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Wind der Savanne

©  Stefan Thalbach


Vor langer Zeit, als ich noch jung war, jagte ich in der Savanne nach Nashörnern und Elefanten. Ich war Wilderer und verkaufte die Stoßzähne der erlegten Tiere für gutes Geld an Händler. Meine einzige Angst war Hunter - der Jäger. Keiner von uns wusste, wer er wirklich war. Wir wussten nur, dass er sehr reich war und aus Europa kam. Hunger war ihm fremd. Der Jäger hatte viele Männer angestellt, die Jagd auf uns Wilderer machten. Deshalb nannten wir ihn Jäger. Seine Leute waren mit Jeeps und Hubschraubern ausgerüstet, und immer, wenn ein Wilderer gefangen wurde, wurde er dem Staat übergeben und für viele Jahre eingesperrt. Doch danach blieben sie Wilderer. Das Gefängnis half nichts.
So jagte ich also in ständiger Angst vor Jägers Leuten nach Nashörnern und Elefanten. Schon einige Male war ich den Männern knapp entkommen, doch dann erwischte es mich. Gerade hatte ich einen Elefanten so mit dem Gewehr getroffen, dass er stürzte und liegen blieb. Während er in der flimmernden Hitze dalag und sterbend schwer atmete, wollte ich versuchen ihm seine Stoßzähne herauszuschneiden. Doch soweit kam es nicht. Ich war plötzlich von einem Dutzend von Jägers Leuten umstellt. Vergeblich versuchte ich zu fliehen. Sie nahmen mich gefangen und erschossen den Elefanten. Sie gaben ihm den Gnadenschuss. Das war das Erste, was mich tief beeindruckte.
Der Elefant hatte sich jedes Mal, wenn ich mich ihm näherte, verzweifelt aufgebäumt und mich so auf Distanz gehalten. Doch diesmal nicht. Er ließ den Mann auf sich zukommen und reagierte nicht. Obwohl er das Gewehr in seinen Händen sah - und Elefanten kennen Gewehre - reagierte er nicht. Er sah den Mann aus seinen traurigen Augen an und wartete auf den erlösenden Schuss. Noch nie habe ich so bewusst ein Tier sterben sehen.
Die Männer nahmen mich mit in ihr Lager. Das Gefängnis war mir sicher. Doch es sollte anders kommen. Ausgerechnet heute war Jäger im Lager und wollte sich die Arbeit seiner Männer ansehen, und ausgerechnet heute hatten sie mich gefangen. So also sah ich zum ersten Mal Jäger. Er war groß und schlank und muskulös. Er verstand unsere Sprache und beherrschte sie fließend. Die Männer erzählten ihm, was sie heute mit mir erlebt hatten. Dabei erkannte ich in seinen Augen Verzweiflung, Wut, ja sogar Hass. Er schrie seine Männer an sie sollten mich umbringen, damit ich wüsste wie ein Tier fühlt und stirbt. Ich bekam Angst. War das sein Ernst?
Augenblicke später lag ich auf einem der Steintische, die im Lager standen. Jägers Männer hielten mich fest, doch hatte keiner den Mut mich zu töten. Ich begann zu hoffen. Doch da nahm sich Jäger eine Axt und schrie wie wild, dass er ein Exempel statuieren werde. Angst loderte in mir auf, Todesangst.
Ich schrie und versuchte mich zu wehren, aber es half nichts. Die Männer hielten mich zu fest. Nun stand er vor mir. Der Jäger vor dem Jäger. Das Beil in der Hand, in den Augen Hass, mörderischer Hass. Er brüllte, er werde mich umbringen, damit es sich für mich ausgejagt habe. Ich schrie um Gnade, verlangte Vergebung, Mitleid. Er fragte nach meinem Mitleid für Tiere und hob die Axt. Ich flehte nur noch, wimmerte, starr vor Angst. Jäger schwang die Axt, ließ sie niederfahren, doch warf sie, bevor sie mich berührte, in den Sand hinter den Tisch. Er fiel auf mich und weinte. Er weinte. Er weinte leise und schluchzend, verzweifelt. Seine Männer waren verblüfft. Genau wie ich. Was sollten wir tun? Die Männer ließen mich los, und ich ließ ihn weinen.
Nach einer Weile beruhigte er sich und sah mich an. Er sah mich an. In seinen Augen war kein Hass und keine Wut mehr, nur noch Traurigkeit. Traurigkeit, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Er ließ mich los, sah mich an und sagte "Geh!" Er sagte nur dieses eine Wort. Er sagte es und diesmal war ich verzweifelt. Ich sah Traurigkeit und konnte nicht trösten. Nein, ich rannte. Ich rannte ohne mich umzudrehen, rannte, rannte und rannte.
Nach diesem Erlebnis jagte ich nie wieder. Heute gibt es keine Elefanten mehr. Nashörner auch nicht. Hätten alle den Jäger aus meinen Augen erlebt - Elefanten und Nashörner gäbe es noch. Aber jetzt ist es zu spät, viel zu spät. Jäger ist schon lange tot.




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Eingereicht am 06. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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