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Milchkaffee

©  Melina Marinos


Ein weißer Medizinmann ist schuld daran, dass meine Haut so hell wie Milchkaffee ist, während alle meine Geschwister so dunkel wie Mokka sind. Meine Mutter hat es mir einmal erzählt, als ich sie fragte, warum ich denn so anders bin, als die anderen. Vielleicht ist der Medizinmann auch der Grund, warum unser Vater sich eine zweite Frau gesucht und mit ihr eine neue Familie gegründet hat. Die Idee ist mir erst vor kurzem gekommen, doch meine Mutter meint, dass es Blödsinn ist. Nun ja, auf jeden Fall sind wir nun ganz auf uns alleine gestellt, ich, meine Mutter, meine fünf Brüder und zwei Schwestern.
Da ich jetzt schon alt genug bin, ungefähr dreizehn Jahre alt - erinnern kann sich keiner aus meiner Familie mehr, wann ich genau geboren wurde - darf ich seit Vaters Verschwinden die Kamele hüten. Ich bin der zweitälteste von meinen Geschwistern, abgesehen von Shirin, die eine Frau ist und deshalb im Haushalt mithelfen muss, weshalb mir diese ehrenvolle Aufgabe übertragen wurde. Mein älterer Bruder Gaya ist von nun an für die Nahrung zuständig und darf bestimmen, wohin unser Weg führt. Wir sind Nomaden, das bedeutete, dass wir ständig unterwegs sind. Wir schlagen unsere Hütte dort auf, wo gerade genug Pflanzen und Wasser für unsere Tiere vorhanden ist.
Mir gefällt es, mit den Kamelen durch die karge Landschaft zu ziehen. Auch an jenem Tag verließ ich mit ihnen schon bei Morgengrauen das Lager. Ab und zu kamen wir an einem Dornenbusch vorbei. Gierig fraßen die Kamele ihre stechenden Äste. Doch es machte ihnen nichts aus, sie haben eine dicke Haut. Sie ist sogar noch dicker als meine Fußsohlen.
Erst zu Mittag erreichte ich eine Wasserstelle. Die Kamele tranken und ich nahm die Tröge aus Korbgeflecht von ihren Rücken und füllte sie an. Sie sind so eng geflochten, dass das Wasser nur ganz langsam hindurch sickern kann. Es würde noch genug übrig bleiben, bis ich wieder zu Hause war. Ich selbst trank auch, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte. Dann setzte ich mich in den Schatten eines Baumes und döste ein wenig. Wieder einmal dachte ich über meine Hautfarbe nach und in dessen folge an den Medizinmann. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Ob er noch in unserem Land war? Meine Mutter hatte mir erzählt, dass dort wo er herkam alles anders sei. Es gab nur weiße Menschen, niemand musste Hunger leiden und jeder hatte einen Platz wo er wohnen konnte. Die Menschen blieben oft jahrelang in der gleichen Behausung. Ich konnte mir das alles kaum vorstellen, doch ich hätte es gerne einmal gesehen, schließlich war ich ja zur Hälfte einer von ihnen.
So kam es, dass ich an diesem Tag beschloss wegzulaufen. Mein kleinerer Bruder ist fast so groß wie ich, er könnte meine Aufgabe mit den Kamelen übernehmen, bis ich wieder zurück bin. Doch wie kam ich hier weg? Ich wusste nicht einmal, wo sich dieses andere Land befand. Das erste, das mir einfiel, war das kleine Dorf, in dem wir einmal gewesen waren, als ich noch ganz klein war. Dort hatte ich das erste Mal ein Auto gesehen. Sie hatten mich an unsere Kamele erinnert, denn diese Autos waren genauso voll beladen gewesen, wie sie. Der einzige Unterschied war, das auf deren Ladeflächen Menschen gesessen hatten. Sehr viele sogar, mehr, als auf ein Kamel passen würden. Und das Erstaunliche war, dass man sogar im Auto sitzen konnte. Damals saßen wir auf keinem Auto. Unser Vater verkaufte nur ein paar Kamele und bekam dafür Salz. Salz ist in der Wüste ein teures Gut. Wir würzen damit unsere Speisen, gleichzeitig ist es ein wichtiger Mineralstoff.
Ich beschloss also, mein Land zu verlassen. Es sollte heute Nacht geschehen, wenn alle anderen noch schlafen würden. Kurz überlegte ich, ob ich es meiner Mutter sagen sollte, damit sie sich nicht so große Sorgen macht, doch ihre Trauer um mich würde meinen Entschluss wahrscheinlich schwächen. Und Schwäche konnte ich bei diesem Unternehmen nicht brauchen - es könnte mir das Leben kosten.
Ich würde in das Dorf gehen und versuchen von dort weiter zu kommen. Wohin wusste ich noch nicht. Das würde sich zeigen. Irgendwie musste der Medizinmann ja auch wieder zurück in sein Land gekommen sein. Zumindest war er von dort in unseres gekommen.
Als wir abends alle um das Feuer herum saßen und Hirsebrei mit Kamelmilch aßen, sah ich mir noch ein letztes Mal alle meine Familienmitglieder an. Einer dunkler wie der andere.
Der Mond stand voll und hell am Himmel als ich das Lager leise verließ. Das einzige, das ich mitnahm war etwas Wasser für den Weg. Als das Lager außer Sichtweite war, wurde mir klar, dass ich nicht wusste, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich hatte keine Ahnung, wo das Dorf lag. Doch jetzt umkehren? Meine Familie hätte mich ausgelacht. Vielleicht wären sie auch froh gewesen, doch daran dachte ich in diesem Moment nicht. Ich war neugierig, neugierig auf eine andere Welt. Ich könnte meiner Familie viele neue Dinge mitbringen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten - was immer das auch sein mochte. Mit diesen Gedanken ging ich einfach weiter. Was ich angefangen hatte, wollte ich auch zu Ende bringen.
Zwei Tage war ich schon unterwegs. Ich hatte kaum geschlafen, da ich nicht als Löwenfutter enden mochte. Endlich sah ich von weitem ein paar Hütten. Je näher ich kam, desto mehr wurden es. Und da! Autos! Ich nahm den letzten Schluck Wasser, den ich mir so lange wie möglich aufgehoben hatte. Im Dorf gab es bestimmt einen Brunnen. Ich hatte keine Ahnung, ob es dasselbe Dorf von damals war oder ein anderes, es war mir egal. Hauptsache ich hatte das erste Ziel erreicht. Ich war erleichtert und gleichzeitig unendlich müde. Erst jetzt merkte ich, dass meine Beine mich kaum noch tragen konnten.
Jetzt drei Tage später klingt es absurd, was ich vorhatte. Natürlich bin ich nicht weiter, als in dieses Dorf gekommen. Aber es hat sich gelohnt!
Immer, wenn ich das Ding in meiner Hand ansehe, muss ich daran denken, was sie mir über die andere Welt - wie ich sie jetzt nenne - erzählt hatte. Aber der Reihe nach. Ich hatte es also in dieses Dorf geschafft. Der nächste Schritt war auf eines dieser Autos zu gelangen, um von ihnen so weit wie möglich transportiert zu werden. Vielleicht in die nächst größere Stadt, dort würde ich es dann genauso machen, bis ich an meinem Ziel angelangt war.
Mit zittrigen Knien stand ich also neben einer Hütte aus Blech und beobachtete, wie die Menschen auf die Ladeflächen der Autos sprangen. Gleich danach wurden sie von anderen Mitfahrern zu einem freien Plätzchen gezerrt, wo sie dann dicht gedrängt saßen. Ich dachte, jetzt oder nie, und kletterte bei nächst bester Gelegenheit auf ein Auto. Hinter mir stieg eine dicke Oma mit wallendem Rock dazu, die mich ziemlich an den Rand zwängte. Ich setzte mich auf die Kante der Ladefläche, da ich zu schwach zum Stehen war und den Erschütterungen wahrscheinlich nicht hätte standhalten können. Da die Straße ziemlich viele Steine und Unebenheiten hatte, vibrierte das ganze Auto samt seinen Menschen darauf.
Meine Augen wurden langsam schwer. Immer wieder stiegen Leute dazu. Plötzlich spürte ich nur mehr einen starken Stoß und anschließend einen harten Aufprall. Das nächste an das ich mich erinnern konnte waren Füße. Ich sah sie unter mir, während ich selbst in der Luft zu schweben schien.
Dann war es dunkel. Ich lag wieder auf dem Boden. Als der Schwindel nachließ öffnete ich meine Augen. Etwas Weißes beugte sich über mich. Zuerst dachte ich, es wäre ein Gespenst. Bleiche Haut, weiße Haare und ein weißer Kittel. Jetzt weiß ich, dass man die Haarfarbe blond nennt, doch in diesem Moment erschien mir die Frau von oben bis unten weiß.
Sie tastete meinen Kopf ab, dann erklärte sie in bruchstückhaften Sätzen, dass ich gefallen war, mich aber zum Glück nicht wirklich verletzt hatte. Nur eine kleine Beule. Anscheinend hatte ich kurz das Bewusstsein verloren, weshalb mich ein paar Frauen zu ihr gebracht hatten. Sie erklärte mir, dass sie Ärztin war. Ich starrte die ganze Zeit ihre helle Haut an - gegen sie war ich richtig dunkelhäutig -, dann fragte ich sie woher sie kam. Sie kam aus New York und blieb für eine Woche in diesem Dorf, dann würde sie ins nächste ziehen, sagte sie. Sie verteile Medikamente und untersuche kranke Kinder.
Bevor sie mich wieder wegschickte, erzählte ich ihr, dass ich auch nach New York wollte, ob sie mich nicht mitnehmen könnte. Sie wollte wissen, warum ich mein Land verlassen wollte und ich erzählte ihr von unserem Nomadenleben.
Dort wo sie herkam ist auch nicht alles perfekt, erzählte sie. "Auch dort gibt es Menschen, die hungern müssen." "Und im Winter ist es so kalt, dass arme Leute, die kein Zuhause haben, erfrieren. Es gibt Menschen, die sterben, weil sie zu viel Nahrung haben. Sie bekommen böse Krankheiten und können sich kaum mehr bewegen, weil sie so dick sind. Auf den Straßen werden Menschen von den vielen Autos überfahren und die Abgase machen andere wieder krank."
Ich staunte über diese Informationen und fragte sie nach den vielen Dingen, die es doch dort gab, die wir noch nie gesehen hatten. Aber sie meinte nur, dass die meisten Dinge unwichtig waren. Etwas aber gab sie mir mit, es gehöre zu den wichtigen Dingen, erklärte sie mir.
Wieder drehe und wende ich das Ding aus Plastik und stecke es in den Mund. Es ist ein komisches Gefühl.
"Und was ist das nun für ein wichtiges Ding?", wollen meine Geschwister wissen, die mit mir rund um das Feuer sitzen. Auch meine Mutter betrachtet skeptisch was ich da in meiner Hand halte.
"Man nennt es Zahnbürste", erkläre ich. Alle sehen mich verdutzt an. Da, wo wir leben, benutzen wir Niemzweige, um unsere Zähne zu reinigen. Sie wirken antibakteriell und entzündungshemmend. Außerdem sehen sie viel hygienischer aus als dieses Ding aus Plastik. Trotzdem will sie jeder einmal probieren. Einer nach dem anderen steckt die Zahnbürste in den Mund und verzieht kurz darauf das Gesicht zu einer Grimasse.
"Das also ist ein wichtiger Gegenstand?", Gaya und die anderen lachen. Schließlich stimme ich mit ein, auch wenn mich diese Zahnbürste auf die unwichtigen Dinge, die es in der anderen Welt gibt, neugierig macht. Doch eines wissen wir jetzt, wir besitzen nicht viel, doch es ist das, was wir hier zum überleben brauchen.




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Eingereicht am 21. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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