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Ich lebe noch

©  Rudolf Gruber


Vor langer Zeit, noch bevor ich geboren wurde, herrschte große Unruhe. Meine Mutter erzählte mir davon - und von dem großen Krieg, der diesen Teil des Universums beherrschte. Überall Feuer. Die Kanoniere des großen Herrschers feuerten ohne Unterlass. Riesige Krater wurden aufgerissen. Gigantische Lavamassen spritzten beinahe bis zur Stratosphäre. Giftige Gase schossen über die Erde, gaben dem Feuer neue Nahrung.
Nur langsam beruhigte sich die Situation. Das Bombardement wurde schwächer und der Krieg lag im Sterben. Im Bauch meiner Mutter brodelte es, sie hatte hohes Fieber. Nur unmerklich ließ die Temperatur nach. Wogen hoben und senkten sich. Erstarrende Lava bedeckte die Oberfläche. Die Nebel aus Schwefel-, Silizium- und Phosphorgasen lichteten sich und offenbarten ein Bild, das ganz und gar nicht einladend wirkte. Riesige Berge spieen noch immer ihren feurigen Atem gen Himmel. Es gab kein Grün, keinen Baum, keinen Strauch, soweit das Auge reichte. Nur eine unwirtliche Wüstenlandschaft mit ihren Feuer speienden Bergen, denen der Satan seinen Atem verliehen zu haben schien.
Der Himmel war grau und blockte die Strahlen der Sonne erfolgreich ab. Das Fieber sank allmählich. Meine Mutter durstete nach Wasser. Die vulkanischen Eruptionen wurden seltener. Stürmische Winde tobten und kühlten die Oberfläche weiter ab. Die Nebelschwaden lichteten sich und endlich erreichten die Sonnenstrahlen die Erde. Aber es dauerte noch lange Zeit ehe das erste Wasser kam. Riesige Ozeane bedeckten die Erde. Dies war der Zeitpunkt, da Pangaea geboren wurde. Jene Teile der Erde, die nach der Bildung der Ozeane nicht von Wasser überflutet waren, begannen durch chemische und physikalische Einflüsse zu verwittern. Die Sedimentschichten legten sich aufeinander und bildeten Schichtpakete. Durch tektonische Bewegungen der Erdoberfläche entstanden Gebirge.
Die giftigen Gase existierten noch, wurden jedoch immer seltener. Wasser und das Licht der Sonne sorgten für das erste Grün. Jahre später waren bereits weite Landstriche ergrünt. Bäume wuchsen gen Himmel und bildeten mit der Zeit riesige Wälder. Während an Land nur üppige Vegetation vorherrschte, gab es im Ozean bereits ein ausgeklügeltes System organischen Lebens. Eine geraume Weile später machten Amphibien ihre ersten zaghaften Ausflüge an Land. Einigen von ihnen schien es dort so zu gefallen, dass sie beschlossen, hier zu bleiben. Eine neue Ära hatte begonnen.
Später gab es wieder eine Klimaänderung mit tief greifenden Folgen und mehrere Perioden darauf wurde ich geboren.
Reges Leben war überall und ich fühlte mich genauso wohl wie meine Brüder. Regen kam - und nach dem großen Regen folgte die Trockenzeit. Diese Abschnitte folgten einer strikten Regelung, sodass ich mich schnell daran gewöhnte. Eine Vielzahl von Tieren belebte die Savanne und auch in den Wäldern herrschte reges Treiben.
Eines Tages erschienen die Zweibeiner. Sie bewegten sich mit beispielloser Geschicklichkeit von Baum zu Baum, sie schliefen sogar auf den Bäumen. Doch dann verließ eine Gruppe von ihnen die Bäume, um sich das Land untertan zu machen. Doch das barg wiederum große Gefahren, die gemeistert werden mussten. Die Zweibeiner erzeugten Waffen, die ihnen die Jagd merklich erleichterte und mit denen sie sich gegen gefährliche Raubtiere verteidigen konnten. Schließlich ein weiterer Meilenstein. Die Entdeckung des Feuers.
Die Folge dieser Errungenschaften war, dass ihre Population zunahm. Dies brachte jedoch auch Probleme mit sich. Immer wieder bekämpften sich einzelne Gruppen. Tod und Verderben war die logische Konsequenz. Krieg war schon immer ein gefährlicher Parasit. Aber noch ahnte ich nicht, was noch bevor stand. Etwas das viel gefährlicher war, als diese mit Holzspießen bewaffneten Zweibeiner, die sich immer wieder gegenseitig bekämpften.
In dieser Epoche begannen meine Brüder, sich von mir zu entfernen. Mutter meinte, es wäre besser so. Möglicherweise hatte sie Recht, denn die Eruptionen, die immer wieder stattfanden, veränderten stetig das Bild der Landschaft. Die Trennung war nicht leicht, doch vielleicht würden wir uns eines fernen Tages wieder treffen.
Allein zu sein war eine völlig neue Erfahrung für mich. Warum diese Veränderungen sein mussten, verstand ich einfach nicht, obwohl ich lange darüber nachdachte. Als ich meine Mutter danach fragte, antwortete sie nicht.
Ich war noch jung und hatte noch viel zu lernen. Während ich so vor mich hin brütete und mich kaum darum scherte, wie die Zeit verging, ging das Leben munter weiter. Lebensformen verschwanden und neue entstanden. Wieder ein neues Warum, das ich nicht verstand. Mutter meinte, der Herr aller Welten wäre dafür verantwortlich. Und als ich wissen wollte, wer ER sei, da sagte sie nur, dass sie es nicht genau wisse. ER sei für den Ablauf aller Ereignisse im Universum verantwortlich und bestimme über Sein oder Nicht-Sein.
Grenzenlose Erfurcht erfüllte mich vor solch einem mächtigen Herrscher. Wenn ich ihm jeden Wunsch erfüllen würde, so dachte ich, dann würde er es vielleicht gestatten, dass ich meine Brüder wieder sah.
Ja, das werde ich tun.
Also entschloss ich mich, nicht mehr zu fragen, denn alles geschah nach SEINEM Willen. ER wollte es so, dass auf der Erde so viel Blut im Staub versickerte. ER wollte es so, dass Lebewesen verdursteten oder verhungerten. Würde ER wollen, dass sie weiterleben, dann hätte ER ihnen zu Essen gegeben. Es war SEINE Entscheidung. Und wenn ER es wollte, dann konnte ER eines Tages auch über mein Schicksal und das meiner Brüder entscheiden.
Das konnte er doch nicht wollen. Oder doch? Ja, er würde es irgendwann tun. Ich musste ihn milde stimmen. Was konnte ich also tun? Ich beschloss, IHM ein Opfer zu bringen. Doch meine Mutter warnte mich davor, noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Ich könnte großes Unglück über sie bringen. Das sah ich ein.
Die Zeit stand nicht still, und auch die Kriege nicht. Irgendwann befiel mich ein neues Virus - ein Weißes Virus. Wie gefährlich es war, konnte ich anfangs nicht einmal ahnen. Das Weiße Virus begegnete dem Schwarzen anfangs mit großem Respekt. Schwarz und Weiß waren wie Feuer und Wasser - das eine konnte das andere vernichten. Der anfängliche Respekt verschwand jedoch bald, da Weiß das Populationsübergewicht an sich riss. Schwarz wurde besiegt und unterjocht. Schwarz wurde versklavt und in Ketten weggeschleppt.
Ich konnte die Geschehnisse nur mit Missfallen beobachten. Das war wohl SEINE Rache für meine Gedanken, IHM ein Opfer darzubringen.
Ich schämte mich für diesen Gedanken, den ich einst hatte. Jugendlicher Leichtsinn und Unerfahrenheit hatte mich dazu verleitet. Ich konnte nur um Vergebung bitten und hoffen, dass er mich erhörte. Ich konnte dieses Leid nicht einfach geschehen lassen und nichts tun. Aber all meine Absichten blieben bisher fruchtlos.
Ich kann es auch heute nicht ertragen - denn ich bin AFRIKA!




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Eingereicht am 11. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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