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Das Meer sehen wollen

©  Tobias Sommer


"Zeig mir das Meer", schob sich über die Trennwand des Balkons, in einer verführerischen Stimme, direkt in mein Gesicht. Ich erinnere mich an diese Worte und den Blick auf die Brandung, der diese Aufforderung in eine rätselhafte Utopie verwandelte. Drei Wochen in einem fremden Land, auf einem Balkon, nur ein Satz und die Wellen blieben haften, mein Ziel, das subversive Nichts in meiner Heimat zu verdrängen, war erreicht, irgendwie.
Das Reisebüro, das versteckt hinter einer Häuserzeile lag und auf niemanden zu warten schien, kannte ich vor drei Wochen noch nicht, obwohl ich jeden Tag durch diese überschaubare Stadt, deren Mittelpunkt in den Wänden der Urlaubsvermittlung liegen konnte, ging, immer auf der Suche nach etwas. Einige nannten es Sinn. Ich verlor meinen Arbeitsplatz, meine Wohnung, von der ich mir nicht mehr vorstellen kann, jemals darin gewohnt zu haben, die Stadt, durch die meine Gestalt in Gedanken nur noch selten schleicht und das Gefühl von Heimat, das ich erst vermisste, als ich in den leeren Augen, die mich überall ansahen, mein Spiegelbild sehen musste.
Der Mann saß an seinem Schreibtisch, die Prospekte um ihn herum waren in perfekt geordnete Stapel aufgeteilt, sein Anzug saß stilsicher und eng an seinem Körper. Er wirkte überlegen, redete in kurzen, auffordernden Sätzen, seine Fragen duldeten keine ehrlichen Antworten. Ich weiß nicht, warum ich das Büro betrat, sagte ihm, dass ich einfach weg wollte, so schnell wie möglich dieses Leben verlassen. Er blickte mich mit geweiteten Pupillen an, seine Dominanz zeigte für Sekunden Schwächen, das gefiel mir. "Wie wäre es mit einem Last-Minute-Angebot?", fragte er, "vielleicht Mallorca?" Ich erwiderte, dass er mich nicht verstünde, ich will weg, sagte ich und dachte, dass dieser bunte, befremdende Raum mir fast reichen könnte, für ein paar Tage. "Wir haben hier ein ganz neues Feriengebiet. Es ist sehr exotisch, das Erlebnis ein totaler Gegensatz zu unserer Kultur." Ich nickte und war mir sicher, dass ich keinen Schritt nach vorn machen würde. Er sagte: "Afrika". Dieser Name klang mit seiner Stimme wie eine Bezeichnung für einen Zustand, ein ihm anvertrautes Lebensgefühl, das er loswerden wollte. Als ich bemerkte, dass auch das nur ein Land auf unserem Globus war, war es bereits zu spät, die Reise gebucht, die Flugtickets bestellt, die gesperrte Bankverbindung verraten und dem Glauben frei zu sein nicht einen Millimeter näher. Und doch nahm dieses einzelne Wort, das mich unmittelbar an Wärme und eine merkwürdige Art von Ferne glauben ließ, eine besondere Stellung ein. Ich sagte es immer wieder, wie einen Code, den man nicht vergessen darf, der in dem auserwählten Gehirn verankert werden soll, und den man dennoch immer wieder sagen möchte, damit jeder weiß, wer die Person ist, deren Vertrauen entscheidet.
Das Gespür angekommen zu sein, im Anblick der unendlichen Ebenen, die mit ihrer scheinbaren Schönheit Tränen in meine Augenwinkel trieben, und das Gefühl, das Leben gelebt zu haben, waren auf eine ambivalente Weise für einen Moment greifbar; den rotschwarzen Sand in meinem Gesicht, die Hitze am ganzen Körper spürend, bemühte ich mich, schon am Flughafen, mein Auftreten der Umgebung anzupassen. Es war lächerlich. Der Versuch, die Blicke zu deuten, sie in Bereiche zu teilen, die zwischen fremd und vertraut liegen, erschien unmöglich; ich sah um mich herum keine Hoffnung, nur erschöpfte Bewegungen und durchsichtige Gesten.
Luxus und unendliche Möglichkeiten versprach man mir im intoleranten Deutschland; das, was ich wollte, bekam ich hier, einen alten Gartenstuhl auf einem Balkon im Fokus einer Natur, deren Geräusche alles wegspülten, aus mir und aus diesem unbewohnten Hotel. Ganz unbewohnt war es nicht, nur ich und die Frau neben mir. Ich hatte sie nicht gesehen, nicht bei meiner Anreise, nicht beim Frühstücken, nicht im Meer. Aber ich wusste, dass sie da war. Jede Nacht hörte ich ein Flüstern, eine Anreihung von Wörtern, in einer fremden Sprache, weibliche Laute, schnell und flehend. Ihre Töne trennten die Stille in meinem Zimmer, nahmen den Sinn der Brandung, raubten mir die Müdigkeit, forderten etwas.
Die ersten Abende war der Rausch des Alkohols mein Alibi, nach einer Woche wurde ich nervöser, in der zweiten Woche wurde meine Trägheit von Schuldgefühlen abgelöst. Ich war in ihrem Bann, klopfte an ihre Tür, vergebens, klopfte an die Zimmerwand. Stille, in der ich das Flüstern hörte und auf meinen geschlossenen Lidern, in bunten Farben, eine Frau sah, exotisch wie der Duft, der von der Straße in das Zimmer zog, südländisch wie das Rauschen der Brandung, ein dominantes Weiß um dunkle Pupillen, wie Gischt, die ich hören konnte, wenn sie sich dem Strand ergab. In diesem Klang der Wellen wurde in meiner Welt ihre Stimme deutlicher, entschlüsselt, keine geheimnisvolle, sondern eine von schmerzenden Gedanken zitternde Bitte um Liebe. Ich wäre ihr Leben, ihr Tod, alles, doch ich beachtete sie einfach nicht; sie schrie hysterisch.
Ich hatte Angst die Augen zu öffnen, der Einsamkeit im Zimmer spürbar gegenüber zu stehen, die Hoffnung gegen Leere zu tauschen; auch ich wollte mich aufgeben, bereits vor der Reise, auch ich wollte gefunden werden. Kaum erkennbare, reale Worte zogen mich aus meiner Verurteilung.
Undefinierbare Sätze lockten mich auf den Balkon, ein ängstlicher Blick über die Trennwand ins dunkle Nichts, aus der die Aufforderung kam, die in meinen Kopf gebrannt war, wie das Bild von einem verlorenen Sonnenuntergang. Ich dachte lautlos, dass das Meer vor ihrem Fenster wartet und sagte lapidar: "Nein, zeig dich." Nichts. Vielleicht war mein Ton zu drakonisch, meine Sprache zu fremd.
Ich lief ins Meer, warum weiß ich nicht, zwischen den Schatten der Abendsonne und dem grellen Licht der Hotelbeleuchtung sah ich sie kurz, eine große, schlanke Gestalt mit einigen eleganten, femininen Bewegungen; sie war schön.
Der Schuss klang zwischen den Geräuschen des Meeres um mich herum erschreckend human. Es dauerte, bis ich wusste, dass er auch mir galt; Sekunden später lief ich, das Wasser abstoßend, fliehend über den heißen Sand. Sie lag einfach da, den Oberkörper von der Balkonumrandung gestützt, die Arme schlaff zum Boden zeigend, wie eine leblose Aussage, eine endende Bitte.
Ich brauchte lange, bis ich das Offensichtliche, das Andere an ihr sah, nicht die Pistole in der Hand, sondern das, was ihren Körper, vom Kopf herunter, bekleidete, subtil hervorhob.
Ich hätte zuhören sollen. Luxus und unendliche Möglichkeiten wollte sie, in dem Land, in dem ich keine Möglichkeiten mehr fand, nicht an das Meer, das mir die Freiheit vom arbeitslosen Dasein gab.
Ich hätte ihr gern die wahre Geschichte von ihrem trostlosen Meerestraum erzählt, hätte sie um das Meer beneidet, während ihr sanftmütiger, farbloser Schleier aus einer fremden, unterdrückten Welt in einer herrlichen Brise wehte.
War ich wirklich in Afrika?




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Eingereicht am 27. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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