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Ein Erziehungsproblem?

©  Anne Weidemann


Es gibt in der Zeit des Erziehens der eigenen Kinder oft Probleme, die Eltern an den Rand der Verzweiflung treiben. Meine Nichte erreicht dies zumeist durch beliebig oft wiederholtes und beständiges Nachahmen unterschiedlichster Tierarten oder Bewegungen. Nicht, dass meine Schwester diesem Verhalten nichts entgegen setzen könnte. Nein. Sie will es nur nicht, angesichts der Tatsache, dass es doch viel einfacher ist, der kleinen Schwester, nämlich mir, diese Tätigkeit zu überlassen. So höre ich des Öfteren wahrhaft ernst gemeinte Komplimente des Inhalts ...ich würde doch sowieso gut mit ihr auskommen... ich könnte schließlich alles viel besser erklären. Prinzipiell habe ich auch nichts dagegen, und ohne mich selbst loben zu wollen, ich habe in der Tat die außergewöhnliche Fähigkeit, für Kinder unglaublich spannende Entdeckungen und Fragen derart enthusiastisch zu beantworten, dass das Kind spätestens nach ein paar Minuten gelangweilt das Weite sucht.
Jedenfalls sitze ich eines Nachmittags am Tisch und erfreue mich an einem Tässchen Kaffee, als der hilfesuchende Blick meiner Schwester mein Pflichtgefühl weckt und ich meiner gerade aufgetauchten Nichte mit Namen Klara nun den Unterschied zwischen einem Elefanten und einem Zebra erklären darf. Beständig wiederhole ich Merkmale der einen wie auch der anderen Tierart, indem ich zwecks des zu erwartenden Lernerfolges diese auch noch anhand der typischen Bewegungen vorzeige. Meine Schwester sitzt derweil neben ihrer besten Freundin und grinst vergnügt.
Normalerweise ist das Fragen nach Objekten und Sachverhalten bei Kindern immer abhängig vom Gesehenen. Und leider führt der Stress der Eltern durch Arbeit und Familie häufig dazu, dass sie dem Fernseher das Zeigen neuer Zusammenhänge überlassen, was im Falle meiner Nichte schlicht zu einer völligen Reizüberflutung führt. Kaum Zeit findend, ihren Eltern das Gesehene mitzuteilen, rennt die kleine Klara dann im Zimmer auf und ab und entwickelt ihre eigenen Theorien und Phantasien, die dann oftmals durch seltsame Fragen zum Ausdruck kommen. Ich glaube nicht, dass ein gesundes Maß an Fernsehen keine Bereicherung im Leben von Klara darstellen würde, und selbst ein überzogenes Maß hätte kaum Einfluss auf ihre Entwicklung, wenn sie das Gesehene in irgendeiner Art und Weise verarbeiten könnte. Dass sie das nicht kann, zeigt mir der weitere Verlauf des besagten Nachmittags.
Klara ist nicht zufrieden mit meiner Vorstellung vom Unterschied zwischen Elefant und Zebra. Sie will partout nicht einsehen, dass ein Elefant sich durch weiße Elfenbeinzähne auszeichnet. Vehement behauptet sie das Gegenteil, allen meinen Versuchen zum Trotz. Im Übrigen findet sie, alle Elefanten wären zu dünn und würden bald sterben.
Ich mache mir normalerweise keine Sorgen über derartige Äußerungen. Kinder neigen nun einmal dazu, Dinge zu verallgemeinern. Und wie sich bald herausstellt, hat Klara in der Nachrichtensendung für Kinder gehört, man gehe von einem Rückgang der Elefantenpopulation aus, allerdings nicht aufgrund der diesjährigen Hitzewelle und der damit verbundenen schlechten Versorgung mit Futter, sondern durch das übermäßige und gewinnorientierte Jagen. Dass Klara das nicht verstehen kann, ist schon in Ordnung, und grundsätzlich empfinde ich es als positiv, wenn Kindern der Einfluss der Natur auf das Leben bewusst wird, daher lasse ich sie in diesem Glauben und vernachlässige guten Gewissens den Einfluss des Menschen.
Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu, und meine Schwester beschließt, ihre beste Freundin nach Hause zu begleiten. So wird in der Küche endlich ein Platz am Spülbecken frei, welchen ich nun ausfüllen muss. Meine Nichte hingegen vertreibt sich auf Anraten meiner Schwester die Zeit mit einer der für Kinder aufbereiteten Nachrichtensendungen. Ich beginne also mit der Arbeit, als eine völlig aufgelöste Klara die Küche mit den Worten betritt, die Leute in Afrika wären alle zu dünn und müssten sterben und die Natur wäre schuld daran.
Wie ich schon sagte, es gibt Situationen, da wissen Erwachsene nicht, wie sie Kindern einen Sachverhalt erklären sollen. Ich betrete ihr Zimmer und schaue aus Interesse das Ende des Berichtes an, der meine Nichte so bewegt hat. Man sieht einen unglaublich dicken Reporter mit einem Mikrofon vor einigen hundert Zelten aus Leinen, die mehr schlecht als recht im Sandboden errichtet wurden. In Bauchhöhe des Mannes befinden sich mehrere Dutzend kleiner Kinder, die verwirrt in die Kamera schauen und deren große Augen und dicke Bäuche das Elend des Hungerns deutlich machen.
Ich kann gut mit Kindern umgehen. Aber ihnen klarzumachen, dass es sich hierbei nicht um ein natürliches Phänomen, sondern um menschliches Versagen in allererster Linie handelt, ihnen zu erklären, was ich selbst nicht verstehe, was Jahrhunderte grausamer Unterdrückung seitens der zivilisierten Welt bewirkt haben und welch niedere Interessen zum Elend der Massen in Afrika führen - wer kann das schon erklären?




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Eingereicht am 10. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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