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Heiße Sonne

©  A. Barbina


Wie jeden Tag stand ich mit den anderen auf dem Feld und hackte den Boden locker. Die anderen, das waren meine Mutter, einige meiner Geschwister und andere Freunde aus unserem Stamm. Die Sonne gab uns helles Licht, das sehr heiß war und den Boden austrocknete. Darum mussten wir ihn regelmäßig lockern, bevor wir neue Saaten hinein geben konnten. Ich hoffte, dass die Sonne dieser Saison etwas freundlicher gestimmt wäre und nicht so viel von unserer Ernte zerstören würde. Warum sie immer so heiß war, das wusste ich nicht. Ich hatte von Ländern gehört, die weit weg von unserem lagen, in denen die Sonne nicht so heiß war und wo es überall grün war. Als ich einmal Bilder von solchen Ländern gesehen hatte, die uns weiße Menschen mitgebracht hatten, hatte ich versucht mir vorzustellen, wie es wäre, in so einem Land zu leben. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, auf weichem, Pflanzen bedeckten Boden zu laufen, und es erschien mir wie ein lustiges Märchen. Ich glaubte, ich würde gerne einmal diese Erfahrung machen, aber ich wusste nicht, ob ich mir vorstellen könnte, dort für immer zu leben. Dieses andere Leben erschien mir so fremd, dass es mir komisch vorkam und ich mich dort wahrscheinlich nicht wohl gefühlt hätte. Es schien, wie eine andere Realität, die auf den ersten Blick interessant und auf den zweiten unheimlich wirkte.
Während der Feldarbeiten hatte ich immer viel Zeit, nachzudenken. So spürte ich auch nicht so sehr, wenn meine Knochen müde wurden und wehtaten. Ich dachte noch einmal an die weißen Menschen. Vor gar nicht langer Zeit waren erst welche hier gewesen und hatten sich eine Weile bei uns ausgeruht und etwas gegessen. Sie hatten komische Geräte dabei gehabt und uns erklärt, dass sie irgendwelche Dinge in der Natur forschen wollten. Ich fragte mich, ob sie es wohl geschafft hatten, ihre Antworten zu finden. Die Natur hatte ihre eigenen Launen und es erschien mir fremd, ihren Geist untersuchen zu wollen. Aber interessiert hätte es mich schon, was die weißen Menschen mit ihren Geräten erfahren hatten, auch, wenn ich mir nicht sicher war, ob ich ihnen geglaubt hätte. Die Menschen in unserem Stamm verstanden die Natur auch ohne solche Geräte. Sie hatte viele Weisheiten und Heilmittel für uns und barg viele Geheimnisse über das Leben, die sie in ihrer Sprache weitergab, die man erst lernen musste, zu verstehen.
Etwas später saß ich auf einem Baumstamm und flocht aus dicken Gräsern ein Armband, das ich anschließend mit kleinen, bunten Perlen überziehen würde. Es sollte ein schönes Armband werden, denn heute Abend würde es ein Fest geben. Einer meiner Brüder würde heute Abend zurückkommen und für einige Tage bleiben. Er lebte jetzt in einem anderen Stamm, in dem er als einziger meiner Geschwister zu einer Schule gehen durfte. Es gab nur wenige freie Unterrichtsplätze, und er war ausgewählt worden. Manchmal erzählte er etwas darüber, und sogar Schreiben hatte er dort gelernt. Ich konnte nur malen, aber das machte mir nichts aus. Ich malte gerne. Meine Mutter sagte oft, dass mein Bruder bestimmt versuchen würde, wegzugehen, wenn er älter wäre, um noch mehr zu lernen. Die Menschen in unserem Stamm blickten zu ihm auf, weil er soviel wusste und konnte. Es war schön, dass er heute Abend zurückkommen und das Fest mit uns feiern würde. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen und er fehlte mir. Ich freute mich darauf, heute Abend mit ihm zur Musik zu tanzen, wenn für einen Augenblick lang alles so wäre, wie früher.




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Eingereicht am 13. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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