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Kizee's Heimkehr

©  Juliane Simon


Die Hitze der Mitte des Tages lastete drückend auf dem bleichen, von Steinen übersäten Stoppelfeld und es schien, als hätte die flimmernde heiße Luft alles Lebendige vertrieben. Selbst die sonst allgegenwärtigen Myriaden von Fliegen hatten irgendwo Schutz vor den erbarmungslosen Strahlen der Sonne gesucht. Der durchdringend blaue Himmel dehnte sich weit bis zum Horizont und in dieser unbegrenzten Ferne verlor alles seine Gestalt und nahm immer wieder neue Formen an, um sich dann wieder im Nichts aufzulösen. Nur vereinzelte Schirmakazien am Rand des Feldes unterbrachen die endlose Weite, doch in der Hitze des Mittags vermochten nicht einmal sie der geplagten Kreatur ein wenig Schatten zu spenden. Und so verbrannte die Sonne unbarmherzig das geknechtete Land, welches sie mit ihren kräftigen, von der harten Feldarbeit knotig und rissig gewordenen braunen Händen Tag für Tag bearbeitet hatte.
Ihre Schritte wurden langsamer, der Rücken schmerzte und sie hätte sich gerne irgendwo kurz niedergelassen und ein wenig ausgeruht, doch der Weg war noch weit und nirgendwo ein schattiges Plätzchen zu sehen. So hielt sie nur kurz inne, um etwas Atem zu schöpfen und die glitzernden Schweißperlen mit einer matten Bewegung ihres Unterarmes von der glühenden Stirn zu wischen, doch diese hilflose Geste brachte ihr keine Erleichterung. Wie leicht war ihr alles früher gefallen, mit schweren Körben und randvollen Wasserkrügen auf dem Kopf war sie leichtfüßig den schmalen Pfad entlang getänzelt, und oft war ihr gewesen, als könne sie fliegen, wie ein Vogel von einem Baum abheben, in den Himmel steigen und vor Freude jubilieren. Der Schöpfer hatte sie mit einem wunderbaren Mann und lebhaften, gesunden Kindern gesegnet, und die fruchtbare Erde hatte ihnen allen Brot und Hoffnung gegeben, vor langer, langer Zeit ...
Erst jetzt bemerkte sie, dass sich ein Dorn in ihre verhornte Fußsohle gebohrt hatte, aber sie hatte dabei keinen Schmerz empfunden, war sie es doch gewohnt, ein Leben lang barfuß zu gehen. Schuhe - das ist etwas für reiche Leute. Und war einmal ein wenig Geld im Haus gewesen, weil es ihr gelungen war, ein paar ihrer Feldfrüchte auf dem Markt zu verkaufen, dann gab es so viele wichtigere Dinge, die angeschafft werden mussten. Schulhefte und Schreibzeug für die Kinder oder Geld für den Heiler, wenn eines der Kleinen krank gewesen war oder eine Wunde einfach nicht heilen wollte. Sie dankte dem Schöpfer dafür, dass ihr Mann nicht so wie viele andere gewesen war, die das bisschen Geld sofort für sich selbst verwendeten; Fahrräder kauften sie oder Kofferradios, und die schlimmsten unter ihnen vertranken das ganze Geld in der Stadt und schlugen ihre Frauen, wenn sie betrunken ins Dorf zurückkehrten.
Nur einmal, da hatte sie selbst etwas bekommen. Schuhe hatte ihr der älteste Sohn geschenkt, damals, als sie ihn in der Stadt besucht hatte, hatte er sie ihr geschenkt, zusammen mit einer kleinen Handtasche. Hübsch waren die Schuhe gewesen, aus hellem, rosarotem Kunstleder mit kleinen Schleifchen an den Schuhspitzen, zwar ein wenig zu klein für die breiten Füße einer afrikanischen Bäuerin, aber was machte das schon. So stolz war sie gewesen und so sehr hatte sie sich darauf gefreut, dieses wundervolle Paar Schuhe zuhause im Dorf den anderen Frauen zu zeigen. Wirklich tragen wollte sie die Schuhe ohnehin nur wenn sie in die Stadt kam, um den Sohn zu besuchen. Aber auf dem Heimweg mit dem Bus hatte ihr ein Polizist bei einer Kontrolle die Schuhe weggenommen, ihr Ausweis wäre nicht in Ordnung, hatte er kopfschüttelnd gesagt, sie müsse jetzt mitkommen auf die Polizeistation und eine Überprüfung über sich ergehen lassen. Das könne sehr lange dauern, denn er wüsste nicht, ob die Beamten in der Provinzhauptstadt noch in ihren Amtsstuben erreichbar wären. Ja, wenn nicht, könne er sie nicht gehen lassen und vielleicht müsste sie über Nacht in der Polizeistation bleiben. Beim Durchwühlen ihrer Sachen hatte er schließlich die Schuhe gefunden und mit begehrlichem Gesichtsausdruck angedeutet, dass er noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen werde, falls sie ihm die Schuhe überließe. Schließlich hatte ihr der Polizist erlaubt, weiterzufahren, nachdem er die Schuhe an sich genommen hatte, wohl um sie seiner Freundin zu schenken. Aber was war schon ein Paar Schuhe gegen all das, was sie danach verloren hatte! Nur die Handtasche hatte der strenge Mann übersehen, weil diese, als der Bus in voller Fahrt in eines der großen Schlaglöcher, welche die holprige Straße übersäten, gerast war, aus ihrem locker verknoteten Bündel gefallen und hinter den Sitz gerutscht war. Es war ihr keine Zeit mehr geblieben, die Handtasche hervorzuholen, noch dazu, weil das aufgeregt gackernde Huhn, das die schlafende Frau hinter ihr unter dem Sitz verstaut hatte, heftig mit seinem Schnabel auf ihren tastendenden Händen herumzuhacken begann. Und diese Handtasche, die zufällig der Begehrlichkeit des Ordnungshüters entgangen war, war alles, was ihr geblieben war - außer ihren Erinnerungen.
Langsam zog sie den Dorn heraus. Eine Hornhaut hatte sich bei ihr nicht nur auf den Fußsohlen gebildet, sondern auch auf ihrer Seele. So müsste sie keine Schmerzen mehr erleiden, hatte sie gedacht, Schmerzen, die, wie sie aus leidvoller Erfahrung wusste, so unerträglich sein konnten, dass sie oft gefürchtet hatte, den Verstand zu verlieren. Doch sie hatte sich geirrt, nun tobte der Schmerz tief und wild im Inneren ihres verhärteten Herzens, fest darin eingeschlossen. Und sie hatte von niemanden eine Antwort auf ihre Fragen erhalten. Warum nur, warum mein Mann und meine Kinder, warum ist mir von all jenen, die ich liebte und für die ich lebte, niemand geblieben? Warum hat Gott dies alles zugelassen? Und warum hat er mir zuerst so viel gegeben, nur um mir dann wieder alles zu nehmen? Nein, die Hölle kann nicht schlimmer sein als das Leben ...
Plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper und sie richtete sich auf. Nur nicht zu lange verweilen, der Weg war noch weit und sie wollte vor Einbruch der Dunkelheit zurück im Dorf sein. Denn in der Dämmerung kamen die Hyänen auf leisen Sohlen, knurrend und mit Augen, die in der Finsternis gespenstisch leuchteten. Sie hatte Angst vor diesen Wesen, denn sie glaubte nicht, dass es Tiere wären, sondern Dämonen, die die Menschen heimsuchten und manchmal sogar kleine Kinder holten und ins Reich der Schatten verschleppten. Ihr Mann hatte sie deswegen immer ausgelacht, abergläubisch sei sie, hatte er gesagt. Dämonen bluten nicht, siehst du das verletzte Tier dort hinten? Es blutet ... Doch sie konnte es nie so ganz glauben, denn sie wusste wie die meisten Menschen, dass die Dämonen Meister der Tarnung und Täuschung sind.
Doch genug der Träume und Erinnerungen sagte sie sich und setzte ihren Weg wieder mit schleppenden Schritten fort. Bei jeder Bewegung wirbelte sie kleine Staubwölkchen auf, ja, der Wind verweht die rote Erde Afrikas in der Trockenzeit genau so wie die Träume und Hoffnungen der Menschen auf ein besseres Leben und eine gerechtere Welt. Und der Regen, den die Menschen so heiß ersehnten, schien wieder auszubleiben und so wandte sie ihren Blick, der vergeblich nach den ersten Anzeichen der sich ankündigenden Regenzeit suchend über das gleißende Kuppeldach des Himmels gewandert war, wieder der geschundenen Erde zu. Wie sollte sie den Samen in die Erde pflanzen, in diese von der Glut zu steinharten Klumpen verbackenen Scholle? Und - vor allem wozu? Um noch ein Jahr zu überleben, noch ein Jahr der Einsamkeit und der quälenden Träume, die ständig wiederkehrten?
Das Unheil hatte begonnen, als die Tochter bei der Geburt ihres ersten Kindes starb. Alles schien so zu sein wie es sein sollte, eine der alten Frauen hatte geholfen, der Tochter die Vulva zu öffnen, die nach der Beschneidung zugenäht worden war, um dem Kind den Weg in die Welt zu erleichtern, doch es hatte den Schoß der Mutter nicht verlassen wollen und als es dann schließlich doch gekommen war, hatte es nicht mehr geatmet. Und auch die geliebte Tochter war immer schwächer und schwächer geworden, das Blut hatte nicht zu fließen aufgehört, obwohl der Heiler, den sie zuerst gerufen hatte, alles getan hatte, was er für sie tun konnte. Schließlich hatte sie sogar noch einen Arzt aus der Stadt holen lassen, aber dieser war zu spät gekommen. Die Fahrt von der Stadt ins Dorf hatte er sich trotzdem bezahlen lassen und sie heftig gescholten, weil sie ihn erst so spät hat holen lassen. Und der Heiler hatte sie verflucht, weil sie es gewagt hatte, einen westlichen Doktor zu holen. Die Tochter wäre nicht gestorben, wenn sie, die Mutter, sich nicht von der Tradition abgewandt hätte, denn die Geister der Ahnen hätten die Tochter ins Leben zurückgeholt. Verflucht sei, wer fremden Göttern dient ...
Und dann war ihr Ältester gestorben. Er war gemeinsam mit seinem besten Freund in die Stadt gegangen, um Arbeit zu suchen. Arbeit hatte er auch bald gefunden, im Hafen, und in den ersten Jahren hatte er sie auch regelmäßig besucht und immer ein wenig Geld und kleine Aufmerksamkeiten mitgebracht. Doch dann war er immer seltener zu Besuch ins Dorf gekommen und immer wenn sie einen, der gerade aus der Stadt kam, gefragt hatte, ob er ihn gesehen hätte und ob es ihm doch gut ginge, hatte sie nur ausweichende Antworten erhalten. Sie hatte dann noch einmal in die Stadt fahren wollen, um ihn zu besuchen, doch ihr Mann hatte es ihr verboten, er würde selbst fahren und nach dem rechten sehen. Außerdem wäre es an der Zeit, dass der Sohn heimkehre und eine Frau aus dem Dorf nehme, er hätte da schon ein Mädchen im Auge und sie solle lieber beginnen, mit der Mutter des Mädchens zu verhandeln. Es ist sicher besser so, wenn der Vater mit dem Sohn spricht, hatte sie gedacht, es werde ganz bestimmt wieder alles in Ordnung kommen. Doch dann war alles ganz anders gekommen ...
Nein, sie wollte nicht mehr daran denken, doch die Gedanken brachen sich mit aller Macht ihre Bahn, sie sah sich selbst wie damals beim Hirsespeicher stehen, voll freudiger Erwartung, dass ihr Mann mit dem Sohn nach Hause käme. Doch von weitem hatte sie nur den Mann sich dem Dorfe nähern gesehen, langsam, ja beinahe zögerlich war ihr sein Schritt erschienen und sie hatte gefühlt, wie ihr Herz immer heftiger zu pochen begann. Warum kommt er allein, sie hatte doch schon alles vorbereitet, die Familie der zukünftigen Braut war einverstanden, das Mädchen war hübsch und gesund, der Brautpreis angemessen - warum hält er inne, mit hängenden Schultern und gesenktem Blick? Vielleicht ist er nur müde von der Reise, und der Sohn kommt später nach, weil er noch etwas wichtiges zu erledigen hat. Schau mir in die Augen bitte und sag' mir, dass alles in Ordnung ist. Als der Mann dann vor ihr stand und sich ihre Blicke trafen, hatte sie gewusst, dass sie den Sohn nie wieder sehen würde. Der Schmerz in den Augen des geliebten Mannes hatte ihr Herz durchbohrt. ‚Er, er - er lebt nicht mehr, er war krank, sehr krank, es war diese Krankheit, von der alle reden, an der so viele sterben, weil sie so ein' - und er setzte noch einmal an - ‚so ein' - er schluckte und senkte seinen Blick - ‚kein gutes Leben führen'. Hast du ihn noch gesehen, hast du das? Hast du noch mit ihm sprechen können? Der Mann hatte den Kopf geschüttelt und sich abgewandt. Langsam war er in die einsetzende Dämmerung hinaus gegangen und sie hatte ihm lange nachgesehen, unfähig, sich aus der Erstarrung, in die sie gefallen war, zu lösen.
Mit einem Mal wurde die Erinnerung so stark, dass sie nicht mehr weitergehen konnte. Mein Gott, was habe ich getan, dass du mich so bestraft hast? Gott schlägt die, die er liebt, hatte ihr der Priester gesagt, du musst das alles ertragen, du musst weiter stark sein und glauben. Ja, sie wollte glauben, und sie hatte geglaubt, dass ihr Gott nicht noch mehr Prüfungen auferlegen werde. Doch dann war der Krieg gekommen. Zuerst schien er noch weit weg gewesen zu sein, ab und zu hatte man von heftigen Gefechten zwischen den Aufständischen und den Regierungstruppen im Norden gehört, aber eigentlich hatte niemand so genau gewusst, warum gekämpft wurde. Die Staatsmacht war weit weg und das Leben im Dorf verlief wie schon seit Menschengedenken im ewigen Zyklus von Regen und Trockenzeit, Aussaat und Ernte, Geburt, Hochzeit und Tod. Der Mann war nach dem Tod des geliebten Sohnes stiller geworden, er hatte noch härter gearbeitet und sein Lachen, das sie so geliebt hatte, war immer seltener zu hören gewesen. Dann war die Armee gekommen und hatte alle Männer im wehrfähigen Alter rekrutiert. Und sie hatte gewusst, dass sie ihren Mann nie wiedersehen würde und er hatte es auch gewusst. Als einige Monate später die Nachricht von seinem Tod gekommen war, hatte sie keine Tränen mehr zu vergießen. Doch sie musste weiterleben, da waren noch drei Kinder, die sie brauchten, die sie ernähren und denen sie nicht nur Mutter, sondern nun auch Vater sein musste. Sie wusste nicht, woher die Kraft kam, die sie brauchte, um weiter zu leben.
Die Hitze hatte begonnen, etwas nachzulassen, die flacher werdende Bahn der Sonne und die länger werdenden Schatten der Akazien kündigten das nahende Ende des Tages an. Am Horizont konnte sie bereits die aufgehende Mondsichel sehen. Auch das Leben schien wieder zu erwachen, die Fliegen waren zurückgekehrt, ein paar Vögel suchten im Stoppelfeld nach Nahrung und vor ihr verschwand ein durch ihre Schritte aufgescheuchtes Erdhörnchen blitzschnell in seinem Bau. Sie fühlte sich so unendlich müde, viel zu müde um weiter zu versuchen, die Gespenster der Erinnerung abzuwehren. Nur noch schlafen wollte sie, in einen tiefen, traumlosen Schlaf verfallen, aus dem sie nie wieder erwachen wollte. Ja, sie sehnte sich nach dem großen dunklen Bruder des Schlafes, den Befreier aus der Welt der Geister, die sie so unbarmherzig heimsuchten. Doch selbst zu entscheiden, diese Welt zu verlassen, verbot ihr die Religion. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass ihr Gott nach dem Tod des Mannes und der ältesten Kinder noch eine Prüfung auferlegte, eine Prüfung, die sie sich nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen ausmalen hätte können ...
Es war eine Vollmondnacht gewesen, sie hatte nicht schlafen können und war daher noch vor dem Morgengrauen aufgestanden, um im Speicher nach dem Rechten zu sehen, da die Mäuse wieder einen neuen Weg gefunden hatten, um an die kargen Vorräte zu gelangen. Es hatte eine merkwürdige Stille geherrscht, selbst die vertrauten Geräusche der Nacht waren verstummt. Aus den Augenwinkeln schien sie am Eingang des Dorfes neben einer Hütte eine Bewegung wahrzunehmen, nur schemenhaft und kurz. Als sie noch einmal genau hingesehen hatte, war alles ruhig gewesen. Jetzt sehe ich schon Gespenster, hatte sie gedacht und war die Leiter zum Speicher hinaufklettert um die Mäuse zu verscheuchen und die frische Öffnung zu verschließen, durch die sich die Nagetiere ihren Weg zu den Vorräten gebahnt hatten. Danach hatte sie noch nach ihrer Ziege sehen wollen, die sich am Hinterlauf verletzt hatte, doch die Ziege hatte sich vom Strick, mit dem sie angebunden war, befreit und das Weite gesucht. Wahrscheinlich habe ich die Ziege am Ende des Dorfes gesehen, hatte sie gedacht und sich auf den Weg gemacht, um die Ziege zu suchen. Hinter der Hütte hatte sie aber nicht die Ziege gefunden, sondern war plötzlich einem fremden Soldaten gegenüber gestanden. Für ein paar Sekunden hatte sie ihn regungslos angestarrt, dann hatte ihr der Soldat mit seinen Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen. Im Fallen hatte sie sich selbst einen gellenden Schrei ausstoßen hören und plötzlich waren wie aus dem Nichts überall bewaffnete Männer aufgetaucht, während gleichzeitig die Menschen in Panik aus ihren Hütten stürzten. Meine Kinder, war ihr einziger Gedanke gewesen, meine Kinder! Und dann war die entmenschte Meute über das Dorf hergefallen, bewaffnet mit Gewehren, Hacken und Macheten und hatte alles Lebendige in einem blutigen Gemetzel niedergemacht, Männer und Frauen, Kinder und Greise, ja sogar das Vieh. Danach waren die Schlächter johlend und plündernd von Hütte zu Hütte gezogen und hatten schließlich das ganze Dorf in Brand gesteckt, während sie starr und regungslos unter den blutigen zerhackten Körpern, die auf sie gefallen waren, gelegen und verzweifelt versucht hatte, aus diesem Albtraum zu erwachen, während um sie das höllische Inferno aus Feuer und Blut tobte und die Kreaturen der Unterwelt alles Lebendige verschlangen. Bevor die im Blutrausch rasende Horde abzog hatte sie noch den Weg vermint.
Nach dem Massaker waren die wenigen, die wie sie zufällig überlebt hatten, weil sie unter den Toten gelegen hatten oder rechtzeitig in den Busch geflüchtet waren, weggegangen und niemand hatte sie gefragt, ob sie mitkommen wolle. Mitkommen - wohin auch? Also hatte sie ihre Kinder begraben, außerhalb des Dorfes auf der verbrannten Erde eine neue kleine Hütte gebaut und war geblieben. Es war sogar eine offizielle Untersuchung des Massakers angekündigt worden, aber niemand hatte sie jemals gefragt, was sie gesehen und was man ihr angetan hatte. So lebte sie nun allein am Rande des zerstörten Dorfes mit all ihren Erinnerungen, denn dieser Platz war ihre Heimat, hier war sie geboren, zur Frau geworden, hatte geheiratet, ihre Kinder zur Welt gebracht, aufgezogen und begraben. Doch sie selbst war nur noch ein Gespenst in einer Welt voll von Gespenstern aus der Vergangenheit, eine lebende Tote. Auf dem Weg lag noch der Tod in Form der Minen, welche die tollwütige Soldateska zurückgelassen hatte. Der Tod, den zu suchen ihr der Glaube verwehrte, der Glaube an einen allwissenden gütigen Gott, der ihr seine wahre Gestalt, die eines grausamen, rachsüchtigen und blutrünstigen Gottes gezeigt hatte, der ihr alles gegeben hatte, nur um alles wieder zu nehmen ...
Plötzlich straffte sich ihr ausgemergelter Körper und mit einem Mal wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie ließ das schwere Bündel Feuerholz vom Kopf gleiten und in den Staub fallen. Nein, sie würde es nicht mehr brauchen, sie würde nie wieder Feuer machen, nie wieder viele Stunden zur Wasserstelle und zurück zur Hütte gehen und dort Tag für Tag ein karges Mahl zubereiten. Sie würde nie wieder tief gebückt mit schmerzendem Rücken die harte Scholle aufhacken um die Samenkörner in den Schoß der Erde zu legen und hoffen, dass der Regen zu rechten Zeit käme. Ja, sie wusste plötzlich, wie sie diesen Gott betrügen konnte, diesen Gott, der sie selbst so betrogen hatte. Sie beschleunigte ihren Schritt und verließ den schmalen Pfad, den sie sonst immer nahm, weil er nicht vermint war, durchquerte das Feld und stieß schließlich auf jenen Weg, von dem sie wusste, dass die Erde noch immer ihre todbringende Frucht barg. Langsam und fest setzte sie einen Schritt nach dem anderen, aufrecht mit erhobenem Kopf, in der bangen hoffnungsvollen Erwartung, dass jeder ihr letzter sein möge ...
Sie fühlte keinen Schmerz, als ihr die Wucht der Explosion beide Beine abriss. Die rote Erde saugte gierig ihr Blut auf, so als nähme sie das Sühneopfer für ihren Verrat an den Ahnen und den alten Göttern bereitwillig an. Und plötzlich war sie frei, so frei wie sie noch nie gewesen war. Sie war wieder das junge Mädchen, das die Augen schamhaft vor den Blicken des jungen Mannes, der ihr Ehemann werden sollte, senkte, die junge Frau, die stolz den erstgeborenen Sohn in ihren Armen hielt und sie war die Großmutter im Kreise ihrer Kinder und der Enkelkinder, die zu haben es ihr nicht vergönnt war. Niemals war sie so glücklich gewesen wie in diesem Augenblick, als sie im Kreise ihrer Lieben langsam die Augen schloss und sich unendlicher Frieden wie eine Decke über sie ausbreitete. Endlich war sie zu Hause ...
Einen Tag später kam eine Gruppe UN-Soldaten in das Dorf. Die Männer hatten den Auftrag, der neuen Regierung bei der Räumung der Minen zu helfen um hier wieder Menschen ansiedeln zu können. Es war deutlich zu sehen, dass das Dorf schon vor länger Zeit von den Überlebenden des Massakers verlassen worden war und so war die Verwunderung um so größer, als zwei Soldaten mitten auf dem Weg auf den Körper einer alten Frau stießen, der eine Mine beide Beine abgerissen hatte und die hilflos im Staub verblutet war. Ihre Hände umklammerten eine Handtasche aus rosarotem Kunstleder.
"Merkwürdig", sagte der eine, "siehst du ihren Gesichtsausdruck? Ich habe hier im Land schon viele Minenopfer gesehen, aber noch keines mit einem solch' glücklichen und friedvollen Gesichtsausdruck."
"Und diese Handtasche", rätselte der andere, "die Frau trägt nur mehr Fetzen am Leib und ist barfuß, warum hält sie dieses hässliche Ding so fest umklammert? Das ergibt doch keinen Sinn."
Es gelang den beiden Männern kaum, die Handtasche den erstarrten Händen zu entwinden, so fest war die Umklammerung. Zu ihrer noch größeren Verwunderung stellten sie fest, dass die Handtasche leer war.
"Wir sollten die Leiche gleich wegbringen lassen," meinte der eine und warf die Tasche in hohem Bogen weit hinaus ins Feld.
"Ja, lass' uns gehen, es gibt noch viel zu tun und es sieht so aus, als käme nun doch der Regen."
Tatsächlich begannen am Horizont dunkle Regenwolken aufzusteigen und eine leichte Brise brachte die verdorrten Blätter an den Büschen am Wegesrand zum Rascheln. Dann fielen endlich die ersten Regentropfen auf die ausgedörrte rote Erde und die Natur machte sich bereit, das lebensspendende Nass aufzunehmen. Und irgendwo auf der anderen Seite des Feldes lachte eine Hyäne ...




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Eingereicht am 23. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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