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Schwarz

©  Almuth Germann


Schwarz ist meine Lieblingsfarbe. Ich lebe auf dem schwarzen Kontinent. Er ist meine Heimat, ich bin dort geboren, wohne in Ägypten und möchte auch nirgends anders zu Hause sein. Ich bin schwarz - nicht so dunkel wie die Nubier, aber meine Zähne und Augen strahlen weiß unter den schwarzen Haaren hervor.
Am liebsten ist mir das Schwarz, wenn ich den Schlamm sehe, den der Nil in jedem Jahr bringt. Schwarzer Schlamm ist für mich der Inbegriff des Lebens: fruchtbare Felder, Aussaat, Ernte, Nahrung, Arbeit, Freude, Feste und Dankbarkeit gegenüber Hapi, dem Gott, der den Nil immer wieder in Bewegung bringt.
Der Nil bestimmt unser Leben. Die Überschwemmungen haben unseren Kalender geprägt. Jedes Jahr um die Zeit der Sommersonnenwende beginnt der Fluss anzuschwellen. Voller Vorfreude erwarten wir das Wasser. In der Zeit des weiten Wassers gehen die Bauarbeiten an den Pyramiden voran. Bis an die Arbeitsstellen können die Werkzeuge und Baumaterialien gebracht werden. Wenn nach vier Monaten die Überschwemmungen langsam zurückgehen, beginnt für uns alle die Aussaat: Weizen! Wir schmecken schon das frische Brot. Am Ufer werden wieder die Papyrusstauden und Lotospflanzen sichtbar.
In wenigen Jahren waren die Überschwemmungen schwächer, das Hochwasser zog sich früher als sonst zurück. Weniger Schlamm blieb liegen, vorzeitig setzte die Trockenzeit ein. Das Wachstum blieb schwächer, die Ernte karger, unsere Sorgen wuchsen.
Dem Flusslauf entlang arbeiten Menschen mit dem Shadouf, Krügen, die an Hebeln auf gegabelten Holzstäben hin- und herbewegt werden und Wasser in höher gelegte Kanäle befördern.
Auch wenn wir durch solche Mittel zusätzliche Bewässerungsmöglichkeiten erschließen, so wissen wir uns doch abhängig von all dem, was uns der Fluss bringt. Meist ist es das reine Glück, manchmal beinhaltet sein Geheimnis auch Schrecken, wenn er zu gewaltig kommt. Der Nil ist unser Ernährer, mein Land ist sein Geschenk an uns.
Undenkbar ist unser Leben ohne den Fluss. Für uns entspringt der Nil aus dem Urgewässer, aus dem auch die Welt entsprungen ist. Er bedeutet für uns Leben, deswegen bleiben wir auch meist in seiner Nähe.
Die Wege sind nicht sehr ausgebaut. Unsere Verkehrswege sind auch der Fluss. Schon immer wurde er genutzt, um Waren, Tiere und Menschen zu befördern.
Ich vergleiche mich selbst gerne mit dem Fluss. Ich schätze die Gleichmäßigkeit, die sich Jahr für Jahr zeigt, die Verlässlichkeit des Lebensrhythmus. Ich liebe seine Natürlichkeit, den fruchtbaren, schwarzen Schlamm, der so nährhaltig und lebensfördernd ist. Ich wage nicht mir vorzustellen, was passiert, wenn Menschen mit technischen Mitteln eingreifen und ihn zu einem anderen Leben zwingen wollen. Wasser ohne den schwarzen Schlamm - das ist wie der Fluss ohne seine Krokodile und Nilpferde. Wasser ohne Schlamm - das ist wie Wüste ohne Brunnen. Wasser ohne Schlamm - das ist die lebensbedrohliche Wüste, die in uns nie die Sehnsucht nach dem Nil versiegen lässt. Und deswegen hoffen wir, dass alle Menschen, die mit dem Fluss leben, durch ihn die Fülle haben, keiner zu kurz kommt.
Wir hoffen, dass Wasser nie ein Grund des Streitens sein wird, sondern es für alle da sein kann.
Es lässt mich hoffen, dass der Nil die Sahara durchquert. Das macht uns Mut, die wir vom und am Nil leben, Schweres durchzustehen. Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, sähe ich schwarz.




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Eingereicht am 19. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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