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Schande oder Gelegenheit?

©  Nicole Schuster


Bunte Pappkartons standen mir gegenüber. In einigen von ihnen würde Milch sein. Die Buchstaben verrieten mir nicht, in welchen. Ich nahm eine Packung, auf der rote Blumen abgebildet waren. Ich wog die Packung in der Hand ab und schüttelte sie. Es gluckerte und fühlte sich wie Milch an.
Ich spürte die Augen eines Menschen auf mir ruhen. Ich drehte mich um und sah hinter mir eine weiße, stark geschminkte Frau stehen.
"Brauchen sie noch lange? Einschlafen können sie woanders," fuhr sie mich an. "Entschuldigung," murmelte ich, nahm die Packung, die ich in der Hand hielt und legte sie in den Einkaufswagen.
Ich überlegte, was ich sonst noch einkaufen wollte. Äpfel fehlten noch. Das war leichter. Verschiedene Sorten waren an der Obsttheke aufgereiht. Über den Grünen hing ein Schild mit grell-gelber Schrift. Vielleicht ein Angebot?
Ich nahm einige der grünen Äpfel und legte sie auf die Waage. Die Waage war gut. Auf den Tasten klebten Bilder von den verschiedenen Obst- und Gemüsesorten. Endlich mal keine Buchstaben.
Ich ging zur Kasse und stellte mich hinten an der Schlange an. Viele Leute waren vor mir, aber das machte mir nichts aus. Ich genoss die Zeit, die ich einfach nur wartend verbringen konnte. Ich konnte hier stehen, mich ab und zu ein paar Schritte weiter nach vorne bewegen und vor mich hin träumen.
Viel zu schnell war ich dran. Ängstlich beobachtete ich die schnell aufflackernden Zahlen, die erschienen, wenn die Kassiererin meine Waren über das Band zog. Dann kam der schlimme Augenblick.
Sie nannte eine Zahl. Hastig griff ich in meine Rocktasche und legte Münzen in die aufgehaltene Hand. Sie warf mir einen genervten Blick zu und begann die Münzen zu zählen. Ich wühlte weiter in meiner Tasche und brachte noch mehr Münzen zum Vorschein.
Als die Frau fertig gezählt hatte, sagte sie mir, dass etwas fehlte. Ich gab ihr meine letzten Münzen. Sie war immer noch nicht zufrieden. Hinter mir regten sich die Leute auf. Ich solle mich beeilen, riefen sie und einige unfreundliche Wörter.
"Wenn sie nicht genug Geld haben, müssen sie etwas da lassen." sagte die Kassiererin. Ich kramte durch die Waren. Ich konnte auf nichts verzichten, außer vielleicht auf die Tüte Bonbons. Schweren Herzens legte ich sie zurück aufs Band.
"Entschieden?" fragte mich die Frau und ich nickte stumm. Jetzt reichte das Geld. Ich packte die Einkäufe in meinen Rucksack und machte mich auf den Rückweg. Eine längere Wanderung durch die trockene Hitze der Kalahari-Wüste stand mir bevor. Die Sonne würde ein beachtliches Stück am Himmel gewandert sein, ehe ich wieder in unserem kleinen Hüttchen ankommen würde.
Dass mit den Bonbons tat mir weh. Ich hatte sie meinen Kindern für ihre Arbeit in der Eisenmiene versprochen. Sie würden sehr enttäuscht sein, wenn ich ohne die Süßigkeiten nach Hause kam.
Ich wünschte mir, ganz viel Geld zu haben. Nicht für mich selbst. Ich brauchte nicht viel. Aber für meine Kinder. Sie sollten nicht in der Miene arbeiten müssen. Sie hatten Besseres verdient. Aber wo sollte ich das Geld hernehmen? Es reichte doch kaum zum Leben.
Mit trüben Gedanken stapfte ich voran. Der rote Sand färbte meine frisch gewaschenen hellblaue Turnschuhe wieder rot. Es war immer dasselbe Spiel. Der Sand machte sich alles zu eigen, verzehrte alles und drückte allem seine Marke auf.
Ich liebte diesen Sand. Ich konnte mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an dem ich nicht durch diesen roten, meistens heiß glühenden Sand gegangen war.
Die Sonne stand schon tief am Himmel, als ich mich unserer kleinen, mit Wellblech bedachten Hütte näherte. Mein Ältester hatte mich schon von weitem kommen sehen und lief mir entgegen. Er nahm mir die Einkäufe ab.
Ich schaute in die erwartungsvollen Augen meiner drei Kinder. Es würde Tränen geben. "Tut mir leid, für Bonbons hat es nicht gereicht," sagte ich.
Meine Jüngste drehte sich weinend um und rannte in die Hütte. Die beiden Jungen schien es nicht zu interessieren. Sipho sagte: "Wir müssen mit dir reden, Mutter." Sie machten sehr ernste Gesichter. Ich hörte ein Grunzen aus Richtung der Tür und sah meinen Mann auf der Schwelle stehen. "Sie haben dir nichts zu sagen, weil es nicht in Frage kommt." Er schaute seine beiden Söhne böse an. Dann stapfte er davon.
Ich brachte meine Einkäufe in die Hütte. Die Jungen folgten mir. Buntu sagte leise: "Es ist wichtig, Mama, es geht um unsere Zukunft."
Ich sah die beiden fragend an. Sipho holte tief Luft und erklärte: "Als du weg warst, war eine weiße Frau hier. Sie hat gesagt, dass wir in die Schule gehen können. Lesen und schreiben lernen." "Und rechnen," fügt Buntu hinzu.
Sie sahen mich mit ihren großen, schwarzen, vor Freude glühenden Augen an. Ich brauchte etwas, bis ich es richtig verstanden hatte. Meine beiden Jungen sollten Schreiben lernen? Und rechnen? Wie die Weißen? Es konnte nur ein Traum sein. Ich malte mir in Gedanken aus, wie ich stolz mit meinen Söhnen in den Supermarkt gehen würde. Sie würden mir zeigen, wo die Milch stand und was im Angebot war. Und an der Kasse würde es nicht mehr peinlich sein. Sie könnten mir jederzeit ausrechnen, ob das Geld noch reichte.
Aber halt. Ich ahnte, wo das Problem lag. "Euer Vater ist nicht einverstanden?" fragte ich. Die Jungen schüttelten den Kopf. "Er sagt, es sei Teufelskram und käme nicht in Frage." Buntu rollte eine Träne die Wange hinab. Sipho sagte leise: "Es ist unsere einzige Chance, einmal hier rauszukommen."
"Ich werde mit eurem Vater sprechen," versprach ich und scheuchte die Kinder nach draußen.
Ich wollte allein sein. Ich musste meine Gedanken ordnen. Ich war keine gebildete oder kluge Frau. Aber ich kannte den Wert von Bildung. Und ich wusste, dass weder aus mir noch aus meinem Mann jemals etwas werden konnte, weil wir keine Bildung hatten. Das war auch der Grund, warum er gegen das Angebot war. Er hatte es schon damals nicht vertragen, als die Löhne in der Miene so weit gesunken waren, dass er die Familie nicht mehr allein ernähren konnte. Das war vor einem halben Jahr gewesen. Seitdem mussten die beiden Jungen und manchmal sogar die kleine Poppie mit arbeiten gehen. Er hatte nicht erlaubt, dass ich ebenfalls um eine Stelle in der Miene fragte. Also arbeitete ich heimlich am Vormittag, wenn er nicht da war. Ich putzte die Häuser für reiche, weiße Frauen und half ihnen beim Tragen auf dem Markt. Das Geld fügte ich den Einkünften der Männer zu. Sie wussten davon nichts, aber nur so kamen wir einigermaßen über die Runden.
Nach dem Abendessen schickte ich die Kinder sofort zu Bett. Heute gehorchten sie ohne Widerrede. Ich trat nach draußen. Mein Mann saß auf dem alten, verrosteten Stuhl vor der Hütte. Er schaute in die Dunkelheit. Manchmal sah ich seine Zigarette aufglühen. Er rauchte zuviel. Es schadete seiner Lunge, die durch die Arbeit in der Miene angegriffen war. Er hustete. Seinen Husten ist er seit drei Jahren nicht mehr losgeworden. Ich machte mir Sorgen.
Ohne sich umzudrehen sagte er: "Setz dich." Ich kauerte mich vor ihm auf den Boden. Ich suchte nach Worten, wie ich es ihm am besten beibringen sollte. "Es ist ihre einzige Chance." sagte ich dann und zwang mich, möglichst unbekümmert in die Ferne zu starren. Lange sagte er nichts. Dann seufzte er. "Ich weiß. Ich weiß aber auch, dass ich es nicht ertragen könnte. Du hast sie nicht gesehen."
"Wen?" fragte ich. Er drückte seine Zigarette auf dem Boden aus. "Die weiße Frau. Sie ist eine schlechte Frau. Meine Jungen sollen nicht von schlechten Frauen lernen." In Wirklichkeit ging es darum, dass es eine Frau war. Das war für ihn eine zusätzliche Beleidigung.
"Es wäre grausam, ihnen die Chance zu nehmen." sagte ich und malte mit einem Finger Kreise in den Sand.
Schweigen.
"Du bist es unseren Leuten schuldig, dass du zustimmst."
Er drehte sich ruckartig zu mir um und ich spürte, wie seine Blicke mich durchdrungen. "Wie meinst du das?" fragte er barsch.
Ich musste weiterreden, auch wenn es seinen Zorn vergrößern würde. "Die Weißen herrschen nur über uns, weil sie lesen und schreiben können. Wenn wir das auch lernen, sind wir wie sie. Dann sind wir gleich."
Er schnaubte: "Was bist du doch für eine alberne, dumme Frau. Wir werden niemals wie sie sein. Wir sind schwarz, sie hassen uns. Es hat nichts mit lesen oder schreiben zu tun." Er wollte aufstehen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und hielt ihn am Ärmel fest. "Bildung ist wichtig. Ohne Bildung trampeln sie auf dir herum. Willst du, dass sie auf deinen Kindern herumtrampeln?"
Seine Antwort schmerzte, obwohl ich mit ihr gerechnet hatte. "Solange sie auf mir herumtrampeln, sollen sie auch auf meinen Kindern herumtrampeln." Er ging in die Hütte. Ich versuchte nicht mehr, ihn zurückzuhalten.
Am nächsten Morgen wartete ich, bis ich mit meiner Jüngsten allein war. Dann fragte ich sie über die fremde Frau aus. "Sie war schön." sagte Poppie. "Sie hatte ganz weiße Haut und eine Hose an." Ich lächelte. Poppie hatte noch nicht viele Frauen gesehen, die eine Hose anhatten. Bei uns trugen die Frauen Röcke. Immer schon.
"Meinst du, sie kommt noch einmal wieder?" wollte ich wissen. Poppie strahlte übers ganze Gesicht und sagte stolz: "Poppie hat gut zugehört. Die schöne Frau will heute noch einmal wiederkommen." Sie senkte ihr Köpfchen und fügte traurig hinzu: "Papa war sehr böse zu ihr. Er sagte, dass er ihr den Schädel einschlagen will, wenn sie wiederkommt." Ich nahm das kleine Mädchen in meine Arme. Ich drückte sie fest an mich und schaukelte mit ihr hin und her. Ich hoffte so sehr, dass die Frau wiederkommen würde. Ich wollte sie sehen, mit ihr sprechen. Es hing so viel daran.
Ich scheuchte Poppie zu einer Nachbarin, damit sie dort bei der Arbeit helfen konnte. Um mich abzulenken, beschäftigte ich mich mit Handarbeiten. Wenn ich Glück hatte, konnte ich einige Stickarbeiten an Touristen verkaufen.
In der Ferne hörte ich Motorengeräusche. Sofort stand ich auf und ging zu der Sandstraße, die durch unsere kleine Siedlung führte. Ein grüner Jeep kam auf uns zugefahren. Ich betete, dass sie es war.
Die Dorfkinder liefen jubelnd dem Auto entgegen. Sie war es wirklich. Sie hielt vor den ersten Hütten des Dorfs und stieg aus. Sofort bildete sich eine Menschentraube um sie. Ich ging langsam auf die Ansammlung zu. Wahrscheinlich würde sie sowieso keine Zeit haben, mit mir zu sprechen.
Als ich näher trat, sah ich, wie sie Namen in eine Liste eintrug, die ihr zugerufen wurden. Ich war erstaunt, wie laut und energisch sie redete. Trotzdem mangelte es ihr nicht an Liebenswürdigkeit. Sie hatte eine sehr angenehme Stimme. Sie sagte: "Es ist für alles gesorgt. Solange Sie in der Schule lernen, bekommen Sie das Geld, dass Sie in der Miene verdienen würden, ausgezahlt. Hinterher sind Sie besser ausgebildet und können verantwortungsvollere Positionen übernehmen. Dann werden sie mehr verdienen und die Miene hat auch mehr von Ihnen." Sie verschloss den rot geschminkten Mund und schaute in die Runde. "Es ist eine Gelegenheit," sagte sie eindringlich.
Ich weiß nicht, wie ich mich trauen konnte, vorzutreten und meine Stimme sogar über die der jungen Männer zu erheben. "Meine Jungen, Lady. Meine Jungen wollen auch kommen," sagte ich.
Sobald ich den Mund aufgetan hatte, entstand ein empfindliches Schweigen. Sie sahen mich entgeistert, die meisten empört und verärgert an. Ich hatte mich nicht an die Regeln gehalten. Eine Frau sprach nur, wenn sie gefragt wurde.
Die weiße Frau wurde auf mich aufmerksam. Sie lächelte mir freundlich und ermutigend zu. "Das ist schön. Sagen Sie mir die Namen Ihrer Söhne und ich schreibe sie auf."
"Halt!" rief jemand.
Ich zuckte zusammen. Ich kannte die Stimme, es war Mongane, ein Kumpel meines Mannes. "Die wird ihnen keine Namen nennen. Ihr Mann ist dagegen und sie wird Schläge kriegen für ihren Ungehorsam."
Er sah so aus, als hätte er mir die Schläge am liebsten selbst verabreicht. Die weiße Frau knabberte an ihrem Bleistift. "Ich glaube, ich kenne Ihren Mann. Und ihre Söhne. Ich werde sie aufschreiben. Die Jungen sind intelligent. Es wäre eine Schande, sie nicht zu unterrichten. Kommen Sie bitte kurz mit mir."
Von allen Seiten wurden mir böse Blicke zugeworfen, als ich der weißen Frau zu ihrem Auto folgte. Einige bespuckten mich, ein Junge trat nach mir. Als ich an Mongane vorbeiging, raunte er mir zu: "Überleg gut, was du machst. Ich bring dich um."
Ich zitterte. Am liebsten wäre ich sofort umgekehrt und in meine Hütte zurückgelaufen. Ich ging weiter. Niemand folgte mir. Dann stand ich vor der weißen Frau. Sie reichte mir ihre gepflegte Hand mit den schönen, langen Fingern.
"Mein Name Elsa Berckens. Es ist toll, wie Sie sich für ihre Söhne einsetzen. Sie haben wirklich Power. Sagen sie mir ihre Namen, dann regle ich das Übrige."
Ich schwieg. Ich brachte es nicht über mich, etwas zu sagen. Sie lächelte und fügte hinzu: "Ihre Söhne gehören zu den vielversprechendsten aus diesem ganzen Dorf. Es ist mir ein persönliches Anliegen, sie zu bekommen."
Ich schüttelte stumm den Kopf. "Tut mir leid. Ich kann es nicht." Meine Augen füllten sich mit Tränen. Langsam ging ich zurück zu der aufgebrachten Menge. Ich hörte wie sie hinter mir her rief: "Ich gebe nicht auf. Ich werde sie kriegen. Glauben sie mir! Ich werde ihnen helfen!"
Ich drehte mich nicht mehr um.




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Eingereicht am 25. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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