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Snake

©  Adam Geremek


Darling, wach auf, die Elefanten kommen! kreischte ihre hohe, englische Stimme, als sie mich aus meinem ängstlichen Schlaf riss - unter dem heißen, afrikanischen Himmel schlief ich nie sonderlich gut, genau das befürchtend, was nun unweigerlich auf uns zusteuerte. Man hört regelmäßig Geschichten von dummen, leichtsinnigen Touristen, die von Löwen oder sonstigen wilden Bestien gerissen werden, man glaubt natürlich nicht, es könnte einem selbst zustoßen, man schläft dennoch stumpf und minderwertig, zumindest ich, ich war schon immer ein Schisser, und nun das. Gleichzeitig konnte ich mich nicht entscheiden, was mir mehr widerstrebte, die Horde wilder Tiere im Anmarsch oder das "darling" aus ihrem kleinen, spitzen Mund.
Doch es war ohnehin zu spät - die Erde bebte bereits unheilversprechend, das Trompeten war greifbar nahe, wie das eines amerikanischen Südstaaten-Orchesters, das unter allseitigem Trara schwungvoll um die Straßen zieht, der Trompeter voran, ich mag eigentlich keine Trompete, schoss mir durch den Kopf, ein Übersprungsgedanke. Die blasse Hand von Emily Panther, ein grandioser Name, der auf eine so kitschige Art in diese öde Wildnis hineinpasste, dass ich nicht eine Sekunde gezögert hatte, sie mitzunehmen, als sie mich im Backpackers in Gabarone aufgegabelt hatte, ihre englische, pigmentarme Hand also öffnete den Reißverschluss des Zeltes, er hakte, beschützte uns vor den wütenden Dickhäutern, sie riss noch einmal an ihm, mein letzter Gedanke, vielleicht doch nicht, vielleicht ist's besser, sich nicht zu erkennen zu geben, vielleicht bemerken sie uns nicht, eigentlich wollte ich das tonnenschwere Getöse nicht sehen, das über uns hereinzubrechen drohte, der Reißverschluss hielt ihrem verzweifelten Zerren nun nicht mehr stand, und wir blickten direkt in die verblüfften Augen einer überdimensionalen Elefantenkuh, die offenbar nicht die Absicht hatte, ihren Unmut über uns Pfadschänder zu verbergen.
Aber ich hätte es wissen müssen, ich hatte es geahnt, dass dieser Trip so ausgeht, das gesamte, endlose Afrika war nichts für meine schwachen Nerven, nichts für Stubenhocker meines Kalibers, es musste einfach so enden. Schon der ganze verdammte Tag war nichts für mein zartes Gemüt, das ist nicht männlich, ich gestehe es, ohne dabei rot zu werden, und sollte der zornige Dickhäuter einfach über uns drüberstampfen, ich hätte wahrscheinlich nichts dagegen einzuwenden, im Grunde genommen gar nichts, wir hätten's verdient. Natürlich hatte man uns gewarnt, beim Campen auf Elefantenspuren zu achten, die haben ihre eigenen Tracks, dulden keine Störenfriede, so ist es eben nun mal, die sind hier zu Hause, aber was will man schon sehen in einer schwarzen, botsuanischen Nacht, meist ist's besser, nichts zu sehen, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, nun hatten wir den Braten, extrem heiß. Alles war so verwirrend, so anders, nur fürchterlich, und hinzu kam noch Emily, die mir auf die Nerven ging, meine schwachen Nerven, Emily Panther, konnte denn ihr Name uns nicht aus der Bredouille helfen, den Elefanten nicht das Fürchten lehren? Sollte sie ihn doch anbrüllen, wie sie die ganze Fahrt über schmutzige Lieder in die Hitze schrie, zum Teufel mit der Aircon, ich will den Wind spüren, schrie sie, her damit! Ich will, dass die Wildnis mich hört, yeah! Wie peinlich, dachte ich, was für ein profilsüchtiges Weib! Nun sollte sie zeigen, was sie drauf hat, sollte aus dem Zelt steigen und mit dem Monster verhandeln, eigentlich war sie an allem schuld, zumindest indirekt, ich sah mich selbst in Zeitlupe sie unsanft aus dem Zelt schubsen, und schon war sie draußen, Gott, was hab ich getan..?
Dabei hätte der Tag nicht harmloser anfangen können, wir tranken Kaffee, schauten in den wolkenlosen Himmel und dachten an die Kalahari, das Frühstück in unserem Backpackers in Gabarone war sensationell, die Luft roch würzig und klebrig, ein Tag zum Heldenzeugen, ich schaute Ingrid in die Augen, und suchte die Illusion darin, die Flucht, meine Rettung. Ingrid, das heißt meine Freundin - war sie noch meine Freundin, wie sollte ich's wissen? - also Ingrid konnte sich so herrlich auf etwas freuen, sei es nur auf einen großen Sandkasten wie die Kalahari, konnte ihre Freude wie ein charmantes Virus versprühen und jeden damit anstecken, bloß mich nicht. Sie war niemals spontan, das war nicht wirklich ihre Stärke, sie benötigte Ruhe und Zeit, um sich auf etwas geistig vorzubereiten, sie brauchte den unwirklichen Tagtraum davor, manchmal unbequem, aber mir gefiel es so, alles an ihr gefiel mir, nur nicht die Idee mit der blöden Kalahari. Und schon gar nicht das Okawango-Delta.
Ingrids Hand ruhte auf der Stelle der Landkarte, wo ein großer gelber Fleck die gewaltige Sandformation bedeutete, während sie mit geschlossenen Augen den Namen "Kalahari" wiederholte, so als sei es ein heiliger Ort, zugegeben, in ihrem Mund nahm er einen würdevollen Klang an, mir wurde heiß und kalt zugleich und wieder klar, dass ich sie liebte. Sie strich die Landkarte glatt und knickte jede der vier Ecken ein wenig um, das machte sie immer mit neuen Karten, sie sagte, damit wir in jeder Himmelsrichtung einen Anhaltspunkt am Horizont haben, ich fand es unheimlich beruhigend, auch wenn diese Eselsohren immer dann furchtbar nervten, wenn man gerade einen Anhaltspunkt suchte. Derweil versuchte ich irgendwo da unten in ihrer zweidimensionalen Traumlandschaft ihren Blick zu fassen zu kriegen, sie forschte und suchte in der Karte, nach Namen, Orten, Abenteuern, ihr abwesender Blick verriet nichts Gutes, sie hatte ihren Plan bereits gefasst, ich würde zu spät kommen mit meiner Initiative, und als sie sich endlich von den unaussprechlichen Namen, den strichgeraden Landesgrenzen, den unaussprechlichen Orten, all dem Afrikanischen, das mir so viel Angst und Bange machte, sie dafür um so mehr faszinierte, als sie sich endlich davon fortriss, verrieten mich meine Schisseraugen schon, noch bevor ich ein harmloses Wort formen konnte, sie zischte Was ist? und ich bemühte den besten Hundeblick, den ich draufhatte, ich sagte Müssen wir wirklich dahin? Wir könnten uns paar schöne Tage hier in Gabarone machen bis zu unserem Flug, er geht ja schon überübermorgen..., ich unterschlug ein "über", das war mir klar, aber die Sache war's mir wert, ich wollte nicht noch mehr Botswana erleben, nicht noch mehr Fremdes, nichts "adventure-like, hillarious, simply great". Statt einer Antwort strich Ingrid die umgeknickten Ecken glatt, sie tat es sehr bestimmt, ein hartes, bedeutungsvolles Glätten, schaute daraufhin an mir vorbei, ich kannte dieses Ritual, immer, wenn sie mit mir böse war, streifte ihr Blick meine linkes Ohr, bedeutete mir damit, dass selbst eine weiße Wand interessanter sei, als mein Anblick. Stets gab ich dann irgendwann nach, sie fiel mir um den Hals und alles war vergessen. Doch diesmal wollte ich standhaft bleiben, probte eine Rebellion, wenn auch sich meine beziehungserhaltenden Instinkte gegen diesen Widerstand sträubten, mir leise soufflierten, es sei aussichtslos, ich solle nachgeben, es habe keinen Sinn, das bringe mehr Stress, als es verdient, meine Angst vorm wilden Afrika war jedoch größer, als das "Vielleicht" in Ingrids Augen. Und während ich stolz meine harte Tour gegen ihre bedeutungsschwangeren Gebärden durchzog und ebenfalls an ihrem linken Ohr vorbei in die Backpackeisküche schaute, die dicke, schwarze Gerthi, die hier schon seit zwanzig Jahren arbeitete und nur mit Mühe einen Fuß vor den anderen setzen konnte, ihre Hüfte war fast vollständig versteift, während ich also Gerthis schweren Schritt mitleidig betrachtete, heftete Ingrid ihren Blick zielstrebig irgendwo hinter meinem Rücken, griff blitzartig nach ihrem Rucksack und verschwand, ehe ich mich versah, mit einem kühlen ...dann eben nicht! Bis zum Flug! in einem dunkelgrünen Land Rover, der zwei Pfälzern gehörte. Sie waren am Abend zuvor angekommen und wollten heute weiter ins Okawango-Delta, sie drehten dort einen Kinderfilm für den SWR - von wegen Kinderfilm! Sie sahen nach allem Möglichen aus, nur nicht nach Kindergeschichten, das war doch klar wie Kloßbrühe, nur nicht meiner naiven Ingrid, die mit einem Satz in deren grünem Kindermobil saß, wer sollte das glauben, ich dafür hier ganz allein. Mitten im verwirrenden Afrika.
Und nun traute ich meinen Augen nicht: Emily Panther, ich sollte sie niemals Lilly nennen, darauf bestand sie von Anfang an, Emily kroch tatsächlich weiter aus dem Zelt, ich blickte zwischen ihren dünnen, nackten Beinen, sie hatte nichts an außer eines weißen Stringtangas, blickte in die Augen eines verdutzten Elefanten, denn vor ihm stand ein winziges, nacktes Wesen, das ihm mit allerlei geschnörkelten Gesten eindringlich bedeutete, es möge doch freundlicherweise vorbeiziehen, ihm mit einer Taschenlampe in der Hand seinen Weg weisend, wie ein Fluglotse auf einem Flugzeugträger, der mit seinen Leuchtstäben die Kampfmaschinen einweist, ich musste beinahe lachen, ein Lichtstrahl streifte die Pupille des Steppenkönigs, die sich augenblicklich wie ein Tabaksbeutel zusammenzog und dem Koloss einen verkniffenen Ausdruck verlieh. Mein geistesgegenwärtiger Griff ging nach dem Lonely Planet, der vor mit auf der Isomatte lag, ich versuchte etwas über die Kommunikation mit Elefanten ausfindig zu machen, nein bei den Emergencies stand es nicht, auch nicht im Kapitel zur Kalahari, als ich endlich allgemeine Warnhinweise zum Zusammentreffen mit wilden Tieren fand, "...bewahren Sie Ruhe und geraten Sie nicht in Panik, bewegen Sie sich so wenig wie möglich und erheben Sie auf keinen Fall ihre Arme, das wird von den meisten Tieren als Drohgebärde gedeutet", hatte die graue Eminenz bereits nachgegeben und ist mit der Herde weitergezogen, meine nackte Engländerin saß triumphierend im Lotussitz vor dem Zelt, wie eine indische Göttin, die Arme halb angewinkelt, die Handflächen gen die schwarze Nacht gerichtet, feierte ihren Sieg über die Wildnis, kicherte und flüsterte verschwörerisch Das war verdammt knapp, nicht wahr, darling? Wir könnten es jetzt tun, als wären wir neugeboren, oder? Wir müssen nicht, wenn du nicht willst, aber..., ich musste zwangsläufig in ihren kaum verhüllten Schritt gucken, sog den Duft des trockenen Grases tief ein, atmete tief ein und aus, ich gebe zu mein Herz war mir grade ziemlich südwärts gerutscht, und griff reflexartig nach meinem Handy.
Ingrid und die Pfälzer, das ging mir nicht aus dem Kopf, diese schmierigen Typen, ich malte mir alles Mögliche aus, was sie mit ihr anstellten, nur keine Kindergeschichten, ich konnte nicht ruhig sitzen bei diesem Gedanken, griff nach meinem Handy und spielte Snake, ein Reflex, das tat ich stets, wenn ich aufgeregt oder durcheinander war, es war mein einzig wirksames Beruhigungsmittel, mein postmodernes Valium, Prosac eines Technik-Junkies, ich hatte bisher auf dem höchsten Level knapp neunzig Prozent der überhaupt möglichen Punktzahl erreicht, Ingrid machte's auch einem ziemlich leicht, so weit zu kommen, neben ihr war man nicht selten völlig durcheinander, mein Atem wurde ruhiger, meine Bewegungen monoton, kontrollierter, ich entspannte merklich, stierte wie gebannt aufs Display, den geschmeidigen Bewegungen des gefräßigen Reptils folgend, mit einem Mal wurde mir bewusst, dass Ingrid ihren Kaffee nur zur Hälfte ausgetrunken hatte, sofort keimte Hoffnung auf, vielleicht kommt sie gleich zurück, sie verließ das Haus nämlich nie ohne zwei große Tassen Kaffee, eine ihrer kleinen Marotten, vielleicht kommt sie, dachte ich, trinkt ihn aus und wird dann vernünftig, sagt Schatz, du hast Recht, wir bleiben hier. Ich beschloss also zu warten, neben meiner Kaffeefalle, stellte den Tastenton ab, es lenkte ab, bei jedem Tastendruck einen Pieps zu hören, allen voran bei den Bonuspunkten, wenn der Schlange kleine, lustige Tierchen in die Falle gingen. Ruhe bewahren war also nun die oberste Pflicht, der Köder war ausgelegt, der Tranquilizer zwischen den Fingern, nichts konnte schief gehen, die Schlange wand sich von einer Bildschirmecke zur nächsten, einem winzigen Pünktchen nachjagend, Planung und Strategie aufs Simpelste reduziert, das war es, was mich bei diesem Spiel faszinierte, von all den hirnlosen Zeitvertreibern der kleinen mobilen Spaßmacher das primitivste und erfolgreichste zugleich. Meine Verwirrung durch Ingrid erreichte gerade eine neue Rekordpunktzahl, als auf einmal wieder eine Taste klemmte, und die beinahe das ganze neonschimmernde Display ausfüllende Schlange mit ihrem Kopf gegen die Wand fuhr. Game over! Bis zum nächsten Mal! - vor Wut hätte ich den giftgrün leuchtenden Nervtöter gegen den Boden schleudern können, wäre mir nicht eingefallen, ich könnte Ingrid anrufen, also wählte ich ihre Nummer und hörte, wie mir eine african-english sprechende Stimme erklärte, Ingrid sei "not available, try again later", so viel zur schönen mobilen Welt. Welcome to Africa!
Langsam und schwerfällig rollte unser Wagen trotz der spiegelglatt asphaltierten Straße, die anders als in Europa eher abseits der Piste ihre Tücken beherbergte, das hatte ich gleich hinter Gabarone nach meinem Zusammenstoß mit einem Warzenschwein gelernt, einem Babywarzenschwein, das dummerweise seiner flinker befußten Mutter über die Straße gefolgt war, saudumm sozusagen, wir waren der einzige Wagen weit und breit, das Baby tot, die Mutter auf und davon, unser Nummernschild verbeult, Stoßstange krumm, eindeutig zu viel für meine schwachen Nerven. Nach diesem Zusammenstoß hatte Emily das Steuer übernommen, lass mich mal ran, du bist ja ne Tröte, sagte sie, seitdem hatte ich endgültig keine Kontrolle mehr über sie oder den Wagen, und trotzdem schoben wir uns behäbig vorsichtig durch die pechschwarze Nacht, als ob ich Schisser noch am Steuer säße, die Scheinwerferkegel wurden von Abermillionen herumschwirrender Insekten erstickt, die in beinahe greifbaren Strömen vom unsichtbaren Himmel herabgeschossen kamen, beim Blick zur Straßenseite, wo unzählige, weißlich leuchtende Pupillen ihr animalisches Gefahrenpotential nur erahnen ließen, lief's mir kalt den Rücken runter. In Botswana waren anders als in Namibia oder Südafrika die Straßenseiten nicht durch Zäune gesichert, allerlei verwirrtes oder gelangweiltes Getier konnte ungehindert seinen Herrschaftsanspruch auf Botswanas einzigen Highway erheben, einzig richtige Straße, die einmal ringsum im Kreis durchs Land führte, der Rest der Wege für einen Toyota Tazz eigentlich nur mit viel Mut und Aberwitz zu befahren, aber was sollte ich tun, ich musste Ingrid suchen, sie aus den Fängen der Pfälzer befreien.
Nach einigen Stunden wurde meine Kaffeefalle kalt und mir bewusst, dass Ingrid in Gefahr sein muss, sie würde den Pfälzern nicht aus eigener Hand entkommen können, ich musste also handeln. Doch was tun? Wohin gehen? Sie hatte die Landkarte mitgenommen, mir fehlte die Orientierung, ich war im Backpackers alleingelassen mit lauter an rauchenden Tüten nuckelnden Menschen, denen ein Grinsen in ihr Gesicht wie eingemeißelt schien, dass man nur reinschlagen wollte. Ein zimtig-fauler Geruch machte das Atmen beinahe unmöglich, ich hetzte verwirrt umher, musste mir dauernd Easy going, man!, Keep cool, man! anhören, dass ich fast kotzen musste, und schwor, der nächste mit 'nem blöden Spruch kriegt einen in die..., kriegt auf jeden Fall was zu hören, und als ich so überlegte, lief ich Emily in die Arme, besser gesagt in ihre Brüste, sie stolzierte topless herum, fragte Fancy a trip? und schwups saß sie in meinem Tazz, schrie was von Freiheit und drück auf die Tube, Alter, wir sprachen deutsch, nachdem sie mein albernes Schulenglisch nicht einmal zehn Minuten lang ausgehalten hatte, sie war früher Au-pair in Würzburg gewesen. Das Wetter schlug im Nu um, setzte eine schwermütige Grimasse auf, der wolkenverhangene Himmel schien wie aus flüssigem Quecksilber. Ein Sandsturm zieht auf, gib Gas, darling, sagte Emily, während meine Gedanken um Ingrid und die Pfälzer und unsere Beziehung kreisten, immer schneller, wie der Sandsturm, der sich angeblich irgendwo hinter uns formte. Um unsere Beziehung, die auf meinem lahmen Hasenfuß und Ingrids Versuchen, mich lockerer zu machen, aufgebaut war, eine recht wacklige Konstruktion, ein ständiges Hin und Her, zwei Schritt vor, einer zurück, ich wusste auch nicht, womit ich sie verdient hatte und versuchte, mich so locker wie möglich zu machen, manchmal wurde ich ganz verspannt vom vielen Lockerwerden, ich gab mir wirklich große Mühe. Und mit dem Afrika-Urlaub dachte ich, die endgültige Feuerprobe zu bestehen, unsere Beziehung zu besiegeln, wie ein Wagnis, das man eingehen muss, um in einen geheimen Bund aufgenommen zu werden, wie einen Punsch aus Senf, rohen Eiern und Kakerlakenbrei zu trinken, also musste ich weiter, das war ein Teil der Prüfung, das wurde mir nun endlich klar. Und dann war das Warzenschwein tot.
Emilys vom Armaturenbrett schwach beleuchtetes Profil verfinsterte sich. In der dunklen, mondlosen Nacht saß neben mir ein schwarzes Loch, das die wütenden Blitze, die daraus schossen sofort einsog. Ihr altmodisches Gesicht, es erinnerte an die grotesken Stummfilmgesichter der 20er Jahre, mit einer römischen Nase verziert, eine dunkle, krause Locke klebte flach an ihrer Stirn, ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, das jede Regung tausendfach intensivierte, you better look up our way in the LP, fauchte sie, sprach mit mir zur Strafe englisch, sie war sauer, weil wir aufbrechen mussten, weil wir nicht gevögelt haben, wer weiß warum, ihr verblassendes Make-up zog immer noch scharfe Kanten in ihrer Gesichtslandschaft. You better know where to stay overnight now, I do not, sie zog das "I" noch ein paar Oktaven höher, als für Engländer sonst üblich, ich sagte nichts, denn laut Lonely Planet war unsere Ausfahrt schon seit zehn Kilometern überfällig, normalerweise war auf ihn auf hundert Meter Verlass, meine Hand juckte's schon Richtung Handschuhfach zu meiner elektronischen Beruhigungspille, als endlich ein von Gewehrschüssen verbeultes Schild "D'kar" anzeigte, wo eine christliche Mission eine Herberge anbieten sollte, ob auch um halb vier nachts, das war eher unwahrscheinlich, ich sagte hier muss es sein und kriegte einen ehrlich verwunderten Blick ab.
Wir fuhren endlos Schritt-Tempo auf einer verwackelten Steinpiste, ein Vogelschrei aus dem Nichts erklang hohl und stimmlos, ließ keine Grenzen erahnen, die den Schall reflektieren würden, als aus der stummen Dunkelheit nacheinander ein paar in Staub panierte Hütten zögernd auftauchten, der Sandsturm war wohl vor uns hier und hinterließ eine friedlich eingehüllte Landschaft, die in dem gelblich-dumpfen Scheinwerferlicht wie von einer feinen Schneeschicht bedeckt schien, die sonst mit kurzen gräsernen Stoppeln ungepflegt erscheinende Möchte-Gerne-Wüste Kalahari war nun sicher glatt wie ein Babypopo.
Die Mission lag finster und feindselig hinter einem löchrigen Bretterzaun, das durch die Lücken durchscheinende Scheinwerferlicht ließ schwach die Silhouetten der einzelnen Baracken und eines Turms erkennen, an dessen Spitze ein überdimensionales Kreuz alles Natürliche und Nichtnatürliche überragte. Ich stieg aus dem Wagen und stolperte über unsichtbare Hindernisse, ging weiter schwerfüßig wie auf Stelzen bis mein Weg vom Lichtkegel der Scheinwerfer erhellt wurde, einzig vom Brummen des im Leerlauf laufenden Motors begleitet, Emily beobachtete die Szenerie sichtlich amüsiert aus dem Wagen heraus. Ich schrie ein, zwei Mal in die Dunkelheit, man hörte mich sicher nicht, auf mein Zeichen hin stellte sie den Motor ab und mit einem Mal umhüllte uns eine herbe, trotzige Stille, die nur ab und an durch einen müden Flügelschlag eines aufgeschreckten Vogel durchbrochen wurde, so jedenfalls meine Vermutung. Meine Angst lähmte mich bis in die Haarspitzen, ich stand wie angewurzelt da, ahnte, dass wir in der Wildnis wohl sicherer gewesen wären. Zwar war Botswana um Lichtjahre sicherer als Namibia oder Südafrika oder gar Angola, aber hier, hier am Ende der Welt waren wir jeder Laune einer afrikanischen Verbitterung, einer lange vor unserer Zeit geschürten Fehde machtlos ausgeliefert. Ich öffnete das schiefe Tor und trat auf eine Art Hof, hetzte aber schnell wieder zurück, denn ein möglicher Wachhund hätte nun seine Daseinsberechtigung an mir endlich unter Beweis stellen können, ich verfluchte meine Naivität, ich schrie noch einmal anyone there?, meine Stimme zitterte unüberhörbar, ich bedeutete Emily genervt, die Scheinwerfer auszustellen, damit sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten, außerhalb ihres Scheins waren wir doch eine leichte Beute.
Langsam wie aus einem Dunst tauchten nach einer Weile verschwommene Gestalten auf, ich zählte drei oder vier, schaute nervös zu Emily, die in der Zwischenzeit im Wagen eingeschlummert war, ich klopfte unsanft gegen die Motorhaube, es ärgerte mich, dass ich hier alleine den Helden spielen musste, und noch nicht einmal Ingrid konnte meinen Mut bewundern, wäre sie hier, hätte ich sicher schon längst die goldene Medaille im Lockerwerden bekommen, die drei Gestalten kamen näher, und Emily war auf einmal wach und mit einem Satz bei ihnen, plauderte, scherzte, erklärte ihnen unsere Lage, während ich mich abwechselnd über ihre Naivität und meine Angst ärgerte, ich stand da wie ein Idiot.
Come on, darling, schrie sie, they got a spare bed for us, in der Dunkelheit ahnte ich ihr verschmitztes Zwinkern, ich stand immer noch unsicher in der Gegend, da holte eine der Gestalten ein Handy aus der Tasche, telefonierte kurz auf Setswana, erklärte, die Lady, die den Schlüssel habe, komme gleich, das dauere aber noch etwas, na klar, dachte ich mir, für wie blöd hältst du uns, hey Jungs, da sind zwei dumme Touristen, die wir ausnehmen können, der Mietwagen ist ziemlich gut in Schuss, die Lady ist auch nicht von schlechten Eltern, den Typen können wir gleich abknallen, das hast du doch grad deinen Verbrecherkollegen erzählt, Gott, wären wir doch in der Steppe geblieben.
Emily war naiv wie eine Eintagsfliege, sie hörte interessiert zu, wie der Typ die wildesten Lügengeschichten von sich gab, er sei Priesteranwärter, na klar, und schon einige Male in Europa gewesen, in Finnland und in der Ukraine, das ist aber interessant, schöne Länder, aber hier gefalle 's ihm doch besser, ha, natürlich, weil man hier ungestraft unschuldige Touristen abmurksen und ausrauben kann. Irgendwann rollte eine fleischige Schwarze in Tracht und Turban auf dem Kopf an, wie ausgehfertig, na das ist ja schön, ihr macht euch also schick zum Touri-Schlachtfest, sieh mal einer an, ein schriller Laut entfuhr ihrer Kehle und augenblicklich waren alle still, sogar die Vögel hielten inne und schrieen nicht mehr und schlugen nicht mit ihren Flügeln, sie wandte sich mir zu, hieß mich mit einer strengen Freundlichkeit willkommen, nahm meine Hände in ihre, während meinen Körper unablässig ein leises Zittern durchlief, ich schluckte meine Angst laut herunter, während sie erst meine, dann Emilys Ringfinger prüfte, no couplebed sagte und Richtung Baracken losschritt.
Wir trippelten alle hinter ihr her im Gänsemarsch, sie roch nach Bratfett, Zigarrenrauch und menschlichen Ausdünstungen, ich schaute mich nach Emily um, doch sie saß schon im Wagen und fuhr ihn in den Hof, während eine der drei Gestalten das Tor hinter ihr schloss, jetzt ist unsere letzte Fluchmöglichkeit futsch, dachte ich, nun sind wir vollkommen ihrem Willen ausgeliefert. An dem wie Ebenholz schwarzen Himmel flackerten schmächtige Sterne nervös und unheilsversprechend, außer dem schweren Keuchen der Dicken hörte man bei jedem Schritt auf dem schweren Sand ein leises Knacken unter den Füßen, ich wollte gar nicht wissen, was das ist.
Schließlich bekamen wir ein großes Zimmer mit vier stählernen Betten zugewiesen, die Wände aus einzelnen, verbogenen Brettern zusammengezimmert, bei dem leisesten Windhauch bewegten sich die abenteuerlich bunten Gardinen mit, die Kerze, die ich in die Hand gedrückt bekommen hatte, war nicht im Stande, den ganzen Raum auszuleuchten, we switch off the ligths at eight, informierte mich die Obermama, wie ungeschickt, dachte ich, grad dann, wenn's dunkel wird. Man nahm mich am Ellenbogen, führte ins Bad, ich schaute herab und erkannte, was das Knacken unter den Füßen verursachte: Der komplette Boden war voll von teils toten, teils noch lebendigen, vom Sandsturm gelähmten, riesigen Grillen, einige zuckten noch, die meisten hüpften wie geblendet durch die Gegend, mindestens mittelfingerlang waren sie, ich hielt die Kerze hoch, mir war zum Brechen übel, you can take a shower, if you like, nein danke, dachte ich, dann verschwand die dralle Lady grußlos in der Dunkelheit, im Gehen meinte sie noch, für unseren Raum gebe es leider keinen Schlüssel, zumindest habe sie keinen gefunden, abrechnen würden wir morgen. Weg war sie.
Mein Herz raste, meine Gedanken fuhren Achterbahn in meinem Kopf, ich wusste nicht, woran ich mich festhalten, was mir irgendeinen Halt oder Trost verleihen sollte, schließlich war mir klar: Nun ist's aus, heut müssen wir sterben, hoffentlich wird's schnell und schmerzlos gehen. Zum ersten Mal war ich froh, dass Ingrid nicht da war, vielleicht würde wenigstens sie diese Reise überleben, die Pfälzer könnten sie vielleicht verschont haben. Irgendwie machte mir der Gedanke Mut, Ingrid wäre nach meinem Tod stolz auf mich, in ihren Augen würde ich meine Prüfung bestanden haben, doch mein kleiner Funken Mut verließ mich augenblicklich, als ich unseren Raum betrat und Emily sah, in deren Augen in zum ersten Mal panische Angst erkannte, ihre Abenteuerlust verflogen, während Hunderte der riesigen Grillen geräuschvoll am Boden hüpften, auf den Betten, an den Wänden, überall. Sie kam auf mich zu, bebend und schwer atmend, ihre Haut war grau und schweißig glänzend im Kerzenschein, ich wollte nicht wissen, wie gespenstisch ich erst aussehen musste. Wir haben keinen Schlüssel, sagte ich, ich hab's gehört, antwortete sie wieder auf deutsch, vielleicht könnten wir eines der übrigen Betten vor die Tür schieben, man weiß ja nie, ein schlechtes Pflaster für meine verletzliche Angsthasenseele.
Plötzlich hörte ich ein bekanntes Geräusch, eines, das ich sogar sehr gut kannte, ich hielt inne und schaute Emily an, die nichts verstand, ich schob das Bett ein wenig beiseite, der quietschende Lärm der Metallverstrebungen war ohrenbetäubend, ich lauschte, das Geräusch war aber weg, doch kurz darauf war ein anderes da, langgezogen, danach eine laute, menschliche Stimme, ich wagte einen Blick aus unserer Tür. Irgendwo in der Dunkelheit sah ich ein schwach schimmerndes Licht, dann war es weg, war wieder da, wieder das Geräusch, nein, kein Geräusch, es war ein einzelner Ton, noch einer und noch einer. Ich trat ins Freie und ging nach Gehör, nach zwanzig, dreißig grillenknirschenden Schritten, kam ich an eine Bank, wo die drei Schwarzen von vorhin saßen, rauchten, lachten. Der Priesteranwärter hielt ein Handy in der Hand, das neongrün leuchtete und dann und wann einen Ton von sich gab, während er wie vor einer heiligen Erscheinung darauf stierte: Er spielte Snake. You wanna?, fragte er mich, seine Trommelschlegelfinger, bewegten sich flink trotz ihrer scheinbaren Grobschlächtigkeit über die Tastatur, you know snake? I like it. Ich verneinte, nahm eine mir angebotene Zigarette an, ich hatte seit mindestens zwei Jahren nicht mehr geraucht, davor nur gelegentlich, lächelte, gleichgültig, ob meine Geste als höflich oder nicht verstanden würde, und ging zurück zu Emily. Der Knoten in meiner Brust löste sich langsam, ich spürte, wie ich atmete und das Blut in meine Glieder zurückkehrte, mir wurde leicht schwindelig von der Zigarette, ich schüttelte den Kopf. Die Gedanken nahmen wieder Form an, sie lösten sich aus ihren wirren Hüllen, ich sah die grüne Schlange mir vor meinem inneren Auge zuzwinkern, ich musste kurz laut lachen, schüttelte abermals den Kopf. Ich kam ins Zimmer zurück, wo sich Emily an die immer kürzer werdenden Kerze klammerte, sie fragte was ist?, ich antwortete nichts weiter, ich nahm sie in den Arm, es ist nichts, lass uns schlafen, sagte ich und musste über mich selbst lachen.
Ich wachte schwerfällig vom tiefen Traum auf als draußen die Sonne bereits senkrecht niederbrannte. Ich schaute aus dem Fenster, ein kleiner, schwarzer Mann stand vor dem Bad und putzte sich seine Schuhe, vollkommen überflüssig in einer Gegend mit ausschließlich staubigen Straßen, dachte ich. Sein unbehaarter Bauch glänzte matt in der Sonne, die graue Wolle auf seinem Kopf verlieh ihm etwas Anmutiges. Ich ging hinaus, Emily schlief noch schwer atmend, der Alte sah mich an und grüßte mit einem kurzen Kopfnicken. Ich schaute mich in der Gegend um, die im hellen Licht an Kontrast gewonnen, ihren Schrecken in der gleißenden Sonne komplett eingebüßt hatte. Ich schaute nach oben, der Mann folgte meinem Blick. In Afrika hängt der Himmel höher, nicht wahr? sagte er. Ich nickte. Viel höher, dachte ich.




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Eingereicht am 05. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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