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Great Zimbaw

©  Angelika Schwarz


Vielleicht lag es an dem offiziellen Schreiben der Botschaft der Republik Zimbabwe, welches gestern Morgen aus Berlin per Einschreiben an sie gesendet worden war. Vielleicht lag es aber einfach nur an dieser unerträglichen Hitze, die schon seit drei Wochen über der Stadt hing. Diese Hitze, die auch während der Nacht keine Pause einlegte.
Als sie aufwachte konnte sie sich noch deutlich erinnern. Sie setzte sich an den kleinen Tisch und fing an die Geschehnisse der vergangenen Nacht schriftlich festzuhalten. Ja festhalten war das richtige Wort, denn der Halt war ihr schon lange abhanden gekommen. Seit drei Jahr genau genommen, seit seinem Betrug.
Die Feder des Füllers kratze ein wenig auf dem weißen, mit Schweißtropfen getränkten Papier. Die Worte Steinbau, Lehm, Mauern aus Stein, Strohdach, Hitze waren deutlich zu erkennen. Ihr Hobby lies sie nicht los. Sogar nachts nicht. Tagsüber verdiente sie sich als Architektin in einem kleinen Büro westlich der Stadt ihren Lebensunterhalt, aber abends widmete sie sich fast ausschließlich ihrem Hobby und Steckenpferd, der Archäologie.
Angefangen hatte diese Leidenschaft im Spätsommer vor drei Jahren mit einem kleinen Stein. Sie hatte sich nach ihrem Studium eine größere Auszeit genehmigt und auf drängen eines Freundes freiwillig bei einer dreimonatigen Ausgrabung im Osten des Landes mitgearbeitet. Die Arbeiten beschränkten sich fast ausschließlich auf Handlangerdienste, doch ihr Interesse war geweckt. In diesen drei Monaten vertiefte sich auch die Freundschaft zu ihm, aber das war nur ein angenehmer Nebenaspekt. In der Hauptsache freute sie sich jeden morgen auf den Geruch der Erde und auf das Gefühl die Erde zwischen ihren Fingern zu spüren.
An diesem Tag war die Stimmung im Camp bei den Grabungen nicht besonders gut. Vier Tage lang hatten sie ununterbrochen gegraben und nichts gefunden. Er nahm sie beiseite, legte die Hand auf ihre Schulter und seufzte resigniert: " In einer Woche geht unsere Zeit hier zu Ende, ich kann dich verstehen, wenn du heute mit den anderen abreisen möchtest." Erstaunt blickte sie ihn an. "Du denkst doch nicht etwa, dass ich gleich davonlaufe, wenn sich kein Erfolg einstellt. Nein, ich bleibe und …." Die letzten Worte flüsterte sie ihm ins Ohr, denn das war sicherlich nicht für die Ohren der anderen bestimmt. Er nickte und sie nahmen ihre Tätigkeit wieder auf. Gerade wollte sie einen Eimer mit Erde achtlos ausleeren, als sie im Sonnenlicht ein kleines Schimmern auf der Oberfläche sah. Sie stellte den Eimer nieder und holte ganz vorsichtig einen kleinen Stein heraus. Die eine Seite des Steins war lehmverkrustet, aber die andere Seite erstaunlicherweise glatt poliert. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus als sie sich zu ihm umdrehte. "Der Tag ist gerettet, sieh mal was ich hier im Schutt gefunden habe!" Skeptisch nahm er den Stein und drehte ihn immer wieder in seiner Hand. "Ein eigenartiger Fund, er entspricht gar nicht den Scherben und Klinkern, die hier in den Schichten der Erde liegen. Ich werde den Stein zur Abklärung weiterleiten."
Als sie die Grabungsstätten gegen Ende der Woche verlassen hatten, war der Ursprungsort des Steines noch nicht näher bestimmt worden. Lange Zeit hörte sie nichts mehr von ihm. Dieser Zustand beunruhigte sie, waren sie doch die letzten Monate immer stärker zusammengewachsen. Telefonisch konnte sie nur seinen Anrufbeantworter besprechen, niemals beantwortete er ihre Briefe und als sie bei gemeinsamen Freunden Informationen über seinen Verbleib einholen wollte, hieß es nur er sei verreist.
Beim morgendlichen Meeting im Büro lag die Zeitung direkt vor ihrer Kaffeetasse. Sein Bild war das erste auf das ihr Blick fiel. Mit einem leichten irritiertem Kopfschütteln überflog sie den darunter befindlichen Artikel. "Enormer Fund bei Grabungen im Osten des Landes" . Sie erblasste, ihre Augen wurden langsam zu Schlitzen und nacheinander machten sich abwechselnd Freude, Wut und Enttäuschung in ihrem Inneren breit. Da hatte sie endlich den Grund warum er sich nicht bei ihr meldete. Ihren Fund hatte er als seinen deklariert und er sonnte sich im Ruhm. Neben der Wut empfand sie es als verblüffend, dass der Stein von den Gutachtern mit ziemlicher Sicherheit auf die Zeit zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert datiert wurde. Sein Ursprungsort: Zimbabwe oder Great Zimbaw
Das Wort Zimbabwe verfolgte sie nun überall wo sie sich befand. Tagsüber konnte sie sich kaum noch auf ihren Broterwerb konzentrieren. Zimbabwe wurde zur Sucht, zur Leidenschaft, zum Wahn. Sie fing an sich abzugrenzen, las Bücher und Berichte, besuchte Ausstellungen und saß nächtelang vor dem Computer und alles drehte sich um Zimbabwe. Sie träumte von der Königin von Saba und deren angeblicher Verbindung zu Zimbabwe. Ihr Geist schwebte über dem Herzen Zimbabwes, der "Akropolis", die dort auf dem Granithügel aus der Ebene ragt. Im Traum stand sie vor den Mauern von Nalatale, einem Sitz der Rozwi-Könige. Sie durchlief die Epochen der afrikanischen Geschichte und entwurzelte sich von Europa. Sie arbeitet verbissen, sparte, gönnte sich kaum noch etwas und dann endlich war es soweit, sie konnte sich ihren Traum erfüllen.
In den vergangenen zweieinhalb Jahren hatte sie sich soviel gespart, dass sie nun den Schritt wagen konnte und nach Zimbabwe fliegen wollte. Ungeachtet der Tatsache, dass ihre Umwelt dem Vorhaben zweifelnd gegenüberstand, hatte sie vor Monaten ein Schreiben an die Botschaft der Republik Simbabwe verfasst, um ein Visa und die Genehmigung zu erbitten für drei Monate in das Land einreisen zu dürfen und dort vor Ort die Steinbauten aus dem 11. Jahrhundert zu sehen.
Die Träume des Nachts vertieften sich, sie konnte sie notieren, aufzeichnen, beschreiben, sie waren eins mit ihr geworden.
Gestern nun, gestern kam das ersehnte Schreiben:

"Sehr geehrte Frau…..

Wir freuen uns sehr, dass Sie für unser Land und unsere Geschichte ein so großes Interesse haben. Aufgrund der derzeitigen politischen Lage und zur Gewährung Ihrer Sicherheit ist es uns jedoch nicht möglich Einzelreisenden die Einreise in unser Land zu genehmigen. Wir senden Ihnen hiermit Ihren Antrag zurück. Wie auf den Seiten des auswärtigen Amtes ersichtlich ist, werden alle deutschen Staatsbürger aufgerufen, die Republik Zimbabwe schnellstmöglich zu verlassen. Im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit müssen wir Ihre gewünschte Einreise bis auf weiteres ablehnen.




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Eingereicht am 17. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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