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Hoop*

©  Jasmin Gauselmann


Lichterloh sehe ich beinahe jede Nacht in meinen Träumen unsere Farm Skoonheit brennen, die in der Nähe von Bulawayo lag. Der Geruch und der Qualm des verkohlenden Holzes schnüren mir fast den Atem ab, und ich schwitze, als würde ich immer noch am Rande der todbringenden Hitze des Feuers stehen. Das furchterregende Geräusch brennenden Holzes, dieses Knistern und Knacken, das seinen Höhepunkt in einem Knall findet, der einem Pistolenschuss gleicht, lässt mich aus dem Schlaf schrecken. Gleichzeitig klingen mir noch die verzweifelten Schreie der letzten uns treugebliebenen Farmarbeiter in den Ohren, die versuchten, sich vor den Marodierenden in Sicherheit zu bringen. Mein Mann und ich weinen um sie, sie blieben uns zuliebe auf der Farm, obwohl wir sie aufgefordert hatten, uns zu verlassen. Wir hoffen und beten, dass wenigstens einige von ihnen das Inferno überlebt haben. Wir trauern um all die Toten. Die Schergen der Regierung haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben die Schönheit zerstört: Skoonheit. Doch wir, mein Mann und ich, dürfen uns trotzdem glücklich schätzen: im Gegensatz zu manch anderen befreundeten Farmern in Simbabwe sind wir mit dem Leben davon gekommen. Wir hatten einen Plan für den Notfall. Die wichtigsten Dinge, die wir für unsere Flucht brauchen würden, hatten wir schon ins Auto gepackt, unsere zwei Rhodesian Ridgebacks behielten wir Tag und Nacht in unserer Nähe. Als die aufgebrachten Schwarzen Skoonheit nieder brannten, nutzten wir die allgemeine Verwirrung, setzten die Hunde ins Auto und fuhren los. Wir brauchten Tage, um Simbabwe zu verlassen, denn unsere Fahrt wurde immer wieder von Regierungsgetreuen, die auf den Straßen randalierten, behindert. Wir wichen ihnen aus, so gut es ging, und erreichten schließlich die Grenze zu Südafrika. Von Johannesburg aus flogen wir in das ehemalige Vaterland unserer Vorfahren, das weder mein Mann noch ich jemals besucht hatten. Wir kehrten zurück an den Ort, den unsere Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großeltern vor 120 Jahren verlassen hatten, um einer neuen Zukunft in Rhodesien entgegenzusehen. Wir landeten in Amsterdam.
Es war eine unsanfte Landung. Weder mein Mann noch ich konnten uns in den Niederlanden eingewöhnen. Nicht nur die Sprache unterschied uns von den Menschen, die dort lebten, auch unsere Kultur, unser gesamter Lebensstil und unsere Eigenart passten nicht zum europäischen Verwandten. Wir gaben uns Mühe, uns zu integrieren, doch wir fühlten uns fremd und entwurzelt. Als fremd und sonderbar empfanden uns auch unsere Mitmenschen. Sie waren freundlich zu uns, aber die klimatische Kälte, die in diesem Land herrschte, übertrug sich auch auf die Art, wie die Menschen in Europa miteinander umgingen. Jan und ich waren unglücklich. Träume von Afrika und Skoonheit bevölkerten unsere Nächte; Albträume, aber auch Erinnerungen, die uns zum Lächeln brachten. Lediglich zwei Konstanten in unserem Leben gaben uns während dieser Zeit Halt. Zum einen unsere Hunde, denn mit ihnen hatten wir einen Teil Afrikas mit in das Fremde Alte Vaterland genommen. Rhodesian Ridgebacks gehören zu Simbabwe wie das Känguru zu Australien. Unsere Familie hatte diese afrikanisch-europäische Hunderasse seit über einem Jahrhundert gezüchtet, und niemals hatte irgendjemand ein Mitglied der Familie t'en Hart ohne die Begleitung seines Hundes angetroffen. Seit die t'en Harts sich vor 120 Jahren auf Skoonheit niedergelassen hatten, waren Hunde dieser Rasse Gefährten unserer Familie. Wir lieben sie! Sie sind nicht nur treue und mutige Wächter der Farm, sondern auch hervorragende Jagdgefährten. Wir wurden also jeden Morgen, den wir in Amsterdam erleben mussten, von unseren beiden rotbraunen pelzigen Afrikanern begrüßt. Das war ein großer Trost, obwohl uns jedes Mal bei ihrem Anblick das Heimweh wie ein Stich durchs Herz fuhr. Zum anderen suchten wir Kontakt zu schwarzen Afrikanern, die in Amsterdam lebten. Wir fühlten, dass auch sie ihre Heimat vermissten, dass sie die Tränen, die sie eigentlich weinen wollten, hinter ihrem fröhlichen Lächeln versteckten. Sie nahmen uns, die weißen Afrikaner, offener auf, als diejenigen, die uns vorerst Zuflucht in ihrem Land boten. Sie spürten, genau wie wir, dass wir an derselben Krankheit litten: an Heimweh, an Mal d'Afrique. Hautfarbe machte plötzlich keinen Unterschied mehr, uns verband die Liebe zu unserer Heimat. So einfach war das. Wir alle sehnten uns nach der Kraft der Sonne Afrikas, die die satten Grün- und Goldtöne der Savanne hervorzaubert; orange-gelbe Sonnenaufgänge und die Weite des immerblauen Himmels zu sehen - das war unser Ziel. Unsere Augen wollten die intensiven Farben der afrikanischen Landschaft in sich aufnehmen. Wir wollten die Geräusche der Dämmerung hören, das Zirpen der Grillen, das Brüllen der Löwen, das Quaken der Frösche, das Zwitschern der Vögel, die Rufe der Affen. Kurz: wir wollten Afrika sehen, es spüren, fühlen, riechen, schmecken, dort leben. Afrika war unser Zuhause. Mochte die Regierung die weißen Farmer enteignen, Feindbilder gegen die weiße Bevölkerung Simbabwes entwerfen, für uns war sicher, dass sie Simbabwe in die politische und soziale Katastrophe treiben würde. Dennoch gehörten wir nach Afrika. Unser Leben in Amsterdam dauerte zwei lange Monate, dann folgten wir dem Ruf der Heimat. Wir konnten nicht nach Simbabwe zurück, aber das Nachbarland Südafrika stand uns offen.
Seit einem Jahr bewirtschaften wir eine kleine Farm in Südafrika. Wir haben sie Hoop genannt, Hoffnung. Skoonheit werden wir nicht vergessen, wir träumen jede Nacht von unserer alten Farm und ihrer entsetzlichen Vernichtung. Trotzdem: wer einmal unter Mal d'Afrique gelitten hat, der weiß, wie glücklich wir sind, wieder unter der endlosen Weite des blauen Himmels Afrikas zu leben, die sengende Sonne auf unserer Haut zu spüren und nachts den Geräuschen der Savanne lauschen zu können. Jeden Morgen wachen mein Mann und ich auf, schauen unseren Hunden in die Augen und sind voller Zuversicht. Wir haben uns hier ein neues Leben aufgebaut, aber die Hoffnung, irgendwann nach Simbabwe zurückzukehren, werden wir nie aufgeben. Wir wünschen uns so sehr, dass Schwarze und Weiße dort eines Tages friedlich miteinander leben werden. Schönheit kann schnell zerstört werden; doch die Hoffnung bleibt. Bis zuletzt: Hoop.

* Alle Personen und Ereignisse sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.




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Eingereicht am 16. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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