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Sonntagnachmittag

©  Joe Schultze


Das Scheppern der Drahtseile an den großen Fahnenmasten nahm langsam rhythmische Formen an, der Wind wollte nun einmal nicht abnehmen und Caro saß immer noch auf dem Balkon und schaute ihren Gedanken nach. Der Sturm nach dieser langen Hitze tat gut und sie stellte sich vor, dass die kühlen Böen auch ihre schweren Gedanken mit sich fortnahmen und sie befreit weitermachen konnte. Sie war seit Tagen zu nichts gekommen, denn ihr ewiger Streit mit sich selbst, ihre Unentschlossenheit und ihre Angst hatten ihr jeden Raum zur Bewegung genommen, und dennoch fühlte es sich so an, als würde sie von irgendjemandem bedrängt werden.
Der Druck, der auf ihr lastete, würde sowieso von niemandem verstanden werden, denn auch ihr war nicht klar, was ihn ins Leben rief. Sie musste an Hemingways Fisch denken, der auch einen ungeheuren Druck ausübte, obwohl es eigentlich nicht er selber war, der gefangen werden wollte. So in etwa musste es sich abspielen: eine Situation, nach der sie verlangte, die Bewältigung, die sie forderte und die unerträgliche Angst, der sie nachgab. Angst, aber wovor? War der alte Mann nicht auch geflohen, hatte sich gesträubt, sich selbst anzunehmen, sein Leben zu akzeptieren, den Druck zu nehmen? War er nicht geflohen, in seinen Träumen, zu den Löwen am Strand? Hatten sie nicht ihre Hilfe angeboten, Harmonie ausgestrahlt und Wärme? Haben sie ihn nun gerettet, seine Gedanken, oder war es nur feiges Fliehen vor seinem eigenen, egoistischen Selbst, das er nicht ertragen konnte?
Caros Gedanken trieben, schweiften ab und sie fragte sich, wie jemand eine Vorstellung von Löwen am Strand haben könnte. Löwen lebten nun einmal nicht am Strand, das war sicher. Oder doch nicht? Was wäre, wenn sie ihre Mutter verloren hätten, die ihnen sicherlich beigebracht hätte, dass Löwen am Strand nichts zu suchen haben. Wahrscheinlich war sie zu nahe an die Dörfer geschlichen, nachts, wenn Ruhe bei den Menschen einkehrte, nachts, wenn sie vorsichtig nach den Rindern spähte und vorsichtig, ganz leise die Witterung aufnahm. Die Zäune wären kein Hindernis, ein kleiner Sprung oder ein Hieb mit der Pranke und sie wären überwunden. Schlimmer, viel gewaltiger und böser waren die Trommeln, die von Zeit zu Zeit ertönten und sie immer wieder erschreckten und in die Flucht trieben. Aber auch daran würde sie sich gewöhnt haben, nach all der Zeit, nach all der langen Beobachtung und Planung. Irgendwann würde sie gespürt haben, dass die rechte Zeit, die rechte Nacht an ihrer Seite war. Irgendwann, als der Mond voll und die anderen Tiere ruhig, sehr ruhig waren, hatte ihr eine Stimme gesagt, dass es nun der rechte Moment wäre. Und dann plötzlich spannten sich ihre Muskeln, öffnete sich das gewaltige Maul, preschte sie mit aller Kraft auf den Zaun los, sprang und begrub das Kalb unter ihrem massigen Körper. Tief bohrten sich ihre Zähne in das Fleisch, schwarz spritzte das Blut, im fahlen Mondlicht hörte man die Knochen splittern.
Für einen kurzen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Für einen Moment gab es nichts außer dem Selbstempfinden, dem Widerspiegeln, dem Erkennen, das nur durch Augen ausgelöst werden konnte, die wirklich ansahen. Manu stand neben ihr, Manu stand für diesen Moment, nicht zögernd, sondern bedacht, mit dem Speer neben ihr und ihr Blick wurde silbern, traurig und bewundern zugleich, als ihr Körper langsam, zuckend in sich zusammenfiel. Manu verzog keine Miene, keine Freude und keine Trauer stand in seinem Gesicht. Langsam drehte er sich um und ging zurück in sein Zelt. Den anderen würde er seine Geschichte morgen erzählen.
Genau so wird es sich zugetragen haben, dachte Caro. Genau so würde sie diejenige sein, die erst im Angesicht des Todes die Erkenntnis in ihrem Blick verspürt. Oder würde sie genau so am Strand liegen, verlassen, fragend und stagnierend? Nein, das tat sie ja schon jetzt auf ihrem Balkon. Die Drahtseile ließen noch immer ihr hartes ,Klong' ertönen. Caro stand auf, denn es schien ihr der rechte Moment zu sein. Die Sonne brach langsam hinter den Wolken hervor und sie schaute vorsichtig über die Brüstung. Die würde sich wohl überwinden lassen, dachte Caro, und außerdem lasse ich mich nicht erwischen.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.




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Eingereicht am 10. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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