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Over The Ocean

©  Effie Briest


Sie hatten ihm versprochen, wenn er unterschreiben würde, er dürfe sein Surfbrett mitnehmen. Er würde nur einmal für zwei Wochen nach Schottland fahren müssen, mehr nicht, aber er würde viel mehr Geld kriegen. Und als er sie fragte, sagte er, Deutschland sei ein pazifistisches Land, er würde nie lange weg sein müssen. Und von dem vielen Geld würden sie ans Meer fahren. Und sie lachte und freute sich. Sie wurde gern vermisst und vermisste gern.
Sie hatte die Nummer, es waren 11 Ziffern, davor die Ländervorwahl 0093, 15 Ziffern, von einem Ende der Welt zum anderen. Sie hatte ihn gefragt, woher das Knacken in der Leitung kam, ob dann Sturm gewesen sei. Und wie man überhaupt mit Schiffen telefonieren konnte. Wer denn die Leitung gelegt hätte und was passieren würde, wenn das Schiff fährt. Und er lächelte, sie konnte es nicht sehen, erklärte ihr, das ginge über Satellit. Sie versuchte sich das vorzustellen, wie ihre Worte in den Himmel geschossen wurden, da waren in ihrem Kopf Bilder von gelben Laserstrahlen, die auf eine spiegelnde Schüssel an einen blinkenden Satelliten trafen, dort prallte der gelbe Laserstrahl ab, flog wieder zur Erde zurück und wurde auf dem Schiff auch in einer riesigen spiegelnden Schüssel aufgefangen. Aber weil ihr falsch vorkam, war in ihrem Kopf das Bild von einem an eine Telefonleitung angeseilten Schiff.
Sie hatte selbst nur einmal versucht, bei ihm anzurufen, am anderen Ende der Leitung hörte sie ein Knacken und Tackern und dann eine militärische Stimme, die sich mit "Zerstörer Lütjens, diensthabender Offizier" meldete und sie hatte Angst gekriegt und ganz schnell aufgelegt. Sie rief nie wieder an, er machte das.
Sie kann sich Entfernungen nicht gut vorstellen. 7000 Kilometer Luftlinie, das sind 3 Stunden Zeitverschiebung und fast 7 Stunden Flug. In Filmen müssen die Liebespaare immer nachts telefonieren wegen der Zeitverschiebung, in Filmen streiten sie darum, wer zuerst auflegt, in Filmen schwören sie sich ewige Liebe.
3 Stunden Zeitverschiebung sind nicht viel, er ruft nach Dienstschluss an, das ist um 17 Uhr, dann ist es bei ihr 14 Uhr, manchmal hat er Übung, dann, hat er ihr erklärt, tun sie so, als wenn Terroristen da wären. Am Horn von Afrika gibt es nur Wasser, Fische und deutsche Soldaten auf Schiffen, die Sonnenbrand kriegen und schwitzen. Wenn er lange genug so getan hat, als wenn Terroristen da wären, darf er telefonieren, die Übungen sind immer zu verschiedenen Uhrzeiten, dann ruft er sie manchmal auch nachts an, sie wird gern nachts angerufen, Liebespaare in Filmen telefonieren immer nachts. Nachts kann sie ihm sagen, dass sie ihn vermisst, jeden Tag mehr, ihm vorwerfen, dass er nicht nach Hause komme, dass er ihr aber versprochen habe, zu ihrem Geburtstag zu Hause zu sein, dass er ein Lügner sei. Wie es die Frauen in den Filmen auch sagen würden. Und wenn er ihr darauf erklärt, es sei eine Anordnung von ganz oben, dass er länger bleiben müsse, tut sie so, als würde sie es nicht verstehen und legt wütend auf. Wie es die Frauen in den Filmen tun.
Ihrer beider Leben haben eine Ordnung. Sie schreibt Briefe, jeden Tag einen, eine Seite, jeden Tag, schickt sie sonntags ab, die Adresse ist in Kiel, nicht in Afghanistan, das kommt ihr immer falsch vor. Er ruft einmal die Woche an, jede Woche ein Anruf, sie reden nie über die Briefe, die sind immer erst drei Wochen später bei ihm. Er schreibt nie Briefe und sie ruft nie an. Ihrer beider Leben haben eine Ordnung.
Ihre Füße hat sie ins Hafenbecken gehängt. Schaut in Richtung der Kräne.
"Du weißt, dass du dich hier nicht aufhalten darfst?"
Ein Hafenarbeiter im Overall setzt sich neben sie.
"Ich weiß."
"Was machst du hier?"
"Warten."
"Worauf wartest du?"
"Auf ein Schiff."
"Welches Schiff?"
"Auf die Lütjens."
"Der Zerstörer von der Bundeswehr? Der ist im Einsatz am Horn von Afrika."
"Ich weiß."
Er schüttelt den Kopf und steht auf.
"Wie kommen die Schiffe wieder heraus, wenn sie eingelaufen sind?"
Sie schaut ihn nicht an, starrt weiterhin die Kräne an, als wenn sie etwas verpassen könnte, würde sie eine Sekunde nicht hinsehen.
"Hier meinst du?"
"Es ist eine Sackgasse."
"Ja, das stimmt."
"Können Schiffe rückwärts fahren?"
"Ich weiß nicht."
Sie dreht sich um, schaut ihn an.
"Du arbeitest doch hier, oder? Du musst das doch wissen."
"Ja, aber ich habe hier noch nie ein Schiff gesehen."
Sie waren am Strand. Er brauchte das Meer, und weil er es brauchte, brauchte sie es auch. Er liebte das Gefühl, wenn die Wellen gegen seine Beine prallten und auf ihrem Weg zurück ins Meer ihm den Sand unter den Füßen wegzogen.
Sie suchte angeschwemmten Bernstein. Fand nur kleine grüne, braune und ein paar blaue Steine, die das Meer geschliffen, abgerundet hatte. Hielt sie für Edelsteine. Und wenn er sagte, dass das nur bunte Glasscherben wären, wusste sie, dass er Recht hatte. Gab es aber nicht zu, nahm die bunten Steinchen mit.
Er schießt auf Gummiboote ohne Besatzung. Sie vermisst und schreibt Briefe. Er sitzt stundenlang im Maschinenraum, bei 50 Grad. Sie vermisst und schreibt Briefe. Er wartet auf Befehle, die nicht kommen, weil keine Feinde da sind.
Sie liebt das Vermissen und das Briefe Schreiben.
Und wenn sie von ihm erzählte, dann schoss er nicht auf leere Gummiboote und wartete. In ihren Geschichten war er in Gefahr, da fielen Bomben ins stürmische Meer und er rettete Menschenleben.
Am Hafenbecken ist eine Sandfläche, übersät mit Scherben. Grüne, braune und ein paar blaue Scherben. Ungeschliffen, denn das Meer ist weit weg. Sie lässt sich fallen. Fällt auf die Sandfläche, er fängt sie nicht auf, er ist weit weg. Die Scherben bohren sich in ihren Hinterkopf. Blut färbt den Sand ein. Es ist so, wie es ist.
Der Anruf kam bei Nacht, sie hatte gedacht, sie wüsste, wann er immer Übung hat, aber als sie den Hörer an ihr Ohr drückte, hörte sie eine fremde Stimme, die Worte sagte, die sie schon einmal gehört hatte, die ihr wieder Angst machten, diesmal legte sie nicht auf, als sie Zerstörer Lütjens, diensthabender Offizier hörte.
"Frau Sievers?"
"Was ist mit Paul?"
"Er hat Sie als einzige Verwandte angegeben, ich wusste nicht, wen ich sonst..."
"Was ist mit ihm?"
"Bitte bleiben Sie ruhig. Paul hat sich gestern die Pulsadern aufgeschnitten."
"Senkrecht oder waagerecht?"
"Senkrecht oder waagerecht? Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?"
"Wissen Sie es denn nun?"
"Hören Sie zu, ich soll dafür sorgen, dass seine Sachen an seine Heimatadresse geschickt werden und er hat da nur Ihre Adresse angegeben. Ist das richtig?"
"Ja, er wohnt bei mir. Sie können alles zu mir schicken."
Sie versucht, aus dem Fenster zu sehen, doch es gelingt ihr nicht. Nur ihr eigenes Gesicht vor dunkler Nacht. Ihre Augen, blind für die vorbeirauschenden Felder, sehen nur sich selber und wie müde sie sind.
Sie versucht sich zu erinnern, wie sich das anfühlte, wenn er da war. Sie hat es vergessen.
Sie erinnert sich nur daran, wie gut es sich anfühlt, zu vermissen. Vermisst zu werden. Gefragt zu werden, ob sie keine Angst um ihn hätte, und dann zu sagen, wie mutig er sei und dass sie mit ihm mutig sei. Dafür bewundert zu werden, so tapfer zu sein.
Das gelbliche Licht der Bahn lässt ihr Gesicht bleich erscheinen. In wenigen Stunden, wenn die Sonne wieder scheint und sie aufwachen wird, wird dieses Ziehen hinter ihren Augen noch immer nicht fort sein. Es hat sich dort eingenistet und sie hat keinen Einfluss darauf, wann es wieder verschwindet. Irgendwann wird es von selber gehen.
Der Sitz ist hart und unnachgiebig. Sie hat sich daran gewöhnt. Schläft ein.
Die Gebäude sehen alle gleich grau aus. Der Zaun lässt es wirken wie ein Gefängnis. An ihm hängt ein Schild Militärischer Sperrbezirk. Unbefugten ist der Zutritt verboten.
Sie geht zum Pförtnerhäuschen, gibt ihren Personalausweis ab, trägt sich auf eine Liste ein. Der Pförtner drückt einen Knopf und die Tür springt ein Stück auf. Sie geht durch und schließt die Tür hinter sich, liest die Schilder, auf denen nur Nummern stehen, geht in einen der Eingänge, liest die Nummern an den Türen, bleibt vor einer Tür stehen. Wartet. Klopft. Leise. Als sie von drinnen ein Ja hört, geht sie rein. In dem Raum stehen 30 Betten, ihre Schritte hallen, die Wände sind grau, die Betten grün und aus Metall, die Bettwäsche weiß, halogenbeleuchtet, es ist ein Gitter vor dem einzigen Fenster, nur ein Bett ist belegt.
"Josie."
"Hallo. Wie geht's dir?"
"Gut. Ich hab denen erklärt, dass ich das nur gemacht hab, um zu dir zu kommen. Ich komme nächste Woche hier raus."
"Das ist schön." Sie flüstert fast.
"Josie, was ist los mit dir?"
"Ich bin nur hier, um dir deine Sachen vorbei zu bringen."
"Josie, was ist mit dir passiert? Ich verstehe das nicht. Du wolltest, dass ich zurück komme. Ich bin hier. Ich hab das nur für dich gemacht."
"Ich weiß. Es tut mir leid."
Sie stellt die Tasche ab und geht.




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Eingereicht am 06. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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