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Nimu und der Löwe

©  Doris Ramler


Irgendwo im tiefsten Afrika lebte mal ein kleiner Junge namens Nimu. Er war das Kind eines Eingeborenenstammes. Nimu war ein sehr zarter Junge, schon bei der Geburt wäre er fast gestorben. Aber irgendwie überlebte der Kleine. Trotzdem gab niemand ihm eine Chance, dass er je zu einen jungen Mann heranwachsen würde, geschweige denn, dass er gar alt werden würde. Ja, manche gaben dem Kleinen nicht mal ein Lebensjahr.
Doch Nimu überlebte das erste Jahr, zwar immer noch klein und schmächtig, aber immerhin lebte er. Als er fünf Jahre alt war zwang ein feindlicher Angriff den Stamm, die Flucht zu ergreifen und dabei geschah es, dass der Junge verloren ging.
Die Mutter wollte ihn suchen, doch die Männer hielten sie zurück: Sie meinten, dass ein so schwaches Kind es nicht wert sei, sie alle in höchste Gefahr zu bringen. Und alles Flehen der Mutter half nichts. Also musste die Mutter ihr Kind aufgeben.
Nimu aber hatte sich hinter einem dichten Busch versteckt, suchte nun bitterlich weinend seine Eltern, musste aber erschöpft aufgeben. Da hörte er etwas wimmern und sah neugierig nach und bemerkte einen ganz kleinen Löwen, der sich in einem dichten Dornenbusch so verfangen hatte, dass er nicht mehr rauskam. Der Knabe erbarmte sich des Löwenkindes und befreite es aus seiner misslichen Lage. Kurz darauf kam das Löwenrudel und das Löwenkind war in Sicherheit. Keiner der Löwen aber tat Nimu was zuleide.
Der Knirps schlief ein und als er wieder aufwachte, war ihm als schwebe er in der Luft. Fiebernd wand sich das Kind in der heißen Sonne, mehr tot als lebendig. So fanden ihn seine Eltern, als sie von ihrem Versteck zurückkehrten. Doch die Mutter gab nicht auf, obwohl jetzt keiner mehr daran glaubte, dass das Kind überleben würde. Aber wie durch ein Wunder schaffte Nimu es dann doch.
So wuchs der Knabe heran zu einen jungen Mann, noch immer schwächlich, aber er hatte alle Mühen seines jungen Lebens trotz seiner Zartheit überstanden.
Dann nahte der Tag der Probe, an dem Burschen zu Männer werden: Er musste weit raus, nicht jeder kam heil zurück, schon stärkere haben es nicht in der Probezeit geschafft. Ab und zu kam der eine oder andere nicht mehr zurück.
Traurig nahm die Mutter Abschied. Selbst sie, die immer an ihren Sohn glaubte, dachte nicht, dass er jemals wiederkommen würde. Leider gab es keine Ausnahme: Jeder Junge musste raus, auch wenn er so schwach war wie Nimu.
So ging Nimu seinen Weg, traurig, denn auch er hatte Angst es nicht zu schaffen. Aber sein starker Überlebensdrang zwang ihn doch, nicht aufzugeben. Die Männer hatten ihn in der tiefsten Steppe zurückgelassen. Durst quälte Nimu bald mehr als der Hunger und langsam erschienen ihm sonderbare Wesen, die auftauchten und verschwanden. Ihn mal ermunternd, dann sich wieder höhnisch über ihn lustig machend. Nimu hatte schreckliche Angst. Auch der Weg vor seinen Füßen schien immer mehr zu verschwimmen. Da waren sie wieder, die Wesen. Sie lachten höhnisch, sagten ihm, er solle ihnen doch nachfolgen. Der Knabe versuchte es zu tun, stolperte, stand auf, ging schwankend weiter. Dann wurde es plötzlich schwarz vor seinen Augen.
Wie damals lag Nimu wieder auf der Erde und kämpfte gegen den Tod an. Würde der Tod diesmal siegen? Fast sah es so aus. Nichts mehr nahm der Junge wahr und er wollte aufgeben, das erste Mal in seinem Leben wollte er aufgeben. Doch im Gestrüpp raschelte es plötzlich: Es war ein Löwe, der nach langer Suche endlich leichte Beute gefunden zu haben glaubte. Da er auch nicht mehr der Jüngste war, wagte er sich an einen Mensch. Dieser Mensch war ja sowieso fast am Ende. Und weit und breit kein anderer Mensch, also warum nicht?
Der Löwe war schon nahe, wollte ihm gerade an die Kehle. Nimu wehrte sich nicht, er war auch nicht mehr wirklich bei sich, also wäre alles ganz einfach gewesen. Schon riss der Löwe das Maul auf, die Zähne wurden sichtbar und waren schon fast an der Schlagader des jungen Mannes: Ein Biss und es wäre vorbei. Aber irgendwas irritierte die Raubkatze. Ein Geruch, der ihm bekannt vorkam.
Irgendwo kam eine verschwommene Errinnerung hoch: Da war ein Dornenbusch, er noch ein ganz kleines Löwenbaby, das sich im Busch verheddert hatte und da war doch derselbe Geruch und irgendwie begriff der Löwe: Das musste der kleine Mensch von damals sein, der ihn befreit hatte. Nun, auch Löwen haben so was wie ein Ehrgefühl, und dies erlaubte ihm nicht, den Menschen, der ihm damals das Leben gerettet hatte, einfach zu töten.
Also ging er weg und jagte Antilopen. Eine kleine, schwächere fiel ihm zum Opfer und er fraß sich satt. Aber der Gedanke an den fast toten Menschen, der ihm damals das Leben gerettet hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. Er versteckte den Rest der Antilope und ging zurück. Tatsächlich lag der fiebernde Körper des Menschen noch wimmernd dort und wälzte sich. Irgendein Gefühl, er konnte es ja nicht begreifen, trieb den Löwen dazu, den Jungen sanft zu packen und wie ein Junges zu tragen. So schleppte er den vor Schweiß ganz nassen Nimu bis zu einer Wasserstelle, die er vom Vortag noch in Erinnerung hatte.
Dort ließ er ihn ganz sachte ins seichte Wasser gleiten, so dass er ein paar Schlucke Wasser zu sich nehmen konnte. Langsam kam der Junge zu sich. Endlich Wasser, das war das Wichtigste.
Er machte Pausen, trank, rastete, immer so weiter, so kam er langsam immer mehr zu Kräften. Plötzlich erschrak er furchtbar: Ein Löwe war da, den wollte er vertreiben. Aber der Löwe schien ihn gar nicht anfallen zu wollen. Er trug sogar etwas Fleisch im Maul, kam zögernd ein paar Schritte näher, ließ das Fleisch fallen und zog sich in das Gestrüpp zurück.
Der Knabe nahm das Fleisch, aß ein klein wenig, einfach wie es war, dann etwas mehr und verzehrte es langsam ganz. Müde schlief er danach ein, es war auch schon spät. Am nächsten Morgen erinnerte er sich plötzlich zurück an längst vergangene Zeiten: Ein Erlebnis mit einen Löwen, einem kleinen Kerl, gefangen im Dornengestrüpp. War das der von gestern? Das kann es doch nicht geben, oder doch? Langsam dämmerte ihm, das er gar nicht am Wasser zusammengebrochen war, dass er sich ja schon aufgeben wollte und das alles schwarz geworden war vor ihm. Komisch, dachte er, sollte das irgendwie mit dem Löwen zusammenhängen? Er konnte es nicht wirklich begreifen, aber irgendwo wusste er, es muss wohl so gewesen sein, wie wäre er sonst zum Wasser gekommen.
Dann sah er den Löwen wieder. Noch war er skeptisch, aber bald merkte Nimu, dass das Tier ihm tatsächlich nichts tat. Im Gegenteil, es zeigte ihm eine Herde Antilopen. Der Jüngling fertigte sich eine Waffe an und erjagte damit sogar ein ziemlich großes Tier.
Sie lebten am Wasser einige Tage beisammen und jagten und teilten sich ihre Beute, bis der Junge wieder zu Kräften kam und der Löwe auch kräftiger wurde. Als beide wieder voll bei Kräften waren, lotste der Löwe den Knaben zurück in die Nähe des Lagers.
So kam Nimu doch gesund zurück, sogar kräftiger als je zuvor. Er hatte viel über das Jagen gelernt und wurde ein großer Jäger in seinen Stamm. Löwen aber waren ab jenem Tag ein großes Tabu, ja, der große Jäger Nimu lehrte seinen Jägern und allen Menschen in seinem Stamm, dass sie große Achtung vor Löwen haben müssen.
Eine Freundschaft zwischen Mensch und Tier rettete also beiden das Leben und lehrte die Eingeborenen noch mehr Achtung vor den wilden Tieren.




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Eingereicht am 23. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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