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Der afrikanische Traum

©  Mascha Kurpicz


Viele Menschen in Afrika träumen von einem Leben in Europa, Sunday war einer von ihnen. In dieser Geschichte wird ein Teil seines Lebens beschrieben, gekennzeichnet von Rassismus und dem Kampf ums Überleben sowie von Hoffnung und Liebe.
Sunday wuchs mit seiner Schwester, seinem Bruder und seiner Mutter auf und er konnte immer gute Schulen besuchen, da er ziemlich intelligent war und er hart kämpfte, um etwas zu erreichen. Sunday's Vater hatte die Familie sitzen gelassen als Sunday noch ein kleines Kind war. Sunday ging an die Universität in seiner Heimatstadt Kumasi. Er studierte Mathematik und Wirtschaft, und er wollte genauso werden wie sein Vorbild Kofi Annan, welcher auch aus Ghana stammte. Er hatte von vielen Afrikanern gehört, die in irgendeinem europäischen Gefängnis sassen, weil ihre Visen abgelaufen waren und sie das Land nicht verlassen hatten. Und das dann, wenn sie sich gerade ein wenig integriert hatten. Sunday wollte das auf keinen Fall. Er wollte hart lernen, so dass, wenn er mal in Europa leben könnte, sie sein Visum vielleicht verlängern könnten und er dort für immer leben könnte.
Seine Freundin Sekiywa wollte mit ihm nach Europa gehen, wohlwissend, dass ihre Eltern dagegen waren. Doch sie war sehr neugierig und wollte die Welt sehen. Seit der Vater die Familie verlassen hatte, sorgte seine Mutter alleine für ihn und seine Geschwister Debbie und Iroby. Es war hart, doch sie liebte ihre Kinder über alles und sie gab alles, um sie zu ernähren. Sie arbeitete tagsüber in einer Fabrik und abends als Serviererin in einem Lokal. Das war ein wirklich hartes Leben und deshalb war sie froh, dass die Kinder bald endlich eigenes Geld verdienen würden. Der Abschluss der Universität war nah und Sunday und Sekiywa schrieben eifrig an ihren Abschlussarbeiten. Endlich kam der Tag, an dem jeder einzeln zu den Professoren ins Zimmer gehen musste und diese ihre Meinung und Entscheidung im Bezug auf die jeweilige Arbeit machten. Sunday war nervös bis zum geht nicht mehr und er wurde noch ein bisschen nervöser, als sein Name durch die Lautsprecher tönte. Drinnen im Raum sassen drei Professoren, und sie hatten alle ein hartes Gesicht. Man konnte durch ihre geschickte Mimik nicht erkennen, ob ihnen die Arbeit gefallen hatte oder nicht. Sie fingen an und erklärten ihm, dass seine Arbeit die Beste jenes Jahrgangs sei. Sunday fiel fast in Ohnmacht vor Freude und wollte herumspringen und schreien. Die harten Gesichter der Professoren erweichten und man erkannte ein kleines Lächeln auf ihren Gesichtern.
Draussen wartete Sekiywa, welche ihn schon sehnsüchtig erwartete und das Ergebnis wissen wollte. Als sie es erfuhr, freute sie sich beinahe so wie Sunday. Sie selbst hatte im mittleren Durchschnitt abgeschlossen, doch sie war zufrieden. Sie suchten lange nach einem geeigneten Land in Europa, indem sie Leben und Arbeiten könnten. Sie entschlossen sich für ein kleines Land im Herzen Europas. Sie gingen zur Botschaft, um einen Antrag für ein Visum zu stellen. Nach einem hin und her von einigen Wochen bekamen sie endlich ein Visum für ein Jahr mit Arbeitserlaubnis. Danach müssten sie zur Botschaft gehen und es verlängern lassen. Während der Zeit des Wartens hatten die beiden hart gearbeitet und jeden Pesewas gespart, um den Flug und die erste Zeit in Europa zu finanzieren. Sekiywa und Sunday waren glücklich und fingen noch am selben Tag an, ihre Sachen zusammenzupacken und zu überlegen, was sie noch alles benötigen würden. Auch ihre Eltern, Geschwister und Freunde waren erfreut über das Visum, doch sie waren auch traurig, dass die beiden sie verlassen würden.
Endlich war es soweit und sie sassen endgültig im Flieger nach Europa. Sie waren sehr nervös, vor allem Sunday. Sekiywa war schon einmal als Kind in Europa, mit ihrer Mutter, doch es war schon lange her und sie konnte sich deshalb nicht mehr so gut daran erinnern, doch sie wusste, dass es ihr gefallen hatte. Als sie landeten, wurden sie von Sekiywa's Cousin Chukwo bereits erwartet. Er lebte seit fünf Jahren in Europa und war dort glücklich verheiratet. Bei ihm konnten sie wohnen, bis sie eine Wohnung gefunden hatten, da ein Hotel sehr kostspielig gewesen wäre. Am Flughafen Arrival stand er schon und freute sich riesig, dass er die beiden endlich wieder sah. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen und er kannte sie schon seit ihrer gemeinsamen Kindheit. Glücklich fiel ihm Sekiywa um den Hals, für sie war es toll, einen Freund im fremden Land zu haben. Er kannte sich schliesslich aus und konnte ihnen deshalb auch helfen. Seine Frau war auch dabei, sie war jedoch noch auf Parkplatzsuche. Als sie im Auto aufeinander trafen gab es ein herzliches Wiedersehen. Seine Frau Eve war bei der Heirat drei Jahre zuvor mit Chukwo nach Afrika geflogen, um seine Familie kennen zu lernen.
Am nächsten Tag fingen Sunday und Sekiywa an, Zeitungen durchzublättern und nach Jobs zu suchen. Sunday hatte schon mehrere Angebote gefunden und fing an, bei ein paar Stellen anzurufen. Doch dies war nicht so einfach, wie er sich das erhofft und vorgestellt hatte. In der ersten Firma, welche er angerufen hatte, sprach niemand Englisch. Nicht einmal der Big Boss jenes riesigen Konzerns, der Filialen auf der ganzen Welt hatte. Für Sunday kaum zu glauben, Chukwo jedoch sagte ihm, dass dies der Normalfall wäre. Sunday hoffte, dass er beim nächsten Anruf mehr Glück haben würde, doch dem war es nicht. Bei der nächsten Firma wurde er zwar zum Vorstellungsgespräch eingeladen, doch als sie seinen Universitätsabschluss sahen, mussten sie ihm mitleidig mitteilen, dass sie ihn leider nicht anerkennen können. Sie sagten, er müsse zuerst noch ein weiteres Universitätsjahr in jenem Land machen. Sunday war schockiert und verletzt. All die harte Arbeit, die er für den Abschluss aufgebracht hatte, war hier überhaupt nichts wert? Das konnte einfach nicht sein. Sunday war den Tränen nah und verlies fluchtartig das Büro des Chefs. Er wollte nur noch zurück zu Sekiywa und Chukwo und ihnen erzählen, was ihm widerfahren war. Sekiywa konnte und wollte das nicht glauben, und sie wollte auch nicht mehr in Europa bleiben. Nicht einen Tag. Sie buchte noch am selben Tag einen Flug zurück nach Kumasi. Sie liebte Sunday wirklich, doch das war ihr zuviel und insgeheim hoffte sie, er würde ihr nach Afrika folgen. Doch dem war nicht so, denn Sunday wollte kämpfen und er sagte, eines Tages werde er es auch hier schaffen, denn Gott stehe ihm bei. Also flog Sekiywa alleine nach Kumasi. Sie schrieben sich jede Woche und telefonierten sehr oft. Sunday musste nach langem hin und her überlegen einen Job im Supermarkt anfangen, da er Chukwo nicht länger zur Last fallen wollte. Von dem Geld, welches er dafür bekam, na hm er sich eine kleine Wohnung in Stadtnähe. Dort lebte er nun alleine und einen Teil des Geldes sparte er jeden Monat. Er hoffte, dass Sekiywa vielleicht eines Tages zurückkommen würde, und dann wollte er ihr etwas bieten können. Eines Tages lief er durch die Stadt, er war auf dem Weg nachhause von einem anstrengenden Arbeitstag, da wurde er plötzlich von zwei Polizisten angehalten und nach dem Ausweis gefragt. Sunday war das furchtbar peinlich, denn die Leute dachten sicher, dass er ein Krimineller ist. Er dachte lange darüber nach, wieso sie ausgerechnet ihn kontrolliert hatten und nicht all die anderen Leute in der Straße. Er kam zu dem Schluss, dass sie ihn nur kontrolliert hatten, weil er schwarz ist. Wenn das wirklich wahr wäre, dachte er, wäre das ein Skandal. Doch was sollte er schon dagegen machen? An einem anderen Tag lief er durch die Altstadt, als er plötzlich Rufe hinter ihm hörte. Es waren raue Stimmen, die ihn aufs Übelste beschimpften. Als er sich umdrehte blickte er in die Gesichter einer Gruppe von Neonazis. Er hatte viel von diesen Leuten gehört und er wusste, wie gemeingefährlich sie seien können. Er wollte nur weg. Er wollte losrennen, doch einer der Nazis hatte ihn bereits an seiner Jacke gepackt und beschimpften ihn böse. Er sagte ihm, dass er doch nichts wert wäre und dass er in Europa nichts verloren hätte. Dann fingen sie an, ihn zu schlagen und er dachte, dass sie ihn jetzt töten würden.
Als er wieder aufwachte war er in einem weißen Raum. Plötzlich sah er Chukwo und er erkannte, dass er in einem Spital gelandet war. Chukwo erzählte ihm, dass man ihn in der Altstadt am Boden in einer Blutlache gefunden hatte und dass er vorläufig im Spital bleiben müsste, zur Beobachtung. Er hatte schreckliche Angst, dass er einen bleibenden Schaden davontragen könnte. Die Veranlassung für solche Gedanken gab ihm das besorgte Gesicht von Chukwo. Als der Arzt hinein trat, wurde er sofort mit Fragen überrumpelt, doch er konnte Sunday beruhigen. Er sagte, dass er nur sichergehen will indem er ihn noch ein paar Tage im Krankenhaus behalten würde. Sunday war beruhigt und er bat den Doktor, ihm ein Telefon zu organisieren, damit er Sekiywa anrufen könne. Chukwo schaltete sich ein und gab ihm sein Mobiltelefon und eine Telefonkarte für Auslandgespräche. Er hatte sich diese Reaktion bereits gedacht und so schon vorgesorgt. Als Sekiywa alles erfuhr war sie schockiert, denn sie hatte nicht gedacht, dass es sogar ausserhalb von Deutschland Neonazis gab, welche die alten Ideen von Hitler verehrten.
Als er aus dem Spital entlassen wurde, wollte er sich nach einem neuen Job umsehen, da der Job im Supermarkt auf Dauer sehr eintönig und langweilig war. Wiederum suchte und suchte er in Zeitungen und im Internet. Einmal ging er auch zum Arbeitsamt, doch auch das war zwecklos. So musste er seinen Supermarktjob noch eine Weile behalten, doch er suchte immer weiter. Er wollte nicht aufgeben, niemals. Nach einiger Zeit erzählte Ricky, sein neuer Freund, ihm, dass er im Internet einen tollen Job gesehen hatte, in einer ziemlich grossen Stadt im Westen des Landes. Er hatte auch einige Informationen ausgedruckt und so konnte Sunday sehen, dass es sich um einen Job für die Vereinten Nationen handelte. Er hatte wieder Hoffnung, weil er dachte, dass diese internationale Organisation seinen Universitätsabschluss vielleicht anerkennen würde. Noch am selben Abend fing er an, mithilfe von Ricky seine Bewerbung und seinen Lebenslauf zu schreiben. Nur ein paar Tage nachdem er es abgeschickt hatte, wurde er angerufen und die Leiterin dieses Standortes der UNO lud ihn zu einem Bewerbungsgespräch ein. Sunday war total glücklich und feierte das erstmal mit Ricky. Doch die meiste Zeit von diesem Abend verbrachten sie damit, das Vorstellungsgespräch zu proben und darüber nachzudenken, was sie alles fragen würden.
Nach einigen Tagen war es endlich soweit. Sunday sass im Zug und dachte darüber nach, was alles passieren könnte und wie es sein Leben verändern würde, wenn er den Job bekommen würde. Als er angekommen war, wurde er am Eingang von einem Beamten angehalten und nach seinem Besuchsgrund gefragt. Er sagte, dass sein Name Sunday Olegfu sei und dass er ein Bewerbungsgespräch habe. Der Beamte wurde sofort freundlicher und bat ihn hinein und erklärte ihm den Weg. Langsam lief er durch den langen Flur. Er war schrecklich nervös, denn er wusste nicht, was ihn in diesem Büro erwarten würde. Als er das Zimmer mit der Nummer zwölf, wo man ihn hingeschockt hatte, erblickte, begann er etwas schneller zu laufen, ja er ran geradezu auf diese so geheimnisvolle Tür zu. Endlich erreichte er sie und er klopfte zögerlich an. Es schien als hinge sein ganzes Leben von diesem Bewerbungsgespräch ab. Er wollte endlich ein ihm gebührendes Leben führen und nicht mehr an der Supermarktkasse arbeiten. Endlich öffnete jemand die Tür. Es war die Leiterin höchstpersönlich. Ihr Name war Ellen Smith. Sie fragte ihn viele Fragen und lobte ihn für seinen Universitätsabschluss. Sie sagte auch, dass sie ihn selbstverständlich anerkennen würden, da sie ja international wären, jedoch müsse er eine einjährige Ausbildung machen, welche allerdings auch bezahlt wäre. Sunday war überglücklich und er sah eine ernsthafte Chance, dass sie ihn nehmen würden, da er das Gefühl hatte, dass die Leiterin seine Geschichte verstand und ihm auch helfen wollte, eine Existenz aufzubauen. Am Schluss erklärte ihm Ellen, dass sie noch mit den Kollegen sprechen müsse und ihm in den nächsten Tagen bescheid geben würden. An ihrer Mimik konnte er erkennen, dass er zu den Favoriten gehörte und an ihrem verschmitzten Lächeln sah er, dass sie sich für ihn einsetzen würde, falls es nötig sein würde. An den folgenden Tagen war Sunday für jede Arbe it untauglich, und wenn jemand mit ihm sprach, war er abwesend und hörte nicht so sehr zu. Ausser wenn er mit Sekiywa sprach und er ihr immer wieder das Gleiche erzählte. Sie war auch sehr nervös, denn schliesslich lag ihr fiel an Sunday's Schicksal. Endlich kam der erlösende Anruf. Er nahm den Hörer und hörte die tiefe Stimme eines Mannes, welche ihm wohl immer in Erinnerung bleiben würde, denn diese Stimme gratulierte ihm zu seinem neuen Job. Sunday wollte vor Glück schreien und musste sich sehr beherrschen. Er erfuhr auch, dass er schon Anfang des nächsten Monats anfangen könne. Dies bedeutete, er hatte noch zwei Wochen Zeit, sich in der neuen Stadt eine Wohnung zu suchen; und er musste seine alte Wohnung auch noch irgendwie frühzeitig loswerden. Unmittelbar nach diesem Telefongespräch rief er Sekiywa an und erzählte ihr alles. Sie war beruhigt und freute sich mit ihm zusammen. Nach einer anstrengenden Suche hatte er nun endlich eine Wohnung in der neuen Stadt gefunden. Alles schien perfekt zu sein, und als er sich nach zwei Monaten ein wenig eingearbeitet hatte, rief er Sekiywa an und lud sie ein, ihn zu besuchen. Sekiywa fand das toll und kam, doch sie hatte nur ein Flugticket für hin gekauft, und nicht für zurück. Sie hatte heimlich beschlossen, doch in Europa zu bleiben, weil sie ohne Sunday einfach nicht leben wollte.
Seitdem lebten die beiden glücklich zusammen. Sunday's Traum hatte sich erfüllt.




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Eingereicht am 20. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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