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Laila

©  Compuexe


Sie spielten Fußball mit einer zusammengedrückten Bierdose, zwischen zwei übervollen Mülleimern. Ihre Trikots bestanden aus hochgewickelten Jeans, aus Bomberjacken und auf Hochglanz polierten Springerstiefeln. Ihre Glatzen trugen sie wie Abzeichen und auf dem Handrücken des Einen konnte man das eintätowierte Wort Hass lesen.
Wären alle diese Merkmale nicht gewesen, man hätte sie für normale Jugendliche halten können. Junge Männer, die vielleicht gerade aus der Schule gekommen waren. Oder Lehrlinge, die eine Pause nutzten, um sich ein wenig abzulenken.
Sie war dreizehn Jahre alt und kam gerade aus der Schule. Es war ihr erster Schultag in der neuen Schule, in der neuen Stadt, im neuen Land. "Kinder, das ist Laila, eure neue Mitschülerin. Laila kommt aus Afrika, genauer gesagt, aus dem Sudan. Sie hat dort auf einer deutschen Schule unsere Sprache gelernt und spricht sie schon sehr gut."
So hatte Rektor Schüller sie in der Klasse vorgestellt. Laila hatte freundlich gelächelt, ganz so, wie sie immer lächelte. Laila war ein fröhliches Kind, immer war sie zu Scherzen aufgelegt.
An diesem Tag allerdings verging ihr das Lachen recht schnell. Kaum war die erste Stunde vorbei und die Lehrerin in der Pause, kamen auch schon mehrere Mitschüler neugierig auf sie zu. Allen voran ein unansehnlicher Junge mit dickem Bauch, rosiger Haut und langen, fettigen Haaren. Laila musste sofort an Ihr Lieblingsschwein denken, dass sie in ihrem Dorf immer gefüttert hatte. Sie lächelte bei der Erinnerung daran.
"Was grinst du so blöd, Nigger?", kam da von dem Dicken. Laila sah ihn verständnislos an.
"Was ist, verstehst du kein Deutsch?", fragte er und schubste sie. Laila bemerkte, dass die anderen Kinder sich von ihr abwandten. Sie verstand ihn, aber sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte.
"Sei immer freundlich zu den Menschen!", hatte ihre Mutter ihr geraten. "Wir sind hier in ihrem Land und müssen froh sein, dass sie uns so freundlich aufgenommen haben."
Also lächelte Laila erneut und wollte dem Dicken antworten.
"Du lachst mich wohl aus, Dachpappe?" Diesmal war es kein Schubsen mehr. Diesmal war es ein Boxhieb. Laila schmerzte die Schulter, dort wo seine Faust sie getroffen hatte.
"Bist wohl zu blöd, um zu antworten?", sagte er höhnisch und sah sich triumphierend um, als er sah, dass Laila Tränen in den Augen hatte.
"Die ist mir zu blöd, die Schwarze, die kann ja nicht mal reden." Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ das Klassenzimmer.
Gleich darauf betrat ein älterer Mann den Raum. Als er Laila bemerkte, kam er zu ihr, beugte sich zu ihr herunter und sprach sie an: "Hallo. Du musst Laila sein. Meine Name ist Herr Brenneisen, ich bin dein Biologielehrer", sagte er langsam und jedes Wort betonend.
Laila wischte sich die Tränen aus den Augen.
"Guten Tag, Herr Brenneisen. Ja, mein Name ist Laila", sagte sie mit starkem Akzent. Die deutsche Sprache war ihr von einer Araberin beigebracht worden, die alle Worte ein wenig anders ausgesprochen hatte.
Kehliger irgendwie, gutturaler. Aber, sie konnte Herrn Brenneisen sehr gut verstehen.
"Was war denn? Hast du geweint?", wollte er wissen.
"Wenn du gefragt wirst, dann antworte. Und sag immer die Wahrheit, hörst du?" Wieder hatte sie die Worte der Mutter im Kopf.
Sie nickte. "Der dicke Junge hat mich geboxt", erklärte sie Herrn Brenneisen stockend.
"Der dicke Junge? Alfred?" Er richtete sich auf und sah sich suchend um.
In diesem Moment kam der Dicke wieder zur Tür herein. Er sah Herrn Brenneisen bei Laila stehen und drehte sich sofort um und wollte das Klassenzimmer erneut verlassen.
"Alfred!", rief Herr Brenneisen laut. "Hier geblieben!"
Weil die anderen Schüler auch wieder ins Klassenzimmer kamen, schaffte es der Dicke nicht, zu flüchten. Er drehte sich um und kam widerwillig näher.
"Was ist denn, Herr Brenneisen? Ich hab nichts gemacht", erklärte er ungefragt.
"Laila sagt, du hast sie völlig grundlos geboxt."
"Die Schwarze lügt", sagte Alfred hasserfüllt.
Laila war verwirrt. Noch nie hatte sie einen solchen Ausdruck im Gesicht eines anderen Kindes gesehen. In ihrem Dorf im Sudan gab es auch ab und zu mal Streit unter den Kindern. Wenn sie mit selbstgebastelten Bällen auf dem Dorfplatz Fussball spielten zum Beispiel, oder wenn man beim Ziegen hüten jemanden einen Streich gespielt hatte. Aber das alles war harmlos gegen diese Fratze der Wut, die sie jetzt vor sich sah.
"Deine neue Mitschülerin heißt Laila, nicht ‚Die Schwarze', hörst du?", erklärte Herr Brenneisen. "Wir werden nach der Stunde kurz zum Rektor gehen. Mal sehen, was der zu der Geschichte sagt."
"Warum glauben Sie der mehr als mir? Ich hab nichts gemacht."
Alfred hatte Tränen der Wut in seinen Augen. Laila bekam es langsam mit der Angst zu tun. Der Junge war schneeweiß im Gesicht, kleine rote Flecken erschienen auf seinen Wangen.
Herr Brenneisen wandte sich an alle anderen Schüler. "Setzt euch bitte alle wieder hin, wir beginnen mit dem Unterricht", sagte er laut.
"Laila, du kannst dich neben Simone setzen."
Alfred wartete einen Moment, bis er sich entfernt hatte. Dann kam er ganz nah zu Lailas Gesicht und sagte leise, so dass nur sie es verstehen konnte:
"Wenn ich wegen dir einen Brief mit nach Hause kriege, verprügelt mich mein Alter wieder mit dem Gürtel. Aber dann geht's dir schlecht, das verspreche ich dir."
Laila konnte alle Einzelheiten seines Gesichts genau sehen. Sie roch seinen säuerlichen Atem und in Verbindung mit der ausgesprochenen Drohung wurde ihr plötzlich richtig schlecht. Sie zitterte.
Herr Brenneisen hatte seine Papiere geordnet und sah sich um. Er sah nur noch, dass Alfred sich von Laila entfernte und dachte, der Vorfall habe sich erst mal erledigt. Er konnte ja nicht ahnen, wie sehr er sich da irrte.
Nach dem Unterricht ging Herr Brenneisen mit Alfred zum Rektor und wie Alfred vermutet hatte, bekam er einen Brief für seine Eltern mit, den diese unterschrieben sollten. Rektor Schüller betonte in seiner Ansprache an Alfred, er wolle ihn nicht bestrafen, er tue nur seine Pflicht. Dann lobte er Herrn Brenneisen noch, wegen seinem Verhalten.
Weder Herr Brenneisen, noch Rektor Schüller wussten, dass Alfreds Mutter Alkoholikerin war, sein Vater ein gewalttätiger Bauarbeiter und sein Bruder ein bekennender Skinhead. Prügel bezog Alfred regelmäßig von seinem Vater, manchmal auch, wenn dieser getrunken hatte, von seinem streitsüchtigen Bruder.
Seine Mutter hatte es mittlerweile aufgegeben, ihn zu schlagen, aus Angst, er könne zurückschlagen. Oder, noch schlimmer, ihr den geliebten Schnaps verstecken.
Herr Brenneisen nahm Alfred mit zurück in die Klasse, stellte ihn neben sich an sein Pult und bat dann Laila, ebenfalls nach vorne zu kommen. Als sie näher kam, sagte Herr Brenneisen zu Alfred: "So, Alfred, jetzt wirst du dich bei Laila entschuldigen."
Alfred sah ihn böse an.
"Aber, ich hab doch gar nichts gemacht!", sagte er trotzig.
"Du wirst dich jetzt entschuldigen, hörst du?" Herr Brenneisen wurde merklich wütend.
Alfred drehte sich zu Laila um und wieder sah er sie hasserfüllt an.
"Entschuldige", sagte er leise.
"Lauter bitte, wir wollen das alle hören", sagte Herr Brenneisen unnachgiebig.
"Entschuldige bitte, liebe Laila", sagte Alfred gedehnt und wesentlich lauter.
"So ist es brav, und jetzt gebt euch die Hände", verlangte Herr Brenneisen, in völligem Verkennen der Situation. Er glaubte immer noch fest daran, die ganze Situation im Griff zu haben. Alfred streckte Laila, die dem Ganzen verwirrt zugesehen hatte, die schmutzige Hand entgegen. Sie zuckte kurz zusammen, als Alfred sie ziemlich heftig drückte, sagte aber nichts.
"So", sagte Herr Brenneisen zufrieden, "jetzt könnt Ihr wieder auf euren Platz gehen."
Herr Brenneisen war danach dermaßen in seinen Unterricht vertieft, dass er nicht bemerkte, wie Alfred auf seinem Handy heimlich eine SMS an seinen Bruder schickte. Ihm entging auch der gehässige Blick, den Alfred danach Laila zuwarf und das böse, verschlagene Grinsen.
Laila hatte genug damit zu tun, dem für sie höchst interessanten Unterricht von Herrn Brenneisen zu folgen. Schnell hatte sie Alfred vergessen. Denn Herr Brenneisen sprach über Tiere, und Tiere hatten sie schon immer interessiert.
Nachdem der Unterricht beendet war, lief Laila schnell aus dem Schulgebäude. Ihre Mutter hatte ihr aufgetragen, ohne Umwege sofort nach Hause zu kommen. Laila wohnte mit ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern seit drei Wochen in einem Asylbewerberwohnheim am Rande der Stadt. Sie kannte den Weg genau, ihre Mutter hatte sie, als noch Ferien waren, dreimal zur Schule und wieder zurück begleitet.
Lailas Familie kam aus einem kleinen, aus etwa zwanzig Hütten bestehenden Dorf an einem Ausläufer der Nuba-Berge. Ihr Vater war vor sechs Jahren an irgendeiner Krankheit gestorben, deren Namen Laila vergessen hatte. Sie hatte keinerlei Erinnerung mehr an ihren Vater.
Als ihre Mutter ihr vor wenigen Wochen mitteilte, dass sie ihr Dorf verlassen würden, war sie erst ängstlich, schließlich hatte sie ihr Dorf noch nie verlassen. Dann hatte sie sich darüber gefreut. Endlich die Welt sehen, mit eigenen Augen entdecken, was es außer Ziegen, dürrem Land und Steppe noch gab. Ihr Dorf war seit einiger Zeit vom Bürgerkrieg bedroht, immer mehr Einwohner mussten von ihrem Land flüchten. Die ganze Gegend war von aufständischen Rebellen vermint worden, ein normales Leben im Dorf war nicht mehr möglich.
So kamen Laila, ihre Mutter und ihre Geschwister nach Deutschland. Das Erste, was Laila sofort bemerkte, war Kälte. Sie war verwundert, man hatte ihr gesagt, in Deutschland sei gerade Sommer.
Vor einer Woche war sie mit ihrer Mutter und zwei ihrer jüngeren Schwestern in einer Einkaufspassage gewesen und hatte sich gar nicht satt sehen können, an all den bunten Sachen, die es dort zu kaufen gab. Wozu brauchten die Menschen hier das alles?
Ihre Mutter und die beiden Kleinen waren genauso überwältigt wie sie. Deutschland musste ein sehr reiches Land sein. Und alle Deutschen hatten so helle, fast durchsichtige Haut. Laila hatte in ihrem Dorf schon einige Menschen mit heller Haut gesehen, aber dort waren sie immer die Ausnahme gewesen, hier waren sie die Regel. Einmal sah sie einen schwarzen Mann an einem Verkaufsstand stehen. Als sie ihn freundlich ansprach und ihn fragte, von welchem Dorf er denn komme, schüttelte der nur den Kopf und murmelte etwas in einer ihr fremden Sprache.
Und die Menschen waren so freundlich. Laila und ihre Mutter konnten nichts kaufen, da das Geld, dass sie bekamen, dafür nicht reichte. Aber Laila beobachtete Verkäuferinnen und Verkäufer, die überaus nett und zuvorkommend zu den vielen Menschen waren, die zu ihnen kamen.
Laila hatte sich nach ein paar Tagen vorgenommen, für immer hier in Deutschland zu bleiben. Warum sollte sie zurück in ihr Dorf? Dort gab es sowieso nur jeden Tag Hasida, einen Haferbrei aus Mehl und gekochtem Wasser, dazu Milch und Okra, eine Art Bohnen. Hier gab es jeden Tag etwas anderes zu essen, und vor allem, es gab von allem genug.
Zu Hause hatte sie öfter mal Hunger leiden müssen, hier konnte so was nicht passieren.
Was Laila allerdings verunsicherte, war das heutige Verhalten von Alfred. Irgendwie passte es nicht in ihr Bild des schönen Deutschlands. Aber, so sagte sie sich, in ein paar Tagen würde sie sich sicher auch mit Alfred verstehen. Bisher hatte sie sich mit Allen gut verstanden, einfach durch ihre nette und freundliche Art.
Laila war in Gedanken versunken, als sie auf dem Nachhauseweg war. Sie freute sich darauf, ihrer Mutter von ihrem ersten Schultag zu erzählen. Von Herrn Brenneisen, seinem Unterricht und seinem Vortrag über die verschiedenen Tiere in Deutschland. Während sie die Bilder des Tages vor ihren Augen Revue passieren ließ, bemerkte sie nicht, dass vier junge Männer, die vorher mit einer Bierdose Fußball gespielt hatten, ihr langsam folgten.
Sie bemerkte nicht, wie der eine von ihnen, ein etwas dicklicher Junge, zu den anderen sagte: "Da ist die Niggerschlampe." Sie wurde erst auf sie aufmerksam, als plötzlich zwei von ihnen vor ihr standen. Als sie ausweichen wollte, verstellten ihr die Beiden den Weg. Laila verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. An die Worte ihrer Mutter denkend, sagte sie: "Hallo, mein Name ist Laila. Ich möchte gerne vorbei, meine Mutter wartet auf mich." Die Männer grinsten sie an.
"Du kommst hier nicht vorbei, Dachpappe", sagte der eine von ihnen. Laila bekam es mit der Angst zu tun. Links war die Strasse, vor und hinter ihr standen je zwei dieser Männer in ihrer komischen Kleidung, nur rechts ging eine kleine Gasse ab, die man aber nicht weit einsehen konnte. Laila entschloss sich, die Gasse zu benutzen. Als sie die Gasse betreten hatte, bemerkte sie nicht, wie sich die jungen Männer hinter ihr neugierig umsahen, dann lachten und sich mit den Händen abklatschten. Nach etwa hundert Metern war die Gasse zu Ende und Laila bemerkte, dass sie in der Falle saß.
Hinter ihr wurde es laut. Als sie sich umdrehte, sah sie die vier Männer, die sich ihr unaufhaltsam näherten und dabei anzügliche Sätze sagten, die Laila nicht verstand. Sie bemerkte auch Alfred nicht, der von der Strasse her seinen Bruder und dessen Freunde beobachtete, wie sie hinter ihr die Gasse betraten. Sie sah nicht, wie er, wie schon am frühen Morgen, hämisch grinste. Das letzte, was sie sah, war einer der jungen Männer, der die Faust geballt hatte und sagte: "Jetzt kriegst du, was du verdienst, Negerschlampe!"
Dann fühlte sie nur noch Schmerz.
"Guten Tag, Herr Doktor. Mein Name ist Hermann, ich komme von der Diakonie. Das hier ist die Mutter von Laila. Wie geht es ihr?"
Dr. Reiser war schon viele Jahre Arzt. Immer noch fiel es ihm schwer, Eltern und Angehörigen schlechte Nachrichten zu überbringen. Es würde wohl nie reine Routine werden. Er seufzte vernehmlich.
"Wir haben die Kleine zu sechst in den letzten sieben Stunden operiert. Sie hatte schwere innere Verletzungen, mehrere Brüche und einen irreparablen Schaden an ihrem linken Auge." Er räusperte sich. "Derzeit liegt sie im Aufwachraum." Frau Hermann übersetzte das Gesagte in arabisch an die neben ihr stehende Frau, die einen dunklen Rock trug und nicht älter als 25 Jahre alt sein konnte. Die Frau weinte leise vor sich hin und sagte etwas zu Frau Hermann. Frau Hermann wandte sich wieder an Dr. Reiser.
"Wann wird Laila völlig wiederhergestellt sein?" Dr. Reiser räusperte sich erneut und schüttelte den Kopf. "Laila wird wohl leider nicht wieder völlig gesund werden", sagte er leise. "Sie wird mit ihrem linken Auge nie wieder sehen können, der Sehnerv ist völlig zerstört. Möglicherweise müssen wir ihr in einer weiteren Operation noch eine ihrer Nieren entfernen. Und ...", hier stockte er kurz, "... sie wird wohl nie Kinder bekommen können."
Jetzt hatte auch Frau Hermann Tränen in den Augen. Bevor sie das Gehörte übersetzte, fragte sie: "Wurde sie vergewaltigt?" Dr. Reiser nickte.
"Mehrfach. Es gab schwerste Verletzungen im Vaginalbereich. Ich habe schon viel gesehen, aber noch nie eine solch brutale Tat."
Frau Hermann führte Lailas Mutter zu einer nahen Sitzgruppe und redete leise auf sie ein. Dann plötzlich fing diese an zu jammern und laut zu heulen. Ständig fragte sie Frau Hermann etwas, das Dr. Reiser nicht verstehen konnte. Frau Hermann stand auf und ging zurück zu Dr. Reiser, während Lailas Mutter völlig aufgelöst in ihrem Stuhl zusammen kauerte.
"Wann können wir sie besuchen und mit ihr reden?"
"Wir mussten ihren Kiefer verdrahten, er war mehrfach gebrochen. Sie können sie morgen besuchen, aber reden können wird Sie wohl frühestens nächste Woche mit Ihnen", erklärte Dr. Reiser. In diesem Moment meldete sich sein Piepser. Fast konnte man ihm anmerken, wie froh er über diese Unterbrechung war.
"Verzeihen Sie bitte, ein Notfall. Wenn Sie weitere Fragen haben, dann wenden Sie sich bitte an die zuständige Oberschwester, hier auf der Station, ja?" Schnell ging er den kahlen Flur entlang.
Frau Hermann suchte nach der Oberschwester, um mit ihr zu reden.
Wenige Minuten später betraten Lailas Mutter und Frau Hermann in grüne Kittel gehüllt, das Zimmer, in dem Laila lag. Ihre Mutter öffnete den Mund zu einem Schrei, als sie ihre Tochter sah. Sie steckte sich die rechte Hand zur Faust geballt in den Mund um ihn zu unterdrücken und trat langsam an das Bett, in dem ihre geschundene Tochter lag. Laila war über und über bandagiert, ihr linkes Auge wurde von einem dicken Verband bedeckt. Schläuche steckten in den kleinen Körper, Maschinen mit grünen Lichtern gaben seltsame Geräusche von sich.
Lailas Mutter kniete neben Lailas Bett und fuhr zärtlich über ihren Kopf.
Die Oberschwester stand in der Tür und beobachtete das Ganze schweigend. Laila öffnete ihr gesundes Auge und sah ihre Mutter traurig an. Diese stammelte leise, liebevolle Worte auf arabisch. Dann beugte sie sich tief hinunter zu ihrer Tochter. Ganz nahe kam sie mit ihrem Ohr an deren Mund. Frau Hermann bemerkte, dass Laila mühsam etwas sagte. Die Oberschwester sah sich genötigt, einzugreifen. "Sie darf doch wegen ihres Kiefers noch nicht reden", sagte sie zu Frau Hermann und führte die Mutter behutsam vom Bett weg. Lailas Mutter winkte Laila scheu zu, sie blinzelte mit dem Auge. Dann verließen alle drei das Krankenzimmer.
Auf dem Flur standen zwei Männer, von denen sich der Eine sofort an Frau Hermann wandte. "Mein Name ist Köhler, Oberkommissar Köhler, das ist mein Kollege Gutmann." Frau Hermann stellte sich und Lailas Mutter vor und erklärte den beiden, dass Lailas Mutter nur wenig deutsch spreche.
"Frau Hermann, wir haben vier jugendliche Skinheads aufgegriffen, die der Tat dringend verdächtig sind. Sie wurden zunächst mal festgenommen und werden gerade verhört, aber wir müssen damit rechnen, dass sie, bis zu einer Anklage, erst einmal wieder auf freien Fuß kommen. Sie haben alle vier feste Wohnsitze und können eine regelmäßige Arbeit nachweisen."
Frau Hermann übersetzte. Lailas Mutter heulte erst und schimpfte dann auf arabisch. Erst nach einigen Minuten konnte sie von Frau Hermann beruhigt werden. Die beiden Beamten verabschiedeten sich, Lailas Mutter und Frau Hermann gingen Arm in Arm langsam zum Ausgang. Als sie beide auf der Treppe des Krankenhauses standen, wandte sich Frau Hermann zu Lailas Mutter und fragte sie auf arabisch: "Was hat Laila Ihnen gesagt?"
Lailas Mutter drehte sich um und sah Frau Hermann lange in die Augen.
"Laila sagte, sie will wieder heim. Heim nach Afrika."




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Eingereicht am 21. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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