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Heiße Berührung in Kenia

©  Rosemarie C. Barth


Sentimental sitzt Patricia am Bett ihres kleinen Mädchens und betrachtet ihr schlafendes Kind. Drei Jahre alt ist die Kleine. Sanft streichelt Patricia die braune Haut ihrer Tochter. Adelia schläft und träumt süß. Ein bezauberndes Lächeln huscht über das lieblich, tiefschwarz umlockte Gesicht. Adelia mein Sonnenschein, denkt sie. Ein wohliges Gefühl macht sich breit in ihr. Damals hatte sie einen hohen Preis bezahlt...
Aber heute weiß sie, Adelia würde sie um nichts auf der Welt hergeben. Das Mädel ist ihr ganzes Glück, wärmt ihr Herz und Seele, gibt ihrem Leben Sinn. Jedoch ist Patricia auch um die Zukunft ihres Mädchens besorgt. Jeden Tag spürt sie, wie schwer Menschen es haben, die abweichen vom deutschen Gesicht.
Sie beginnt sich, wie so oft, auch jetzt zu erinnern: Vor vier Jahren freute sie sich auf eine Reise nach Kenia. Mit ihrem Ehemann Holm checkte sie im Hotel Severin-Sea-Lodge ein. Luxuriöser Komfort inmitten eines Palmengartens direkt am Indischen Ozean. Patricia und Holm waren von der exotisch-afrikanischen Aura begeistert.
Auf einer Rundreise durch Mombasa passierte es dann.
Am Fort Jesus stand der Massai, ein kenianischer Krieger.
Er lehnte an der riesigen Kanone, die früher den alten Hafen von Mombasa bewachte. Fort Jesus wurde aus Korallenstein erbaut und ist herrlich bunt. Der Massai fixierte Patricia und auch sie konnte ihre Augen nicht mehr von ihm abwenden. Seine geschmeidige Gestalt, diese schokoladenbraune Glanzhaut! Er war gehüllt in ein farbenprächtiges Gewand mit rotem Umhang. Patricia fühlte den Boden unter ihren Füßen beben. Aus seinem perlenbesetzten Stirnband ragte eine weiße Feder. Seine Füße zierten Sandalen aus Ziegenleder mit Fesselschnüren bis zu den Knien. Ein meterhoher Speer entstieg seiner schwarzen Hand. Stolz blickte er in Patricias Gesicht. Es war die kühne Gestalt des unbeugsamen Massai. Patricia erinnerte sich an eine Africa-Dance-Night im Hotel. Und plötzlich stand ein solcher Krieger zentimeternah vor ihr. Sie bemerkte kaum, dass sie ununterbrochen dieses stattliche Mannsbild anstarrte.
Holm rief inzwischen: "Hi! Are you a Massai?"
"Yes, I am!", strahlte er.
Patricia lächelte den Afrikaner an. Dann hörte sie ihn fragen: "Would you like a foto?"
Oh ja, ja, das wollte Patricia. Ein Foto mit dem Massai fürs Urlaubsalbum. Sehr gern.. Der Massai reichte Patricia seine schwarze Hand und grüßte: "Hi, lovely, Madame!" Er nahm Patricia in den Arm und wartete auf den Fotoblitz.
Holm mühte sich, bekam aber den Fotoapparat nicht aus der Hülle. Irgendwas klemmte und es dauerte. Er zog und zerrte, nichts wollte klappen. Der Massai presste Patricia fester an sich. Sie spürte seine wohltemperierte Haut und wagte nicht, wegzurücken. Wie er duftete! Anders als deutsche Männer. Er roch aromatisch und feurig. Patricia sog den würzigen Geruch des Schwarzafrikaners tief ein.
Holm hatte den Fotoapparat aus der Tasche gezogen und auf die zwei gerichtet. Der Massai drückte Patricia einen sanften Kuss auf die Wange. Patricia war wie verzaubert und stand regungslos da. Nein, wehren wollte sie sich nicht. Das Foto war geschossen. Aber der Afrikaner wollte sie nicht freigeben. Holm musste seine Frau rabiat aus seinen Armen reißen.
"Komm Patricia, wir wollen zum African-Shop Wein kaufen", drängelte er, "der Shop schließt gleich, es ist unser letzter Tag hier, komm jetzt!"
Patricia wollte nicht mit ihm gehen und redete sich heraus: "Holm bitte, ich muss dringend zur Toilette, ich komm gleich hinterher, bitte lauf schon vor."
Wenig begeistert ging Holm, drehte sich noch um und rief barsch: "Aber, komm sofort, hörst du, beeil' dich!"
"Ja, ja, bis gleich."
Als Holm nicht mehr zu sehen war, suchte sie die magische Nähe des Massai. "Hallo, afrikanischer Krieger, wie heißt du?", fragte sie ihn. Patricia war berauscht. Wie alle Kenianer, die sie im Hotel kennen gelernt hatte, sprach auch er Deutsch.
"Stanley Hokaym", sagte er mit fremdländischem Akzent.
"Und wer bist du?", fragte er.
"Ich heiße Patricia", antwortete sie.
"Patricia? Oho, ein schöner Name!"
Stanley Hokaym, dachte Patricia, ein Name wie ein Gott! Ihre Augen klebten an ihm. Sein Gesicht war glutäugig und sehr maskulin. Die Augen strahlten und die schneeweißen Zähne blitzten in der afrikanischen Sonne. Stanleys Körper wirkte bärenstark, aber gleichzeitig geschmeidig. Sie konnte sich nicht satt sehen an ihm.
"Wo kommst du her? Deine Hautfarbe ist so prächtig!" Alles wollte Patricia über ihn wissen. Wie ein Siegesgott stand er unbeugsam vor der Kanone.
"Meine Mutter ist Kenianerin. Sie lebt im Busch. Ich wohne manchmal auch dort. Mein Vater stammt aus Guinea-Bissau. In Westafrika sind die Menschen auch sehr schwarzhäutig. Aber, er ist schon lange tot", erzählte Stanley. "Ich weiß wenig über ihn. Familie, Verwandte und Freunde wohnen alle dort im Kenianischen Busch. Ziemlich weit von hier entfernt. Ich komme zum Fort Jesus und erzähle den Touristen über die ostafrikanische Geschichte und führe sie durchs Museum."
Noch neugieriger geworden, hing Patricia an Stanleys Lippen. "Fährst du jeden Tag zum Busch hin und zurück?" Ständig drängten Besucher dazu, die eine Kriegerhand schütteln wollten. Fotos mit dem exotischen Mann waren heiß begehrt. Für eine Aufnahme verlangte der Massai einen Kenianischen Schilling. Das konnte Patricia gut verstehen. Kenianer sind nicht wohlhabend. Sicher musste Stanley eine Großfamilie versorgen. Umlagert von Besuchern fragte sie wieder: "Musst du jeden Tag so weit fahren?"
Endlich gönnten die Touristen Stanley eine Verschnaufpause.
"Nein, nicht jeden Tag", antwortete er, "ich habe eine Hütte am Strand links vom "Severin-Sea-Lodge". Da übernachte ich, um tags darauf wieder hier zu stehen".
"Das ist abenteuerlich", lachte Patricia, "in einer Strandhütte zu wohnen?" Selbstvergessen starrte sie auf das sinnliche Mannsbild an. Stanley merkte es geschmeichelt. "Du kannst mich gern besuchen, wenn du am Strand spazieren gehst", schlug er lächelnd vor. Dabei funkelten seine Zähne.
"Oh, gern!", schrie Patricia aufgeregt.
"Wirklich?", fragte Stanley ungläubig, "du besuchst mich in meiner Hütte?"
"Klar, eher heut, als morgen!", hinterließ sie keinen Zweifel.
"Du wirst es leicht finden", meinte Stanley, "ist eine dunkle Holzhütte mit sieben Hotelsternen. Die habe ich als Clou dran gemalt", lachte er.
"Ich komm bestimmt, Stanley, sicher!" Patricia stand, als hätte sie der Blitz getroffen. Kaum noch merkte sie, dass sie unsanft am Arm gepackt wurde.
"Was ist Patricia, was treibst du hier?" Holm blitzte aus den Augenwinkeln. "Du wolltest zum Shop kommen! Ich warte da wie ein Idiot und du alberst hier mit dem Schwarzen rum?" Ärgerlich zog er Patricia von dem Krieger weg.
Sie trottete gleichgültig neben ihrem Mann her. Warum war Holm so kalt? In ihren vielen Ehejahren lebte er wie ein Klotz neben ihr. Nie nahm er sie in den Arm. Für ihn war klar, dass sie bei ihm lebte. Nicht mehr und nicht weniger. Was hatten sie gemeinsam? Nicht mal Kinder! Holm wollte seine Ruhe. Patricia stolperte ungeschickt.
"Pass bloß auf, wo du hin läufst, Patricia. Wo hängst du mit deinen Gedanken?" Holm schüttelte überheblich den Kopf.
Immer der eiskalte Ton, dachte sie und überlegte fieberhaft, wie sie Stanley wiedersehen könnte. Morgen war Abflug.
Abends fand im Palmengarten ein Afrikafolklorefest statt. Kellner servierten "Reis mit Huhn". Eine Massai-Gruppe führte Kriegerbräuche vor und afrikanische Tänzerinnen schwangen ihre traumfarbenen Kangas. Ein unvergessenes Ambiente unter wild-afrikanischen Sternenhimmel und romantischem Sonnenuntergang. Holm und Patricia tranken kenianischen Rotwein. Doch ihre Gedanken hingen bei Stanley. In einer Hütte direkt am Ozean wohnt er, sagte sie sich wieder.
Nach dem fantastischen Fest wandelten Patricia und Holm durch den idyllischen Palmenpark. Die anheimelnde Aura hielt sie gefangen. Seltene Gehölze wurden angestrahlt, dass es fast gruselig aussah. Der Park führte hinunter zum Meer.
"Lass uns am Strand laufen, Holm, eine so duftige Nacht", bat Patricia. Holm fühlte sich auch wohl. Sie liefen hinunter ans Wasser. Es war stockfinster, man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. "Wir müssen zurück, es ist zu dunkel, wir stürzen noch!" Holm strauchelte, als wollte er vorführen, was passieren könnte. Sie zauderte noch.
"Morgen fliegen wir zurück, komm endlich!", bekräftigte er.
"Ein paar Schritte noch, bitte", bat Patricia. Holm blieb abrupt stehen, was ganz klar 'nein' hieß.
Sie stampfte einige Schritte nach links und endlich sah sie, was sie sehen wollte! Licht! Das könnte die Hütte sein! Es nützte nichts, sie musste zurück. Was sollte sie ihrem Mann sagen, warum sie nicht mit ginge? Sie kehrte um. Holm stand wie angewurzelt an gleicher Stelle.
"Lass uns ins Hotel gehen, Patricia", schlug er vor. "Wir könnten einen Wein öffnen und auf dem Balkon plaudern! Eigentlich sollten wir auch Koffer packen."
Zurück im Hotel tranken sie auf der Loggia zwei Gläser Wein. Patricia sah trotz heimeliger Stille deutlich das Wildreservat mit der exotischen Flora und Fauna vor sich, wo sie vorige Woche auf einer zweitägigen Safari durch den Amboseli-Nationalpark tourten. "Weißt du noch, die "BIG FIVE"- Elefant, Büffel, Löwe, Leopard, Nashorn?", fragte sie ihren Mann. Sie bekam keine Antwort. Schlagartig war Holm müde, schaffte es gerade noch ins Bad, fiel dann ins Bett. Patricia deckte ihn behutsam zu. Ans Kofferpacken war in der Nacht nicht mehr zu denken.
Als Patricia aus dem Bad kam, hörte sie Holm schnarchen. Das konnte eine heitere Nacht werden, dachte sie ärgerlich. Müde war sie nicht, wollte viel mehr noch was erleben. Auch darüber ärgerte sie sich oft. Immer, wenn Patricia gut drauf war, schlief Holm ein, oder verdarb ihr anderweitig den Spaß. Wir sind zu verschieden, dachte sie. Kurz überlegt zog sie sich an und schlich leise davon. Mutig durchquerte sie den Palmengarten zum Strand hinunter. Dort sah sie das Licht. Das gehört zur Hütte, dachte sie und stapfte dem Schimmer entgegen. Plötzlich stand sie vor der erleuchteten Holzhütte. Soll ich klopfen, überlegte sie befangen. Oder zurückgehen? Die Holztür zog sie magisch an. Weggehen, ohne zu wissen, was dahinter los war, konnte sie nicht. Patricia verharrte und lauschte gebannt. Kein einziger Ton drang aus der Hütte. Nur das Meer rauschte kraftvoll. Die Flut war zurückgekehrt. Wie Patricia dieses wechselnde Schauspiel der Gezeiten liebte! Besonders hier am Indischen Ozean war es ein einzigartiges Naturpanorama, das wunderbarste auf der ganzen Welt.
Patricia klopfte zaghaft an die Hüttentür. Nichts rührte sich. Sie klopfte stärker, hämmerte dann mit der Faust. Plötzlich polterte es drinnen, als sei etwas umgefallen. Die Tür knarrte. Patricia schreckte ein Stück zurück. Wenn es nicht Stanley war? Nichts konnte sie sehen. Ja, da! Weiße Zähne blitzten!
"Stanley, bist du das?", fragte sie vorsichtig.
"Ja!" Stanley trat mit einer Windleuchte näher. "Patricia, ich wusste, dass du kommst! Wo ist dein Mann? Er war im Fort Jesus so mürrisch?", bohrte er.
"Holm schläft", berichtete Patricia unwillig. "Ich möchte nicht über ihn reden, bitte!", blockte sie strikt das Thema ab.
In der Hütte war es wohlig warm. Auf dem Boden lagen dichte Kamelfelle. Ein Holztisch, zwei derbe Stühle, ein knorriger Schrank, Regale und eine Schlafliege mit dicken Wolldecken gehörten zur Hüttenausstattung. Farbige Kerzen steckten in Windleuchtern und brannten lichterloh. Es war gemütlich wie Weihnachten. Mollig und behaglich. Patricia fühlte sich wie auf Wolken schwebend.
"Möchtest du ein Glas Rotwein, Patricia?", fragte Stanley.
"Gern Wein!", flüsterte sie.
Liebevoll legte Stanley seinen Arm um Patricia. Wie mittags in Mombasa. Nur, war Stanley nicht exotisch kostümiert. Er trug Jeans und ein weißes Shirt. Auch so sah er umwerfend aus. Gierig spürte Patricia wieder den durchdringenden Duft des schwarzen Mannes. Heiß und kalt schauerte es ihren Rücken runter. Es war total verwirrend, im Kerzenlicht mit funkelndem Weinglas in einer Hütte am Indischen Ozean sitzend. Es kam Patricia wie ein Märchentraum vor.
"Kneif mich mal, Stanley, ich glaub, ich bin nicht wirklich hier", flirtete sie.
Stanley kniff ein bisschen zu. Aber nur, um sie näher an sich zu ziehen. Patricia versank. Sie spürte seine heißen Küsse auf ihren Lippen, am ganzen Körper. Taumelte in Trance. Das wahre Leben war weg. Sie gab sich dem Afrikaner hin. Sein exotischer Duft hielt sie gefangen, führte sie zum Wahnsinn, ließ alles mit ihr geschehen... Es wurde die feurigste Nacht ihres Lebens. Sie war wie vom Teufel besessen. Die beiden Menschen liebten sich leidenschaftlich. Erst morgens schlief Patricia in den Armen des Afrikaners ein.
Als Patricia später erwachte ging die Sonne über dem Meer auf. Sie suchte ihre Sachen, sah in das schlafende Gesicht des schwarzen Mannes und war kopflos. Holm, durchfuhr es sie, Holm! Sie fürchtete sich. Wie spät mag es sein?
Leise schlich sie aus der Hütte. Unheimlich zumute war es ihr. Was hatte sie getan? War sie glücklich? Was war los? Wie fühlte sie sich? Eine Antwort fand sie darauf nicht. Sie stapfte verloren durch den Sand in den Palmenpark rein. Den Weg zum Hotel fand Patricia plötzlich endlos. Sie lief und lief, ohne diesmal die wunderschöne Vielfalt der Gehölze zu bemerken. Holm! Was sollte sie ihm sagen Sie wusste es nicht, fühlte sich schlecht. Hatte sie zu viel Wein getrunken? Ihr Kopf dröhnte. Ermattet gelangte sie ins Hotel. Rein ins Foyer und zum Lift. Wie mag sie aussehen? In einen Spiegel konnte sie bisher nicht schauen. 4. Stock, Zimmer 479. Schlüssel hinein ins Schlüsselloch. Die Tür sprang auf. Holm!
Sie konnte kaum noch denken. War völlig entkräftet. Da hörte sie die Klospülung. Holm war im Badezimmer!
Ihr Blick in den Wandspiegel, ließ sie erstarren. Der schlanke Hals war übersät von Knutschflecken! Verlebt sah sie aus, zerzaust und ihr Kopf brummte. War das ihr Spiegelbild? Was würde Holm sagen? Oh, sie kannte ihren Mann gut. Er konnte jähzornig werden. Wenn sie ihm über Frauen aus ihrem Freundeskreis erzählte. Holm hatte seine vorgefestigte Meinung. "So ein Weib wäre für mich gestorben. Nie würde ich so eine anfassen! Die Weibsen sind der letzte Dreck."
Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie fürchtete sich. Zitterte bei dem Gedanken, dass er... Die Badetür wurde aufgerissen. Holm stand im Türrahmen. Sie brauchte nichts erklären. Wozu? Sollte sie sagen, sie war nur mal an der Luft? Nein, das war unmöglich. Wie sie heut aussah, hatte sie sich selbst nie gesehen. Diese Flecke! Schlampe, Flittchen wird er gleich sagen. Holm starrte mit aufgerissenen Augen an ihren Hals, tat spontan, was er glaubte, tun zu müssen. Blindwütig schlug er Patricia ins übernächtigte Gesicht und verließ krachend das Hotelzimmer. Gekränkte Eitelkeit, dachte Patricia, sicher ging er jetzt ins Frühstücksrestaurant...
13 Uhr ist Abflug schoss es Patricia durch den Kopf. Stanley, dachte sie. Was war mit ihm? Wie dachte er über die letzte Nacht?
Holm, oh, oh! Es war vorbei! Die 14-jährige Ehe mit Holm war kinderlos. Er wollte nicht wissen warum, konnte ohne Kinder bestens leben. Kinder störten ihn! Sie hätte gern ein Baby gehabt. War jetzt Ende 30. Verurteilt, als alleinstehende Frau zu leben? fragte sie sich und dachte an Holms feste Meinung. Unbedingte Treue verlangte er von ihr. Seine katholischen Eltern hatten ihn streng erzogen. Holms Gefühlskälte hatte ihre Liebe erstickt, wusste Patricia plötzlich. Hektisch ließ sie ein Frischebad ein. Sie brauchte einen klaren Kopf. Alles schnell abspülen! Die zerknautschten Sachen rochen nach Hütte, Kerzenwachs, Rotwein und Liebesnacht. Ein würzig-afrikanischer Kaffee wäre jetzt gut. Erst mal schrubben, Haare frisieren, schminken, frische Kleidung. Gott, war ihr übel. Der Kopf schmerzte. Patricia grübelte. Wo gehöre ich hin? Das wäre nie passiert, wäre sie sich Holms Liebe sicher gewesen. Ihr Herz klopfte wild, als wollte es raus aus der Brust. Die Wanne war voll. Patricia stieg ein, als war es ihr letzter guter Moment im Leben. Es tat sehr wohl! Ausstrecken, den Duft des Schaums genießen. Augen zu. An etwas sehr Schönes denken. Der Hauch vom Zitronenduft brachte sie ins Leben zurück. Nach dem Erfrischungsbad fühlte sich Patricia besser - zumindest äußerlich. Sie zog ein buntes Kleid an, bedeckte den fleckigen Hals mit einem Seidentuch und fuhr hinunter ins Frühstücksrestaurant. Dort trank sie zwei Tassen afrikanische Bohne, drei Gläser Kokossaft und knabberte an einem Stück Fladenbrot. Sie hatte keinen Appetit. Holm? Patricia konnte ihn nirgendwo entdecken.
Kofferpacken, durchfuhr es sie dann. In zwei Stunden geht es zum Flugplatz nach Mombasa. Von Holm fehlte jede Spur. Patricia leerte Schränke und Regale. Wie eine aufgezogene Spielfigur packte sie Koffer und Reisetasche. Sie arbeitete so emsig, als könnte sie etwas ungeschehen machen, füllte Kosmetikbox, sortierte Reisepapiere. Eine viertel Stunde vor Abfahrt stand alles bereit. Patricia stellte das Gepäck in den Lift, fuhr ins Foyer und wartete auf ihren Mann.
Plötzlich schoss Holm durch die Hoteltür und sah abwertend zu Patricia. Fünf Minuten später hielt der Bus vor dem Hotel. Holm stieg ein, und ließ Patricia, ohne sie eines Blickes zu würdigen, allein. Er hatte sich neben einen anderen Gast gesetzt, so dass sie nicht in seine Nähe konnte. Das war's, dachte Patricia. Stanley Hokaym ade, Holm Wagel ade!
Auch auf dem Flughafen kümmerte sich Holm um nichts. Patricia stand mit den Reisepapieren allein da. Der Flug war nicht ausgebucht, so dass Holm sich separat setzte.
Zu Hause packte Holm einen Koffer mit Sachen und stürzte zur Tür.
"Holm bitte, es tut mir leid", flehte Patricia "lass dir erklären, mein Verstand hat ausgesetzt! Ich weiß nicht warum, bitte!", beschwor Patricia ihn, "bitte, bitte verzeih' mir!", und stellte sich händeringend vor ihren Mann.
"Still, du!" Er stieß sie weg. "Kein Wort mehr, elendes Weib!", herrschte er sie an. "Nichts will ich von dir wissen, du...altes... verstehst du nichts, du hörst vom Anwalt Friedmann!"
Krachend fiel die Tür ins Schloss. Vorbei, alles vorbei, ihre Ehe war am Ende. Patricia war allein. Ein erschreckender Gedanke. Von Holm hörte sie nichts mehr.
Wochen später fühlte sich Patricia körperlich erschöpft. Ihr war übel - hatte das alles mit der Trennung von Holm zu tun? Vielleicht sollte sie zur Kur fahren, sich erholen? Frische Energie auftanken? Patricia vereinbarte einen Arzttermin.
Die eindeutige Diagnose der Hausärztin: "Ich gratuliere, Frau Wagel, Sie sind schwanger!" Die Ärztin strahlte. "Schön, dass Sie nie den Glauben an ein Kind verloren haben." Frau Doktor Born hatte Patricia in den Arm genommen und redete auf sie ein: "Welch frohe Botschaft! Es ist soweit. Das beste ist, Sie sind kerngesund! Glückwunsch auch an Ihren Mann!"
"Waaaas?" Patricia schnappte nach Luft. "Aber, aber, das - das geht doch nicht!"
"Nun gehen Sie ruhig nach Hause", sagte die Ärztin, "es hat Sie überrascht, wenn man so lang verheiratet ist, rechnet man nicht mehr damit. Also, alles Gute für Sie!"
Fassungslos verließ Patricia das Sprechzimmer. Allein sein - dachte sie, sie müsse jetzt allein sein.
Schwanger, schwanger, Sie sind schwanger, dröhnte es in ihrem Kopf. Ende 30, dachte Patricia, die einzige - gar letzte Möglichkeit, ein Baby? Ein Kind wollte sie in allen Ehejahren. Aber es klappte nie. Holm war es egal. Er wollte nur in Ruhe gelassen werden. "Schwanger! Ja! Ich bin schwanger!" Schließlich begann Patricia durch ihre Wohnung zu tänzeln.
Im Februar bekam Patricia eine kleine Tochter. Große schwarze Augen hatte ihre Adelia und schnell wuchsen pechschwarze Kraushaare. Die afrikanische Haut dunkelte rasch. Ein reizendes Baby. Exotisch und sehr bezaubernd. Patricia war so warm ums Herz. Ein Geschenk des Himmels, ihre kleine Afrikanerin.
Im Sommer traf Patricia vor dem Familiengericht auf Holm. Die Scheidung wurde ausgesprochen. Doch Patricia berührte es kaum. Sie war gewöhnt, gut ohne ihn klar zu kommen.
Patricia ist eine glückliche Mutter und lebt nur für Adelia, ihren kleinen Sonnenschein. Grenzenlose Wärme verspürt sie. Behutsam streicht sie ihrer Tochter über die schwarzen Locken und das exotische Antlitz. Plötzlich wacht Adelia auf und ruft: "Mama, heute wollen wir in den "Safari-Park" fahren!"
"Ja, mein Schatz, das machen wir, wie du es dir gewünscht hast!" Zärtlich streichelt Patricia ihren Liebling und denkt im Stillen: ‚Nur leider nicht in den prachtvollen "Amboseli-Park"-, der ist weit weg, tief drinnen in Ostafrika. Da wo man erhaben und unendlich auf die atemberaubende Bilderbuchkulisse des majestätischen Kilimanjaro schauen kann...'




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Eingereicht am 13. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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