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Furchtbare Erlebnisse in Kairo

©  Stefanie Rifaat


Mein Körper zitterte vor Aufregung. Zum ersten Mal stand ich am Flughafen in Kairo. Ich war 27 Jahre alt und sprach, wie auch mein fünf Jahre älterer Bruder, kein Wort Arabisch und konnte uns so nur mit meinem Schulenglisch über Wasser halten. Wir wollten unseren Halbbruder, aus der 1. Ehe meines Vaters mit einer Spanierin, besuchen. Meine Mutter war Deutsche und mein Vater kam aus Ägypten und lebte seit vielen Jahren mit uns in Deutschland. Kaum aus dem Flieger, wurden wir auch schon von Militärs mit Gewehren angehalten und durchsucht. Wir wurden behandelt wie Schwerverbrecher. Mein Bruder konnte mir nicht helfen, da er kein Wort verstand. Ich verstand auch nichts, obwohl wir auf Englisch angesprochen wurden. Durch den Flug, hatte ich starke Probleme mit meinen Ohren. Ich hörte alles wie durch Watte und im Lippenlesen bei einem hektisch Englisch sprechenden Ägypter, fehlte mir die Erfahrung. Es verging über eine Stunde, bis ich dem emsigen Burschen klar machen konnte, dass wir von unserem Halbbruder, der in Kairo lebt, abgeholt werden und hier nur einige Wochen auf Urlaub sind. Da kam ein General auf uns zu, lächelte uns freundlich an, sprach kurz aber wichtig mit dem Militär und nahm meinen Bruder und mich am Arm und führte uns raus. Ich bekam nun wirklich Panik, da ich natürlich auch nicht richtig verstand was dort eben gesprochen wurde. Ich kannte diesen General nicht und er uns sicherlich auch nicht. Was zur Hölle wollte er von uns. Wurden wir jetzt eingesperrt? Grausame Folterszenen aus den Medien gingen mir durch den Kopf. Ich fühlte mich völlig hilflos und ausgeliefert. So muss sich ein unschuldig Verurteilter auch fühlen.
Kaum hatten wir den abgesperrten Flughafenbereich verlassen, kam ein korrekt mit Anzug und Krawatte gekleideter Herr mit einem mir bekannten Lächeln auf uns zu. Mittlerweile fühlte ich mich völlig überfordert. Was macht denn nun mein Vater hier in Kairo? Vor wenigen Stunden noch, hat er uns zum Flughafen Frankfurt gebracht. Unsicher ging ich auf ihn zu, nicht im Stande dies alles hier wirklich zu verstehen. Als ich ganz nah vor ihm stand, merkte ich dass dieser Typ vor mir größer als mein Vater war. War ich jetzt durch den Flug irre geworden? War das alles nur ein Traum? Mein Gegenüber nahm mich überschwänglich mit Tränen in den Augen in den Arm und begrüßte mich, als ob er mich jahrelang nicht gesehen hatte. Mein Bruder wurde natürlich auch begrüßt, aber bei weitem nicht so herzlich. Ich verstand überhaupt nichts mehr. Daneben stand mein Halbbruder mit seiner Frau. Ihn erkannte ich sofort, da er uns in Deutschland vor wenigen Jahren besucht hatte. Es kamen noch einige Personen die uns rechts und links küssten und umarmten und wild durcheinander in arabischer Sprache auf mich einredeten. Mehrere Frauen, Männer und Kinder standen um mich herum, zupften an meiner Kleidung und weinten. Warum wusste ich nicht, auch sie hatte ich noch nie gesehen. Es dauerte noch einen Moment, bis ich begriff dass der Typ mir gegenüber nicht mein Vater war, auch wenn er so aussah. Es war sein Neffe und etwas jünger als er. Nachdem ich nun begreiflich gemacht hatte, dass ich durch den Flug Hörprobleme hatte, bemühten sich die meisten etwas lauter zu sprechen. Bei meinem Halbbruder wurden wir mit sämtlichen Lebensmitteln wie Fisch, Huhn, Lamm, Reis, Kichererbsen, Obst und viele Sorten von eklig, klebrigen zuckersüßen Kuchen vollgestopft. Wir hatten eigentlich gar keinen Hunger aber aus Gastfreundschaft aßen wir. Wir waren halt in Ägypten und da wurde zu Ehren von Gästen alles mögliche und unmögliche aufgetischt. Wir erfuhren nun auch, dass der General der uns wirklich freundlich gesinnt war ein eingeheirateter Verwandter meiner Schwägerin war. Durch die Verwandtschaftsverhältnisse blicke ich bis heute nicht durch und versuche es auch gar nicht mehr. Ich weiß nur dass viele angesehene Leute dazu gehören. Anwälte, Flugkapitäne, Sportler und viele Studierte.
Am nächsten Morgen fuhren wir zu der Farm unseres Halbbruders. Da erlebte ich das totale Chaos. Mein Ohr hörte nun schon wieder viel besser und als ich dort auf Khadiga, die Mutter meiner Tante traf, fiel diese in Ohnmacht. Sie sah mich, kreischte einmal in hohen Tönen auf und wollte nach mir greifen. Noch bevor ihre Hände mich erreicht hatten, fiel sie einfach um. Was war hier nur los? Waren hier alle verrückt? Mein Bruder wurde kaum beachtet und sobald ich auftauchte, drehten die Leute durch und griffen laut kreischend nach mir. Mein Halbbruder war gerade dabei eine Frau von mir fernzuhalten, als diese mit Tränen in den Augen mit dem Finger auf mich zeigte und mich Leila nannte. Ich war ein wenig verdutzt, denn seit 27 Jahren hieß ich ganz sicher Isabel und keinesfalls Leila. Jetzt wurde es mir langsam zu albern. Ich ging auf meinen Halbbruder zu und verlangte eine Antwort. Er druckste herum und noch während sich eine Menschentraube um mich bildete, lief auch ihm eine Träne aus den Augen. Er beichtete mir, dass er mich nur nach Kairo geholt hatte um an sein Erbe zu kommen. Leila, meine Tante, Schwester meines Vaters, sollte ein Riesengrundstück am Nil erben. Damit hätte man ausgesorgt. Denn die Nilgegend war das einzige fruchtbare Gebiet in Ägypten. Die Bedingung war, dass Leila noch dieses Jahr das Erbe antreten musste. Leider war sie nach einer Safari Tour durch die Wüste seit 5 Jahren verschollen. Keiner wusste ob sie noch lebte. Mein geldgieriger Halbbruder dachte nur noch an den Profit. Da er von der verblüffenden Ähnlichkeit zwischen Leila und mir fasziniert war, gab es für ihn nur diese Lösung. Er musste mich ins Land bringen und somit die Existenz von Leila belegen. Da diese solange verschollen war, machte sich keiner Gedanken, dass sie bzw. ich kein Wort arabisch sprach. Wie auch mein Vater und sein Neffe sich wie Zwillinge ähnelten, so war es auch mit Leila und mir. Warum das so war konnte mir bis heute keiner erklären. Ich war von dieser Situation derart enttäuscht, dass ich noch am selben Abend mit meinem Bruder wieder nach Deutschland flog.




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Eingereicht am 27. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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