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Elfenbein

©  Arthur Baumann


Unerbärmlich brannte die Sonne auf die ausgedorrte Graslandschaft der Savanne im Massai Mara herab. Seit Monaten ist kein Tropfen Regen mehr gefallen. Es ist Hochsommer in Ostafrika und die meisten Tiere sind bereits in die Serengeti von Tansania abgewandert. Wie kleine Strassen durchzogen ihre Spuren den trockenen Boden in der Landschaft. Nur wenige waren geblieben und trotzten der gnadenlosen Hitze. Darunter befanden sich ein paar Löwen, die hartnäckig unter der knorrigen Akazie, die ich zwangsläufig und fluchtartig aufsuchen musste, flach liegend und mit lang gestreckten Beinen im spärlichen Schatten lagen. Die Mittagshitze war unerträglich und trieb mir die letzten Tropfen Wasser aus dem Körper. Ich war selber schuld, dass es soweit gekommen ist. Ich hatte das Löwenrudel nicht bemerkt, als ich den Spuren der Elfenbeinjäger folgte und kam ihrem Revier zu nahe. Schon seit Tagen war ich hinter den skrupellosen Wilderern her und war ihnen dicht auf den Fersen. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und in Nairobi geboren, heisse Nakumu und bin Wildhüter. Ich wünschte mir schon lange ein paar Wilderer zu erwischen und vor Gericht zu stellen. Mein Tatendrang war so stark, dass ich mich eines Tages entschloss, alleine gegen die Elefantenschlächter los zu ziehen und niemand konnte mich von meinem Vorhaben abhalten, nicht mal meine Freunde. Ich zog los, unaufhaltsam meinem Schicksal entgegen.
Langsam versank die Sonne hinter dem Horizont und tauchte das Land in ein feuriges Rot. Das prächtige Farbenspiel am Himmel schien den Löwen aber egal zu sein. Ab und zu wechselten sie unter mir den Platz. Aber sie machten nicht den Eindruck, als würden sie diesen in den nächsten Stunden verlassen. Durst und Hunger plagte mich, und die Knochen fingen an mich zu schmerzen. Die Astgabel der Akazie war nicht gerade gemütlich. Wie Könige beherrschten die Löwen die Situation und ich konnte nichts dagegen unternehmen. Ich musste ausharren solange es den ihnen gefiel.
"Simba, was tut ihr denn so lange hier. Haut endlich ab und geht jagen. Lasst mich doch in Ruhe und vor allem lasst mich von diesem Geäst runter. Ich halte es nicht mehr aus" sagte ich mit ruhiger Stimme zu den Löwen, die unter mir dösten. Ausser einem Augenzwinkern bewegten sich die Löwen nicht. "Haut ab, verdammt noch mal haut doch endlich ab" rief ich mit energischer Stimme. Blitzartig schnellten sie den Kopf hoch und äugten nach der störenden Quelle. Als sie mich, noch immer in der erbärmlichen Stellung auf der Astgabel entdeckten, knurrten sie kurz und legten den Kopf mit einem dumpfem Geräusch wieder auf die steinharte Erde. Stunden vergingen und es war bereits Abend geworden. Das Licht des aufgehenden Mondes verwandelte die Savanne in eine geisterhafte Landschaft. Nur noch die Schatten der scheinbar leblosen Körper der schnarchenden Löwen konnte ich ausmachen. Es wurde kalt und ich begann zu frieren. Plötzlich stand eine der Löwinnen auf und streckte ihre Glieder, gähnte geräuschvoll und trottete gemächlich davon. Kurz darauf folgten ihr die anderen Löwen, die mich seit Stunden auf dieser Akazie festhielten. Ich wartete noch ein paar Minuten und stieg mit steifen Gliedern von der Astgabel herunter.
"Scheissviecher, das hätte euch auch früher in den Sinn kommen können" fluchte ich leise vor mich hin. Eigentlich mag ich Löwen. Aber wenn sie mich so bedrängen, kann ich sie auch mal verfluchen. Ich nahm das Gewehr, das ich bei der akrobatischen Besteigung des Baumes in das Gras geworfen hatte und ging zu der Stelle, wo ich zuletzt die Spuren der Wilderer wegen den Löwen verlassen musste. Der Mond stand hoch am Himmel und leuchtete jetzt in seiner vollen Pracht. Es war Vollmond. Glück für mich, so konnte ich ihren Spuren weiter folgen. Quer durch die Büsche, mitten in der Savanne und ohne einen Schluck Wasser. Aber es war mir egal. Ich war zu beschäftigt mit dem Gedanken, die Wilderer zu erwischen. Getrieben von der Vorstellung des Ruhmes, den ich vor meinen Freunden erlangen könnte, ging ich immer weiter und folgte den Spuren, die die Jäger hinterlassen hatten. Nach einer Weile entdeckte ich einen dunklen Schatten vor mir. Wie ein grosser Fels ragte der tote Körper eines Elefanten im fahlen Licht des Mondes in der Graslandschaft empor. Aufgebläht von den Gasen im Magen erschien er noch grösser und imposanter. Aasgeruch erfüllte die kühle Abendluft und drang mir unaufhaltsam in die Nase. Brechreiz überkam mich. Hustend und schluckend, mit der Hand vor der Nase, näherte ich mich dem Kadaver. Er scheint noch nicht sehr lange tot zu sein, aber in der Gluthitze, die tagsüber herrschte, beginnt der Verwesungsprozess des toten Körpers eines Elefanten binnen Stunden. Das Blut an der Schusswunde war eingetrocknet und klebrig und beide Stosszähne waren noch dran. Ich war am Ziel. Jetzt nur keinen Fehler machen Nakumu, sagte ich zu mir selbst. Vorsichtig schaute ich mich um, duckte mich und lauschte in die Gegend. Es herrschte eine unheimliche Ruhe. Plötzlich hörte ich unweit vor mir Stimmen. Das Adrenalin durchschoss meinen Körper, meine Muskeln spannten sich und bereiteten mich für eine blitzartige Flucht vor und Mein Herz pochte so laut wie eine Massaitrommel. Schweissperlen bildeten sich auf meiner Stirn und tropften in den noch warmen Savannenstaub, so dass sie kleine Krater bildeten. Ich begann zu zittern, schaute nach links dann nach rechts. Ich versuchte verzweifelt die Richtung zu bestimmen, woher die Stimmen kamen, aber ich konnte sie nicht orten. Ich stand auf und ging vorsichtig um den toten Elefanten herum. Die Stimmen kamen näher und ein schwacher Lichtschein einer Taschenlampe durchbrach das Dunkle der Nacht.
"Hier, hier ist der Bulle, Bwana" sagte der Träger der Taschenlampe und schwenkte den Lichtstrahl nervös hin und her. Ich schlich mich leise davon und suchte Deckung hinter einem Dornenbusch, kaum zwanzig Meter entfernt.
"Prächtig, wirklich prächtig so ein Elefantenbulle und so schön tot" sagte der andere und lachte. "Hast du wirklich gut gemacht Blacky Boy".
"Nennen Sie mich nie wieder Blacky Boy sonst…"
"Sonst was? -- Spiel dich nicht so auf sonst kannst du dich gleich zum grossen Tembo legen. Aber deine verfaulten Zähne kannst du behalten, die bringen nichts ein." Er stiess dem Einheimischen mit dem Gewehrkolben in die Rippen und setzte ein giftiges Lachen auf. "Klar Blacky Boy?"
"Ndio Bwana".
Der andere trug einen Hut mit einem Leopardenband, eine hellbraune Jacke mit vielen Taschen und lange Hosen. Um die Hüfte hatte er einen Patronengürtel umgeschnallt und hatte das Gewehr lässig über die rechte Schulter gelegt. Eine klassische Erscheinung eines Grosswildjägers oder einer, der es sein möchte. Demonstrativ und voller Überzeugung über seine Übermacht stand er breitbeinig vor dem am Boden liegenden Kenianer. "Mach dich an die Arbeit mtoto mchanga mywa" was soviel wie Baby heisst und stiess ihn mit dem Fuss abermals gegen die Rippen. Der schwarze Wilderer stöhnte kurz auf und begann, eingeschüchtert von dem weissen Jäger, hastig die mächtigen Stosszähne des Elefanten zu lösen.
Mein Atem stockte und mein Herz drohte zu zerspringen als ich das kalte Eisen eines Gewehrlaufes in meinem Nacken spürte. Das Blut erstarrte mir in den Adern und kalter Schweiss trieb mir aus allen Poren. Meine Glieder versteiften sich und ich begann in meinen Gedanken mein letztes Gebet zu sprechen.
"Ausgeschnüffelt mein Lieber. Los, steh auf" brüllte eine heisere Stimme hinter mir. Mit schwachen und zitternden Beinen erhob ich mich ohne mich umzudrehen. Mit leichtem Druck, den Gewehrlauf noch immer im Nacken, dirigierte mich der Mann hinter dem Dornenbusch hervor. "Schau mal George was ich gefunden habe. Ein kleiner mieser schwarzer Wildhüter".
"Mist, verdammter. -- Ist er alleine?" fragte George sichtlich aufgeregt.
"Keine Ahnung, aber das haben wir gleich." Er stiess mir den Gewehrlauf in den Rücken und erhöhte den Druck. "Ich nehme an, dass du uns verstehst, oder?"
"Ndio" sagte ich kurz und mit zitternder Stimme.
"Na, dann kannst du uns sicher sagen, wie viele von euch hier campieren?"
"Mimmi, nur ich bwana, nur ich."
"Willst du mich für blöd halten. Keiner von euch geht alleine auf die Pirsch" und er drückte mir den Lauf mit einem Ruck noch fester in den Rücken. "Willst wohl ein bisschen Held spielen, he?"
"Ndio bwana, ja das wollte ich in der Tat."
George kam her, fasste mich unsanft am Kinn und leuchtet mir mit der Taschenlampe mitten ins Gesicht. "Das ist ja noch ein halbes Kind. So ein Idiot, der hat mir grade noch gefehlt. Warum musstest du mir ausgerechnet heute über den Weg laufen. Habt Ihr denn nichts Besseres zu tun?"
"Es ist mein Job euch Wilderer zu finden und wenn möglich zu verhaften" sagte ich leise.
"Na dann verhafte uns mal schön, mein Kleiner. Möchte wissen, wie du das anstellst?" lachte George. "Leider hast du zuviel gesehen und das ist nicht gut für deine Gesundheit. Wir müssen dir leider deinen Hauch ausblasen. So dürr wie du bist, gibst du nicht mal eine richtige Löwenmahlzeit ab. Die Viecher werden enttäuscht sein, wenn sie dich finden. -- Ich kann nicht auf Kinder schiessen, erledige dass du Paul."
"Spinnst du. Ich werde doch keinen Wildhüter erschiessen, egal wie alt der ist. Ich bin hergekommen weil du mich zu einem Abenteuer eingeladen hast und nicht um Menschen zu erschiessen."
"Der bringt uns aber einen Haufen Probleme. Hast du darüber nachgedacht?" sagte George und ging wieder zum Elefanten zurück.
"Probleme hin oder her. Ich erschiesse ihn nicht" erwiderte Paul.
"Egal wie, aber bring ihn zum Schweigen. Wenn der auspackt sind wir dran."
"Schon klar, George. So blöd bin ich auch nicht? Du bist ja der Chef hier und du hast mich ganz schön reingelegt. Springböcke wollten wir jagen. Von Elefanten hast du nichts gesagt. Wenn ich das vorher gewusst hätte wäre ich nicht mitgekommen. Du bist ja kriminell."
"Eines Tages knall ich dir einen vor den Latz Paul, das kannst du mir glauben. Langsam habe ich genug von deinen Frechheiten. Ich habe dich nur mitgenommen weil ich geglaubt habe, dass es dir Spass macht. Als ich es dir gesagt habe, hast du ja gewusst, dass es illegal ist in Kenia Elefanten zu schiessen. Hättest ja gehen können."
"Mit was denn? Etwa zu Fuss? Du hast es mir ja erst gesagt als du den Elefanten bereits abgeknallt hast. Dass du so ein Spinner bist habe ich ja nicht gewusst."
"Bringst du ihn jetzt zum Schweigen oder nicht?" schnaubte George energisch.
"Ist ja gut. Rege dich wieder ab, ich lasse mir was einfallen" beschwichtigte Paul Georges Laune. "Komm Junge, wollen wir dich mal zum Schweigen bringen" dabei drehte er mir unsanft den rechten Arm auf den Rücken und drückte ihn heftig nach oben. Ich verspürte einen stechenden Schmerz und schrie kurz auf. Paul schleppte mich etwa zehn Minuten durch das trockene Gebüsch und hielt vor einer Akazie an.
"Tut mir leid, aber du hast ja gehört was der grosse Jäger befohlen hat. Wenn es nach mir ginge, würde ich dich laufen lassen. Aber ich habe da leider nichts zu sagen. Ich werde es dir so angenehm wie möglich machen, nur schreie bitte nicht, wenigstens nicht bis morgen früh. Dann sind wir sicher weg und George kann dich nicht mehr hören. Ok?" Er drückte mich am Akazienstamm zu Boden und deutete mir, dass ich mich hinsetzen sollte. Dann band er mich am Stamm fest. "Ich hoffe, dass dich deine Kollegen vor den Löwen finden."
"Hast du etwa Mitleid mit mir, bwana?"
"Ein wenig. -- Sag mal, hattest du nicht ein Gewehr bei dir?"
"Hatte ich, wieso?"
"Und wo ist es jetzt?"
"Ich habe es verloren."
"So ein Schmarren. Erzähl das wem du willst, das glaube ich dir nicht."
"Wieso fragst du mich nach meinem Gewehr, du hast doch eins?"
"Stimmt, aber ich hätte dir deines dagelassen wegen den Löwen und Hyänen."
"Es liegt beim Dornbusch, wo du mich gefunden hast."
"Hm" sagte Paul noch und ging weg. Nach einer Weile kam er mit dem Gewehr zurück. "Dass du mir jetzt nicht auf falsche Gedanken kommst mein Junge. Wenn ich dir jetzt das Gewehr gebe lässt du die Finger vom Abzug, versprochen?"
"Versprochen, und Danke. Wenn es euch erwischt, werde ich ein gutes Wort für dich einlegen wenn ich das überlebe."
"Wie heisst du eigentlich?"
"Nakumu."
"Paul Barkin. Machs gut Nakumu und halt die Ohren steif."
"Was soll das heissen?"
"Na dass du auf dich aufpassen sollst, du Idiot" antwortet Paul als er weg ging.
"Das mit dem Idiot habe ich verstanden, aber was hat das mit steifen Ohren zu tun?"
"Ist nur ein Sprichwort und hat nichts weiter zu bedeuten, nur ein Sprichwort" hörte ich Paul noch aus weiter Ferne rufen. Scheint ein netter Kerl zu sein dieser Paul, hat sich nur die falsche Gesellschaft ausgesucht, dachte ich und überprüfte mein Gewehr. Es war noch immer geladen. Ein schwacher Trost. Ich befand mich in der misslichsten Lage, die man sich nur vorstellen kann. Ich war so müde, dass ich die Augen kaum noch offen halten konnte und nickte schliesslich ein.
Stinkender, warmer Hauch blies mir stossweise ins Gesicht und weckte mich kurz darauf wieder auf. Als ich die Augen öffnete, blickte ich in einen geifernden, mit spitzen Zähnen bewaffneten Rachen. Ich schrie so laut ich konnte. Aus, jetzt ist's aus, dachte ich. Vor lauter Schreck über meine plötzliche Lautäusserung ergriff das Tier laut lachend die Flucht. Allerdings nur ein paar Meter. Dann hielt es an, drehte sich um und schaute mich verdutzt an. Es war eine Tüpfelhyäne. Diese sind für Menschen nicht so gefährlich. Die Tüpfelhyänen werden sogar handzahm im Gegensatz zu ihren gestreiften Artgenossen. Aber ich konnte auf ihre Gesellschaft problemlos verzichten und schoss eine Kugel in die Luft, um ihr klar zu machen, dass es besser wäre zu verschwinden. Sie machte sich in rasendem Tempo davon. Ich griff an meinen Patronengürtel, um eine neue Patrone heraus zu holen. Ich griff nochmals und nochmals hin. Aber der Gürtel war leer. Paul hatte mir die restlichen vier Patronen abgenommen. "Mist, verdammter Mist" fluchte ich vor mich hin. Der linke Arm nach hinten gebunden und in der Rechten eine leere Büchse, ich war jeglichem Getier wehrlos ausgeliefert. "Bin ich ein Idiot. Muss ich doch die einzige Patrone an eine harmlose Tüpfelhyäne verschwenden" schrie ich voller Zorn.
Langsam erhob sich die Sonne vom Horizont und liess einen neuen Tag erwachen. In der Ferne hörte ich das Brüllen der Löwen. Sie kündigten, wie jeden Morgen, den Beginn der Jagd an. Angst überfiel mich und einen Schauder durchfuhr meinen Körper. Hoffentlich jagen sie auf der anderen Seite, sonst sieht es nicht gut aus für mich, dachte ich und versuchte verzweifelt, mich von den Fesseln zu lösen. Mir war übel vor Hunger und Durst und mein Kopf begann heftig zu schmerzen. Das Gebrüll kam immer näher und klang mit jeder Minute die verging noch bedrohlicher. Plötzlich verstummte es. Die Jagd hatte begonnen. Jetzt wurde ich immer nervöser und begann zu schwitzen. Ich rankte mich hin und her und riss am Strick, mit dem mich Paul an der Akazie festgebunden hatte. Es half nichts. Entmutigt und entkräftet erschlafften meine Muskeln und ich wartete voller Angst auf mein Schicksal. Plötzlich stand ein Löwe etwa zwanzig Meter vor mir. Er musterte mich, rümpfte die Nase, zog seine Lefzen nach hinten und versuchte meinen Geruch aufzunehmen. Er näherte sich ein paar Schritte, drehte sich um und ging wieder zurück. Er machte dieses Spielchen einige Male bis ein zweiter Löwe auftauchte. Jetzt umkreisten sie mich um sicher zu gehen, dass ich eine leichte Beute für sie sei. Als sie bemerkten, dass ich mich nicht ausreichend bewegen konnte, griff einer der Löwen an. Ich schrie aus voller Kehle, fuchtelte mit dem Gewehr umher und schlug den Kolben auf die Erde. Die Abwehr war nur von kurzer Dauer und der Löwe packte mich am Oberschenkel. Schreiend vor Schmerzen schlug ich ihm den Gewehrkolben auf den Kopf. Schlagartig liess er los und biss binnen Sekunden erneut zu. Blut strömte aus der klaffenden Wunde und versetzte die Löwen in einen rasenden Blutrausch. Abermals schlug ich mit dem Gewehrkolben zu. Es nütze nichts. Der Zweite griff an und versuchte mich ebenfalls zu packen. Er kassierte heftige Prankenhiebe gefolgt von einem fürchterlichen Gebrüll. Ich schrie und schlug um mein Leben. Die Löwen zankten und brüllten, kämpften und bissen. Schüsse fielen in der Ferne. Ein Höllengeschrei und das Hupen eines Jeeps stoppte das Vorhaben der Löwen, die sich mit einer riesigen Staubwolke verabschiedeten. Wiederholt hörte ich Schüsse und das quälende Geräusch eines überdrehten Jeepmotors drang an meine Ohren. Mgabo, mein Freund, raste mit seinem Jeep hupend und schreiend durch die Gegend und verjagte die Löwen. Kurz vor meinen Füssen brachte er den Wagen zum stehen, schwang sich heraus und verarztete mich wortlos. Dann holte er eine Flasche Wasser aus dem Wagen und übergab sie mir. Während ich gierig das Gesöff in mich hinein sog, löste er den Strick und befreite mich aus der unerträglichen Situation.
"Narr, verdammter Narr. Das hast du jetzt davon. Wir haben dich ja gewarnt, aber du wusstest es ja besser" und schüttelte dabei ungläubig den Kopf. "Kannst du gehen?"
"Ich versuche es. Tut verdammt weh" wimmerte ich. Mgabo half mir auf die Beine und schleppte mich zum Jeep.
"Hast Glück gehabt, verdammtes Glück mein Freund. Eine Minute später und die Löwen hätten dich zerrissen."
"Ndio Mgabo, ndio. Ich Danke dir mein ganzes Leben lang dafür."
"Werde dich bei der nächsten Gelegenheit daran erinnern."
"Ich warte darauf, Mgabo."
"Ndio, aber es eilt nicht."
In der Zwischenzeit erreichte uns der zweite Wagen. Auf der Brücke sass ein Gefangener. Seine Füsse waren mit einem Strick zusammengebunden und mit der rechten Hand hing er mit einer Handschelle gefesselt am Gestänge des Brückeladens des Lastwagens. Ein heller Hut mit einem breiten Leopardenband verdeckte sein Gesicht. Ich kannte diesen Hut.
"Hallo George. Hat es dich doch erwischt" sagte ich mit einem schadenfreudigen Ausdruck. George hob den Kopf. Mit zündrotem Gesicht vor Wut, einem verzogenen, dreckigen Lächeln und stechenden Augen schaute er mich an. Aber er sagte nichts.
"Wo habt ihr denn den gefunden?" fragte ich Mgabo.
"Ein kleiner Fisch. Er jagte Gazellen, als wir ihn erwischten. Sonst haben wir leider nichts bei ihm gefunden. - Sag mal, du kennst ihn?"
"Kennen ist etwas gar übertrieben. Aber wir liefen uns gestern Nacht über den Weg. Oder besser gesagt, ich habe ihn gestört als er mit zwei anderen einem Elefantenbullen die Stosszähne rauben wollte. - Wo sind den deine Kumpels, George?"
"Ich habe keine Kumpels - Sir" antwortet er leise und giftig.
"Was, ein Elefantenbulle. Wo denn?" fragte mich Mgabo.
"Na hier, irgendwo im Umkreis von fünfhundert Metern."
"Du hältst mich zum Narren?"
"Frag ihn, er kann es dir besser sagen" antwortete ich und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf George.
"Was ist mit den anderen Zwei, die du erwähnt hast?"
"Einer heisst Paul. Der hat mich an die Akazie gefesselt und mir mein Gewehr wieder gebracht. George wollte, dass er mich erschiesst oder sonst wie zum Schweigen bringt. Er weigerte sich. Ich glaube, George hatte ihn da mit rein gezogen. Der machte mir nicht den Eindruck eines skrupellosen Wilderers. Der Dritte war ein Einheimischer, du kennst ja die Brüder. Die geben ihr Hemd für ein paar Schillinge."
"Aha. -- Den Bullen suchen wir morgen" sagte Mgabo zu den anderen Wildhütern. "Zuerst bringen wir die nach Nairobi" und half mir in den Jeep. Wir fuhren Richtung Flugplatz, als sich unser drittes Fahrzeug über Funk meldete.
"Hallo Mgabo. Wir haben einen mit schweren Schussverletzungen weissen Mann aufgegabelt. Wir fahren direkt zum Flugzeug. Wir warten dort. Bitte beeilt euch, der hält es nicht lange aus."
"Verstanden. Sind ebenfalls unterwegs. Wir haben Nakumu gefunden."
"Warte bevor du abbrichst" rief ich dazwischen. "Heisst der Kerl Paul?" Nach einer Weile kam die Antwort.
"Ja, er heisst Paul. Warum, ist er etwas Besonderes?"
"Erkläre ich euch später, ok?"
"Ok und over."
Nach einer Stunde erreichten wir den kleinen Flugplatz, der eigentlich nur aus einer Schotterpiste bestand. Die anderen Wagen waren bereits da und warteten auf uns.
"Na endlich. Los, sonst kratzt der uns noch ab" sagte der Chief und drängelte mit erhobenem und fuchtelndem Stock, uns zu beeilen. Als George Paul erblickte, verliess das Blut seine obere Hälfte des Körpers und sein Gesicht strahlte in Weiss wie die Spitze des Kilimandscharo.
"Na, hast wohl nicht gedacht, dass Ihr euch so schnell wieder begegnet" sagte ich grinsend zu George. George war schlau. Er sagte nichts was ihn verraten könnte und tat so, als würde er Paul nicht kennen.
Nach ein paar Stunden erreichten wir Nairobi. Paul und ich wurden sofort ins Krankenhaus gebracht und George steckte man in Untersuchungshaft.
"Hat dich wohl schwer erwischt" sagte ich zu Paul als er von der ärztlichen Untersuchung zu mir ins Zimmer gebracht wurde.
"Darauf kannst du einen lassen. George dieser Schweinehund, hätte nie gedacht dass er im Stande ist, so etwas zu tun."
"Ist er ein Freund von dir?"
"Nein. Wir haben uns rein zufällig kennen gelernt. Dabei schwärmte er von der Gazellenjagd und lud mich zu einer Safari ein. Dass er es auf Elefanten abgesehen hatte, verschwieg er mir"
"Du bist gar kein Jäger?"
"Nein eigentlich nicht, und ich werde wohl nie einer werden. Die Viecher tun mir leid. Ich weiss auch nicht, warum ich das gemacht habe. War wahrscheinlich zu besoffen als ich zugesagt hatte."
"Ahsante Paul, ahsante."
"Du bedankst dich. Für was? Dass ich dich an einer Akazie festgebunden habe? - Tut mir echt leid, Mann. Ich weiss auch nicht, was in mich gefahren ist. Tut mir leid."
"Wirst du gegen George aussagen?" fragte ich Paul.
"Nach dem, was er mir angetan hat. Was glaubst du?"
"Du wirst es also tun?"
"Na und ob. Solche Verbrecher gehören weggeschlossen. -- Muss ich auch eine Strafe erwarten?"
"Ich werde für dich sprechen, dass habe ich dir doch versprochen - oder?"
"Das hast du. In der Tat, das hast du. Obwohl ich dich so mies behandelt habe?"
"Obwohl. Ich glaube, du warst nicht dich selbst. Du warst zu sehr von George beeinflusst."
"Das stimmt. Was würde ich geben wenn ich es ungeschehen machen könnte."
"Geht leider nicht, sonst wären wir nicht hier. Aber als du mir mein Gewehr brachtest, hatte ich gespürt, dass du eigentlich ein guter Kerl bist. -- Sei nur dich selbst und versuche die Wahrheit zu sagen vor Gericht."
"Das verspreche ich Dir Nakumu."
Eine Woche später begann die Gerichtsverhandlung.
Der Gerichtsdiener stampfte dreimal mit einem überlangen Stab auf den Boden, als der Richter den Saal betrat. Alle erhoben sich, ausser George. Er sass mit einem dreckigen Grinsen lässig auf der Anklagebank und war überzeugt, dass man ihm nichts anhaben konnte. Ausser vielleicht einer kleinen Geldstrafe für den geschossenen Antilopenbock würde er den Saal als Sieger triumphierend verlassen. So jedenfalls dachte er. Der Richter musterte ihn und die Antisympathie gegen George war ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Er setzte sich und klopfte mit dem kleinen Holzhammer auf das eigens für diesen Zweck erstellte Holzbrettchen.
"Der Prozess gegen George Milton in Sachen Wilderei im Schutzgebiet Massai Mara von Kenia ist eröffnet. Ich bitte den Staatsanwalt, die Anklagepunkte vorzutragen."
Ein gut gekleideter, älterer Mann im schwarzem Anzug und roter Krawatte stand auf und ging ein paar Schritte auf George zu. Er strich sich mit der rechten Hand kurz über sein gepflegtes kurzes graues Haar und räusperte sich.
"Hm, hm. -- dieser Mann" begann er und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf George. "Dieser Mann, der nicht von unserem Lande ist, hat vorsätzlich und mit voller Absicht im Schutzgebiet vom Massai Mara einen Antilopenbock gewildert. Er besitzt weder einen Jagdschein noch eine amtliche Bewilligung dafür. Es wilderte nicht um des Fleisches Willen sondern es ging ihm nur um die Trophäe. Gemäss dem Protokoll der Polizei von Nairobi, Seite fünf, Absatz zwei, gestand der Angeklagte die Tat. -- Ich habe hier nichts weiter hinzuzufügen."
Der Richter schaute zu George. "Haben Sie keinen Anwalt?"
"Für was denn. Wegen eines alten kranken Bockes, der den Morgen sowieso nicht erlebt hätte, machen Sie so einen Wirbel. Es laufen ja noch genug von diesen Viechern herum. Sagen Sie mir, was es kostet und wir erledigen die Sache" antwortete George mit einer überheblichen Stimme und grinste dreckig dabei.
"Wann diese Sache erledigt ist, überlassen Sie mir. Ich werde Ihnen Ihre arrogante Überheblichkeit schon noch austreiben" sagte der Richter bestimmt. "Und übrigens habe ich noch eine kleine Überraschung für Sie" und nickte dem Gerichtsdiener zu. Der verliess kurz den Saal und kam mit grossen Elfantenstosszähnen wieder zurück.
"Na, erkennen Sie die wieder, Mister Milton?" fragte der Richter und setzte ein schelmisches Lächeln auf.
"Von denen habt Ihr doch Tonnenweise an Lager. Auf so einen billigen Trick falle ich nicht herein Euer Ehren. Wahrhaftig gut ausgedacht, aber nicht mit mir. Zugegeben, den Bock habe ich geschossen, aber mit Elefanten habe ich nichts am Hut" entgegnete George.
"Na, wie wäre es dann vielleicht mit einem Mord oder zweimal versuchten Mordes. Kann ich Ihnen dabei vielleicht auf die Sprünge helfen?"
"Mord, wie kommen Sie denn darauf. Wird man jetzt bereits als Mörder hingestellt wenn man eine alte Antilope zur Strecke bringt?"
"Nein, aber wir vermissen einen unserer Landsleute. Er war zwar ebenfalls ein Wilderer und eine Schande für unser Land. Und Sie wurden vor ein paar Tagen mit ihm zusammen gesehen. Doch er ist seit ein paar Tagen spurlos verschwunden. Und ausserdem sitzen da noch zwei Herren, die brennen nur darauf, ihre Geschichte los zu werden." Dabei deutet der Richter auf Paul und mich. George drehte sich um und wurde blass, als er uns erblickte.
"Sie wechseln ihre Farbe wie ein Chamäleon. Erklären Sie uns doch bitte, was Sie so erschreckt hat, Mister Milton."
"Äh, äh, nichts, mich hat nichts erschreckt. Ich habe was Schlechtes gegessen. Der Frass, den ihr mir in der Zelle aufgetischt habt, ist ja nicht geniessbar und voller Bakterien. Ich habe halt einen empfindlichen Magen."
"Na ja. Wenn ich daran denke was Sie getan haben, würde es mir auch auf den Magen schlagen. - Wollen Sie wirklich keinen Anwalt? fragte der Richter nochmals.
"Nein."
"Also, dann rufe ich Nakumu in den Zeugenstand."
Ich stand auf, stützte mich auf meine Krücken und humpelte zum Zeugenstand. Dabei erntete ich verachtende Blicke von George als ich an der Anklagebank vorüber ging.
"Schwören Sie die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit" sprach der
Gerichtsdiener und streckte mir das Buch der Bibel entgegen.
"Ich schwöre es".
"Na, dann erzählen Sie uns mal Ihre Geschichte Nakumu" sagte der Richter und nickte mir mit einem freundlichen Lächeln zu.
Ich erzählte dem Gericht ausführlich, was ich erlebt hatte. George wurde immer unruhiger und plötzlich rief er mit überlauter Stimme dazwischen.
"Gelogen, alles gelogen. Ihr steckt doch alle unter einer Decke. Ihr könnt mir das nicht beweisen. Ihr seid doch alle korrupt. Verdammte Mafiosi seid Ihr."
"Halten Sie sich zurück Mister Milton, wir sind noch nicht fertig" ermahnte ihn der Richter und haute kräftig mit dem Hammer auf das Holzbrett.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, fragte der Richter George ob er etwas dazu sagen wolle. Er lehnte ab mit der Bemerkung, auf solche Lügen habe er keine Antwort. Dann liess der Richter Paul Barkin in den Zeugenstand rufen. Georges Gesicht wurde noch bleicher und er begann zu zittern. Er fuchtelte nervös mit den Händen herum und versuchte Paul etwas zu deuten. Paul ignorierte sein Gehabe und begann zu sprechen. Er erzählte alles über die Jagd. Wie George den Elefanten zur Strecke brachte, und wie er mich auf Befehl von George an die Akazie gefesselt hatte. Er erzählte von der Auseinandersetzung, die sie untereinander gehabt hatten und dass George den kenianischen Wilderer mit einem Messer umgebracht hatte. Als die Auseinandersetzung den Höhepunkt erreichte, und er George androhte, dass er ihn verzeigen wolle, schoss George wie ein Irrer umher. Dabei traf er Paul mehrmals und verwundete ihn stark. Anstatt ihm zu helfen, liess er ihn einfach liegen bis ihn die Wildhüter fanden. Der Gerichtsdiener brachte dem Richter das Gewehr und einige Kugeln. Dazu das Gutachten eines Ballistikers, das belegte, dass die entfernten Kugeln aus dem Körper von Paul mit dem Gewehr von George übereinstimmten. Paul schloss seine Aussage mit den Worten:
"George hat mich hereingelegt. Ich hatte nie die Absicht, in Afrika Tiere zu schiessen, keine Gazellen und schon gar keine Elefanten. Ich habe einen Fehler gemacht, als ich Georges Einladung für die Safari angenommen habe. Es tut mir leid."
"Sie bereuen also, was Sie getan haben?" fragte der Richter.
"Ich bereue es und würde alles dafür geben, wenn ich es ungeschehen machen könnte, vor allem das, was ich Nakumu angetan hatte. So etwas tue ich normalerweise nicht."
Und warum haben Sie es trotzdem getan?"
"Ich weiss es nicht. Ich glaube, ich wollte nicht als Schwächling vor George dastehen. Sie wissen ja wie das ist."
"Nein. Da kann ich nicht mithalten, aber ich glaube, ich weiss was Sie damit meinen" sagte der Richter. "Und es ist richtig, dass Nakumu ein gutes Wort für Sie einlegen wollte?"
"So hat er mir es jedenfalls gesagt" antwortete Paul.
"Ist das so Nakumu?"
"Ich habe es Paul versprochen" antwortet ich dem Richter. "Wie gesagt, er machte mir nicht den Eindruck, als wäre er ein skrupelloser Wilderer. Eher etwas hilflos. George hätte mir jedenfalls das Gewehr nicht zurückgegeben. Das hat mich schon etwas erstaunt, als Paul mir das geladene Gewehr gebracht hatte. Sonst sind diese Brüder doch gnadenlos und knallen jeden von uns ab. - Nein, Paul Barkin ist kein Wilderer. Er ist in diese Sache hereingerutscht oder besser gesagt, absichtlich belogen worden. Welchen Zweck George Milton damit beabsichtigte, kann ich nicht beantworten, Euer Ehren."
"Ich nehme das zur Kenntnis und fordere die Geschworenen auf, diese Aussage zu berücksichtigen" sagte der Richter und wendete sich nochmals George zu.
"Mister Milton, Sie haben gehört, was die beiden Zeugen ausgesagt haben. Ebenso ist es Tatsache, dass ein toter, zahnloser Elefant im dem Gebiet, wo Sie sich aufgehalten haben, aufgefunden wurde. Nicht weit davon entfernt wurden die Stosszähne in einem Versteck aufgefunden. Die Kugeln, die ich vor mir habe, und die, welche aus den Wunden von Paul Barkin herausgeholt wurden, stimmen mit denen aus Ihrem Gewehr überein. Haben Sie dazu noch etwas zu sagen?"
"Ihr wollt mir nur was anhängen. Einen Mord in die Schuhe schieben. Das Gewehr gehört mir gar nicht. Es gehört Paul Barkin."
"Sie geben also zu, dass sie Paul Barkin kennen?"
"Das habe ich nicht gesagt. Verdammt noch mal. Ihr verdreht doch alles, was ihr könnt."
"Wieso sind Sie dann so sicher, dass dieses Gewehr Paul Barkin gehört, wenn Sie ihn gar nicht kennen?"
"Das habe ich nie gesagt. Ich kenne weder diesen Herrn noch das besagte Gewehr."
"Oh doch, das haben Sie gesagt Mister Milton und Sie haben diesen Herrn sogar mit seinem Namen benannt."
"Da müssen Sie sich verhört haben Euer Ehren" sagte George mit einer etwas verwirrten Stimme. Schweiss lief über sein Gesicht und er zitterte am ganzen Körper.
"Mister Milton. -- Die Beweise sind ausreichend und sprechen gegen Sie. Mit Ihren Lügen handeln Sie sich nur noch eine härtere Strafe ein. Geben Sie es endlich zu. Es hat doch keinen Sinn. Sie wissen es und wir wissen auch was sie getan haben" sagte der Richter mit einem fast mitleidenden Ton.
George sass auf der Anklagebank und weinte. Sein überheblicher Stolz war gebrochen. Den Beweisen der Schussverletzungen von Paul und dem Bericht des Ballistikers konnte er nicht mehr widersprechen. Die Geschworenen zogen sich zurück und brachten nach einer Weile dem Richter einen kleinen Zettel. Der Richter stand auf und verkündete das Urteil. Mit einem erlösendem Lächeln sagte er:
"Schuldig."
Er verurteilte George Milton zu zehn Jahren unbedingter Haft im Staatsgefängnis von Nairobi. Den Mord an dem Kenianer konnte man ihm nicht beweisen. Die Leiche wurde nicht gefunden. Dadurch, dass Paul gegen George aussagte und ich ein gutes Wort für Paul einlegte, wurde die Klage gegen Paul Barkin fallen gelassen.
Paul und ich sassen auf der Veranda des Spitals von Nairobi und genossen einen harten Drink, den meine Kollegen uns bei einem Besuch mitgebracht hatten. Unsere Genesung war fast abgeschlossen und wir konnten zuversichtlich in die Zukunft schauen. Im Hintergrund laberte leise der Nachrichtensprecher aus einem kleinen Transistorradio. --- Und nun die heutige Meldung vom Tage. Der wegen versuchten Mordes und Wilderei verurteilte George Milton ist bei einem Fluchtversuch bei der Überführung in das Staatsgefängnis von Nairobi erschossen worden….
Paul schaute zu mir, senkte für ein paar Sekunden den Kopf, dann hob er das Glas, nickte mir zu und trank es aus. Genüsslich schauten wir gemeinsam dem Farbenschauspiel der untergehenden Sonne von Afrika zu. - Ich hatte einen neuen Freund gefunden - Paul. Von diesem Tag an nannte ich ihn Pembe; Elfenbein.

* Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten von Personen sind rein zufällig




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Eingereicht am 19. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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