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Afrika und die Regelmäßigkeit der Unregelmäßigkeit

©  Wolfgang Nöckler


[die heimstatt hat sich wieder ein opfer auserkoren ihre spezialität ist es, alles an sich zu binden ihre schwäche aber ihre unflexibilität ]

Der Mensch, der sich an der Welt satt gesehen zu haben glaubt kehrt zurück an die ihm lieben Orte. Was er sich wünscht ist Ruhe, Konstanz vielleicht, ein Ort zum Verweilen, ein Halt für lange, aber meist doch für immer. Resignation deswegen ist dem Satten nicht eigen, denn er verspürt den Hunger nach draußen nicht. Diesen überlässt er den Reisenden, den Suchenden, den Erfahrenden, und im Stillen glaubt er daran, dass auch jene ihre Heimat finden - bloß ist sie vielleicht weiter verstreut. Der Satte kennt die Welt draußen nur noch aus Bildern, sobald er am lieben Ort verweilt; was ihm bleibt sind Erinnerungen, sofern er solche gesammelt hat über die Zeit; und hat er sie genügen sie ihm vollends.
Doch: Der Alltag wiegt schwer, viel schwerer als erwartet...
Der Satte hat sich zur Ruhe gesetzt aber ist zu keiner gekommen, stattdessen haben ihn mit der Zeit des Verweilens die Alltagsrituale an sich gebunden, und schleichend fühlte er eine Enge in seiner Brust wachsen, die Pflichten (die er sich doch meist selbst auferlegte) schnürten ihm allmählich den Atem ab und plötzlich erkannte er seine Lage, der Blick in den inneren Spiegel enthüllte
ihm: er war gefangen. Gefangen inmitten der Apathie, der Ohnmacht, des langsamen Absterbens - und da flammte ein neues Licht in ihm auf, so gleißend, dass er daran zu erblinden glaubte. Fort von hier, nach draußen, fort, jetzt: Afrika!
Ein überstürzter Aufbruch führte den Hungrigen auf eine lange Reise. Plötzlich wollte er die Welt sehen, er sagte sich er kenne sie nicht (und er kannte sie nicht), die Zeit des Aufbruchs war gekommen, jene des Verweilens dahin. Die Reise war für den Langzeitsatten ein anstrengendes Abenteuer, welches seine Mühen aber stets mit neuen Bildern, neuen Erlebnissen, neuen Erinnerungen (für später?) entschädigte. Auf seiner Reise konnte er nicht klagen und er erinnerte sich der Zeit des Verweilens in seiner Heimat als einer einfachen Lebensweise, welche ihm bloß ein paar Dinge bieten konnte: Konstanz, Ruhe vielleicht. Doch nun war er unterwegs zu neuen Sternen, es zog ihn fort und wo er auch Halt machte, er fühlte sich noch nicht weit genug entfernt.
Dann kam er nach Afrika, das gelobte Land. Als er auf afrikanischem Boden stand erkannte er dieselbe Erde unter seinen Füssen, die er in seinen Träumen gesehen hatte. Doch damals hatte er sie nicht berührt, er war über dem Boden geschwebt, doch konnte ihn nicht erreichen. Diese Erinnerung veranlasste ihn zu glauben, dass er zuhause war. Er sprach mit den Menschen und verstand sie nicht, er suchte einen neuen Halt, doch fand ihn nicht. Viele Menschen lernte er kennen, doch alle verfolgten die Lebensregeln die sie leiteten. Auf ihren Wegen war er bloß ein kurzfristiger Begleiter. Niemand konnte dem Hungrigen seine Fragen beantworten. Die Sonne verbrannte ihm die bleiche Haut und der Staub stach ihm fast die Augen aus; überall erfuhr der Hungrige zwar Gastfreundschaft, aber da er seine Wünsche nicht formulieren konnte wurde er irgendwann aus den Familien- oder Sippenkreisen ausgeschlossen, vielmehr er nahm sich selbst aus weil er sich nur bedingt an den Lebensweisen beteiligte und als Gast irgendwann der Rolle überdrüssig wurde. So erging es ihm also in Afrika. Der Hungrige aß zwar, doch die falsche Kost - sie machte ihn nicht satt. Vielleicht war sein Übereifer hinderlich, vielleicht hätte er die Menschen und den Rest der Natur Afrikas verstanden wenn er sich auf sie eingelassen hätte, doch diese Ruhe hatte er nicht (und die Zeit nahm er sich nicht); stattdessen handelte er nun gleich wie die Heimat mit den einzelnen Satten handelt: er wollte seine Fesseln über Afrika legen, er wollte das Land zu seinem Land machen und es mit einem Mal verstehen, in einem Satz formuliert den Succus benennen können, er wollte hier zuhause sein.
Die Zeit schritt voran, aber der Hungrige blieb hungrig. Das Land war zu stark und ging seinen eigenen Weg, der Hungrige suchte, doch fand niemals einen Zugang, denn so sehr er sich anstrengte konnte er sich dessen nicht erwehren, was aus seinem Innern sprach und sein Handeln lenkte. Es war eine über eine ganze Lebensspanne anerzogene Verhaltensweise, die zu stark war als dass er sich ihr entziehen konnte: die Regelmäßigkeit. Bis an die Zähne bewaffnet mit Normen stand er festen Fußes auf Afrikas Boden und wollte sie verteilen, damit er sich ans Verstehen machen konnte. Erst wenn diese bizarre Welt sich in sein inneres Schema eingefügt hatte konnte er mit der Analyse beginnen, dessen war er sich sicher. Und dann würde er finden, wonach er so gierig war, auch das glaubte er fest: Heimat, ein Ort zum Verweilen, dann würde er die Frage formulieren können, dann würde er zuhause sein. Pech nur, dass Afrika nicht länger in seinem Kopf war, sondern ihn unmittelbar umgab. Er konnte sich zwar durch die Tage bringen, sich ernähren und über manches unterhalten, doch die Sprache Afrikas erlernte er nicht. Er sah sie nicht einmal, denn dafür hatte er keine Regel parat. Und so sah er sich satt an Afrika, das Land konnte von ihm nicht gebogen werden und die Angebote zur Aufnahme in die Herzen der Menschen lehnte er ab, denn auch diese erkannte er nicht.
Alt geworden wurde der Hungrige des Wanderns und Suchens müde und erinnerte sich seines Lebens. Nun hatte er viele Bilder in seinem Kopf und viele Geschichten zu erzählen. Sein Leben in Afrika aber hatte inzwischen die Regelmäßigkeit der Unregelmäßigkeit angenommen und als er sich unter eine Palme setzte, um seinen letzten Sonnenuntergang zu beobachten wurde ihm plötzlich bewusst was sein ganzes Lebens für einen Sinn gehabt hatte. Er suchte nicht nach etwas Bestimmtem, sondern nach etwas Unbestimmtem, dies um sicher zu sein es nicht zu finden. Denn was er eigentlich anstrebte war dieses Leben: das Wanderleben, welches allein es gestattet, sich außerhalb der Normen zu bewegen und dies nur, wenn es weit weg von den bekannten Regeln durchgeführt wird. Etwa in Afrika. Er war ausgestiegen und hatte es sein gesamtes restliches Leben abgelehnt, sich wieder einzufügen. Einzig auf diesem Weg konnte er zufrieden sein. Ihm kam das alte Sprichwort in den Sinn, der Weg ist das Ziel, er war die Bestätigung und plötzlich erfüllte ihn eine innere Ruhe, welche er niemals gekannt hatte. Er war zufrieden, endlich.




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Eingereicht am 15. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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