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Frau Lavendel und die Elefanten

©  Cara Lindberg


Als sie in Mombasa aus dem Flugzeug stieg, traf sie die schwüle Hitze wie ein Schlag. Schon nach Sekunden begann sie zu schwitzen, nach wenigen Minuten begann ihr sorgsam im Flugzeug noch einmal aufgefrischtes Make-up zu zerlaufen. Isabella Lavendel strich sich die feuchten Haarsträhnen aus der Stirn und fragte sich zum wiederholten Mal, ob es eine gute Idee gewesen war, den Safari-Urlaub in Kenia zu buchen. Erst die Hektik im Büro, weil sie unbedingt noch selbst die Verträge mit dem wichtigen Kunden aufsetzen wollte, dann die Impfungen, von denen sie die gegen Cholera am schlechtesten vertragen hatte, und auch noch die Tabletten gegen Malaria, von denen ihr übel wurde. Gut, sie hatte seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht, und das verlängerte Wochenende in Venedig war jetzt auch schon wieder fast ein Jahr her. Aber ausgerechnet Afrika? Nur weil sie den schwarzen Kontinent als Kind so faszinierend gefunden hatte und ihr Psychoanalytiker Dr. Rindenmulch gesagt hatte, dass ein Urlaub in Afrika ihr helfen würde, zu der kindlichen Unbekümmertheit zurückzufinden, mit der sie damals durchs Leben gegangen war? Hier im schwülen Terminal des Flughafens kam ihr das ganze noch idiotischer vor als zu Hause. Mit Mitte Dreißig ist man nun mal kein Kind mehr! Sie seufzte und stellte sich an das Ende der Warteschlange, die sich vor der Zollabfertigung gebildet hatte. Sie griff in ihre große schwarze Handtasche von Prada und fingerte nach ihrem Handy. Beruhigt stellte Isabella fest, dass es an seinem angestammten Platz lag. Ihren Laptop trug sie in einer Tasche über der Schulter. Vielleicht würde es ja doch ein schöner Urlaub werden, und sie könnte jeden Tag Kontakt zur Firma halten.
Nach einer Busfahrt über huckelige Straßen, in deren Verlauf der Bus mittels einer alterschwachen, mit Kenianern und Touristen überladenen Fähre einen Fluss überquert hatte, kam Isabella endlich in ihrem Hotel an der Diani-Beach am Indischen Ozean an. Die Hotelanlage bestand aus vielen kleinen einzelnen, weißgekalkten Häuschen. Erschöpft ließ sich Isabella in ihrem Zimmer in die kühlen Laken fallen und vergaß ganz, dass sie noch ihre E-Mails kontrollieren wollte. Trotz des Geschreis der Affen auf ihrem Dach schlief sie schnell ein.
Am nächsten Morgen stand Isabella schon um 5.00 Uhr auf, denn der Safaribus sollte bereits um 8.00 Uhr kommen. So hatte Isabella noch Zeit, ihren Koffer für die Safari zu packen. Sie hatte nur das Nötigste in ihren Koffer getan, der sich trotzdem nur mit Mühe schließen ließ. Das liegt daran, dass ich auch den Schminkkoffer und den Laptop mit reingepackt habe, dachte Isabella. Sie stülpte sich ihren großen Sonnenhut mit der breiten Schleife auf den Kopf und wartete auf den Bus.
Zwanzig Minuten später war dieser immer noch nicht aufgetaucht.
"Wo bleibt denn der Safaribus?", erkundigte sie sich an der Rezeption.
"Oh, er wird kommen noch", erwiderte der große Kenianer mit einem breiten Lächeln.
"Es schon mal sein kann, dass Bus sich verspäten."
"Das sollte aber nicht sein! Ich bin es nicht gewöhnt zu warten", erwiderte Isabella und blickte zum wiederholten Male auf ihre goldene Rolex.
"Warum Sie nicht gehen draußen an Pool? Ich rufen, wenn Bus kommen", schlug der Schwarze vor, der Alan hieß, wie Isabella seinem Namensschild entnehmen konnte. Sie nickte kurz und ging nach draußen, wo sie sich auf eine der Liegen fallen ließ. Es war sogar schon ein Handtuch darauf gelegt worden, was von Isabella befriedigt zur Kenntnis genommen wurde. Wenn sie wüsste, wann der Bus käme, könnte sie noch ein Runde schwimmen.
"He, Sie! Das ist meine Liege!" Der wütende Tonfall ließ Isabella aufblicken.
"Und Sie sitzen auf meinem Handtuch!"
"Was Sie nicht sagen!", entgegnete sie. "Da haben Sie Ihr Handtuch wohl gestern hier liegen lassen?"
"Nein! Das lege ich vorm Frühstück immer schon hier hin, das ist nämlich meine Liege! Und diese hier gehört meiner Frau!", erklärte der Mann, dessen dicker roter Bauch durch die dicke Schicht Sonnenöl glänzte wie eine Speckschwarte. Bei seiner Frau kam jedes Sonnenöl allerdings zu spät, denn an diversen Hautstellen war bereits das rohe Fleisch zu sehen. Ungläubig sah Isabella zu, wie sich die Frau eincremte und die Liege in die pralle Sonne rückte. Dann ließ sich die Frau auf die Liege sinken, schloss die Augen und garte sich ihrem Ende entgegen.
Kopfschüttelnd ging Isabella zurück zur Rezeption. Draußen sah sie einen rot-weißen Bus vorfahren, auf dem Pullmann-Safari stand.
"Ihr Bus sein da!", rief Alan strahlend und wuchtete Isabellas Koffer hinaus in die gleißende Sonne.
"But, no! Missus, that is too big!", rief der Fahrer des Busses entsetzt, als er Isabellas riesigen Schrankkoffer sah.
"Oh nein, dieser Koffer ist nicht zu groß! Ich brauche alles, was drin ist und Sie werden ihn einladen." Zornig funkelte Isabella den kleinen tiefschwarzen Mann vom Stamm der Kikuyu An.
"But, Missus...", begann er, wurde aber von Isabellas Salzsäure-Blick zum Schweigen gebracht und begann murrend, den Koffer zu verstauen.
Isabella war inzwischen in den Bus geklettert und musterte die anderen Fahrgäste.
Ein Ehepaar, sie Typ Lehrerin, er Typ Buchhalter, eine einzelne dickliche Frau in einem unmöglichen rosafarbenen T-Shirt und Badelatschen sowie ein Vater mit seinem etwa zwölf Jahre alten Sohn. Der Bus ruckelte an und holperte über die Küstenstraße in Richtung der Fähre. Diese war leider gerade abgefahren, so dass sie eine geschlagene Viertelstunde in der schon jetzt am Morgen drückenden Hitze warten mussten. Im Hotel war eine kleine Wetterstation gewesen, die 30° C und eine Luftfeuchtigkeit von 80% angezeigt hatte. Schon wieder begann Isabellas Make-up zu zerlaufen. Aus ihrer Handtasche holte sie ihren kleinen Spiegel und begann mit den Ausbesserungsarbeiten an ihrem Gesicht. Sie war gerade fertig, als die Fähre kam. Da sie nicht im Bus sitzen bleiben durften, drängten sich die Touristen mit den Einheimischen dicht an dicht auf dem Deck. Es stank nach Schweiß und dem Öl der Fähre. Isabella war froh, als sie auf der anderen Seite wieder in den Bus steigen konnte.
Die Fahrt in den Tsavo-West-Nationalpark dauerte den ganzen Morgen. Der Fahrer, der sich als Titus vorgestellt hatte, hielt sich anscheinend für den größten Rennfahrer südlich des Äquators und Isabella musste sich mehrmals an dem Sitz vor sich festkrallen, um nicht auf den Gang geschleudert zu werden. Beim ersten Überholmanöver bekam Isabella fast einen Herzinfarkt, weil Titus nicht links, sondern rechts überholte.
"Dumme Gans, in Kenia ist Linksverkehr!", schalt sie sich im Stillen, als sie den mit vielen Menschen auf der offenen Ladefläche überladenen altersschwachen Laster überholt hatten.
"Wir kommen gleich in der Taita-Hills-Lodge an", verkündete Titus endlich auf englisch.
"Am Nachmittag gehen wir auf Pirschfahrt. Vielleicht sehen wir die roten Elefanten von Tsavo."
"Wieso sind die denn rot?", fragte der Junge, nachdem sein Vater für ihn übersetzt hatte.
"Das kommt von der roten Erde im Tsavo", erklärte dieser.
Isabella hatte sich natürlich auch einen Reiseführer besorgt, war aber noch nicht dazu gekommen, einen Blick hineinzuwerfen. Anscheinend war Papa besser vorbereitet.
"Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Isabella Lavendel", eröffnete Isabella beim Aussteigen das Gespräch und streckte ihre manikürte Hand mit den lackierten Fingernägeln aus.
Nach einem kaum wahrnehmbaren Zögern nahm der weizenblonde gutaussehende Mann mit den blauen Augen sie und sagte knapp: "Robert Radeberg. Man sieht sich." Er verschwand mit seinem Sohn im Hotel, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen.
"Männer, die so gut aussehen wie Robert Radeberg, sind nie das Wahre", sagte Isabella zu sich selbst und folgte der Gruppe ins Hotel.
Nach dem Mittagessen, das nach Isabellas Geschmack viel zu kalorienreich ausgefallen war, sollte die angekündigte Pirschfahrt stattfinden. Isabellas Mitfahrer kletterten mit Ferngläsern bewaffnet in den Safaribus, während sie nur ihre Sonnenbrille von Ray Ban auf die Nase setzte. So aufregend fand sie Tiere nicht, im Zoo war sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gewesen und für ein Haustier fehlte die Zeit. Wenn sie genauer darüber nachdachte, würde sie gar kein Tier haben wollen. Haare auf ihrem teuren Teppich oder gar auf dem Sofa? Undenkbar! Isabella blickt auf ihre Rolex und hoffte, dass die Fahrt nicht so lange dauern würde, denn sie wollte unbedingt ihre E-Mails checken und im Büro anrufen. Hoffentlich machten die keine schwerwiegenden Fehler, während sie weg war. In ihre Überlegungen versunken, hatte Isabella gar nicht bemerkt, dass der Bus stehen geblieben war und ihre Mitreisenden sich aufgeregt hinstellten, um aus der geöffneten Dachluke hinauszuschauen und zu fotografieren. Endlich blickte sie auf und sah ein kleines Rudel von mehreren weiblichen Löwen mit fünf Jungen, die miteinander balgten und herumtobten. Sie stand ebenfalls auf und beobachtete amüsiert die ausgelassenen Junglöwen. Von der angeknabberten Antilope oder um was auch immer es sich einmal gehandelt haben mochte, wandte sie schnell angewidert den Blick ab. Als sie weiterfuhren, kamen ihnen gleich drei weitere Safaribusse einer anderen Reisegesellschaft entgegen, die ebenfalls bei den Löwen anhielten.
"Fast wie im Safaripark in Deutschland, nur heißer", dachte Isabella. "Und schlechtere Straßen", fügte sie hinzu, als sie wegen einer großen Bodenwelle unsanft in ihren Sitz geschleudert wurde. Die weiteren Tiere auf der Pirschfahrt fand Isabella ganz nett, aber nicht wirklich aufregend. Zebras, Antilopen, Kaffernbüffel, Giraffen, Gnus und Marabus waren zwar gut und schön, aber sie hatte sie schon zu oft im Fernsehen gesehen, als dass sie jetzt eine Sensation für sie waren. Aber diese Hitze! Isabella blickte wiederholt auf ihre Uhr, sie wollte ins Hotel und ein erfrischendes Bad nehmen. Ihre Frisur war bestimmt nicht mehr als solche zu erkennen, außerdem waren ihre Haare und ihre Kleidung voll von dem roten Staub, der sich über alles legte.
"Schade, dass wir keine Elefanten gesehen haben", sagte der Sohn von Robert Radeberg, als sie wieder beim Hotel angekommen waren. Er hieß Kevin, wie Isabella inzwischen erfahren hatte.
"Das kommt schon noch, du wirst schon sehen", tröstete sein Vater ihn.
"Ich habe in der Schule ein Referat über Elefanten gemacht", erklärte Kevin der dicken Frau. Diese hatte sich im Hotel umgezogen und trug nun eine khakifarbene Bluse mit passender khakifarbener Jogginghose. Isabella überlegte, ob sie ihr die neueste Ausgabe der Brigitte leihen sollte, in welcher Stylingtipps für Mollige standen. Sie entschied sich dagegen, das wäre Perlen vor die Säue geworfen.
Isabella ging schnell auf ihr Zimmer und zog ihren neuen Bikini an. Sie bewunderte ihre schlanke Gestalt im Spiegel und ging schnell die Treppe hinunter zum Swimming-pool. Das Wasser war recht kalt, aber erfrischend, und Isabella schwamm einige Runden, bevor sie sich erschöpft in einen der Liegestühle sinken ließ. Aus der Ferne erklang Löwengebrüll. Ob es sich bei den brüllenden Löwen um die Löwen handelte, die sie vorher gesehen hatten?
Nach dem Dinner, bei dem Isabella nur etwas Salat mit Hühnchenstreifen aß, ging sie schnell auf ihr Zimmer und schaltete ihren Laptop ein. Keine E-Mails. Schnell schrieb Isabella einige E-Mails an ihre Kollegen und recherchierte eine Weile zum wiederholten Male über die Firma, mit welcher der wichtige Vertrag abgeschlossen werden sollte. Endlich fiel sie todmüde ins Bett. Als sie das Sirren von Mücken hörte, stand sie schnell noch einmal auf und breitete das Moskitonetz über ihrem Bett aus.
Sie hätte den Salat nicht essen sollen! Irgendwo hatte sie gelesen, dass man in Afrika kein ungekochtes Gemüse essen sollte. Hätte sie bloß eher daran gedacht! Die Nacht verbrachte sie zum Großteil über dem Toilettebecken, in der restlichen Zeit krümmte sie sich mit Bauchkrämpfen. Immerhin hatte sie auf Anraten von Susanne, ihrer besten Freundin, Medikamente gegen Durchfall mitgenommen, so dass sie am Morgen wenigstens ein wenig Schlaf fand. Als sie der Wecker aus ihrem leichten Schlaf riss, fühlte sie sich zu schwach zum Aufstehen. Sie rief in der Rezeption an und sagte ihre Teilnahme an der Morgen-Pirschfahrt ab. Entkräftet ließ Isabella sich wieder in die Kissen sinken und schlief bis zum Mittag. Sie träumte von Elefanten, die von maskierten Männern mit Speeren gejagt wurden. In den Augen der grauen Riesen, die auf ihrer Flucht an Isabella vorbeirannten, stand eine abgrundtiefe Trauer. Sie wollte den Elefanten helfen und die Wilderer verjagen, doch sie konnte ihre Beine nicht bewegen und musste hilflos zusehen, wie die Elefanten von den Wilderern abgeschlachtet wurden.
Schweißgebadet wachte Isabella auf. Immerhin waren ihre Bauchschmerzen weniger geworden, so dass sie nach einer erfrischenden Dusche in den Speisesaal gehen und etwas Kamillentee trinken und einige Scheiben Zwieback essen konnte. Als sie gerade wieder auf ihr Zimmer gehen wollte, traf sie Robert Radeberg und Kevin.
"Wir haben Elefanten gesehen!", rief Kevin ihr freudestrahlend zu.
"Und sie waren wirklich ganz rot vom Staub. Es waren vier Kühe und ein Junges!"
"Toll!", sagte Isabella begeistert, die von der Freude des Jungen angesteckt wurde.
"Schade, dass ich sie verpasst habe."
"Wir sehen bestimmt noch mehr Elefanten. Spätestens im Amboseli-Park. Da soll es noch ziemlich viele geben", sagte Kevin tröstend.
"Titus sagte, dass wir kurz nach dem Mittagessen fahren wollen", informierte Robert sie. "Wir werden kurz vorm Dinner im Amboseli eintreffen."
"Oh, dann muss ich jetzt packen!", rief Isabella und ging schnell hinauf in ihr Zimmer. Hunger hatte sie keinen mehr, so dass sie in der Zeit, in der die anderen ihr Mittag aßen, schnell ihre E-Mails kontrollierte. Immer noch nichts! Wütend schrieb Isabella mehrere gepfefferte E-Mails und einige SMS an ihre Kollegen, in denen sie um sofortige Informationen bezüglich des Standes der Verhandlungen bat.
"Ich habe extra gesagt, sie sollen mich auf dem Laufenden halten!", schimpfte Isabella, als sie ihr Laptop wieder verpackte. Wenn morgen immer noch keine Nachrichten einträfen, würde sie ihren Kollegen Fred anrufen.
Die Fahrt in den Amboseli-Park war eine Qual für Isabella, deren Bauchkrämpfe wiedergekehrt waren. Doch der Anblick des in Wolken gehüllten Kilimanjaro entschädigte sie ein wenig. Der höchste Berg Kenias ist auf seiner Kuppe schneebedeckt. Leider ist er meistens in Wolken gehüllt, so auch jetzt, aber Titus machte ihnen Hoffnung, dass sich sie Wolken zumindest kurzzeitig verziehen könnten.
"Da hinten sind Elefanten!", schrie Kevin plötzlich.
Isabella blickte angestrengt in die Richtung, in die Kevins kleiner Zeigefinger wies. Und da war sie, eine Herde von etwa zwölf Elefanten, die vor der untergehenden Sonne über die Savanne zog. Sie waren zwar etwa 1000 Meter weit entfernt, doch es war ein erhabener Anblick, wie die Dickhäuter ruhig über das verdorrte Gras zogen. Die Regenzeit hatte gerade erst begonnen, und so war außer dem staubigen Grün der Schirmakazien nur das Gelb der verdorrten Landschaft sichtbar. Dies änderte sich, als sie in die Einfahrt der Amboseli-Serena-Lodge fuhren. Ein kleiner Streifen Grün mit bunt blühenden Pflanzen zog sich um das gesamte Gebäude. Als sie ausstiegen, konnte Isabella in der Ferne ein großes Wolkengebirge sehen, welches vom Wind in ihre Richtung getrieben wurde. Als sie mit ihren Mitreisenden beim Abendessen saß, entluden die Wolken wahre Sturzbäche an Regen, der auf das schindelgedeckte Dach der Lodge prasselte.
"Hoffentlich hört es bald wieder auf zu regnen", sagte die dicke Frau, während sie sich ein großes Fleischstück in den Mund schob.
"Bestimmt, die Schauer in den Tropen dauern nie sehr lange", antwortete ihr der Buchhalter, der in Wirklichkeit Verkäufer in der Elektroabteilung eines Baumarktes war.
Titus betrat den Speisesaal.
"Morgen früh gleich nach Sonnenaufgang machen wir eine Pirschfahrt", verkündete er.
Isabella stöhnte unhörbar. Das bedeutete, dass sie spätestens um 5.00 Uhr aufstehen müsste, um einigermaßen passabel auszusehen.
"Wer schön sein will, muss leiden", sagte sie zu sich selbst, als sie später am Abend unter ihrem Moskitonetz lag. Ihre Darminfektion hatte sie dank der Medikamente bereits überwunden.
Als am nächsten Morgen um 6.00 Uhr innerhalb von wenigen Minuten die Sonne aufging, war Isabella bereits frisch geduscht und angezogen und beobachtete dieses Naturschauspiel von einer Aussichtsplattform aus. Die Schnelligkeit des Sonnenauf- und auch des Sonnenunterganges war wirklich faszinierend, fand Isabella. Die Schirmakazie mit einem darauf thronenden Marabu im Vordergrund ließ die Fotoapparate der Reisenden klicken, und auch Isabella machte einige Fotos mit ihrer Digital-Kamera.
Die Pirschfahrt war ein einmaliges Erlebnis. Kurz nachdem sie losgefahren waren, sichteten sie auch schon eine Elefantenherde. Sie kam genau auf den Platz auf der Schotterstraße zu, an dem Titus den Bus geparkt hatte. Die Elefanten zogen eine riesige Staubwolke hinter sich her, in die auch der Bus eingehüllt wurde, als sie herankamen. Es waren etwa zwanzig Tiere, unter denen sich auch Jungtiere befanden. Ein besonders kleines war anscheinend erst wenige Tage alt.
"Der Familienverband wird von einer alten erfahrenen Leitkuh geführt", erklärte Titus.
"Die Familie besteht im Durchschnitt aus drei oder vier Müttern mit ihrem Nachwuchs. Die männlichen Tiere werden mit Beginn der Geschlechtsreife mit etwa dreizehn Jahren aus dem Familienverband vertrieben und ziehen dann alleine oder in Männerhorden umher", fuhr er fort. "Das da ist die Leitkuh", sagte Titus und zeigte auf eine große Elefantenkuh mit auffallend großen Ohren. Als hätte sie verstanden, dass über sie geredet wurde, kam die große Elefantenkuh auf den Bus zu. Sie blieb knapp zwei Meter vor dem Bus stehen und betastete ihn mit ihrem Rüssel. Sie schnüffelte in allen Ritzen und schob ihren langen beweglichen Rüssel sogar in die geöffnete Dachluke hinein. Isabella stand genau dort, wo der Rüssel sich durch die Luke schob. Sie wagte kaum zu atmen, als der Rüssel vorsichtig damit begann sie abzutasten und abzuschnüffeln. Als wäre sie zufrieden mit dem, was sie dabei erfahren hatte, zog die Elefantenkuh ihren Rüssel zurück und stieß ein sanftes Grollen aus. Dann wandte sie sich ab und ging zurück zu der Herde und ihrem Kalb, das gleich darauf seinen kleinen Rüssel nach hinten über den Kopf klappte und hingebungsvoll damit begann, aus dem Euter zwischen den Vorderbeinen seiner Mutter Milch zu saugen. Als es sich sattgetrunken hatte, ging die Leitkuh ihrer kleinen Familie vorweg in die baumbestandene Savanne. Der Bus mit seinen Insassen blieb in Staub gehüllt zurück.
Warum hatte die große Elefantenkuh dies getan? Warum hatte sie ausgerechnet Isabella abgeschnuppert und abgetastet? Und nicht zum Beispiel Kevin, der neben ihr im Bus gestanden und das ganze mit vor Staunen riesengroßen Augen beobachtet hatte? Was auch immer der Grund gewesen sein mochte, Isabella fühlte sich, als hätte sie eine schwere Prüfung mit unerwartet gutem Ergebnis bestanden. Das Erlebnis mit der Elefantenkuh hatte sie tief berührt und eine Seite an ihr zum Vorschein gebracht, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gekannt hatte: Die Freude, auf der Welt zu sein und ein einzigartiges Erlebnis gehabt zu haben, von dem sie noch lange zehren würde.
Nach der Heimfahrt, auf der sie einen Geparden bei einem kurzen, aber erfolglosen, Jagdsprint beobachten konnten, ging Isabella rasch auf ihr Zimmer und warf ihr Laptop an. In ihrem Postfach waren drei neue E-Mails, aber sie wollte sie später lesen und suchte lieber nach Informationen über Elefanten im Allgemeinen und speziell über die Elefanten im Amboseli. Sie erfuhr, dass die Elefanten bis zu vier Meter hoch und sieben Tonnen schwer werden können. Dabei sind die Männchen deutlich größer als die Weibchen. Elefanten fressen bis zu 4oo kg Gräser, Blätter und Astwerk am Tag und richten dadurch teilweise große Schäden an der Vegetation an. Der Familiensinn der Elefanten ist sehr stark ausgeprägt und nach Trennungen finden regelrechte Begrüßungen statt. Ältere Bullen (ab vierzig Jahren) haben bei den Kühen die besten Chancen zur Fortpflanzung, doch durch die Wilderei sind gerade diese Bullen mit ihren großen Stoßzähnen weniger geworden. Im Amboseli kam es zum Glück nicht zu Wilderei, da die den Park bewohnenden Masai-Krieger keine fremden Jäger dulden.
Isabella wollte ihren Laptop gerade herunterfahren, als sie auf den Namen Cynthia Moss stieß. Diese erforscht seit 1972 die Elefanten im Amboseli-Park, wobei sie alle Tiere mit Namen kennt. Isabella hätte zu gern gewusst, wie der Name der Elefantenkuh lautete, die sie heute Morgen so gründlich inspiziert hatte.
Die Nachmittagspirschfahrt galt der Suche nach Nashörnern. Titus hatte erzählt, dass es zwölf
Nashörner im Park geben sollte. Zwei Stunden kurvte der Bus kreuz und quer durch den Park. Isabella hoffte, "ihre" Elefantenkuh wiederzusehen, doch die Herden, die sie sah, waren zu weit weg, um einzelne Tiere zu erkennen. Plötzlich sah Isabella mehrere Safaribusse, die in weitem Kreis um eine mit hohen Gräsern bewachsene Stelle der Savanne standen. Titus hielt auf die Stelle zu, nach dem Motto: Wo viele Safaribusse stehen, gibt es auch etwas zu sehen.
"There! A Rhino!", rief Titus und zeigte ins hohe Gras. Und tatsächlich konnte Isabella in einiger Entfernung ein Nashorn entdecken, das die Safaribusse musterte und unruhig hin und her lief. Isabella zählte die Safaribusse. Es waren sechzehn Busse, die um das arme Nashorn herumstanden. Isabella hatte bei ihren Internetrecherchen gelesen, dass das Geld aus dem Tourismus den Nationalparks und damit auch den Wildtieren zugute kam, aber das unangenehme Gefühl, in einem Safaripark zu sein, kehrte wieder und hinterließ einen faden Nachgeschmack.
Auf der Rückfahrt zur Lodge zeigte sich der Kilimanjaro gnädig und ließ seinen schneebedeckten Gipfel sehen.
"Das ist toll, Schnee mitten in Afrika!", rief Kevin ihr begeistert zu.
Isabella nickte und strich sich eine vom Schweiß feuchte Strähne aus der Stirn. Auf ihr Make-up hatte sie fast ganz verzichtet, es zerlief ihr sowieso nur in der Hitze.
Am nächsten Tag holperte der Bus über eine staubige Piste in Richtung Nairobi. Die auf Sumpfland gebaute Stadt mit seinen lärmenden Autos und drängenden Menschen in der mit Hochhäusern zugebauten Innenstadt gefiel Isabella gar nicht. Die Einkaufsmöglichkeiten waren begrenzt, und Isabella hatte wegen der Hitze sowieso keine Lust auf einen Einkaufsbummel. Wenn sie das ihrer Freundin Susanne erzählen würde. Die würde es kaum glauben, dass Isabella auf ihre Lieblingsbeschäftigung verzichtet hatte. Stattdessen überbrückte Isabella die Wartezeit auf das Mittagessen mit weiteren Recherchen über ihr neues Lieblingsthema, die Elefanten. Kevin stellte sich als eine Goldgrube an Informationen über die Dickhäuter heraus, und Isabella stellte zu ihrer Überraschung fest, dass Kinder nicht nur nervige Schreihälse waren, sondern ihr sogar etwas beibringen konnten. Kevin hatte auch von Cynthia Moss und ihrem "Amboseli Elephant Research Projekt" gehört und erzählte ihr Einzelheiten der Namensgebung der Familien. Danach ist jede Familie mit zwei Buchstaben benannt und alle Mitglieder dieser Familie beginnen mit demselben Anfangsbuchstaben.
"Woran erkennt sie eigentlich die einzelnen Tiere?", fragte Isabella. "Für mich sieht ein Elefant wie der andere aus."
"Nein, die sehen alle verschieden aus!", widersprach ihr Kevin. "Cynthia Moss erkennt sie an den Ohren. Jeder Elefant hat ein eigenes Muster an Kerben, Löchern und Adern. Das ist wie ein Fingerabdruck beim Menschen."
"Wirklich? Du weißt eine ganze Menge über Elefanten, Kevin."
"Stimmt. Wenn ich groß bin, werde ich auch Elefantenforscher", verkündete Kevin mit ernster Stimme.
Nach dem scharf gewürzten indischen Lunch ging die Fahrt weiter zu ihrer vorletzten Station, dem Nakuru-See. Die Millionen von Flamingos an seinen Ufern sollte man angeblich sogar aus 10.000 Meter aus dem Flugzeug sehen können. Isabella stellte auf ihrem Rückflug beeindruckt fest, dass diese Behauptung stimmte. Die Fahrt zum Nakuru-See führte durch fruchtbares Hochland, in dem alles angebaut wurde, was man sich denken konnte: Mais, Kaffee, Tee, Karotten, Mangos, Papayas, Kartoffeln und vieles mehr. Die Fahrt dauerte und dauerte, und Isabella war schon fast eingeschlafen, als Titus rief: "Das Rift-Valley!" Isabella öffnete die Augen und sah den ostafrikanischen Graben mit seinen kegelförmigen ehemaligen Vulkanen vor sich. Der Anblick war atemberaubend. Die Fahrt zum Nakuru-See dauerte allerdings so lange, dass Isabella doch noch einschlief und erst kurz vor dem Park wieder erwachte.
Im Hotel angekommen, ging es gleich weiter auf Pirschfahrt. An dem langgestreckten See mit seinem salzigen Wasser durften sie zum ersten Mal während einer Pirschfahrt aussteigen und an das Ufer des Sees gehen. Isabella fand, dass eine ganz eigentümliche Stimmung an dem See herrschte. Es waren Millionen von Flamingos und anderen Vögel am Ufer des Sees zu sehen, die heiße Sonne brannte und über allem lag ein merkwürdiger Geruch, den Isabella nicht einordnen konnte. Kam er vom See oder von der Masse an Vögeln und ihren Ausscheidungen?
Das Hotel entsprach leider nicht Isabellas Erwartungen. Die Wände waren sehr dünn, so dass sie die halbe Nacht das Lärmen der italienischen Touristen, die im Zimmer nebenan wohnten, hören konnte. Übernächtigt fand Isabella sich am nächsten Morgen am Frühstücksbuffet ein. Kevin war bereits dort und begrüßte Isabella herzlich.
"Heute fahren wir zurück in den Tsavo. Aber diesmal sind wir im Ost-Teil", sagte er.
"Ich weiß. Hoffentlich sehen wir wieder Elefanten", antwortete Isabella.
"Bestimmt! In Tsavo-Ost soll es sehr viele geben. In der Voi-Lodge gibt es sogar einen unterirdischen Beobachtungsstand an einer Schlammpfütze. Da kann man sehen, wie die Elefanten baden!", rief Kevin begeistert. "Wollen wir zusammen hingehen?"
"Ja, gerne", antwortete Isabella lächelnd und vergaß ganz, sich an der Rezeption über das laute Zimmer zu beschweren.
Die Rückfahrt in den Tsavo dauerte lange und war anstrengend. Zudem war Titus anscheinend eingefallen, dass er die Touristen zu den Andenkensläden fahren musste. An dreien hielt er an und forderte sie auf auszusteigen und zu schauen.
"Looky-looky!", riefen die Verkäufer ihnen zu. Die afrikanischen Masken und der Masai-Schmuck interessierte Isabella nicht. Sie wollte sich gerade abwenden, als ihr Blick auf einen aus Holz geschnitzten Elefanten fiel. Er war, wie die anderen Holzelefanten auch, in Angriffsposition dargestellt, die Ohren nach vorne und den Rüssel hochgereckt. Er hatte sehr große Ohren, und da er Isabella an die Elefantenkuh erinnerte, kaufte sie ihn nach zähem Feilschen für die Hälfte des Preises, den der Verkäufer eigentlich hatte haben wollen. Darüber und über den glattpolierten Elefanten freute sie sich königlich.
"Na, ist das deine kindliche Unbekümmertheit, die da hervorkommt?", fragte sie sich sarkastisch. Tatsache war aber, dass sie sich trotz der anstrengenden Safari erholt fühlte. Sie hatte außerdem seit zwei - nein fast drei! - Tagen keinen Blick mehr in ihre E-Mails geworfen. Und es fehlte ihr noch nicht einmal!
Endlich kamen sie im Tsavo-Ost-National-Park an. Da es schon spät war, sollte keine Pirschfahrt mehr stattfinden. Isabella war darüber froh. Sie setzte sich lieber auf die Veranda und beobachtete das Leben am beleuchteten Wasserloch.
"Wollen wir zum Baden?", fragte Kevin, als er sie auf der Veranda entdeckt hatte.
"Ich habe gerade gebadet", antwortete Isabella bedauernd.
"Nein, ich meine zum Elefantenbad."
"Ach so. Ja, gerne!", rief Isabella. Gemeinsam betraten sie den Tunnel, der zu dem unterirdischen Beobachtungsstand führte. Die Elefanten waren schon da. Einer nach dem anderen traten die Elefanten an das Becken und spritzten sich die schwarze Brühe über den Körper.
"Papa hat gelesen, dass sie genau die Rangfolge einhalten", erklärte Kevin. "Die Rangniedrigsten zuletzt."
Als der letzte Elefant geduscht hatte, kehrten Isabella und Kevin in den Aufenthaltsraum zurück.
"Kevin, du musst ins Bett!", rief Robert Radeberg, der dort Zeitung gelesen hatte, seinem Sohn zu.
"Gute Nacht, Isabella. Morgen sehen wir bestimmt noch viel mehr Elefanten."
"Bestimmt, Kevin. Gute Nacht."
Der nächste Morgen begann verheißungsvoll. Sie waren gerade fünf Minuten auf Pirschfahrt gewesen, da sahen sie in der Ferne schon die ersten Elefanten. Sie wollten den Tieren folgen, doch eine große Gnuherde überquerte gerade die staubige Piste. Es dauerte eine Viertelstunde, bis das letzte Gnu der riesigen Herde die Straße passiert hatte. Als sie wieder etwas anderes als Gnus mit ihren kurzen, aufwärts gebogenen Hörnern sehen konnten, waren die Elefanten verschwunden.
"So ein Mist!", schimpfte Kevin, und Isabella musste ihm beipflichten.
Titus folgte der Staubpiste in der Hoffnung, die Herde wiederzufinden.
"Da hinten sind Geier!", rief plötzlich die Mollige, die heute in ein weites quietschbuntes Kleid gewandet war.
Titus hatte die kreisenden Geier ebenfalls entdeckt und fuhr in ihre Richtung. Hinter einem Wald, der sich an einem Fluss entlang streckte, fanden sie die Elefanten wieder. Sie hatten sich um etwas versammelt, das Isabella nicht genau erkennen konnte. War es ein liegender Elefant? Die Geier, die sich in sicherer Entfernung von den Elefanten niedergelassen hatten und die Hyänen, die um die Herde herumschlichen, irritierten Isabella. Plötzlich entstand in dem Ring aus roten staubigen Leibern eine Lücke und Isabella konnte sehen, was die Elefanten umringten. Es handelte sich um den Kadaver eines großen Elefantenbullen. Erschrocken schrie Isabella auf und presste sich die Hand auf den Mund. Bevor sich der Ring aus Elefanten wieder schloss, konnte Isabella den Kopf des toten Riesen sehen. Seine Stoßzähne waren herausgebrochen worden, stattdessen gähnten zwei riesige rötlich-braune Öffnungen an beiden Seiten des Mauls. Isabella erfasste eine so kalte Wut, dass sie vor sich selbst Angst bekam. Wenn sie die Wilderer jetzt vor sich gehabt hätte, hätte sie für nichts garantieren können. Sie wäre auf die Männer zugestürmt, die so etwas tun konnten. Zum Glück für Isabella waren die Wilderer längst über die Grenze nach Tansania verschwunden, denn sie waren bewaffnet und skrupellos.
Hilflos beobachteten Isabella und ihre Mitreisenden die trauernden Elefanten. Diese betasteten und beschnüffelten den Kadaver, einige versuchten sogar, den toten Bullen zum Aufstehen zu bewegen. Alles geschah völlig lautlos, was die ganze Szene noch unheimlicher machte. Erschüttert blickte Isabella zu Kevin, dem ebenfalls das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Mit Mühe hielt er seine Tränen zurück. Auch Isabella kämpfte mit den Tränen und war deshalb sehr erleichtert, als Titus den Wagen wendete und in Richtung der Lodge zurückfuhr. Die Fahrt verlief in bedrücktem Schweigen. In der Lodge angekommen, verschwand jeder still auf seinem Zimmer. Titus machte der Parkverwaltung Mitteilung über den toten Bullen, die daraufhin einige Ranger mit Jeeps und einem kleinen Flugzeug losschickte, um die Spur der Wilderer aufzunehmen. Außer einer undeutlichen Reifenspur fanden sie jedoch nichts, was ihnen einen Hinweis auf die Wilderer gab.
"Es ist schrecklich, dass immer noch gewildert wird", sagte Robert Radeberg später beim Essen, das ihnen allen nicht so recht schmecken wollte. "Dabei bekommen die Wilderer nur einen Bruchteil des Geldes, den der Zwischenhändler mit dem Elfenbein verdient."
"Aber es ist immer noch genug, dass sich für die Wilderer das Risiko lohnt", erwiderte Isabella.
"Das Problem ist, und deswegen nimmt die Wilderei wieder zu, dass es einigen Ländern wieder erlaubt werden soll, legal mit Elfenbein zu handeln. Dadurch kann das illegal gewilderte Elfenbein "reingewaschen" werden. Vor allem in Asien ist ein großer Markt für Elfenbein vorhanden", erklärte Robert Radeberg.
"Das hat doch was mit diesem CITES zu tun, oder?", fragte Kevin.
"Stimmt. CITES ist die "Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora", bei uns als "Washingtoner Artenschutzabkommen" bekannt. In der englischen Übersetzung wird aber deutlich, dass es sich um ein Handelsabkommen handelt. In den Anhängen wird geregelt, welche Arten gar nicht gehandelt werden dürfen - das ist Anhang I - und welche mit einer wissenschaftlichen Bescheinigung des Ursprungslandes ausgeführt werden dürfen. In der Bescheinigung muss stehen, dass die Art nicht gefährdet ist. Das ist der Anhang II. Und die Elefanten sollen in einigen Ländern - z.B. Südafrika - von Anhang I in Anhang II zurückgestuft werden."
Isabella musste die Erklärung von Robert erst einmal sacken lassen.
"Und die Wilderer bereiten sich jetzt schon auf den großen Tag vor, an dem der Elfenbeinhandel teilweise legalisiert wird?", fragte sie.
"Genau. Damit sie eine große Menge Elfenbein haben, die sie dann legal anbieten können, um der großen Nachfrage vor allem in Japan und Hongkong gerecht zu werden; erwiderte Robert, der eigentlich doch ein netter und vor allem gut informierter Kerl war.
"Das Problem bei der Bekämpfung der Wilderei ist der Geldmangel der Parks. Die Wilderer sind technisch sehr gut ausgestattet, da hinken die Ranger hinterher", fuhr Robert fort.
Nachdenklich ging Isabella später in ihr Zimmer.
Ihre jugendliche Unbekümmertheit, die sie nach Meinung ihres Psychoanalytikers in Afrika hätte finden sollen, hatte sie beim Anblick des toten Elefantenbullen endgültig verloren. Dafür hatte sie endlich einen wirklichen Sinn in ihrem Leben entdeckt, und der bestand nicht darin, täglich zwölf bis vierzehn Stunden im Büro zu verbringen und Verträge auszuarbeiten. Sie wusste, was sie tun würde. Sie würde zuhause in Deutschland dabei helfen, Geld für die Nationalparks und ihre Anti-Wilderer-Programme zu beschaffen, damit die grauen Riesen auch in den kommenden Jahren ungehindert über die Savannen Afrikas ziehen könnten.
Vielen Dank für die Idee der Afrikareise, Dr. Rindenmulch. Ihn würde sie von nun an jedenfalls nicht mehr brauchen.
Mit diesen Gedanken fuhr Isabella ihr Laptop hoch, um im Internet nach Einrichtungen zu suchen, die den Wilderern in Afrika den Kampf angesagt hatten.




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Eingereicht am 10. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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