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Schatten über Blau Afrika

©  Jürgen Cain Külbel


Die Innereien des Körpers boxen gallig gegen die Haut; das zu erwartende Ereignis pellt mich fein säuberlich ab; bin verletzlich, dünnhäutig, die Umstände befehden die letzte äußere Schale; ich bin wehrlos. Mein Leib bildet sich um, direkt vor meinem inneren Auge, vergrößert sich zum gläsernen, von außen mühelos zu durchschauenden Gebilde; die Seele liegt kristallklar brach, ist völlig entmachtet, nicht mehr fähig, früheres geheimes Brillieren zu verschleiern; die Bahnen der Gedanken liegen blank sind leicht auszumachen, preisen den stürmischen Gehalt hurenhaft an. Schwarzer Äther der Impulse rast durch zerbrechlich dünne Schläuche; der kundige Seelentopograph, der Medizinmann, wird die tragische Botschaft bald simpel heraus lesen können. Mein Rücken ist schweißnass, obwohl die abendliche Schwüle schwindet. Ich gehe in die mit trockenen Palmblättern überdachte Lehmhütte des Heilkundigen hinein, mutlos; zentnerschweres Gepäck, bestehend aus Angst, aus Respekt, drückt auf kraftlose Schultern.
Es ist dunkel, nichts ist zu blicken, es duftet nach unbekanntem Gewürz, nach Kirchengestühl, aber das ist kein Bethaus, jedenfalls kein europäisches; unter nackten Fußsohlen, zwischen den Zehen quillt pulverisierter Staub, afrikanischer Sand, so weich wie Pudding. Esomo zieht mich langsam in der Dunkelheit hinter sich her, kennt das mir unbekannte Ziel, schreitet energisch aus, hält meine Hand, zieht freundlich und sanft. Ich vertraue ihm, vertraue der barmherzigen Wärme seiner Hand, den friedsamen weichen Ballen, der klammen Nächstenliebe. Mein Schicksal ist ihm nicht gleichgültig, er bewahrt mich vor Blessuren, vor dem Schock, irgendwo kräftig anzurempeln. Ich stolpere ihm unbeholfen hinterher, ergebe mich dankerfüllt, fühle mich an seiner Hand geborgen. Er ist mein einziger Beistand, ich muss ihm vertrauen; es gibt nicht die winzigste Ursache, den dünnen Faden der Partnerschaft zwischen unseren beiden Herzen zu zerreißen; den Freund leitet hilfreiches Mitgefühl.
In der dunklen staubtrockenen Hütte schwängert jeder Schritt die Luft mit feinsten Sandpartikeln; sie richten sich hartnäckig in den Atemschleusen ein. Tönernes Klirren schreckt mich hoch, der linke Fuß rammt etwas Hartes; ein befremdliches Gebilde poltert unter lautem Hall in die unbekannte dunkle Umgebung. "Gebeine, Knochen, Schädel, fleischlos, bleich", Esomo presst sich zitternd die Satzfetzen aus dem Mund. Ich werde die Augen nicht öffnen, nicht jetzt, werde dem Vergangenem nicht ins erloschene Auge blicken; nein, damit würde ich die lebendige Gegenwart zum Abschlachten verloren geben. "Der hat die Augen geöffnet, der Medizinmann riss ihm deswegen das Herz heraus" schießt ein; Angst schwillt an. Unfug. Stille. Esomo zerrt mich langsam vorwärts, immer weiter; der Weg ist kurz, doch er scheint Kilometer lang. Feuchte Luft schlägt auf den bloßen Nacken, legt sich triefend auf den Körper, nistet sich in den Poren ein; eigener Schweiß vom wildfremden Gefilde umströmt.
Draußen, in weiter Ferne, zirpen Zikaden. Die dünnhäutigen, zusammengepressten Lider poussieren mit irgendeiner Helle, die es auswärts, nahe den Augen, zu geben scheint. Ich will mich nicht versteigen, dem störrischen Werben einen flehentlichen Blick zu bewilligen. "Bis hierher habe ich Sie begleitet, muss Sie nun dem Schicksal übereignen"; in Esomos Votum, seiner Stimme, schwingt die Oktave des Abschied nehmen eine Stufe höher als gewöhnlich. Er scheint gerührt. Vielleicht ist es eine List. "Sie dürfen die Augen öffnen, das Ziel ist erreicht", er klingt gefasst. "Nein, ich will noch abwarten", sachte flüstere ich die Erwiderung; für Esomo Anlass, herzhaft zu lachen. "Augen auf ! Es geht nicht weiter", prustet er hervor. Ich traue ihm, ich muss ihm vertrauen; überdies, wer oder was kann mir hier eigentlich noch hilfreich zur Seite gehen? Niemand und nichts, was die Spucke Wert wäre, ausgesprochen zu werden. Hellhörig will ich sein, dem Quacksalber zuhören, dabei aber den stummen, nachdrücklichen, stets rechthaberischen, immer Recht habenden Empfehlungen meines Abdomens Gehorsam zollen. Dem ersten Schrei, der Meinung kundtut, der ersten inneren Einmischung will ich ausreichend Gehör schenken. Es soll meine Pflicht sein, ehe ich dem Kurpfuscher auf den Leim gehe. Doch ich habe es so gewollt.
Ich öffne die Augen, grell ist es, weiß nicht, wo ich bin. Eine undurchsichtige bernsteingelbe Nebelwand mit blutrot protzenden, schnell dahin scheuchenden Schwaden verwehrt die Sicht. Ich sehe den Medizinmann nicht, aber er steht dicht hinter mir, seine Pranke ruht behutsam auf meiner linken Schulter. Die Berührung brennt sich vom Verstand zum Gewissen, in das die Angst ihre Löcher ätzt. Ich habe doch nichts zu verbergen. Oder? Hin und wieder presst der Quacksalber die Hand sanft auf mein Haupt, drückt es behutsam nach unten, rechts oder links, manchmal rutscht sie zum Nacken, zwingt den Leib in die geduckte Haltung. Mein Schicksal ist ihm offenbar nicht gleichgültig. "Jetzt dürfen Sie gehen, bewahren Sie aber die Balance, der Pfad ist schmal, scharf, sehr scharf. Fürchten Sie sich nicht, auch wenn er Ihnen die Fußsohlen zerfetzen wird. Mein erbärmliches Herz wird auf der Reise bei Ihnen sein", die Stimme des Medizinmannes hallt ein dreifaches Echo. Er greift nach meiner Hand, unter seinen Ballen pulsiert der unregelmäßige Herzschlag einer empfindsamen Bestie; er führt mich mit langsamen und vorsichtig tastenden Schritten vorwärts. Mein linker Fuß erfühlt einen schmalen Grat. "Vorwärts, nur Mut, gehen Sie, verachten Sie den Schmerz. Achten Sie auf die Uhr, bitte, bitte verlieren Sie die Uhr nicht!", sacht stößt er mich auf die rasierklingenscharfe Brücke, drückt mich nach vorn, schiebt mich ins Irgendwo. "Leben Sie wohl", in seinem Abschiedswort verfliegt meine letzte Courage, seine Antwort bleibt aus. Er hat mich bereits verlassen, für immer, geht einen unbekannten, für mich versperrten Weg zurück. Der Medizinmann ist gegangen.
So wie ein gewetztes Messer widerstandslos weiche Butter zerteilt, schneiden sich meine wehrlosen, entblößten Fußsohlen in den Fleisch zergliedernden Pfad. Jegliches Gefühl von Schmerz bleibt aus. Das Muskeln, Sehnen zerschneidende, sich reuig, zugleich erbärmlich ins Hirn verkriechende Geräusch, begleitet den ersten Schritt. Das Gewicht meines Körpers mausert sich zum Feind, erzwingt die Zerstückelung meiner Füße, besorgt die Zweiteilung der Füße von den Zehen bis zur Ferse. Wieder zirpen die Zikaden, weit vor mir, weit hinter dem absonderlichen bernsteinfarbenen Nebel, aufgeregt schilpen sie "Glantono, Glantono, Glantono!". Das Herz schlägt sich durch die dünne Haut, will der Qual freien Lauf gewähren, völlig enthüllt schreit es gegen den Smog an. Ich taste den Muskelkrampf behutsam ab, beruhige das hektische Ungleichmaß, zerre den hinteren Fuß gefasst aus der auseinander schneidenden Verankerung. "Die Balance wahren", des Quacksalbers nachdrücklicher Rat, seine Worte, prall mit Wahrheit gefüllt, zwingen sich auf; fordern, bloß nicht zu taumeln. Ich setze den zerfetzten Fuß vorn auf, vollende den zweiten Schritt, beeile mich, die tiefe Wunde im Fuß sorgfältig in den scharfgratigen Pfad einzupassen. Ein Ruck erfasst den Körper, der Schub meines Gewichts trennt den Unterschenkel auf dem unheiligen Weg bis zum Wadenbein hin auf. Ich stürze schräg nach vorn, drohe kopfüber auszugleiten; Instinkt reißt den Oberkörper zurück; zum Glück schneidet sich auch der hintere Unterschenkel an der unterweltlichen Messerbrücke in die vorherbestimmte Zweiteilung. Ich sinke hastig ab, breite die Arme aus, die Finger greifen ins Leere, suchen nach irgendeinem Halt im fürchterlichen Dunst, finden ihn aber nicht; doch ich stecke glücklich fest, finde das Gleichgewicht, der tiefe Schnitt in beiden Unterschenkeln gibt mir vorerst Sicherheit zurück.
Die Zikaden sind jetzt in der Nähe, dicht vor mir, ich sehe sie nicht, aber sie singen laut und lieblich "Duito, Duito!". Ich habe mich fest geschnitten, bin zur Bewegungslosigkeit verdammt; feinste Regung würde den unaufhaltsamen Absturz bewirken, den unendlich langen Fall in den erbarmungslosen Fluss der Unterwelt, in den tief unter mir brodelnden, kochenden, Fleisch auflösenden, Seelen verdampfenden, ins dunkle Nichts dahin siedenden Strom. Schauder durchwallen den Körper, Unmut steigt auf, sich dem nächsten, dem letzten Schritt zu ergeben. Die fremdartige Welt schaukelt sich gemächlich in die Seele ein, mir wird schwindelig, das bernsteingelbe, blutrote Schwadenkarussell setzt zum feisten Reigen an, rotiert im Mördertempo zum beschmutzten, den Tod einfordernden Braun. Der Wunsch an den erlösenden Sprung entzückt das Hirn, die Augen verbrennen im Nebel, das Atmen widersetzt sich dem beißenden Schmauch. Die Begierde sich fallen zu lassen drängelt mit zerstörerischen Kraft in Leib und Hirn, will mich zwingen, auf den letzten, den befreienden Schritt freiwillig zu verzichten. Die Muskulatur löst fügsam die Spannung, erhört den schwarzen Befehl. Der Kopf sackt auf die Brust, unter mir fetzt der Dunst auseinander, gewährt den Blick auf des Todes gnädige Gewässer. Weit unten, viel zu entfernt, viel zu tief, um von oben eine Bedrohung ausmachen zu können, schaukelt ein zerbrechlicher Nachen im Fluss; drinnen ein Wesen, kaum zu erkennen winkt einladend zu; es gestikuliert mit verkrüppelten Armen, deformierten Beinen, als wolle es mir sagen, dass ich nur zu springen bräuchte, er würde mich schon schützend auffangen. Ein Ruf dringt an mein Ohr "Ich bin Esomo, spring!".
Aufregung, die Zikaden schlagen Lärm; schreien wild durcheinander, kreischen "Omele, Omele!". Ich hebe den Kopf, der ermattete Blick streift das bereits aufgegebene Ziel. "Ab gai, hierher!", fordert eine gestrenge Stimme auf der anderen Seite; schemenhaft zeichnen sich zwei hilfreiche Hände zwischen den beklemmenden Nebelfetzen ab, der Sud deckt sie sofort wieder zu. Ein dritter Schritt ist unmöglich, zu tief hat sich der Rasierklingenpfad in die Unterschenkel hineingefressen. Gierig lauert Esomo, dass ich den dritten Schritt, den endlich vernichtenden riskiere, hat bereits das gefällte Gleichgewicht vor Augen, meinen Absturz, den abtrudelnden Körper, der dem gefräßigen Strom der Nimmerwiederkehr naive Aufwartung machen wird. Ich beuge den Oberkörper langsam nach vorn, beinahe zu langsam; unliebsame Zuckungen malträtieren die Balance, schiebe die Arme gleichlaufend zum feindlichen, zum scharfkantigen Grat, presse ihn zwischen beide Handballen, ziehe mich Millimeter um Millimeter dem Ende des dritten Schrittes entgegen.
Die Zikaden sind nahe, "Akale, Akale, er kommt!". Der Kopf bricht durch die Nebelwand, der scharfe gefährliche Grat verbreitert sich zu einem metallenen Steg; die blutverschmierten, zerschnittenen Hände greifen weit aus, saugen sich an den blechernen Seitenwänden fest, ziehen Fleisch und Knochen zusammen mit verbliebenen Lebensgeistern der vorhergehenden Welt auf den rettenden unbekannten Grund. Die Brust, das die Haut hinter sich gelassene, frei schlagende Herz, werden vom letzten kräftigen Armzug zerschnitten. Toter Körper landet an.
Die Zirkaden zirpen "Miro Bral", weniger aufgeregt, eher gleichgültig, grölen, lallen "Akale, Akale". Weiß nicht, wie lange ich gelegen habe, der Augenaufschlag streift die Uhr. Glas, Metall, festgekrallt in der Linken, führe ich ans Ohr; höre, wie die Zeit vergeht, wie die Sandkörnchen rieseln, höre die Zeit ticken, höre, wie sie dem Irgendwann entgegen geht und wieder von ihm fort. Zwei fremde Hände betasten meine Stirn, dann meinen klammernden Griff, lösen die Uhr aus. Ich bin zu schwach, um aufzuschauen, presse das Gesicht auf staubtrockene Erde; es ist schwül, tropisch schwül. Sengende Hitze schlängelt sich durch die Gehörgänge zum Verstand, trommelt darin ein wahnwitziges Allegro energico, fordert schleichend Umnachtung ein.
"Schläft", erregt bläst ein Kerl die Nachricht in die glühende Umgebung, mitten in meine Schwäche, meine Trance hinein und dreht mich auf den Rücken. Das muss Esomo sein. Ich bin abgestürzt! Bin zu matt, die Augenlider ein zweites Mal auch nur um einen Millimeter anzuheben, obwohl mich Neugier treibt zu erkunden, was hier um mich herum geschieht, was mit mir geschieht.
"Trinken!", wieder die Stimme, die sich in der Hast brennender Ungeduld verliert. Eine zittrige Hand schiebt sich zwischen Strohlager und Nacken, hebt meinen Kopf, führt mir ein Gefäß an die Lippen. Ich trinke hastig. Wasser, frisches, kühles Wasser. "Sie sind erschöpft!", Stille verdrängt den Nachhall der Worte, der Fremdling ist schon fort. Schweiß perlt auf der Stirn, rutscht in dünnen Rinnsalen von der glatten Schläfenhaut den Nacken hinab, tröpfelt sich in die Ohrmuscheln. Das Zikadenorchester, weit entfernt, doch feinen Gehörs, stimmt in den Rhythmus meiner wilden, unregelmäßigen Herzschläge ein; das zusammengewürfelte Ensemble spielt mir eine wunderbare Nachtmusik, spielt ein "Omele, Omele". Ich schlafe ein.
Irgendwann werde ich von der zittrigen, fremden Hand geweckt. "Sie dürfen die Dämmerung nicht versäumen", der Fremde zerrt mich nach draußen, es ist grell, der Himmel in blendend scharlachrotem Licht. "Bald wird es Tag. Die Schatten werfen sich in den Morgen, die lebenden, die ewig wandernden Schatten. Bringen uns Botschaft von der anderen Seite, bringen das Unsichtbare herüber, sie, die alles miteinander verbinden, in denen das Leben von hüben und drüben pulsiert, das Leben von damals, von morgen. Kein Schatten hat Macht, dem anderen Gewalt anzutun. Der Schatten des Kriegers kann nicht töten. Der Schatten des Menschen ist des Menschen ideale Wirklichkeit, des Menschen Schönstes; wir sind ein schlechter Abklatsch unserer eigenen Schatten, sind mit Fehlern behaftet, unvollkommen, weil wir körperlich sind, vergeistigt, weil wir handeln. Seit Urzeiten ziehen die Schatten ihre Bahnen, edelmütig, friedvoll, frei von Rachegelüsten und sammeln das Leben aller Zeiten, das Wissen, die Weisheit; sie sind alt und voller Würde. Sie verstehen gut zu leben. Deshalb verehren wir sie."
Ich kann den Unbekannten nicht ausmachen, habe viel zu lange im Dunkeln gelegen; im grellen Licht kapituliert die Sicht. "Schauen Sie, schauen Sie doch, da drüben!", in der fremden Stimme schwingt Erregung. Langsam, ganz allmählich formen sich vor den Augen Konturen, formt sich eine bizarre Landschaft. Ich sehe die Sonne, was für eine Sonne, eine unheimliche, grauenerregende, abstoßende Sonne; eine schrecklich runde, zyanblaue Scheibe schiebt sich bedrohlich zuckend am entfernten Horizont in die Höhe, verdrängt den mich grellrot anschreienden Nachthimmel, verdrängt die letzten zitronengelben Wolken, die in die Unheimlichkeit hinweg hetzen.
Der Fremdling wirft sich in den Staub, trommelt mit den Händen auf den Boden, stößt die Stirn in den weichen Grund, streut sich die Krume über Haare und Schultern, beglückwünscht das giftige Blau zur gelungenen Wiederkehr. "Sei willkommen, überlegener, zurückhaltender, beherrschter Gebieter, du blauer König, du gerechter König, du, der den Tag mit gerechter Strenge betritt. Gib uns Zurückhaltung, Gleichmut, gib uns Erhabenheit, blauer Gebieter. Wir danken dir." Ich blicke mich um, eine fremde Umgebung baut sich aufdringlich grienend vor mir auf. So weit das Auge reicht Savanne, ausgedörrtes, verbranntes Land, sparsame fliederfarbene, an manchen Flecken tiefviolettfarbene Grasnarbe thront schrill über staubiger Krume, darauf sich blaue Sonne spiegelt; eisblauer Sand, kobaltblaues, mit ultramarinen Nuancen durchwobenes Erdreich. Verstreut Palmen im Gelände; erikafarbene Blätter mit kobaltvioletten, purpurvioletten Schattierungen an lichtblauen, rauen Stämmen biedern sich dem königsblauen Tagesstern an. Meine nackte abendländische Haut brüstet sich im herrlichsten Indigo. Mein fremder Begleiter, der Betende, der Demütige, bestreut sein kaltgraues Kraushaar, die eisblaue Haut mit blaugetönter, mit blauafrikanischer Erde. Ich bin in Afrika, in Blauafrika!
"Gehen wir, Okpame wartet", jäh ergraut meine Farbversunkenheit an der Stimme des wildfremden Gläubigen. "Okpame?" Ich begreife nicht, ein sanfter Schubs auf den Rücken weist mir die einzuschlagende Richtung. Ich füge mich, tauche wieder staunend in das verblüffende Farbspektakel ein. Seite an Seite, ohne ein Wort zu wechseln, gehen wir auf einer breiten Allee entlang, festgestampfte azurblaue Erde unter den Füßen. "Dort steht Okpames Jeep", raunt mein Führer. Anscheinend sieht er die kobaltblau vernebelten Gedankengänge unter meiner indigofarbenen Kopfhaut ziellos dahin rasen und lacht ein dumpfes dunkelblaues afrikanisches Trommeln.
"Haben Sie gut geschlafen?", eine raue Stimme aus dem Jeep reißt mir endgültig und gewaltsam die Augenlider auf und rempelt mich in den Morgen. "Was, wie?", ich hebe verdutzt den Kopf, Okpame schiebt sich aus dem Jeep, baut sich aufdringlich grienend vor mir auf, schmettert rauborstiges Lachgekeife in den endlich auch für mich erwachenden Tag. Esomo, der Medizinmann, mein Begleiter, der Fremde, der Unbekannte, mein Freund, lächelt: "War doch ein schönes Fest gestern. Ja, ja, der Palmwein!". Dann blickt er mich durchdringend an, nimmt meine Linke, ich spüre die weichen, warmherzigen Handballen, spüre des Freundes Nähe. "Kommen Sie, ich habe eine Überraschung." Nun sitze ich im Jeep, die Innereien des Körpers boxen gallig gegen die Haut, ich bin entmachtet, der Medizinmann scheint die Verlegenheit aus mir herauszulesen, förmlich zu riechen. Mein Rücken ist schweißnass. Ich höre die Zikaden aufgeregt zirpen, "Glantono, Glantono". Esomo stimmt ein, beginnt lauthals zu singen. Der Medizinmann ist heute außergewöhnlich gut gelaunt.




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Eingereicht am 15. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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