölf Jahre alt und die einzige Tochter Mbekis, des grossen Häuptlings des Stammes der Urapa. Es war Tradition, dass die älteste Tochter des Stammesoberhauptes am Vortage des Kalagata, das Fest der jungen Krieger, an den Ufern des fünf Kilometer entfernten Milopo Flusses die Gewänder wusch. Es war der Wille der Götter, dass sie ganz alleine gehen musste. Aber Mbila hatte sich davor gefürchtet den weiten Weg alleine zu gehen. Und da ihre Mutter bei der Geburt Wabanis gestorben und sie mit sieben Jahren schon Ersatzmutter geworden war, hatte sie es nicht als Übertretung der Tradition empfunden ihren kleinen Schützling mitzunehmen. Die Götter hatten sicher Verständnis dafür.
Die Sonne begann schon hinter den Bäumen zu versinken. Mbila, deren Kleider ganz durchnässt waren begann zu frösteln. Wo steckte Wabani nur? Sie mussten los. Gleich würde es dunkel sein. Plötzlich packte sie die nackte Angst. Was, wenn Wabani etwas zugestossen war? War das die Rache der Götter, weil sie sich den Regeln widersetzt hatte? Schnell packte sie die sauberen, zum Teil noch nassen Umhänge zusammen, setzte sich das schwere Bündel auf den Kopf und machte sich auf den Weg flussabwärts, um Wabani zu suchen. Da plötzlich entdeckte sie seine kleinen Fussspuren im Schlamm. Mbila setzte ihre Last auf einem geknickten Baum ab.
"Waba-ani! Wo bist du?" Mbila folgte den Spuren, die zum Fluss hin führten. Erstarrt blieb sie stehen, als diese in den Wellen des Misopo jäh ein Ende nahmen. Schreckensbilder tauchten in Mbilas Erinnerung auf. Sie sah wieder den dreijährigen Wakiri, den Sohn ihrer Tante. Er hatte am Ufer gespielt und war hineingefallen. Als Mbila ihn erblickt hatte, war es schon zu spät gewesen; ein letzter Aufschrei und Wakiri war in den reissenden Wellen untergetaucht. Das ganze Dorf hatte um ihn getrauert. Hatte Wabani Wakiris Schicksal geteilt? Wenn es so war, dann war sie des Todes. Alleine dass sie ihn mitgenommen hatte an den heiligen Fluss, wo sie doch hätte alleine gehen müssen, konnte sie in riesige Schwierigkeiten bringen. Und jetzt würde sie ohne ihn zurückkehren. Das würde ihr Vater ihr nie verzeihen. Wenn man sie nicht tötete, dann würde man sie wenigstens aus dem Dorf treiben.
Zitternd vor Angst fiel Mbila auf die Knie. Sie weinte um ihr Schicksal doch noch mehr weinte sie um ihren kleinen Bruder. Wabani war wie ihr eigenes Kind gewesen.
"Mein kleiner Wabani, was habe ich dir nur angetan."
Sie hatte weder dir Kraft noch den Mut sich ohne den kleinen Wabani auf den Heimweg zu machen. So lag sie im Schlamm, zusammengekauert und zitternd wie ein Häuflein Elend. Als die Sonne schon lange untergegangen war fiel sie schliesslich in einen unruhigen Schlaf.
***
Mbeki stand vor seiner Hütte in der Mitte des Dorfes und schaute zu wie die Sonne am Horizont versank. Den ganzen Tag hatte er weder Mbila noch Wabani gesehen, was ihn jedoch nicht beunruhigte. Mbila war noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen, um diese wichtige Aufgabe zu erfüllen und den Göttern so eine Ehre erwies. Wabani war sicher bei Rakata, seiner Schwester. Seit dem Tod Wakiris, ihres Sohnes, hatte sie sich vermehrt um Wabani und Mbila gekümmert, obwohl sie noch drei andere Kinder hatte.
Mbeki war stolz auf Mbila. Er liebte seine kleine Tochter, die ihrer Mutter so ähnlich war. Mit jedem Jahr das verging sah sie Mbalala ähnlicher. Mbeki seufzte. Er vermisste Mbalala noch immer. Wie hatte er sie geliebt, seine treue Mbalala. Er wusste, dass er als Häuptling eine neue Frau hätte nehmen sollen, doch er war lieber alleine geblieben. Sein Volk hatte eine Weile rebelliert dagegen, aus Angst es könnte den Göttern missfallen, wenn ihr Häuptling keine Frau mehr hatte. Doch der Sturm hatte sich wieder gelegt und auch die Götter schien es nicht gestört zu haben.
***
Eine Stunde später trat Mbeki wieder vor die Hütte. Es war schon dunkel und langsam begann er sich Sorgen zu machen. Warum war Mbila noch nicht zurückgekehrt? Und wo war eigentlich Wabani? Er hatte ihn gar nicht mit den anderen Kindern auf dem Dorfplatz spielen sehen. Schlendernd ging er die wenigen Schritte zur Hütte seiner Schwester und trat ein. Ein Feuer brannte in der Mitte des Raumes. Rakata stand davor und kochte Hühnersuppe für das morgige Fest. Sie schaute erstaunt auf als Mbeki eintrat.
"Oh hallo, ist Mbila wieder zurück?"
"Nein noch nicht. Ich mache mir Sorgen, Rakata. Ob ihr etwas zugestossen ist? Vielleicht war sie wirklich noch zu jung für diese Aufgabe."
"Das glaube ich nicht. Mbila ist ein vernünftiges und kluges Mädchen. Vielleicht hat sie ein bisschen länger gebraucht mit den Umhängen. Mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich ist sie unterdessen gekommen und wundert sich, wo ihr Vater steckt."
Mbeki nickte geistesabwesend und sah sich im Raum um. In einer Ecke schlief Dania, die jüngste Tochter Rakatas. Sie war erst sechs Monate alt und ein Geschenk der Götter. Ihre Geburt hatte das Strahlen in Rakatas Augen zurückgeholt, das seit dem Tod von Wakiri erloschen gewesen war.
"Wo sind denn die anderen Kinder?" Mbeki erinnerte sich plötzlich wieder daran warum er eigentlich gekommen war.
"Sie sitzen am Feuer mit den Männern und hören deren Geschichten zu." Rakata rührte in der Suppe und probierte sie.
"Ist Wabani auch dort?"
"Wabani? Ich weiss es nicht. Ich habe ihn den ganzen Tag lang nicht gesehen."
"Aber ich dachte Wabani wäre heute....", Mbeki stutzte. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen. Mbila musste Wabani mitgenommen haben. Ohne ein weiteres Wort zu sagen stürmte er aus der Hütte. Draussen war niemand zu sehen. Nur von der Dorfmitte her hörte man Stimmen und Gelächter der Männer. Es war Brauch, dass die Männer am Vorabend des Kalagata zusammen sassen und Geschichten erzählten, während die Frauen in den Hütten das Essen für das Fest vorbereiteten. Es war auch Brauch, dass der Häuptling an diesem Abend nicht mit den Männern ums Feuer sitzen durfte. Normalerweise hatte ihn dies immer gestört, doch heute war er froh darüber. Er musste Mbila und Wabani finden, bevor herauskam, dass Mbila die Gesetze der Götter übertreten hatte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen beim Gedanken daran, was aus Mbila werden würde, würden die Männer erfahren was sie getan hatte.
***
Kurze Zeit später erreichte Mbeki die heilige Stelle am Ufer des Milopo. Mit seiner Fackel suchte er die Stelle ab. Kleine Fussspuren übersäten die feuchte Erde am Ufer; Kinderspuren unterschiedlicher Grösse. Er hatte also recht behalten. Mbila hatte Wabani mitgenommen. Aber wo konnten seine beiden Kinder nur stecken?
"Mbila! Wabani! Wo seid ihr?" Er stapfte im Kreis herum, schaute hinter jeden Baum und Strauch. Plötzlich entdeckte er Fussspuren die flussabwärts führten. Er folgte ihnen und blieb abrupt vor einem umgestürzten Baum stehen, auf dem das Bündel mit den Umhängen lag.
"Mbila! Wo bist du? Mbi-la!" Immer und immer wieder rief er ihren Namen. Was war geschehen? Mbila würde nicht einfach die Umhänge zurücklassen. Es musste ihr etwas zugestossen sein.
***
"Mbi-la!" Rief da jemand nach ihr? Oder hatte sie nur geträumt? Nein, da war es wieder. War das nicht die Stimme ihres Vaters? Mbila blinzelte in die Dunkelheit. Langsam richtete sie sich auf. Sie war nass und mit Schlamm bedeckt. Ein leichter Windstoss liess sie erzittern. Einen Moment lang wusste sie nicht wo sie sich befand. Doch dann durchzuckte sie die Realität wieder wie ein Blitz. Die Umhänge der Krieger! Der kleine Wabani in den Wellen ertrunken! Aber was tat ihr Vater hier? Er suchte sie! War er alleine? Oder hatte er das halbe Dorf mit sich gebracht? "Mbila!", das war nur die Stimme ihres Vaters! Da vorne die Fackel! Einen Augenblick verspürte Mbila den Drang auf ihren Vater zuzurennen, ihre Arme um ihn zu schlingen und ihr Gesicht an seiner Schulter vergraben. Doch sie unterdrückte diesen Wunsch. Das durfte sie nicht. Ihr Vater durfte sie nicht finden. Sie hatte gegen die Gesetze der Götter verstossen. Sie war schuld, dass Wabani ertrunken ist. Er würde ihr das nie verzeihen. Und selbst wenn er es täte, wäre sie doch des Todes oder der Verbannung aus ihrem Volk sicher. Ihr Vater war der Häuptling, er musste sich an die Gesetze der Götter halten.
Leise, beinahe lautlos schlich sie sich weiter ins Dickicht hinein. Ihr Vater durfte sie nicht finden. Als sie weit genug entfernt war begann sie loszurennen. Blindlings rannte sie vom Fluss weg in den Dschungel. Sie konnte kaum ihre Hand vor dem Gesicht sehen, so dunkel war es. Sie stolperte vorwärts, fiel hin, riss sich Knie und Ellenbogen auf, aber sie spürte es kaum. Ihr Herz schmerzte mehr als es die tiefsten Schnittwunden hätten tun können.
***
Es war schon Morgengrauen als Mbeki zu der Stelle am Fluss zurückkehrte, an der Mbila die Umhänge hatte liegen lassen. Er hatte die ganze Nacht lang nach seinen Kindern gesucht. Vergeblich! Mbila und Wabani blieben wie vom Erdboden verschluckt. Schweren Herzens und total erschöpft hob er das Bündel mit den Umhängen auf seinen Kopf und marschierte zurück ins Dorf. Eine Gruppe Männer erwartete ihn schon vor seiner Hütte. Mit verschränkten Armen und grimmiger Miene standen sie dort und warfen ihm böse Blicke zu.
"Wo bist du gewesen, Mbeki?" fragte Mbula, der Medizinmann scharf. "Warum warst du heute vor Sonnenaufgang nicht hier und hast dich an der Schlachtung des Schweines beteiligt, wie es als Häuptling deine Pflicht gewesen wäre? Schon wieder hast du die Gesetze der Götter missachtet. Sie sind erzürnt. Du wirst unser Volk noch in den Abgrund reissen."
Vor lauter Sorge um seine Kinder hatte Mbeki vergessen, dass er zu Ehren der jungen Krieger ein Schwein schlachten, ihm das Herz herausschneiden und es den Göttern auf dem Altar hätte darbringen müssen. Müde warf er den Männern die Umhänge vor die Füsse und ohne ein Wort zu sagen trat er in seine Hütte. Schon seit dem Tod seiner Frau gab es eine Gruppe Männer in seinem Stamm, die ihn gerne losgeworden wären. Er hatte damals schon gegen den Willen der Götter gehandelt und den Hass dieser Männer auf sich gezogen. Und er wusste, dass er ihnen mit der heutigen Übertretung nur noch mehr Anlass zum Hass gegeben hatte.
Wutentbrannt stürzte Mbula in die Hütte. Mit vor Zorn funkelnden Augen sah er auf Mbeki hinunter, der sich in einer Ecke auf den Boden gesetzt hatte.
"Was ist los mit dir? Und wo ist deine Tochter?"
Auch die anderen Männer hatten die Hütte betreten und reihten sich hinter Mbula auf. Mbeki schaute zu den Männern auf. Einem nach dem anderen blickte er traurig in die Augen. Dann begann er zu sprechen:
"Es tut mir leid. Ich weiss, dass ich die Gesetze gebrochen habe. Ich habe gestern abend gemerkt, dass meine Tochter Wabani, ihren kleinen Bruder mitgenommen hatte an den Fluss. Sie hatte mir gestanden, dass sie sich davor fürchte alleine gehen zu müssen. Doch ich hielt ihr vor, dass sie alt genug sei für diese Aufgabe, und dass die Götter es so wollten, dass sie diese Prüfung alleine durchmachen musste. Sie hat mir gehorcht und ist gestern morgen aufgebrochen, jedoch nicht alleine. Sie hat Wabani mitgenommen. Als sie gestern nach Sonnenuntergang noch immer nicht zu Hause war, begann ich mir Sorgen zu machen. Und da ich auch Wabani den ganzen Tag lang nicht gesehen hatte, war mir plötzlich klar, wo er sein musste. Ich machte mich also auf den weg die beiden zu suchen. Als ich dort ankam fand ich nur das Bündel mit den gewaschenen Umhängen. Ich habe sie die ganze Nacht gesucht, aber ausser einigen Kinderfussspuren, die direkt auf das Flussufer hinführten, habe ich nichts gefunden."
Plötzlich verlor dieser sonst so stolze, aufreche Mann seine Fassung und brach zusammen. Er weinte hemmungslos und liess seinen Tränen freien Lauf.
"Ich hätte sie nicht gehen lassen sollen. Sie war noch zu jung für diese Aufgabe. Ach warum nur habe ich sie dazu gezwungen?!"
Mbula und seine Männer hatten Mbekis Geschichte wortlos zugehört. Jetzt ergriff er wieder das Wort:
"Deine Tochter hat dir und den Göttern nicht gehorcht. Die Götter sind erzürnt. Sie haben deine Tochter mit dem Tod bestraft. Auch du hast dich vermehrt dem Willen der Götter widersetzt. Jetzt haben sie auch dich bestraft. Doppelt! Sie haben dir gleich beide Kinder weggenommen. Aber sie sind noch immer erzürnt und verlangen ein Sühneopfer. Ein Mädchen unter fünf Jahren muss heute noch geopfert werden, damit die Götter uns wieder wohlgesonnen sind. Da du keine Tochter mehr hast wird dieses Mädchen aus deiner nächsten Verwandtschaft kommen. Heute, wenn die Sonnen am höchsten steht, wirst du Dania, die Tochter deiner Schwester Rakata auf dem Altar vor meiner Hütte darbringen. Nur so kannst du Häuptling bleiben und die Götter wieder milde stimmen."
Ohne ein weiteres Wort verliess er die Hütte, gefolgt von den anderen Männern. Mbeki blieb alleine zurück. Wie ein Häuflein Elend sass er zusammengekauert in der Ecke seiner Hütte. Er hatte keine andere Wahl als Mbulas Vorschriften zu gehorchen. Tat er es nicht, wurde er als Häuptling gestürzt und umgebracht und mir ihm seine gesamte Verwandtschaft. Er konnte Rakata und ihre Familie also nur retten, wenn er ihr das Liebste nahm und Dania den Göttern opferte.
***
Nach einer unruhigen Nacht kehrte Mbila wieder zu der heiligen Stelle am Fluss zurück. Ihre aufgekratzten Arme und Beine schmerzten und sie hatte Hunger. Als sie die Stelle erreichte stutze sie. Auf dem umgestürzten Baum, auf dem sie gestern das Bündel mit den Umhängen hatte liegen lassen sass ein kleiner Junge und weinte. Mbila traute ihren Augen kaum. Der kleine Junge war niemand anderes als ihr geliebter Bruder Wabani. Mbila stürzte zu ihm hin und nahm ihn in die Arme.
"Weine nicht Wabani. Ich bin ja da. Es ist ja alles wieder gut. Sshh sei ein braver Junge. Ich bin ja da."
Mbila wusste nicht wie lange sie mit ihrem Bruder dagesessen und ihn hin und her gewiegt hatte. Sie wäre am liebsten für immer dageblieben, weit weg vom Dorf und ihrem Vater, der bestimmt voller Zorn auf sie wartete. Aber ihr Magen machte sich wieder bemerkbar und auch Wabani klagte er habe Hunger. Also nahm Mbila den kleinen Jungen an der Hand und zusammen machten sie sich auf den langen Heimweg ins Dorf.
***
Mbeki hatte sich aufgerafft und ging zur Hütte seiner Schwester. Bawino, Rakatas Mann sass vor der Hütte und schärfte seine Speerspitze. Mbeki nickte ihm kurz zu, doch jener blitzte ihn nur hasserfüllt an. Rakata sass auf dem Boden, in ihren Armen die kleine schlafende Dania. Sie blickte auf als er eintrat. Mit traurigen Augen blickte sie ihn an. Die Nachricht hatte sich bereits wie ein Lauffeuer im ganzen Dorf verbreitet.
"Es tut mir so leid! Ich würde alles tun, um deine Dania zu schützen..."
"Shht! Sag nichts mehr!" Rakata fiel ihm ins Wort. "Es ist der Wille der Götter. Und nun geh und lass mich alleine."
Kaum hatte Mbeki die Hütte verlassen, brach sie zusammen. Sie weinte bittere Tränen. Sie weinte um ihre Tochter, sie weinte um Mbila und Wabani, aber am allermeisten weinte sie um Mbeki. Wie hatte er gelitten. Zuerst verlor er seine Frau Mbalala, die er über alles geliebt hatte. Jetzt hatte er auch noch seine einzigen beiden Kinder verloren und nun musste er auch noch Dania töten. Rakata wusste, dass er sein Leben hergäbe für ihre Tochter, wenn es die Möglichkeit dazu gäbe.
***
Das gesamte Dorf hatte sich um das Haus des Medizinmannes Mbula versammelt. Die Sonne stand schon beinahe an ihrem höchsten stand. Mbeki stand vor dem Altar auf dem Mbula verschiedene Kräuter verteilt hatte. Er starrte auf den sonst noch leeren Altar auf dem er in Kürze eine Gräueltat vollbringen musste. Seine Gedanken waren bei Rakata, als ihn ihre Stimme wieder in die Wirklichkeit zurückholte. Er drehte sich um und blickte in ihre vom Weinen geröteten, aber gefassten Augen. In ihren Armen hielt sie Dania, die mit ihren grossen schwarzen Augen zu ihrem Onkel aufschaute und ihn anlächelte. Rakata warf einen letzten schmerzvollen Blick auf ihr Kind, bevor sie es Mbeki übergab. Dann drehte sie sich um und verschwand in der umstehenden Menge. Wie gern wäre er ihr gefolgt und hätte ihr das Kind wieder in die Arme gedrückt, ihr gesagt, dass alles nur ein Missverständnis gewesen war. Jedoch blieb er wie angewurzelt stehen und blickte ihr nach. Er bewunderte ihren Mut. Sie hätte damals an seiner statt Häuptling werden sollen. Sie war die stärkere von beiden. Sie hätte sein Volk besser regieren können. Sie hätte die Götter nicht so erzürnt. Aber sie war als Mädchen auf die Welt gekommen und so war er der Erstgeborene gewesen.
"Es ist Zeit Mbeki! Die Sonne steht hoch, die Götter schauen uns zu und warten."
Ungeduldig nahm er Mbeki das kleine Mädchen aus den Armen und legte es auf den Altar. Er entnahm einer Schüssel ein wenig von einer braunen Flüssigkeit aus Wasser und Erde und benetzte Danias Stirn und Bauch damit. Dania, die bis jetzt alles ruhig über sich ergehen gelassen hatte, fing an zu schreien. Sie strampelte und streckte Mbeki ihre dünnen Ärmchen entgegen. Mbula verschwand für einen kurzen Augenblick in seiner Hütte und kam mit einem langen Messer wieder hervor. In einer feierlichen Geste überreichte er es dem Häuptling und gab ihm zu verstehen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei. Mit zitternden Händen nahm er das Messer entgegen, hob es über seinen Kopf und setzte zum Todesstoss an, als ein Schrei ertönte.
"Nein!"
***
Mbila und Wabani erreichten das Dorf als die Sonne am höchsten stand. Gerade als sie in die Hütte ihres Vaters schlüpfen wollte, sah Mbila wie Rakata mit verheulten Augen in ihrer Hütte verschwand. Sie stutzte. Was war hier los? Und warum weinte ihre Tante? Sie nahm den kleinen, erschöpften Wabani wieder bei der Hand und zerrte ihn mit sich in die Richtung, wo Rakata hergekommen war. Da entdeckte sie die Menschenmenge vor des Medizinmanns Hütte. Durch die vielen Köper verdeckt konnte sie nicht erkennen was ablief. Doch in diesem Moment hörte sie Mbulas Stimme:
"Es ist Zeit Mbeki! Die Sonne steht hoch, die Götter schauen uns zu und warten."
Wofür war es Zeit? Sie hielt Wabani noch fester und drängte sich durch die Menge. Als sie in der vordersten Reihe angekommen war, stockte ihr der Atem. Ihr Vater stand vor dem Altar ein langes Messer über dem Kopf haltend. Auf dem Altar lag die kleine Dania, splitternackt, nur am Bauch und an der Stirn bemalt mit einem braunen Geschmiere. Hinter dem Altar stand Mbula der Medizinmann mit einem hämischen Grinsen im Gesicht. Es dauerte einen kurzen Moment bis ihr klar wurde, was hier geschah. Sie schrie auf:
"Nein!"
Alle blickten sie an. Das Grinsen in Mbulas Gesicht verzog sich zu einer Grimasse aus purem Zorn und Hass. Mbeki liess das Messer fallen und schloss stattdessen Mbila und den verstörten Wabani in sein Arme. Die Dorfbewohner blieben alle ruhig, jedoch hörte man das eine oder andere erleichterte Aufatmen.
"Mbeki!"
Die hasserfüllte Mbulas erfüllte die Stille.
"Vollführe deine Tat, ehe es zu spät ist! Du musst dieses Opfer bringen oder die Götter werden sich an uns allen rächen."
Mbeki stand auf und trat vor Mbula.
"Die Götter können gar nicht so sehr erzürnt sein, wenn sie mir meine beiden Kinder zurückgeben. Ich werde deshalb Dania nicht opfern und sie unversehrt ihrer Mutter zurückgeben."
Mit diesen Worten nahm er das noch immer weinende Baby vom Altar. Noch einmal drehte er sich zu Mbula um und ergänzte:
"Wenn du mich daran hindern willst, musst du mich umbringen."
Mit diesen Worten drehte er sich um, nahm mit seiner freien Hand Wabani an der Hand und ging los. Noch einmal fuhr ihm Mbilas Schrei durch Mark und Bein.
"Nein!" Mbila sprang vor ihren Vater. In der nächsten Sekunde fiel sie auf ihre Knie, einen Speer in der Brust. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte sie in ihrem Todeskampf in die Augen ihres Vaters, der die kleine Dania einer Frau in die Arme gedrückt hatte und nun seine blutverschmierte Tochter in seinen Armen hielt.
"Es...ist nicht...so schlimm, Papa. Jetzt...gehe ich zu...Mama."
Kaum hatte sie dies gesagt, brachen ihre Augen und nur ihr lebloser Körper blieb in Mbekis Armen zurück. Er schloss ihre Augen und hob sie auf. Das ganze Dorf folgte ihm zu seiner Hütte, vor der er seine Tochter auf den Boden bettete. Dann trat er wieder hinaus, nahm die kleine Dania auf den einen und seinen Sohn Wabani auf den anderen Arm und trat in die Hütte von Rakata. Diese sass alleine mitten in der Hütte und trauerte um den Verlust ihres Kindes. Bawino war mit den übrigen Kindern in den Wald gegangen, damit sie ihre Ruhe hatte. Nun blickte sie auf und beim Anblick ihrer Tochter und Wabani hellte sich ihr getrübter Blick auf. Ein Blick jedoch in die Augen ihres Bruders liess sie erschauern. Sie waren ohne Leben. Vor ihr stand ein gebrochener Mann. Es erschien ihr, als ob er durch sie hindurch schauen würde, doch er sprach mit ihr.
"Ich habe dir ein Kind nehmen wollen. Jetzt bringe ich dir zwei zurück. Versprich mir, dass du für meinen Sohn sorgst, als ob es dein eigener wäre."
Mit diesen Worten legte er ihr beide Kinder in die Arme. Rakata nickte ihm verständnisvoll zu. Sie wusste, was ihr Bruder fühlte. Noch ein letztes Mal strich er Wabani über den Kopf. Dann verliess er die Hütte. Wieder nahm er seine tote Tochter in den Arm und verschwand mit ihr im Dickicht. Niemand hielt ihn zurück. Niemand sah ihn je wieder.




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Eingereicht am 28. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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