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Wir sind ja hier schließlich nicht im Giraffenland!

©  Michael Feichtinger


Afrika, sagte Eric gedankenverloren und sah aus dem Fenster, ist ein riesengroßer Kontinent und für die meisten Leute doch so klein. Es ist ein fernes Land in den Köpfen der Menschen hier. Es existiert gar nicht wirklich, sondern ist ein von einem Kleinkind gemaltes Bild. Von einem, das noch nicht in der Lage ist, die Proportionen und Dimensionen richtig zu erkennen und umzusetzen. Man kann sich ganz Afrika im Dritte-Welt-Laden anschauen. Und im Fernsehen. In den Tiersendungen...
Ich wollte etwas darauf sagen, merkte aber, dass Eric mit seinem Crash-Exkurs noch nicht fertig war, und schloss meinen Mund schnell wieder.
Afrika ist das, wo die Farbigen wohnen. Diese so genannten Dunkelhäutigen Menschen wissen, einmal abgesehen von den Großwildsafarianern und Allinclusivenilkreuzbefahrern, als einzige, dass Afrika in Wahrheit sehr groß ist, weil sie ziemlich weit gehen müssen, wenn sie von einem Dorf ins nächste wandern. Wieso sie das tun müssen, ist klar. Es gibt natürlich in Afrika noch kein Festnest für Telephonie.
In der Wüste regnet es zwar nicht oft, aber wenn, dann müssen sie sich beeilen, sonst werden die Lendenschurze nass und sie bekommen eine Blasenentzündung. Die Afrikaner, nicht die Lendenschurze!
Deshalb sind auch die schnellsten 100-Meter-Läufer immer schwarzafrikanischer Herkunft.
Die Frauen hüpfen inzwischen und ihre Brüste auch. Das tun sie, damit der Regen schnell aufhört, oder wenn jemand gestorben ist. Bei Beschneidungen von Klitoriden und eigentlich auch zu allen anderen Anlässen.
Meistens aber, fast immer eigentlich, scheint in Afrika natürlich die Sonne. Darum sind die Afrikaner auch alle so unverschämt braun.
Ich unterbrach Eric, weil ich der Meinung war, dass er mich doch besser kennt und wissen müsste, dass er offene Türen einrennt mit diesem brachial-ironischen Amoklauf.
Eric führte seinen Zeigefinger an seine Lippen und sagte emotionslos: pscht!
Dann fuhr er fort.
Ist es dir lieber, wenn ich Neger sage? Wäre es dann die ganze Wahrheit beziehungsweise die vollkommene Dichtung?
-und eh ich darauf reagieren konnte-
Na, wenn du meinst...
Viele Neger tragen Knochen im krausen Haupthaar und Ringe in der Nase. Wenn man was von denen will, kann man mit diesem Ring bei ihnen anklopfen wie bei sehr alten Schlössern und Burgen.
Untereinander, also im Insiderjargon, nennen sich die Neger Nigger. Das wissen wir von Samuel L. Jackson, einem in der Zivilisation durchaus bekannten Schauspieler.
Von einem anderen Jackson wissen wir, dass Neger-Sein kein unabänderbarer Makel ist. Mit etwas gutem Willen lässt sich die negroide Herkunft recht gut retuschieren.
Neger sind also durchaus lernbereit und in der Lage, Berühmtheit zu erlangen und damit Vorbildwirkung zu demonstrieren.
Natürlich wird aus einem Neger nie ein Weißer, aber ein Weißer in Afrika? Also das passt ja auch gar nicht.
Und Apartheid - das ist, wenn jemand sehr hübsch ist oder sehr phlegmatisch, fiel ich ihm ins Wort, um brav meinen Beitrag zum heiteren Klischeegedresche zu leisten.
"Bist du blind?", fragte er mich plötzlich.
Ich stutzte. Meinte er das metaphorisch? "Nein, wieso?"
Wenn du blind wärst, dürftest du über Blinde so reden wie ich über Neger. Keiner würde es wagen, dir zu widersprechen. Wenn Idioten so über Idioten reden, widerspricht ihnen auch keiner.
"Ganz bestimmt nicht!", gab ich ihm Recht und bat ihn, mir doch noch mehr über sein Herkunftsland Afrika zu erzählen.
Eric nickte gütig, wie ein Vater seinem Kind zunickt, wenn dieses eine Rechenaufgabe korrekt gelöst hat, bestellte noch zwei Bier und fuhr fort.
Ich schmunzelte. Jene, von denen Eric sprach, jene ZU denen er sprach und deren nicht vorhandnes Ohr ich hier abgab, hätten bestimmt eher ernst drein geschaut. Nach unserem dritten donnerstäglichen Mittagspausenbier bezahlte Eric für uns beide, verabschiedete sich, stand auf und ging aus dem Lokal, um vor irgendeiner Schule mit Drogen zu dealen.




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Eingereicht am 26. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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