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Der Skorpion

©  Katharina Johannes


Ruth wollte nur für fünf Minuten in den kleinen Laden, um sich umzusehen und nun stand sie schon fast eine halbe Stunde darin. Ein Anhänger hatte ihren Blick gefangengenommen und ließ sie nicht mehr los. Es war ein kleiner, silberner Skorpion der an der Schwanzspitze, dort wo der Stachel hätte sitzen sollen, mit einem roten Rubin geschmückt war. "Darf ich ihn mal nehmen?", fragte sie die Verkäuferin, die so aussah, als gehöre sie in eine andere Welt. Die schon grauen Haare hatte sie zu einem strengen Knoten zurückgesteckt, sie hatte trotz des eisigen Wetters, welches in Irland gerade herrschte, eine sonnengebräunte Haut und ihre Augen strahlten in einem atemberaubenden Türkisblau. "Aber natürlich", sagte sie nett und öffnete die Vitrine, um das schöne Stück herauszuholen. Vorsichtig legte sie den Anhänger ins Ruths Hände. "Er gehört Ihnen!", sagte sie. "Das kann nicht sein, er ist doch viel zu kostbar... und kostet bestimmt ein Vermögen", "Er hat Sie gefunden und er gehört Ihnen", sagte die alte Dame jetzt noch bestimmter. "Aber ich kann ihn mir doch gar nicht leisten, so etwas ist doch unbezahlbar", Ruth wollte das Kleinod wieder in die Hände der Frau zurücklegen, doch diese drückte es in ihre Hand zurück und bog Ruths Finger darum, auf dass sie sich nicht mehr öffneten. Dann legte sie ihre Hände um Ruths geballte Faust. "Du wirst ihn eines Tages noch brauchen, mein Kind", murmelte sie. "Er hat dich gefunden und er wird dich begleiten, wohin du auch gehst. Aber er wird dich auch führen, denn sein Ziel ist klar. Sein Ziel wird auch dein Ende der Reise sein und der Zeitpunkt, den Stein an denjenigen weiter zu geben, der seines Schutzes bedarf. Und jetzt geh! Geh und sieh dich nicht mehr um!", Sie sprach immer eindringlicher auf Ruth ein und diese hatte das Gefühl, sie wollte sie so schnell wie möglich aus dem Laden haben. Sie stolperte zur Tür hinaus und rannte, den Anhänger immer noch fest in ihrer Hand umklammert die kleine Gasse hinunter. "Nicht umdrehen! Nicht umdrehen!", hämmerte es in ihrem Kopf. Sterne fingen vor ihren Augen an zu tanzen und der kleine Skorpion in ihrer Hand schien eigenartig zu pulsieren. Schließlich musste Ruth stehen bleiben, weil sie solche Seitenstechen bekam, dass sie förmlich nach Luft ringen musste. Ohne es zu bemerken, hatte sie sich wieder der Seite zugewandt, wo der Laden war.
Wo er hätte sein sollen. Da war nur noch Leere, ein verschlucktes, schwarzes Nichts! Der Skorpion begann in ihrer Hand zu glimmen, zu glühen, bis schließlich der Rubin aufbrach und einen roten Lichtstrahl in die Dunkelheit entsandte.
Als Ruth am nächsten Morgen erwachte, musste sie mit Schaudern an den nächtlichen Traum zurückdenken. Die Sache mit dem Anhänger war ihr wirklich unheimlich gewesen. Doch dann blickte sie an sich herunter, blickte auf ihre Hände, die über der Bettdecke lagen und irgend etwas festhielten. Ruth schloss die Augen. Das konnte nicht wahr sein! Sie öffnete die Augen wieder, zwang sich, hinzusehen. Da funkelte und glitzerte es in ihrer Handfläche.
Sie öffnete die rechte Hand und hielt erschrocken die Luft an. Da war er wieder - es war also doch kein Traum - der Skorpion, ihr Beschützer, ihr Talisman. Sie wusste ja noch nicht einmal, wie sie gestern in ihr Bett gekommen war. Es war ein anstrengender Tag gewesen und dann war da noch diese Sache mit der Frau und diesem Laden und eben diesem Anhänger. Danach hatte sie den absoluten Filmriss. Nachts dann wurde sie von furchtbaren Albträumen geplagt. Und gerade eben - als sie das Ganze schon als Hirngespinste abtun wollte - da blitzte ihr dieses Ding entgegen. Sie zwang sich abermals dazu hinzusehen. Der Skorpion lag in ihrer Hand und eine eigentümliche Wärme ging von ihm aus. Erst jetzt fiel ihr auf, wie filigran das Metall verarbeitet war. Man hätte den Anhänger auf den Boden legen und ihn für ein echtes Tier halten mögen, wäre da nicht der Rubin, der anstelle seines Stachels an der Schwanzspitze angebracht war. Ruth drehte sich auf die Seite und zog eine Schublade von der Kommode auf, die neben ihrem Bett stand. Sie förderte ein mit rotem Samt ausgeschlagenes Schmuckkästchen zutage. "Irgendwo muss ich doch noch eine silberne Kette haben", murmelte sie. Nach einigem Wühlen fand sie die Kette auch und fädelte sie durch den Anhänger hindurch. Sie stand auf und stellte sich vor den Spiegel, legte sich die Kette um und beschloss im selben Moment, ihn zu tragen und nicht mehr abzulegen, bis das Schicksal es selbst so wollte. Das seltsame Pochen, das vom Skorpion ausging, breitete sich in ihrem Körper aus. Ihr wurde schwindelig, wieder tanzten ihr Sterne vor den Augen. Sie kämpfte gegen die Ohnmacht an, die sie zu verschlingen drohte. Doch sie kam nicht dagegen an und konnte nur noch hilflos zusehen, wie sich der schwarzblaue Vorhang der Nacht über ihre Augen schob und sie in die Dunkelheit beförderte. Der Skorpion begann abermals zu leuchten.
Um sie herum flirrte die Luft, die Hitze legte sich erstickend auf ihren Brustkorb. Mein Gott, wo war sie denn jetzt, oder besser gesagt: Was war denn jetzt schon wieder los? Sie tastete nach dem Talisman, denn sie hatte Angst, er könne verloren gegangen sein. Aber er war immer noch an der Kette und er pochte immer noch schwach, fast, so schien es ihr, in dem Rhythmus ihres eigenen Herzens. Sie wagte es nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst, was sie erwartete. Aber irgendwann würde sie es tun müssen, denn die Hitze wurde mittlerweile schon fast unerträglich. Da senkte sich ein Schatten auf ihr Gesicht, was nicht unbedingt zur Kühlung beitrug, aber bevor sie sich von irgendwas fressen ließ, würde sie jetzt doch mal lieber die Augen öffnen. Und stieß einen lauten Schrei aus, als sie sah, was sich da über ihr Gesicht gebeugt hatte. Es war eine Giraffe! Wie zum Geier kam die Giraffe hier her? Sie setzte sich langsam auf und sah sich um. Sie befand sich in einer Wüstengegend, hier und da standen ein paar ausgedörrte Bäume und ansonsten war um sie herum nur Sand, feiner, rötlich-brauner Wüstensand...
Sand...Sand... Sand... Dies war kein Traum mehr, die Hitze Der Sand und zu allem Übermut noch die Giraffe waren völlig real. Der Skorpion hatte sie dorthin gebracht, wo sie und er jetzt am meisten gebraucht wurden: Nach Afrika!
Die Giraffe war nicht das einzige, was Ruth auf ihrem Weg ins Nirgendwo bestaunen konnte Sie wusste ja nicht, wohin der Skorpion sie führen würde.
Die ganze Wüste war voller Leben, Gazellen, Antilopen, Löwen, Zebras und eben Giraffen, all das stromerte um sie herum und zog mit ihr und dem Skorpion - in die selbe Richtung - in die selbe Ungewissheit. Ehrlich gesagt, hatte Ruth große Angst vor den vielen Tieren, manche waren ja wirklich nicht so ungefährlich, wie sie sich jetzt hier gaben. Aber sie schienen wirklich alle unter dem Schutz oder dem Bann des Skorpions zu stehen. Die Luft flimmerte und die Hitze wurde immer unerträglicher. Ruth hatte das Gefühl, sie würde jeden Augenblick wieder zusammenklappen und wer wusste schon, in welcher Welt sie diesmal erwachte? Also kämpfte sie gegen die Ohnmacht und ihren großen Durst an und ging tapfer weiter. Ihr würde Zuhause wohl sowieso niemand glauben, wenn sie diese Geschichte erzählte und wahrscheinlich würden sie Ruth gleich in die Klapse stecken. Das hier war einfach zu unglaublich! Die Luft flimmerte immer mehr und langsam kristallisierte sich das Bild einer Oase heraus. Ruth glaubte nicht daran, es war mit Sicherheit eine Fata Morgana. Sie musste ihren Irrtum aber bald darauf korrigieren, denn als sie über eine ziemlich hohe Düne gewandert waren, lag unter ihnen - friedlich und schön wie im Paradies - eine Oase.
Trotz allem Durst gingen Ruth und die Tiere gesittet darauf zu und erst als sie das kühle Nass unter ihren Füßen spürten, wagten sie es, ausgelassen darin herumzutollen, zu trinken und sich zu erfrischen. Sie bemerkten gar nicht, wie sich kurz darauf die Sonne verdunkelte. Bis ein lautes Donnergrollen sie alle erschrocken zusammenfahren ließ. Der Skorpion pochte gefährlich an Ruths Brust und fing zu glimmen an. Hier in der Wüste ein Gewitter? So schnell? Das konnte selbst Ruth nicht glauben und dachte sich - Vernunft hin oder her - dass da dunkle Mächte am Zug waren.
Es donnerte wieder, diesmal war es mehr schon ein ohrenbetäubendes Krachen.
Die Tiere brachen in Panik aus. Es war ein heilloses Durcheinander, in dem Ruth sich jetzt irgendwie doch verloren vorkam und ebenfalls langsam einen leichten Anflug von Angst verspürte. Doch irgendwie gab ihr der Skorpion die Kraft, jetzt nicht durchzudrehen und die Tiere, die wohl Ruths Angst gespürt hatten, beruhigten sich auch wieder. Die ersten Regentropfen klatschten auf den Sand hernieder und kurz darauf verschwand alles hinter einem Schleier von Dicken Regentropfen, die nur so auf die Herde hernieder prasselten und ihnen jeden Orientierungssinn nahmen. Man sah die Hand vor Augen nicht mehr und es blitzte und donnerte, blitzte und donnerte. In den kurzen Sekundenbruchteilen in denen ein Blitz die Regendecke zerriss, glaubte Ruth, ein höhnisches Lachen zu hören. Der Skorpion glimmte immer noch, nur diesmal stärker, das Pulsieren breitete sich wieder in ihrem ganzen Körper aus, wieder hatte Ruth das Gefühl, ihr würde schwarz vor Augen. Aber diesmal war es mehr ein leichtes Schweben, nicht der nachtblaue Vorhang, der ihr das Bewusstsein rauben wollte. Sie wurde emporgehoben, über die Wolken, über die Blitze und über all das Chaos. Hier oben war sie nun geschützt und blickte entsetzt auf das Grauen, welches sich unten auf der Erde abspielte. Dort flogen im Schein der Blitze Wesen umher, die aussahen wie riesige Schlangen.
Ihre grünen Augen durchbohrten die Dunkelheit. In den Momenten, in denen es nicht donnerte, hörte man ihr abartiges Gebrüll. Ihnen schien der sintflutartige Regen nichts auszumachen, sie wurden durch ihn nur noch rasender in ihrer Zerstörungswut. Sie schlugen mit ihren Schwänzen um sich und die Erde erzitterte unter ihren Schlägen. Plötzlich hörte Ruth hier oben eine Stimme, die direkt aus dem Talisman zu kommen schien: "Sieh dir gut an, was da läuft, Ruth. Das Ende der Welt ist nah und nur ein so mutiges Herz, wie du es in dir trägst, kann die Welt wieder in ihr Gleichgewicht bringen.
Du bist die Trägerin des Skorpions, das verleiht dir eine ungeheure Macht.
Lerne sie zu nutzen gegen deine Feinde. Rette unsere Welt!", Das Unwetter toste immer schlimmer dort unten auf der Erde, doch hier im Himmel war sie sicher und geborgen. "Was ist, wenn ich gar nicht mehr runter möchte?", fragte sie sich, aber da schwebte sie , wie auf einer Wolke gebettet, nach unten.
Ruth saß im Sand der Oase und überlegte, was sie tun könnte. Sie hatte schreckliche Bilder gesehen in ihrem letzten Traum. Da waren grauenhafte Gestalten, die sie verfolgten. Mit grünen Augen und unheimlich spitzen Giftzähnen wollten sie Ruth töten und die Welt zerstören. Und immer wieder hallte die Stimme des Skorpions durch ihr Bewusstsein: "Rette unsere Welt!", Aber wie zum Teufel sollte sie das anstellen? Mit welchen Waffen? Welche Strategie? Und überhaupt: Alleine gegen das Böse? Das war ja wohl total verrückt! Das würde sie nie niemals schaffen. Das Gewitter gestern Mittag war nur eine Warnung, beim nächsten mal würden die bösen Mächte nicht so zimperlich sein, sondern gleich alles dem Erdboden gleichmachen. Ruth musste das unbedingt verhindern, vor allem, da sie das Land in ihr Herz geschlossen hatte und auf jeden Fall mehr darüber erfahren wollte. Aber mit einer Herde von Tieren und einem verzauberten Anhänger war da wohl nicht viel zu machen.
Vielleicht sollte sie die Tiere ja auch nur an einen sicheren Ort bringen, eben diese Oase hier. Aber was war mit dem Skorpion? Irgendwie musste es doch eine Lösung geben. "Ich hätte mich niemals auf dieses Abenteuer einlassen dürfen! Ich hätte niemals in den Laden gehen dürfen!", schalt Ruth sich selbst. "Na ja, jetzt sitzt du schön in der Scheiße, liebe Ruth McDayle.
Nun sieh auch zu, wie du da wieder rauskommst", Sie schlug die Hände vors Gesicht, wollte alles um sich herum vergessen, wollte wieder nach Haus zurück. Doch als sie nach einiger Zeit die Augen wieder öffnete, war sie immer noch in der Wüste Afrikas, saß in der Oase, in der sich die Palmen sanft im Wind wiegten und das Wasser so verführerisch türkisblau funkelte, wie die Augen der Frau aus dem Laden, in dem Ruth - Mein Gott, wie lange war das denn jetzt schon her? Und wie lange würde der Frieden hier noch halten?
Sie sah sich um. Ja, es war verdammt friedlich hier, überall die Tiere, die sich mal nicht gegenseitig auffraßen und übereinander herfielen. Sie würde dieses Land retten! Sie würde Afrika retten - und somit die ganze Welt!
Ruth saß selbst gegen Abend noch gedankenverloren da und selbst die Tiere schienen in solch eine eigenartige Starre gefallen zu sein. Der Skorpion, der um ihren Hals hing, glühte immer noch und pulsierte mal stärker, mal schwächer. Doch plötzlich veränderte sich das Alles. Die friedliche Atmosphäre wurde von einem lauten Knall durchbrochen. Es wurde mit einem Schlag dunkel, so dunkel, dass man buchstäblich die Hand nicht mehr vor Augen sah. Aus der Ferne grollte ein Gewitter heran. "Es geht los!", dachte Ruth nur leise und tastete nach dem Skorpion an ihrem Hals. Zeit für Angst blieb nicht mehr, ein Blitz zuckte über den Himmel, gefolgt von einem Donnern, welches sich anhörte, als würde die Welt in zwei Teile bersten.
Ruth wusste, dass sie geschützt war. Der Skorpion, die Tiere, das alles waren ihre Begleiter im Kampf gegen das Böse. Aber würden sie es auch schaffen? "Jetzt bloß keine Zweifel!", mahnte Ruth sich selbst. Plötzlich sah sie in riesige, grün leuchtende Augen und kurz darauf ertönte ein fürchterliches Jaulen und Brüllen, dass Ruth das Blut in den Adern gefrieren ließ. Im Schein eines Blitzes sah sie, woher das Jaulen kam. Die schlangenartigen Wesen fuhren mit ihren Leibern zwischen die Tiere, schnappten nach ihnen, hoben sie hoch und schleuderten sie mit furchtbarer Wucht wieder auf den Boden. Das Jaulen kam aus den Kehlen der Verendenden.
Plötzlich begann es wieder zu regnen, was diese Wesen nur noch mehr anheizte. Dicke, ekelhaft riechende Tropfen klatschten Ruth ins Gesicht und im Licht des nächsten Blitzes sah sie, dass es Blut war - Blut von den vielen Tieren, die sie begleitet hatten. Die Wesen hatten sie alle getötet und ihr Blut regnete jetzt vom Himmel. "Neiiiiiin!", Ruth klammerte sich an dem Skorpion fest. "Ich will das nicht!", Sie zerrte an der Kette, aber der Skorpion blieb fest an ihrem Hals. Sie hatte keinen Mut mehr, nein, sie schiss auf ihren Mut! Sie wollte nicht mehr! Schließlich schrie sie verzweifelt gegen den Sturm an, doch er verschluckte ihre Worte und lachte ihr höhnisch ins Gesicht. Selbst der Himmel schien sie zu verspotten, regnete es doch Blut auf sie nieder und vermischte sich mit ihren Tränen.
Plötzlich sah sie eines der Wesen direkt vor sich, mit seinen grünen Augen.
Es riss das Maul auf und brüllte und ein ekelerregender Geruch von Tod und Verwesung raubte Ruth fast die Sinne. Jetzt hatte sie Angst - Angst um ihr Leben - um das Leben vieler. Sie wusste sich nicht mehr zu helfen und riss noch ein letztes Mal an der Kette. Mit einem Ruck riss die Kette entzwei und wütend schleuderte Ruth den Skorpion von sich. "Auf den habt ihr es doch schon die ganze Zeit abgesehen!", schrie sie, aber ihre Worte blieben ungehört.
Donner folgte auf Donner und das Krachen wurde immer ohrenbetäubender und beängstigender. Der Regen platschte mit einer solchen Wucht auf die Erde nieder das sie sich unter ihm krümmte, wie von tausend Nadeln gestochen.
Ruth lag bewusstlos im Schlamm und blutete aus vielen Wunden. Keine zwei Meter neben ihr lag der Anhänger, der Skorpion. Sein Leuchten war erloschen und er war kalt, drohte im Schlamm zu versinken und nie mehr auffindbar zu sein. Doch er musste ein Letztes versuchen. Es war ein kurzer Moment der Angst, dann begann der Skorpion wieder zu glimmen. Er tastete ein Beinchen nach dem anderen vorsichtig aus, bewegte seine Scheren vorsichtig, als könnten sie zerbrechen und bewegte den Schwanz. Er war jetzt zum Leben erwacht. Die Verzweiflung und das Schicksal seiner Freundin Ruth, ja, sie war seine Freundin geworden, konnte er nicht einfach so mit ansehen, über sich selbst ergehen lassen. Er musste ihr helfen. Als er auf seinen Beinen stand, begann er zu glühen, ein schwacher Schein in Afrikas Wüstensand, besser gesagt, Schlamm. Es störte ihn nicht weiter, er brauchte jetzt all seine Kraft um das Licht auszusenden. Er legte all seine Kraft in den Schwanz, in die rubinrote, glühende Kugel, die er dort statt eines giftigen Stachels trug. Schließlich brach der Rubin abermals auf und der Skorpion entsandte unter einem Schrei, der die Zeit gefrieren ließ, das Licht der Hoffnung in die Dunkelheit hinaus.
Das Krachen, welches kurz darauf ertönte, ließ das ganze Universum erzittern. Die Schlangen bäumten sich auf. Mit welcher Kraft waren sie geschlagen worden... sie waren besiegt, das rote Licht des Skorpions strahlte in die Dunkelheit hinaus. Ihre Leiber zerflossen und das Gebrüll ebbte zu einem Wimmern ab. Ein letztes Aufbäumen noch, dann hörte alles schlagartig auf. Die Wolkendecke brach auf und der erste Sonnenstrahl des Tages und einer neuen Zeitrechnung schickte sein Licht ganz verzagt nach unten auf die Erde. Der Kampf hatte Stunden gedauert und jetzt erst konnte man sehen, welch eine Vernichtung dort unten stattgefunden hatte. Die ganze Welt schimmerte rötlich, von dem Blut, welches man auf ihr vergossen hatte.
Es würde Jahrtausende dauern, bis sich die Welt von diesem Schock und von den Wunden, die man ihr zugefügt hatte, wieder erholt hatte. Das Böse jedenfalls hatte der Skorpion in die ewige Dunkelheit geschickt. Dorthin, wo es hingehörte. Jetzt war es Zeit, nach Hause zurückzukehren.
Ruth erwachte in ihrem Bett in einer irischen Kleinstadt. Ihre Wunden waren verbunden worden und sie fühlte keine Schmerzen. In ihrer Hand hielt sie den Talisman und lächelte. Der Kleine hatte es ganz alleine geschafft. Die Welt war wieder in ihrem Gleichgewicht. Sie hatte nicht mitbekommen, wie der Skorpion das geschafft hatte, nachdem sie ihn in den Schlamm geschleudert hatte. Aber es war egal. Er hatte es geschafft. "Na, alles in Ordnung mit dir, mein Kind?", Sie blickte in zwei türkisblaue Augen, in ein von der Sonne gebräuntes Gesicht und erkannte die Dame wieder, die ihr damals im Laden den Skorpion gegeben hatte. "Mit mir ja!", rief Ruth freudig und streckte ihr die Hand entgegen. "Nein, meine Liebe. Ich weiß, du willst ihn mir wieder geben, aber er hat sich seinen Herren bereits ausgesucht. Und er hat sich für dich entschieden. Das hat er noch bei keinem anderen gemacht", Ruth sah sie ungläubig an. "Nun, aber ich möchte, dass du mir eine letzte Bitte gewährst", Sie sagte es sehr bestimmt und nahm Ruth bei der Hand. "Komm mit mir nach Afrika!",




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Eingereicht am 24. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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