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Graurot

©  Anne Linke


Der Brief lag auf dem ungemachten Bett, zwischen den übereinander geworfenen Kleidern der Mutter und die wackeligen Buchstaben auf dem Umschlag bewachten mit strenger Miene sein Inneres. Moussa hob ihn auf, drehte ihn vorsichtig zwischen seinen Fingerspitzen und legte ihn dann wieder ehrfürchtig auf den bunten Rock der Mutter. Er wusste, dass der Brief von der Großmutter kam, Niemand sonst würde ihnen schreiben. Die Großmutter schrieb sonst nie. Sie konnte nicht besonders gut lesen und schreiben und immer, wenn Moussa sie in ihrem Dorf besuchte, musste er ihr aus seiner Fußballzeitung vorlesen. Er erklärte ihr, wer Zinedine Zidane war und warum er einmal wie er in einem französischen Club spielen würde. Dann lachte die Großmutter und drängte ihn weiter zu lesen. "Wenn du dann in Frankreich wohnst und reich bist, kaufst du mir eine Lesebrille. Dann kann ich selber lesen." Moussa wusste, dass die Großmutter auch mit Brille nicht besser lesen können würde, aber er wusste auch, dass alte Frauen ihre eigenen Wahrheiten haben.
Die Großmutter hatte Moussa beigebracht, nicht zu lügen, weil das Gott und dem Pfarrer nicht gefalle. Aber die Mutter hatte ihm erklärt, dass es Gott und dem Pfarrer auch nicht gefalle, wenn die Großmutter unglücklich sei und Moussa verboten, der Großmutter zu erzählen, wie sie ihr Geld verdiente.
Jeden Abend zog die Mutter einen kurzen Rock an, malte ihre Lippen rot und ihre Augenlider blau an und besprühte sich mit Parfüm, das nach etwas roch, das Moussa nicht kannte. Sie wusch sich auch mit einer besonderen Seife, die ihre Haut hell machen sollte. Aber die Seife hinterließ nur große weiße Flecken auf dem Hals der Mutter, die bei deren Anblick in Tränen ausbrach. Moussa wusste, dass die Mutter aussehen wollte wie die weißen Mädchen in den amerikanischen Filmen, die sie sich, wenn sie Geld hatten, im Kino ansahen. Aber Moussa wusste auch, dass diese Mädchen keine weißen Flecken auf dem Hals hatten.
Moussa fand die Mutter sehr schön, wenn sie abends weg ging. Und er hoffte, dass die Männer, die die Straße, in der die Mutter arbeitete, im Schritttempo entlang fuhren, das auch finden würden. Denn dann bekäme die Mutter wieder Geld, könnte der Nachbarin das geliehene Geld zurück geben und Moussa die restlichen Fußballsticker kaufen, die ihm noch von der kamerunesischen Nationalmannschaft fehlten.
Die Mutter brachte ein paar fetttriefende Pommes-Frittes, die in durchgeweichtes Zeitungspapier gewickelt waren und eine Flasche lauwarme Cola. Die weißen Mädchen in den amerikanischen Filmen waren nicht so dick wie die Großmutter, deshalb aß Moussa die Pommes alleine. Die Mutter las den Brief. Sie konnte auch nicht besser lesen als die Großmutter, aber ihr durfte Moussa nicht vorlesen. Dann wurde sie wild und gereizt, schrie, ob er seine Mutter denn für dumm halte und vergrub sich mit vor Konzentration und Anstrengung gekräuselter Stirn hinter die Buchstaben. Moussa konnte schon gut lesen, obwohl er erst sieben Jahre alt war. Ein Fußballer muss auch lesen können, wegen der Verträge und so. Das sagte jedenfalls Ibrahim und der war mit seinem Vater schon im Stadion bei einem richtigen Fußballmatch gewesen.
"Die Tante ist gestorben", sagte die Mutter leise. Ihre Augen waren voll Wasser. Sie stand auf und strich sich den Rock so heftig glatt, dass der sowieso schon bis zum Äußersten gespannte Knopf über dem Reißverschluss absprang. Die Zähne des Reißverschlusses gingen unbarmherzig auseinander. "Scheiße!", rief die Mutter und das linke Auge lief über. Moussa fing an zu lachen und bekam eine Ohrfeige. Sie heulten beide, er vor Wut, sie, weil sie wieder ein Stück Heimat verloren hatte.
Der Staub im Dorf war rot, nicht grau wie in der Stadt. Und während der graue Staub der Stadt sich in die Hälse der Menschen setzte, ihnen die Luft zum Atmen nahm und die Gier zu leben weckte, begrub der rote Staub des Dorfes alles und machte es zu dem, was es seit Jahrhunderten war: rot.
Die Mutter hatte sich noch einmal Geld von der Nachbarin geliehen und Moussa ein paar weiße Turnschuhe für die Beerdigung gekauft. Die waren schon am ersten Tag im Dorf rot geworden und am zweiten hatte die Großmutter sie so lange auf dem Stein neben der Quelle geschrubbt, bis die Sohle den Bach hinunter geschwommen und das Futter völlig aufgeweicht war. Die Mutter hatte die Großmutter angeschrien und die Schuhe weg geschmissen. "Das Geld war doch von der Nachbarin, weil die Männer der Mutter grade kein Geld dafür geben wollen, dass sie zu ihnen ins Auto steigt", versuchte Mousssa der Großmutter zu erklären und erst als es zu spät war, fiel ihm ein, dass er der Mutter versprochen hatte, der Großmutter nichts von den Männern zu erzählen.
Als Moussa vom Laden zurück kam, wo er Salz für die Großmutter gekauft hatte, war der Pfarrer schon da. Er saß mit der Großmutter auf dem Hof, die Bibel in der einen, den Holzlöffel, den ihm die Großmutter zum Umrühren der Soße auf dem Feuer gegeben hatte, in der anderen. Auf einem zweiten Feuer stand ein riesiger Topf mit Reis und die Großmutter rupfte die Hühner. Heute Abend würde das ganze Dorf kommen um die Tante zu den Ahnen zu geleiten. Denn wenn die Tante nicht gut dort ankäme, würde sie sich am nächsten Tag weigern sich in das Grab zu legen, das der Sohn des Pastors ihr gegraben hatte. Moussa war sich deshalb nicht sicher, ob die Tante nun bei den Ahnen oder im Himmel war.
"Die Tante wollte sterben, deshalb konnten die Wassergeister sie hinunterziehen." Die Großmutter nickte bedächtig zu ihren Worten und wiegte sich langsam vor und zurück. "Sie beten doch, dass Jesus sie aufnimmt, oder, Herr Pfarrer?" Sie wischte sich mit ihren blutigen Fingern eine Träne weg. Das Blut sah auf ihrer schwarzen Haut aus, wie der rote Staub nach dem großen Regen. Die Mutter setzte sich mit einer Schüssel Süßkartoffeln neben die Großmutter und fing mit ruckartigen Bewegungen an, sie zu schälen.
"So ein Unsinn!", sagte sie.
"Was ist Unsinn?", fragte die Großmutter schnippisch.
"Dass der Wassergeist die Tante hinuntergezogen hat. Wahrscheinlich seid ihr alle gaffend um den höchstens anderthalb Meter tiefen Tümpel gestanden und habt ihr untätig beim Ertrinken zugesehen. Dass ich nicht lache, die Geister. Ihr kriegt in eurem gottverlassenen Kaff auch nichts mit von der Welt und von der Moderne, oder?! Lebt hier wie im Mittelalter. Du lässt dir die Haare vom Kopf fressen, weil du Angst vor der Tante hast, die ihr ganzes Leben keiner Fliege was zu Leide getan hat."
Die Schalen fielen immer schneller zu Boden, die Mutter schnitt viel zu viel ab.
"Ach, Entschuldigung. Ich habe vergessen, dass meine moderne Tochter hier ist. Die ehrt die Ahnen nicht mehr und ihre alte Mutter auch nicht. Aber die Ahnen sind nachtragend, sie verzeihen nicht."
Die Federn fielen jetzt genauso schnell wie die Kartoffelschalen.
"Die Welt geht nicht unter, wenn die Ahnen nicht mehr geehrt werden. Im Gegenteil, sie dreht sich schneller, bringt Veränderung, Neues. Aber hier, wo die Kühe für Regen geschlachtet werden, ist die Veränderung noch nicht angekommen. Sonst wärst du nicht ständig krank wegen dem nassen Stroh auf deinem Dach und dem dreckigen Wasser."
"Es wird sich nichts ändern, wenn alle in die Stadt gehn und rumhuren."
Die Mutter schnitt sich in den Finger. Sie zuckte nicht einmal, das Blut färbte die Kartoffel rot.
Der Pfarrer starrte betreten auf seine staubigen Schuhe und rührte konzentriert die vor sich hin blubbernde Soße. Moussa schloss die Augen und machte sich unsichtbar. Die Hühner knabberten an ihren gerupften Artgenossen.
"Du solltest nach dem Reis sehen." Die Großmutter wies mit dem Kinn erst auf ihre Tochter, dann auf den schwarzen Blechtopf.
"Ich werde dann auch mal gehn, bis heute Abend." Der Pfarrer stand auf, gab der Großmutter die Hand, strich Moussa über seinen unsichtbaren Kopf und hinterließ die Spur schmaler Fahrradreifen im Rot.
Die Sonne ging unter, Moussa trieb die Hühner in den Stall und die Großmutter fegte den Hof. Die Gäste kamen, sangen, weinten, schrien. Moussa, den Bauch voll und die Augen schwer, saß an die Hauswand gelehnt. Er suchte zwischen zwei Wimpernschlägen die Mutter. Sie tanzte mit den anderen Frauen, sang das Lied des Abschieds, übergab die Tante den Ahnen. Sie hatte ein Kopftuch und einen langen Rock von der Großmutter angezogen, ihre Lippen glänzten rot, die Augen waren blau umrandet. Die Hühner regten sich leise im Verschlag, gackerten das Lied des Abschieds.
Morgen würden sie in die Kirche gehen. Und am Tag darauf heimfahren. Die Mutter durfte nicht so lange weg bleiben, weil die Männer sie sonst vergaßen und ihr Geld anderen Müttern gaben.




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Eingereicht am 04. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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