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'Wangalucha majo' - guten Morgen, Frau

©  Anja Blume


Hier sitze ich nun mit meiner Erinnerung und meinen Geschenken - einer Kette, einem Besen, einem Kopftuch und einem Wickeltuch -, Überbleibsel von meinem Leben in drei Familien auf dem Land im Westen Tansanias. In einer Tüte vor mir Mangos und Bananen, auf die ich mich so gefreut hatte: essen.
Was und soviel ich möchte. Eine frisch gefüllte Flasche mit Wasser: endlich sauberes Wasser, so viel ich trinken kann. Duschen, welch unglaubliches Erlebnis! Ein eigenes Zimmer. Und: - Ruhe.
Ich war zum wiederholten Male für eine begrenzte Zeit eingetaucht in eine andere Welt - eine Welt, die mit den Jahren Teil meines Lebens geworden ist, und die mich so unendlich bereichert und beschenkt. Trotzdem hatte ich mich nach Wochen der Entbehrung auf all die in ‚meiner' Welt für selbstverständlich hingenommenen Annehmlichkeiten gefreut - nur um nun zu merken, dass ich sie nicht so recht genießen konnte: Es war alles so unwirklich, der Bruch so krass. Eben noch Menschen, Leben. Jetzt Stille.
Gedankenbilder und Gegenstände, die mir die Vergänglichkeit aller Dinge und Geschehnisse schmerzhaft ins Bewusstsein riefen. Was war geblieben von all dem Erlebten? Niemand mit dem ich all das teilen konnte. Nur ich. Ganz allein.
Erinnerung an die schönen Momente: drei Familien in einem kleinen Dorf in Ostafrika. Bildsequenzen fliegen vor dem inneren Auge vorbei: In mildes Vollmondlicht getaucht sehe ich drei Frauen - 'meine Mamas' - angeregt in einen Plausch vertieft auf dem Boden sitzen. Sie haben sich aus Anlass meines bevorstehenden Abschiedes bei Mama Elizabeth, bei der ich nun wohne, getroffen. Ich betrachte sie in stiller Freude. Höre ihr herzhaftes Lachen, dann wieder ernste Gesichter, ein schneller Wechsel von Emotionen, die ebenso heftig aufwallen wie sie wieder verklingen.
Erinnerung an die zweijährige Tochter von Mama Anna, wie sie aufmerksam unserem Gespräch lauscht, den Ausdruck anashangaa [sie wundert sich] aufschnappt, uns groß anguckt und uns nachplappert: shangaaaaaaaaaa [wundern].
Aber auch Erinnerung an heftige Momente wie die schreckliche Nacht in einem Haus ohne Fenster: unerträgliche Schwüle, Ungeziefer (nicht nur) im Bett, Lärm, beklemmende Dunkelheit. An das Gespräch mit einer Frau, die verzweifelt um das Sorgerecht ihrer drei Kinder kämpft, die von ihrem Mann halbtot geprügelt werden, so dass die gesamte Nachbarschaft bereits in Aufruhr geraten ist, jedoch tatenlos abwartet. Ich werde diesen Blick ihres ca. 11 jährigen Jungen nicht los. Dieser gequälte Gesichtsausdruck, dieses Leid. Wie er sich in seiner Uniform von Tag zu Tag in die Schule schleppt, hungrig und verzweifelt. Wie soll so ein Kind sich auf die Schule konzentrieren, wenn Hunger und Angst sein Leben bestimmen? Hilflos der Situation ausgeliefert, grausam.
An die Schreie des Mädchens, dass mit auf den Rücken gefesselten Händen abgeführt wird. Sie soll Nachbarn mit Steinen beworfen haben und wirres Zeugs reden seit dem Tag als sie auf den Markt ging, um Gemüse zu verkaufen.
Sie soll viel Geld eingenommen haben an jenem Tag. Man fand sie tags darauf
- verwirrt, in ihrem eigenen Erbrochenen sitzend mit zerrissenen Kleidern, ohne Geld. Keiner weiß, was genau geschah. Nur, dass ihr ein Getränk mit Gift eingeflößt worden sein musste. War es das Erlebte was sie hatte verrückt werden lassen? Oder die Auswirkung des Gifts? Sie soll ein sehr liebes Mädchen gewesen sein, meine Mama mochte sie sehr. Als die Kleine auf der Straße vorbeigezerrt wurde, standen ihr die Tränen in den Augen. Ein kleines zerstörtes Leben. 12 Jahre. Aber was bedeutet schon ein Menschenleben in Afrika?
Erinnerung an das Warten auf Regen, Staub, durstige Menschen, Tiere und Pflanzen. An die entsprechend unglaublich häufigen Gesprächsthemen über mvua - Regen - und pesa - Geld.
Nehmen wir das Thema Regen: Stellt euch vor, Ihr wohnt in einer traditionellen Sukuma-Hütte, das bedeutet aus Lehm geformte Ziegel, Lehmboden und ein grasgedecktes Dach. Soweit o.k., lässt sich drin aushalten, jedenfalls während der Trockenzeit... Nun zeichnet sich aber deutlich ab, dass es regnen wird. Noch am Vortag habe ich mich ausgiebig mit Mama Regina darüber unterhalten, ob dicht und so. Absolut. Fein. Ich sitze also in der Hütte und schreibe, als ich über mir so ein Geknister und Geraschel höre und sehe, wie Staub, Grasreste und allerlei Getier der Schwerkraft nachgeben und, ihrer Heimat im Dachgebälk beraubt, je nach Luftwiderstand nach unten segeln oder in rasantem Tempo auf den Boden klatschen. Ich mach mich in wahrstem Sinne aus dem Staube und sehe mir die Bescherung von draußen an. In ungefährer Position über meinem Bett befestigt ein Jüngling, mit Knüppeln einen Fetzen Plastikfolie auf dem Dach. Das Provisorium hält Wind und Wasser stand, und ich muss weder in einem durchweichten Bett schlafen noch einen Regenschirm wie in Spitzwegs 'der arme Poet' aufspannen.
Regenzeit bedeutet, dass die unerträglichen ca. 30°C bei beißend-sengender Sonne abrupt auf unerträgliche ca. 20°C mit dicken Wolken und Wind absinken.
Die Freude ob der Abkühlung wandelt sich schnell in verzweifeltes Suchen nach allen Kangas (traditionelle Wickeltücher), die ich mir schlotternd um den kälteentwöhnten Leib wickle. Mit kalten Füssen sitze ich da und wünsche mir ein Heißluftgebläse, heißen Kakao und eine Badewanne... zudem muss ich mit einem zweiten Phänomen klar kommen: Matope. Matope heißt Matsch. Dieser Matsch ist umso schlimmer, je mehr Lehm/Ton der Boden enthält. Hier verfügt er zwar über einen nicht geringen Sandanteil, trotzdem wird jeder Gang zur Glitschpartie und drohe ich, mit meinen Badelatschen der Länge nach rücklings in die Matschepampe zu klatschen (zum überaus großen Vergnügen der Kinder, möchte ich wetten). Ich kämpfe mich also die wenigen Meter zur Küche durch, verliere unterwegs eines meiner stümperhaft befestigten Tücher (ich bin aber auch zu dünn, da hält einfach nix) und komme halbdurchnässt in der Räucherkammer an: Räucherkammer, weil, es ist feucht, das Holz nass und der Rauch zieht nicht ab, sondern verteilt sich fein im Raum (auch bei trockenem Wetter werde ich für gewöhnlich bereits vor 6 Uhr von intensivem Rauchgeruch geweckt). In der Küche ist es nicht nur verqualmt, sondern es gibt auch so gut wie keinen trockenen Platz, von dem Bereich über dem Feuer einmal abgesehen. Das Dach hängt bedrohlich durch, und wie eine Rauchsprenkelanlage verteilt sich der Regen fein tropfend im Raum. Missmutig hocke ich mich hin, schnipple Gemüse und Mangos (allmählich kann ich die Dinger nun doch nicht mehr sehen), schneide mir in den Finger und verfluche meinen Drang, an allem teilhaben zu wollen und alles auszuprobieren, aufs Tiefste. Auch ein idealistischer Mensch kommt mal an seine Grenzen…
Der Regen hat nachgelassen, die Kinder, in Schmutzlumpen gehüllt, spielen im Dreck. Die Kleinsten stopfen sich uralte, glitschig-eklige Mangokerne und weiß der Geier was sonst noch in den Mund, in der Ferne ist bereits seit Tagen das unablässige Dröhnen der Jembe (traditionelle Hacke) zu hören, mit denen zumeist Frauen und Kinder überall, wo es geregnet hat, den Boden aufwühlen. Später gibt es Maisbrei und Bohnen (nicht zum Sattessen und auch keine Delikatesse), schmutzig-trübes Wasser und schlappen, aber immerhin heißen Tee. Vor 9 Uhr liege ich im Bett und spüre, dass sich eine Erkältung anbahnt. Tags darauf kämpfe ich mit afrikanischem Schnupfen, d.h. dumpfem Kopfschmerz, Halskratzen, Druck auf der Brust und im Magen sowie laufender Nase, aber der echte Schnupfen bleibt aus. Alles in allem sehr unangenehm.
Wieder liege ich im Bett, der Regen trommelt auf das Dach, die Folie knistert leise im Wind. Mücken sirren an meinem Kopf und versuchen vergebens, mich durch das Moskitonetz anzubohren. Es riecht nach faulem Gras, Feuer, feuchtem Lehm und Klamotten. Ich denke an nichts und schlafe ein.
Erlebnisse, die zerfallen zu Gedächtnisfetzen, zusammengeschmolzen werden zu einer bittersüßen Essenz, aufbewahrt in einem kolbenartigen Gefäß, verschlossen mit einem Korken und der Aufschrift Afrika in geschwungenen orangefarbenen Buchstaben. Eine absinthfarbene Flüssigkeit mit rötlich-braunem Bodensatz aus Tränen, Chlorophyll und feinsten Bodenpartikeln, gekocht mit Hoffnung, Liebe und Herzenswärme. Trinke einen tiefen Schluck und schließe Deine Augen. Lass' uns zu dem Baobab dort drüben gehen und uns in seinem Schatten ausruhen. Ich werde Dir eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte aus Afrika.




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Eingereicht am 22. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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