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God is out of Afrika

©  Stella Eva Henrich


Ich liebe die Sonne
Und mein Koffer steht immer bereit.
Um eine Liebe zu leben
und verrückte Sachen zu machen.
Ich möchte dir gern alles geben,
nur wo bist du?
Ich möchte dich verwöhnen.
(* Quelle: FAZ - Heiraten & Bekanntschaften, Juni 2004)

Ich lege die Zeitung zur Seite und lache laut auf.
Wieder ein nach Liebe dürstendes Miststück, denke ich düster bis heiter. Diese Tanten sind alle gleich. Kennst du eine, kennst du alle. Meist kommen sie aus Europa, vergnügen sich im Luxushotel mit all inclusive und machen sich an uns jungen Afrikaner ran. So als sei dies Programmteil der gebuchten Reiseofferte. Während Papa auf die Patpong Road zum Kinderficken nach Bangkok fliegt, versucht es Mama mit Frischfleisch in Mombasa. Ich hasse das Parfum dieser reichen Zicken. Sie sehen einen an, als würden sie sich über einen lustig machen. Aber es ist mir inzwischen wurscht egal. Du willst ficken, dann ficke ich dich halt. Ich bin Profi darin. Mir doch egal, wie du zwischen den Beinen riechst. Meinen Virus stört es jedenfalls nicht.
Am schärfsten treiben es die alten Schweizerinnen. Bevor sie die Beine breit machen, schalten sie das Licht aus. Sie wagen es nicht, alles im Hellen zu machen. Zuviel weiß. Doch diese europäischen Nutten sind meine Chance. Meine einzige Chance aus dem Elend in diesem verdammten Land dieses beschissenen Kontinents herauszukommen.
Ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr. Fünf Uhr früh. Zeit zu gehen. Die Morningshow ruft: Sunrise Paradise Hotel.
Der Staub auf den Straßen verklebt mir die Lunge. Ich spucke in den Dreck. Die Luft riecht streng. Im Krematorium in Mombasa wird mal wieder ein Inder in die Röhre geschoben. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Wenn so tote Seelen riechen, möchte ich lieber kein Mensch mehr sein. Ich kratze meine letzten 15 Schilling zusammen. Alarmierende Öde. Ich winke dem Matatufahrer. Mit neun anderen Wichsern quetsche ich mich in das Sammeltaxi. Gott allein weiß, wo sie um diese Zeit schon hinfahren. Doch im Grunde ist es mir scheiß egal. Ich fahre in den Zoo, zu den Zweibeinern. Mein Chef, der Hotel Manager, ist ein verfickter Inder. Seit zwei Monaten zahlt dieser Wichser kein Gehalt mehr. Als ob seine Angestellten etwas dazu könnten, dass die Touristen wegbleiben. Am liebsten würde ich ihm mal so richtig die Fresse polieren. Doch allein der Gedanke ist Energieverschwendung. Und wenn ich die Kraft hätte, würde ich vorher einen dieser fettleibigen verfressenen Touristen abstechen. Guckt mich an Leute, ich bin dünn. Hab nichts zu fressen. Da bleibt man eben schlank. Doch diese All-Inclusive-Touris fressen und saufen sich den ganzen Tag hier unbekümmert voll. Das große Fressen in Afrika. Wäre doch mal ein schöner Filmtitel.
Ich bin ein toter Mensch. Und ich weiß noch nicht, was mich wieder in das Leben zurückführen wird. Ich weiß nur, das ich fort will. Fort aus dieser Sklaverei, Unterwerfung, Unterjochung. Ich mache Sex mit unbekannten Tieren aus Europa. Meine Seele habe ich verloren. Mein Leben ist ein einziger Alptraum. Es gehört mir nicht. Es gehört anderen. Nein, ich erniedrige mich nicht gern. Aber dieser Alptraum wurde einst in meinen Gencode geschrieben. Ich ertrage dieses alltägliche Leben nur, indem ich mir meine eigene Realität erschaffe. Der Zoo ist meine Welt. Daher fahre ich jeden morgen zur Safari. Mir gefällt diese Idee. Schließlich kommen auch die Touristen aus diesem Grunde nach Afrika: Wilde gefährliche Tiere gucken in Nationalparks. Mit dem Dauerauslöser sitzen sie in ihren Jeeps und sehen die Tiere nur durch die Linse ihrer Digitalkamera. Schließlich sollen die lieben Freunde zuhause die wunderbaren Eindrücke in Afrika mit ihnen teilen können.
"Das war einfach traumhaft. Dieser Kontinent, diese Hotels, die Menschen dort. Einfach wunderbar. Und alles für ganz wenig Geld. Kostet uns ja nichts, das Leben dort."
Ich höre ihre Sätze. Ich kotze, wenn ich mir vorstelle, wie sie zuhause sitzen, Wein aus Südafrika im Supermarkt kaufen und die Diabilder ihrer Safari an die Wand ihres Spießerwohnzimmers werfen.
Die Zeit ist noch nicht gekommen, wo für schwarze Menschen Gerechtigkeit herrscht. Selbst wenn mir Rassismus vorgeworfen wird, weil ich weiße Frauen ficke und hoffe, dass sie mich anschließend heiraten und aus dem Land schaffen, aber wen kümmert schon eine geschundene Negerseele in der Welt. Wer glaubt, Gutes zu ernten, wenn er Gutes tut, der irrt. Nur eins zählt, sich rächen. Und so überzeuge ich die Damen von und mit meiner Liebenswürdigkeit. Ich frage nicht, woher sie kommen und was sie haben. Ich kommentiere nicht den Bullshit, den sie mir den ganzen Tag lang erzählen. Fest steht: Diese fetten aufgedunsenen weißen Leiber leben auf meine Kosten. Sie haben immer mehr als ich jemals in meinem verfickten Leben besitzen werde. Sie geben an einem Tag in Afrika soviel Geld gedankenlos für Bullshit aus, das ich nicht einmal im Monat verdiene. Wo also bleibt da Gerechtigkeit? Es gibt keinen gerechten Gott. Mein Gott ist ungerecht. Er hasst mich. Und deshalb hasse ich fette weiße Leiber.
Wie kannst du einen Gott lieben, den du nicht kennst und nicht siehst, frage ich mich. Musst du nicht erst einmal dich selbst lieben, um einen Unbekannten lieben zu können. Erst wenn du dich selbst lieben kannst, bist du auch in der Lage, andere zu lieben. Das steht fest. Diese weißen fetten Leiber sind alle ungeliebt. Warum denn kommen sie zu uns, suchen Liebe und wollen mit uns ficken. Keiner liebt sie. Wir sollen sie lieben. Die erste Welt schickt uns ihren Abschaum, den Abfall, den niemand haben will. Das ist die Gerechtigkeit auf der Welt. Afrika bekommt den Abfall. Wir sind und bleiben der verlorene Kontinent der Weltgemeinde.
"Jambo jambo habari?1", begrüße ich das weiße Fleisch müde lächelnd am Morgen, während sie sich ihre Teller am Frühstücksbuffet volladen. Ich frage mich, wie ein Mensch nur so viel Hunger haben kann.
"Asante, very fine2", säuselt sie freundlich unschuldig blickend zurück und freut sich, dass sie sich ein Swahili-Wort hat merken können. Ihre Schultern hängen schlaf rechts und links am Körper runter, so als wolle mir der weiße Fickleib sagen, mir geht es auch nicht immer gut. Ich kriege auch permanent was drauf. Ich weiß, wie du dich fühlst.
Ich kann auf diese Solidarität verzichten. Ich lächele. Immer schön lächeln, befehle ich mir leise heimlich. Meine wahren Gefühle zeige ich niemals in der Öffentlichkeit. Das würde ein Kenianer nie tun. Schließlich haben auch wir unseren Stolz. Diesen letzten Rest an Selbstrespekt, den man uns nicht nehmen kann.
Ich lebe nicht. Nein. Ich spiele Theater. Der Titel meines Stücks lautet: "Zoologischer Garten oder Der Gast ist der König der Tiere".
Das Stück ist ein absoluter Erfolgshit im Hotel Sunrise Paradise. Die Gäste klatschen Applaus und danken es mit üppigen Trinkgeld. Das Eintrittsgeld haben sie zuhause bereits an Neckermann überwiesen. Abends tanzen sie dann heitermunter auf kenianischen Hiphop von E-SIR, nachdem sie tagsüber die ganze Zeit ihre fetten Leiber in die pralle Äquatorsonne gestreckt haben. Ihre einzige Bewegung am Tage ist, das Glas mit Wodka an den Mund zu führen und die Gabel mit Pommes und Ketchup abzulutschen. Es ist kaum zu fassen, welche Metamorphose der Homo Erectus durchgemacht hat, seitdem er vor 1,6 Millionen Jahren am Lake Turkana, der Wiege der Menschheit, in die weite Welt aufgebrochen ist. Doch seitdem hat es sich ausgemenscht an dieser Wiege in Kenia, die Welt ist menschenleer. Meterhohe Stacheldrähte mit elektrischem Strom umzäunen die Hotelanlagen. Sicherheitsleute checken und durchleuchten jedes Auto ganz genau an der Hotelzufahrt, seitdem irgendwelche Idioten vor ein paar Jahren ein von Arabern betriebenes Hotel an Mombasas Küste in die Luft gesprengt haben.
"Willkommen im Hochsicherheitsknast Kenia", begrüße ich die zahmen zahnlosen Zweibeiner im Sunrise Paradise Hotel. Ihre Muskeln sind untrainiert, ihr Geist wirkt lahm.
"Ja, Sonne macht müde". Sage ich freundlich lächelnd auf Swahili.
Die Zweibeiner lächeln freundlich zurück.
"Asante sana3", bedanken sie sich, ohne tatsächlich ein Wort zu verstehen. Selbst wenn ich es ihnen in ihrer Sprache sagen würde, sie würden nichts kapieren. Da geht ihr viele Jahre in die Schule und bleibt doch dumm wie Scheiße, murmele ich im Geiste. Kurz überlege ich, welche Knasturlaubstante mich heute Nacht mitnehmen darf.
"Karibu4, es lebe die Diktatur der Ökonomie, denke ich. Lass es das Portemonnaie entscheiden. Der Animateur wechselt die CD.
"Mad World, children waiting of the day they feel good….", ein wunderbarer Titel. Der fette Fickleib summt apathisch mit dem Sänger mit. Ich lächele gutmütig und spucke auf den Boden.
Ist ja schon gut, der Tierpfleger kümmert sich heute Nacht ein bisschen um dich. Und eine Rechnung bekommst du. Keine Sorge. Hakuna matata5.

1 Guten Morgen, wie geht´s?
2 Danke, sehr gut.
3 Vielen herzlichen Dank.
4 Willkommen.
5 Kein Problem.




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Eingereicht am 22. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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