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Ausgerechnet Afrika!

©  Claudia Gürtler


Am unteren, dem südlichen Rand von Sizilien ist die Welt zu Ende. Vages Wellengeplätscher löst sich von der schönen Küste und läuft nach einer nicht fassbaren Distanz auf wenig gegenständlichen Sand auf, verliert sich im großen Nichts. Das Nichts hat die Form eines riesigen weißen Flecks im Atlas, wie er schon da war, bevor sture Entdecker ihrer Intuition und ihrem Ehrgeiz folgten und einen Kontinent entdeckten, wo keiner mehr sein sollte, weil die Welt so weit unten zu Ende ist. Einen Kontinent noch dazu, den im Verlauf seiner Geschichte wohl nie jemand wirklich ernst nahm - Afrika!
Deshalb lachte Celia, lachte spontan und laut mit zurückgelegtem Kopf, als Philip den Auftrag formulierte, den er angeblich für sie hatte, und der für sie so wenig gegenständlich war wie der weiße Fleck im Atlas. Neuanfänge, gute Gespräche, Aufbau und vielversprechende Geschäfte in Afrika!
"Wer einen vollen Bauch hat, taugt zum Geschäftspartner!", erläuterte Philip. "Wir müssen also nur dafür sorgen, dass die Afrikaner auch essen, was sie anbauen. Ein paar Insektizide und ein paar Pestizide lösen eines der größten globalen Probleme. Und...", er zwinkerte verschwörerisch, "...wir helfen damit nicht nur Afrika, nein, wir helfen auch uns selbst! Stell dir vor, wie viel ungenutztes Land...." Celia hörte nicht weiter zu. Ja, er war schon ein Spaßvogel, dieser Philip.
Und so lachte Celia, lachte, bis sie die Flugtickets, Einreisevisa, Arbeitsunterlagen, Namen von Kontaktpersonen und eine Liste mit unbedingt notwendigen Impfungen in den Händen hielt. Doch nun nahm sie die Gegenständlichkeit der Papiere überdeutlich wahr, und es ihr verging, das Lachen, denn jetzt gab es ihn tatsächlich, den Kontinent südlich von Italien. Es gab ihn, und er hieß Afrika.
Nun ja, wenigstens sprach Philip nicht von Kriegsgebieten wie dem Sudan, Zaire oder Burundi, von Hungerländern wie Äthiopien oder dem Senegal, von Benin und Togo, die so klein sind, dass sie im Atlas schlecht beschriftet werden können. Er sprach auch nicht von Kenia mit seinem berüchtigten schwarz-weißen Heiratsmarkt, nein, er sprach von Südafrika, das sie zwar für gefährlich, aber doch immerhin am Rande für geschäftlich interessant hielt. Einigermaßen zivilisiert und in Details fast mitteleuropäisch sollte es da zugehen. Sogar einigermaßen sauber sollte es sein, und alles gefährliche Getier blieb draußen im Busch, wo sie mit Sicherheit nicht hinkommen würde. Wahrscheinlich ließen sich die großen Geschäfte mit Insektiziden und Pestiziden schnell und unkompliziert abwickeln. Ein paar Drinks und ein paar Unterschriften unter den kühlenden Ventilatoren einer weitläufigen Hotellounge, und die Sache war erledigt. Celia blätterte und fand das wichtigste Papier in den Dokumenten, die ihr Philip überreicht hatte; ein Rückflugticket, wenn auch ein undatiertes.
Südafrika also, so viel Pietät brachte Philip immerhin auf.
"Es führt wohl kein Weg daran vorbei?", fragte sie betont gleichgültig, obwohl sie die Antwort kannte. Wenn Philip seine noch nicht dreißigjährige "große Hoffnung" nach Afrika schickte, wollte er, dass sie nach Afrika reiste. Es stand nun mal in seiner Macht, Celia auf den geschäftlichen Olymp der Agrarchemie zu katapultieren oder aber sie scheitern zu lassen. Ein Nein zu diesem lächerlichen Auftrag in Afrika konnte ihre Karriere von einem Tag auf den anderen beenden, für immer beenden.
Und so nahm sie lächelnd die Reiseunterlagen aus Philips Hand entgegen und ging nach Hause in ihre nüchterne Wohnung - sie war ja nie da - um zu packen.
Sie kaufte ein Reisehandbuch, welches sie lustlos zuunterst in den Koffer warf, ohne es auch nur einmal aufzuschlagen. Eine nie gekannte Unlust, ja ein Widerwille gegen dieses Land, das sie nicht kannte, hinderten sie daran, sich wenigstens die Farbfotos anzusehen. Sie konnte das Buch immer noch lesen, wenn sie dort war. Sie konnte es lesen, falls sie es brauchte, aber im Grunde erübrigte sich alles Denken. Philip hatte für sie gedachte, und es genügte, wenn sie in vorausgeplanten Bahnen handelte. Philips Geschäftspartner würden sie erwarten und ihr bei allem und jedem behilflich sein. Sie würden da sein, wenn es Probleme gab, und sie würde ihre nichtssagenden Gesichter schon auf der Heimreise nicht mehr abrufen können, denn beide Seiten hatten das größte Interesse daran, die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Celia studierte die Abflug- und Ankunftszeiten. Nun ja, wenigstens das! Der Flug startete abends um neun und würde morgens um neun in Johannesburg sein.
Man machte die lange Reise also sozusagen im Schlaf. Sehr angenehm. Am Donnerstag der kommenden Woche saß Celia schon im Flugzeug. Sie stocherte lustlos im Plastiktelleressen, pickte ein paar Bissen heraus, bestellte einen doppelten Gin-Tonic und sank, während "Out of Africa" übers Bordkino flimmerte, in einen unruhigen, alptraumschweren Schlaf. Noch im Traum schmerzten die ungewohnt intensiven Farben des Films - "Oh!", und "Ah!" und "Schau mal wie schön!" - hinter den Lidern, Celia fand weder Tania Blixens Ehemann noch den charmanten Dennis Finchhatton sympathisch, und die nicht zu deutenden Tiergeräusche, die aus der üppigen Vegetation stiegen, machten ihr ebenso Angst wie die schweigend im Garten stehenden schwarzen Menschen.
Südafrika schlug mit seiner Hitze nach ihr, als sie aus dem Flugzeug stieg.
Sie rang nach Luft und betrachtete angewidert den roten Sand, der in feinen Wolken über die Landepiste wehte. Ihre eleganten weißen Jeans würden seinem Angriff nicht standhalten. Natürlich war es kein großer Flughafen.
Natürlich gab es nur schwarzes Personal. Natürlich war das gequetschte Englisch kaum zu verstehen. Und natürlich ging alles mit nervtötender Langsamkeit vor sich. Niemand bewegte sich in dieser Hitze schneller als unbedingt nötig. Celia stand verloren in der turnhallengroßen Abfertigungshalle, den Koffer zwischen den Beinen und die Reiseunterlagen in der Hand.
Das Wie-weiter? hatte sie - sie musste es sich nun eingestehen - gründlich verdrängt, und erst jetzt fiel ihr beim Blättern in den Unterlagen ein zweites, handgeschriebenes Flugticket auf, welches den Weiterflug nach Martins Drift am Limpopo versprach, dies in halbherzig krakeliger Schrift, die das gemachte Versprechen gleich wieder in Frage stellte. Oder ganz zurücknahm? Nun, ihr sollte es recht sein. Sie hätte nichts dagegen gehabt, das Flugzeug, welches sie eben verlassen hatte und welches seine Nase nun Richtung Norden gedreht hatte, gleich wieder zu besteigen. Nichts ist lächerlicher als Heimweh, aber beim Gedanken an eine große Toblerone-Schokolade in Matterhornform hätte sie beinahe geweint. Sie hatte plötzlich Hunger, und das erste, was ihr einfiel war Schweizer Schokolade!
"Celia?"
Celia fuhr herum und wäre beinahe über ihren Koffer gestolpert, nach dem ein junger Afrikaner in grellbuntem Hemd bereits griff. Er grinste von einem Ohr zum anderen und wies auf ein kleines Flugzeug, welches Celia durch die schmutzigen Scheiben am Rande des Rollfeldes nur undeutlich sah.
Was fiel dem Kerl bloß ein, sie zu duzen?
Obwohl ihr das gar nicht ähnlich sah, wehrte sie sich nicht, fragte nicht gereizt nach seinem Namen, bat nicht um eine Erholungspause und um Kaffee und frische Brötchen, sondern schlurfte müde hinter dem Grellbunten her, der ohne weiteres Nachfragen die Regie übernahm. Er kratzte sich besorgt am Kopf, als er Celias Koffer sah, bugsierte dann aber die Besitzerin und ihre Habe ins winzige Flugzeug, kletterte behände hinterher und zwängte Celia, die empört protestierte, beinahe handgreiflich in die Gurte eines staubgrauen Fallschirmes.
"Wüste hat heute sehr schlechte Laune", verkündete er noch immer grinsend.
"Wüste?", kreischte Celia entsetzt, "wieso Wüste? Ich bin wohl auf dem falschen Dampfer!"
"Nix Dampfer", versicherte der Grellbunte, "nur Flugzeug, kleines Flugzeug gegen viel Wüste und Busch und Fluss und Krokodile..."
Während der Bunte den Propeller der kleinen Flugkiste von Hand anwarf, blätterte Celia hektisch in ihren Unterlagen, las vage etwas von Aufbau und Pflanzenschutzmitteln und Agrochemie und - tatsächlich: Limpopo! Der Limpopo ist ein Fluss weit unten auf jenem weißen Kontinent, den es gar nicht geben dürfte, weil die Welt dort endet, wo auch Sizilien endet.
"Alles klar?", brüllte der Grellbunte durch den Lärm der Maschine, und Celia wollte "nein" sagen und sagte "ja", und der Bunte drehte an Knöpfen und legte Hebel um und rief glücklich "no brroblem!", als die Maschine ratterte und knatterte und sich schließlich in die Luft erhob, wo es zu Celias großer Überraschung gespenstisch still war.
Schwindel und Übelkeit überfielen Celia, und sie wurden schlimmer, wenn sie die Augen schloss, sodass sie trotz allem hinsehen musste, hinunter auf die Stadt, die mitsamt ihrem zerfledderten Rand schnell verschwand und einer ungeheuren braun-gelben Weite Platz machte. Aus verdorrtem Gestrüpp lösten sich rennende Tiere, und Celia war nun so weit taub vor Entsetzen, dass sie, was sie sah, emotionslos aufzeichnete wie eine Filmkamera.
Sie flogen und flogen und Celia wunderte sich, dass ein so kleines Flugzeug Sprit für eine so lange Strecke mittragen kann. Sie begann nachzudenken und versuchte, sich jenen riesigen weißen Flecken im Atlas vorzustellen, den sie zur Zeit Richtung Norden überquerten. Hätte sie doch den gekauften Reiseführer gelesen und den Atlas genauer studiert! Sie fragte sich, ob sie zusammen mit dem Grellbunten nicht bereits halb Afrika überflogen hatte.
Vielleicht befanden sie sich ja gerade jetzt mitten im Herzen eines nicht wirklich existenten Kontinents, und vielleicht hatte Afrika ein zorniges und rachsüchtiges Herz. Vielleicht nahm Afrika Celia ihre Gedanken übel.
Den Grellbunten hatte Celia vergessen, einfach ausgeklammert aus ihren Gedanken. Er saß zusammengesunken und völlig bewegungslos vor dem Armaturenbrett, und Celia sah nur seinen krausen Hinterkopf und einen Teil des verrückten Hemdmusters. Plötzlich erwachte er zum Leben und wandte sich nach ihr um. Er grinste noch immer, wies aber aufgeregt gestikulierend nach vorn und nach unten. Von vorne kam eine grau-rote Sandwolke auf das Flugzeug zu, welche in Celia sämtliche Fluchtinstinkte weckte, und unter ihnen war die weite Ebene einem wilden, grünen Baumwirrwar gewichen, nur unterbrochen vom Mäandern eines erstaunlich blauen Flusses.
"Martins Drift", sagte der Bunte und schaltete auf Autopilot. Er kletterte im Flugzeug nach hinten, und Celia, die nirgendwo eine Landepiste ausmachen konnte begriff, bevor er noch die Tür öffnete, warum sie einen Fallschirm trug.
"Geht von selbst auf", beruhigte sie der Grellbunte, und fast liebevoll setzte er seine Kraft gegen sie ein und warf die hysterisch Kreischende aus dem Flugzeug.
Rasend schnell näherte sich das grüne Chaos, und Celia sah ihr erfolgreiches, geschäftstüchtiges, leeres Leben an sich vorbeiziehen, ohne noch an eine Fortsetzung zu glauben. Mit einem Ruck öffnete sich plötzlich der Fallschirm, und Celia kam ihr Flug nach unten nun geradezu zeitlupenhaft langsam vor. Der Fallschirm überquerte, als lenke ihn eine unsichtbare Hand, den Fluss und die letzten hohen Wipfel, die Strohdächer eines kleinen Dorfes und eine johlende, rabenschwarze Kinderschar in grellbunten Hemden und Röcken. Unzählige Kinderhände griffen nach ihr und befreiten die Willenlose von Gurten, Schnüren und Stoff.
Celia ließ sich von starken Männerhänden tragen, ließ sich von alten Frauen waschen und füttern und trösten wie ein Kleinkind, und dann schlief sie achtundvierzig Stunden lang ohne sich zu rühren, hingestreckt in eine Hängematte. Sie erwachte mit schmerzenden Gliedern, aber klarem Kopf, und als ihr ein kleines Mädchen eine Schale mit Maisbrei und Beeren brachte, tauchte sie ausgehungert den handgeschnitzten Holzlöffel ein.
Joseph, der als Kontaktmann für das ehrgeizige Projekt von Philips Firma zur Ausrottung von Pflanzenfraß und menschlichem Hunger in ihren Unterlagen stand, gab es tatsächlich. Er war jung und schwungvoll, und er verbeugte sich übertrieben und grinste von einem Ohr zum anderen, als er sich vorstellte. Natürlich trug er ein grellbuntes Hemd, und natürlich erwartete er, dass Celia ihm versicherte, es sei von Kindsbeinen an ihr größter Wunsch gewesen, Afrika zu sehen.
Seine dunkle Hand mit den seltsamen, hellen Handflächen beschrieb einen weiten Bogen.
"Das hier ist Afrika", sagte er, und Celia ließ gehorsam die Blicke wandern. Ein sandiger Dorfplatz, strohgedeckte Lehmhütten, eine ebenfalls strohgedeckte kleine Forschungsstation, ein Gewächshaus mit beschlagenen Scheiben und ringsum Wald, wildes Wuchern, aus dem Tierstimmen drangen.
Träges Fließen eines breiten, aber untiefen Flusses und drüben, auf der anderen Seite, die vielstimmige Antwort auf das diesseitige Zirpen, Pfeifen, Brüllen, Röhren und Schnattern.
"Afrika", sagte Joseph schwärmerisch und berührte sie sanft am Arm, "Afrika lässt einen nie wieder los!" Sein Grinsen hatte sich gewandelt, war schmal und schicksalsergeben und fast melancholisch geworden, und Celia sah in die unergründlichen schwarzen Augen im tiefschwarzen Gesicht und nickte und nickte.
Das hier war Afrika, ein riesiger, weißer, unbekannter Fleck im Atlas, und Afrika ließ einen nie wieder los, denn es gab keine Landepiste für Flugzeuge, und es gab ringsum Tausende Kilometer Wüste ohne Wasser, endlose, durstige Landschaft, und es gab den von wilden Tieren bewohnten Urwald, Tausende Kilometer davon, aber keine Wege, die hinausführten.
Joseph nickte ernsthaft, und Celia nickte, und eine fröhliche Kinderschar nickte lachend mit.
"Komm", sagte Joseph, "es ist Zeit fürs Abendessen. Die Forschungsstation zeige ich dir morgen."
"Oder nächste Woche", sagte Celia.
Sie hatten alle Zeit der Welt.




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Eingereicht am 13. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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