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Francis hat Bohnen in den Ohren

©  Kornelia Jäger


"Francis der hat Bohnen in den Ohren, Bohnen in den Ohren, Bohnen...", sang der freundliche Arzt, während er eine große Spritze mit lauwarmem Wasser aufzog und sich dem Kind näherte. "Halten Sie das mal, bitte", sagte er mit ruhiger Stimme zu Simangele, der Mutter, und reichte ihr eine Nierenschale. "So Junge! Kopf schräg, über die Schale, ruhig halten, keine Angst, du kennst das doch schon; So das war's!" Mit einem leisen Plong, geflutet in Wasser fiel eine kleine Murmel in das metallische Gefäß. "Was machst du nur immer für Sachen Junge? Das ist nun schon das dritte Mal in diesem Monat das du mich mit deiner Mutter besuchen musst", lächelte Doktor Matete. Verschämt wandte Francis seinen Blick zu Boden. "Ich kann mir diesen Unsinn nicht leisten!", seufzte Simangele, "was treibt meinen Sohn nur dazu sich ständig irgendwelche Dinge in die Ohren zu stecken? Das Geld, was ich als Kellnerin im Hotel verdiene, reicht gerade für das Nötigste. Ich kann mir kein verrücktes Kind leisten. Was soll ich nur tun?" "Behandlung heute gratis", besänftigte der Mediziner die ratlose Frau, "Betrachten Sie es als Mengenrabatt. Ihre Sorge muss einzig Francis gelten. Wenn Kinder anfangen ein seltsames Verhalten zu entwickeln, hat das immer eine tieferliegende Ursache. Sie sind die Mutter. Finden Sie es heraus."
Eine Stunde später hatte Francis längst die lästige Peinlichkeit bei Doktor Matete verdrängt und sich in seinen Opel zurückgezogen. Ein echter Glückstreffer, als er dieses verlassenen Autofrack vor einigen Monaten im Dickicht entdeckte. Grünspanstreifen gepaart mit Rost überzogen die alte Karosse. Stoßstangen und Reifen sowie Außenspiegel und Motorhaube fehlten. Längst nicht mehr fahrtüchtig, was seinen Wert jedoch für Francis nicht minderte. Mit seinen zwölf Jahren hätte er den Wagen ohnehin nicht fahren können. Wohin auch? Es genügte ihm, sich von Zeit zu Zeit hierher davon zu stehlen. Heraus aus der viel zu kleinen Wohnung, in der er zusammen mit seiner Mutter, seinen älteren Schwestern und deren kleinen Kindern lebte. Hier im Frack war er König, hier lagerten seine Schätze. Ein abgegriffener, alter Schuhkarton voller selbstgesammelter Muscheln, ein Beutel Murmeln und das unvollständige Kartenspiel, welches ihm ein angetrunkener Tourist gönnerhaft vor einem Hotel zusteckte. Sein zweiter Wohlfühlort war die christliche Schule, die er seit fast einem Jahr besuchen konnte. "Ein echter Segen", hatte seine Mama gesagt, als er in das Projekt der Patenschaftsvermittlung aufgenommen worden war. Prädestiniert hatte die Organisation geurteilt, alleinerziehende Mutter, Existenzminimum. Schon einen Monat später hatte sich für ihn einen Paten gefunden und genau von dort, woher sein Opel einst stammte und Doktor Matete sein Studium abschloss. Francis ging wirklich gern zu Schule. Mathematik, Englisch, Erdkunde, Religion, Musik. Er saugte alles was sich ihm bot auf wie ein Schwamm. Und hier, in seinem Reich, reiste er durch die Länder der Welt, wiegte sich im Rhythmus neuartiger Klänge und ärgerte sich über Eva, die Schuld daran war, dass er nie das Paradies kennen gelernt hat.
Es war schon dunkel als Francis die letzten Stufen zu seinem Zuhause hochstapfte. Nicht eine Murmel in den Hosentaschen, für heute jedenfalls. Er stupste die Wohnungstür auf. Durch einen Spalt der Küchentür schimmerte Licht. Irgendwie feierlich saßen seine Mutter und Schwestern am Tisch versammelt. Die Kleinen schliefen. "Hunger?", die knappe Frage seiner Mama. "Ja, schon...". Spannungsgeladene Neugier machte sich in dem kindlichen, schwarzen Gesicht anlässlich der ungewöhnlichen Situation breit. Simangele reichte ihrem Sohn ein Brot und verkündete mit fester Stimme: "Morgen, in aller Frühe brechen wir auf. Die Reise geht ins Dorf zu Linohe. Er wird wissen was zu tun ist."
In ihrem Heimatdorf, das sie seit Monaten nicht besucht hatten, war die Zeit stehen geblieben. Abgeschirmt von den Einflüssen der modernen Welt lebte man hier das traditionelle Afrika. Im Zentrum des Hüttendorfes vollzog Linohe seine mystische Kunst. Der traditionelle Heiler lauschte bedächtig Simangeles Sorge um ihr Kind und bestimmte dann den morgigen Tag zur Diagnose und Heilung. In dieser Nacht schlief Simangele beruhigt und zuversichtlich ein. Wohlwissend, dass Linohe mit Hilfe der Ahnen die körperliche oder seelische Krankheit ihres Sohnes vertreiben würde.
In der Nachbarhütte hingegen kehrte noch lange keine Ruhe ein. Hier teilte sich Francis und Babtu ein Nachtlager. Die Jungen kannten sich schon ihr Leben lang. Alles erlebte der letzten Monate war zu berichten. Babtu war einige Tage jünger als Francis und wusste einfach alles über wilde Gräser, Wurzeln und Kräuter. Ihn faszinierte Linohes Kunst der Rituale. "Wärst du nächstes Jahr gekommen, hätte ich dich geheilt! Aber Morgen geht's noch nicht!" Flüsterte Babtu. "Dann waren sie also noch nicht da?" Wollte Francis wissen. Er kannte die geheime Ahnung seines Freundes. Babtu war sicher ein auserwählter Nachfahre zu sein, ebenfalls ein Heiler zu werden. "Nein, sie erschienen mir noch nicht, die Ahnen, noch nicht, aber,, bald schon werden sie kommen," sprudelte es aus dem zierlichen Jungen während er gleich einen Kopf größer wurde. "Mir wär's recht gewesen, wenn du mich geheilt hättest", nickte Francis. Verriet aber nicht das er genau wusste was ihm selbst fehlte und nur noch nicht das dazu nützende Kraut kannte. Es muss eines sein das lange, flinke Finger macht, dachte er. Aber das wird sich ja Morgen alles finden.
Kaum begrüßten die ersten Sonnenstrahlen den neuen Tag, da begann reges Treiben vor der Hütte Linohes. Jedes Mitglied der kleinen Dorfgemeinschaft wusste genau welche Aufgaben ihm zu vielen. Emsig bereiteten sie alles für das bevorstehende Zeremoniell. Heilen und das wusste hier jeder, bewirkte im wesentlichen die Wiederherstellung des Dazugehörigkeitsgefühl. Aus diesem Grunde führte der Heiler das Ritual immer unter aktiver Teilnahme aller Familienangehöriger, Freunde und den gesamten, restlichen Dorfmitglieder durch. Es würde auch Francis ein Gefühl von Geborgenheit und Beistand vermitteln. Gemeinsam würden sie seine entführte Seele zurückholen oder Böse Geister vertreiben. Nun waren sie bereit. Die Männer und Knaben begaben sich zu den Trommeln. Die Frauen und Mädchen bildeten einen Kreis, in den Händen Schalen mit Pulver getrockneter und zermahlener Pflanzen. Dann trat Linohe aus seiner Hütte hervor und schritt besonnen in die Mitte. Auf seiner Tracht waren Tiere aus Metall und abstraktwirkende Spiegelgebilde. Sein Haupt bedeckte ein imposanter Kopfschmuck aus handgefertigten Perlen. Mit einer geschwungenen Handbewegung gab er das Zeichen. Simangele fasste Ihren Sohn bei den Schultern und führte ihn zu dem Mittler zwischen menschlichem und göttlichen heran. Dann zog sie sich zu den anderen Frauen zurück. Der eindrucksvolle Mann leitete Francis an sich auf den Boden zu legen und zeichnete mit einem Stab einen Kreis in den Staub, ganz nahe bei seinem Körper. Der Kreis als Symbol des Spiegels, Francis den Weg zu bereiten sich Selbst zu entdecken. In großen Töpfen wurden Feuer entzündet. Balsamische Düfte rauchten in die magische Umgebung. Die Frauen bewegten ihre Körper zu den kraftvollen Klängen der rhythmischen Trommler und stimmten Gesänge an. Linohe begann seine Arbeit. Im Abstand von wenigen Zentimetern glitten seine Hände über den Körper des schwer atmenden Francis. An einigen Stellen seines bebenden Leibes verweilte er etwas länger, während er beständigen Sprechgesang von sich gab. Nach und nach vielen immer mehr Anwesende in einen Trancezustand und erste Kontakte zu den Ahnen waren hergestellt. Der Zeitpunkt der Diagnose war Nahe. Linohe griff in seinen Beutel, den er an einer Schnur um den Hals trug, und entnahm eine Handvoll Knochen. Die Knochen in der Hand eng umklammert hielt er über der Stirn des Jungen, der immer heftiger atmete, einen Moment inne und warf sie dann energisch zu Boden. Sein Blick wanderte über den Wurf. Nachdenklich studierte er das Orakel. Die Art und Weise wie die Knochen nun lagen und ihre Anordnung zueinander zeigten ihm die Nöte dieses Menschen. Francis stöhnte, lachte, weinte, hörte auf zu weinen, atmete heftiger und heftiger. Längst war er nicht mehr hier. Längst war er in eine andere Welt eingetreten. Er sah direkt in den Spiegel seiner geheimsten Gedanken.
Aus allen Teilen Afrikas sind die Menschen herbeigeströmt, ihn zu sehen. Der schwere rote Vorhang erhebt sich und festen Schrittes betritt Francis die Manege. Hunderte Scheinwerfer strahlen ihn an. Jahrelanges, ehrgeiziges Fingertraining liegen hinter ihm. Die großartigsten Zaubertricks aus aller Welt beherrscht er wie kein zweiter. In der ersten Reihe sitzt seine strahlend schöne Mama mit stolz in den glänzenden Augen. Er macht eine tiefe, elegante Verbeugung und beginnt mit seiner Zauberdarbietung. Genauso wie er es in dem Film, den der Missionar in der Schule vorführte, gesehen hatte und was ihn seitdem nicht mehr losließ. Staunen, Begeisterung, tosender Applaus. Ein Gefühl des höchsten Glücks stieg in ihm auf. Niemals zuvor hatte jemals ein Mensch auch nur annähernd solch geschickte, flinke Finger besessen. Dann, aus dem nichts ein blendendes Licht. Gott kommt hinzu, doch er schaut nicht zu ihm herüber. Er wendet sich zu all den Tieren, bei den Wäldern. Grüne Wälder, saftige Wälder. Er schafft das Paradies. Dann beugt Gott sich hinunter zur schwarzen Erde Afrikas, er greift danach, formt Adam, formt Eva. Francis sieht wie er schafft und formt. Er hatte es immer geahnt Eden war hier. Vorsicht Eva, die Schlange, nehme den Apfel nicht, nein. Er spürt Angst, Verzweiflung. Doch die Zauberei muss weitergehen. Francis greift in seine Hosentaschen, greift zu seinen Murmeln. Sein brillantester Zaubertrick, der Höhepunkt seiner Kunst beginnt. Eva beißt hinein, Gott hat es gesehen, er verflucht sie. Unter schmerzen werden Frauen Kinder gebären und Männer werden den Acker bestellen ohne Erfolg, wie hier in Afrika. Das Paradies gibt es nicht mehr. Oh nein, im Paradies wäre doch alles Möglich gewesen, doch nun? Alles vorbei, alles aus! Die Murmeln gleiten durch seine Finger zu Boden, er kann sie nicht halten. Das Gesicht versteinert, der Körper starr. Die Manege löst sich auf, die Menschen verschwinden. Wie oft hatte er in seinem Opel gesessen und geübt. Stunden über Stunden die Murmeln hinter den Ohren verschwinden zu lassen und bis es klappte so manche in Ihnen verloren. Alle Mühen, alle Träume umsonst. Den großen Zauberer Francis wird es nie geben und Eva ist schuld. Doch seine Mama ist geblieben. Sie sitzt in der ersten Reihe mit stolz in den glänzenden Augen und streckt ihm die weit geöffneten Arme entgegen. Eine weitentfernte Stimme kommt immer näher. Jemand ruft seinen Namen. Verwirrt öffnete der Junge die Augen. Linohe nimmt ihn bei der Hand, hilft ihm auf und führt ihn behutsam an das Knochenorakel heran. " Francis du bist von deiner Gedankenreise zurück gekehrt ", sagte er mit besinnlicher Stimme "nun höre was die Zeichen dir sagen ". Flehend sucht Francis den Blick seiner Mama, während Linohe die Deutung verkündet. " Du befindest dich in einem Wirbel der Gefühle. Dein Leben ist geprägt vom Eindrücke sammeln. Ein vor kurzem stattgefundenes Erlebnis hat dich völlig aus der Bahn geworfen. Doch wie einen Schatz hütest du das Erlebte. Höre auf die Zeichen Junge, teile es mit anderen und deine gewonnen Einsichten werden zu Geschenken des Lebens". Francis findet seine Mama. Sie steht bei den Frauen, schaut mit Verständnis in den tränenden Augen zu ihrem Sohn und streckt ihm die weitgeöffneten Arme entgegen. Wie entfesselt läuft er zu ihr und drückt sich so fest er nur kann an sich. Gemeinsam verlassen sie den Platz des Rituals und begeben sich in eine Hütte. Lange waren sie sich nicht mehr so nah gewesen wie in den folgenden Stunden. Francis begann sich zu öffnen und hörte nicht mehr auf bevor sein Herz erleichtert war. Er erzählte von fremder Musik, von anderen Ländern, von Religion, von Eva, dem zerstörten Paradies, einem Zauberer, von seinem Opel, seinen Murmeln und vom üben diese hinter den Ohren verschwinden zu lassen. Simangele hörte geduldig zu. Sie begriff die tieferliegende Ursache wie Doktor Matete gesagt hatte als Kindheitstraum, und lächelte erleichtert. Mit sanfter Stimme machte sie ihm klar": Francis, ob Ahnen, Götter oder nur ein Gott. Ob ein Orakel uns half oder Eva das Paradies auslöschte. Religion ist nur ein Glaube, und ein Glaube ist ein Gefühl. Was auch immer dein Glaube ist, glaube vor allem an dich Selbst mein Kind. Denn je stärker du an dich selber glaubst, um so stärker wird dein Gefühl für dich. Du kannst zur Schule gehen, das gibt dir Wissen und das Wissen wird dir Kraft geben dir dein eigenes Paradies zu schaffen." Dann wurde ihr lächeln zu einem lachen und unmissverständlich fügte sie hinzu, "Aber bis zur Erfüllung deines Traumes ein großer Zauberer zu werden, übe das deine Finger flink und geschickt werden nicht mehr mit Murmeln, sondern mit deinen Karten, denn diese bleiben seltener in den Ohren stecken."
Kinder der Welt, Kinder Afrikas. So verschieden und doch gleich. Sie haben ihre Träume.




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Eingereicht am 09. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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