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Der große Fresser

©  Andreas H. Drescher


Ein ausgesprochen plötzlicher Sonnenaufgang ist das. Als sie die ersten Strahlen im Gesicht spürt, will sie wieder leben. Aber kaum hat die Wüste sie aufgenommen, ist da auch schon wieder dieses Schmatzen. Und es bleibt, obwohl sie niemanden sieht. Oft überholt es sie auf ihrem Weg nach Süden.
Zuerst bewegt sie sich ausschließlich in Wadis. In der Hoffnung, die Flüsse kehrten zurück. Aber vor so vielen Ertrunkenen sie auch immer steht: Kein Tropfen kommt wieder. Trotzdem ist sie glücklich. Sie wird ja gebraucht. Mit eigenen Händen begräbt sie die Toten.
Aber als sie zu den ersten Versteinerten kommt, weiß sie nicht, was sie tun soll.
Es erscheint ihr nicht pietätvoll genug, sie vom Felsen zu brechen. Einfach liegen lassen will sie sie aber auch nicht. Schließlich beschränkt sie sich darauf, den Schädeln den Sand aus den Augen zu blassen und ihnen ihre Kleider über den Kopf zu ziehen.
Als sie vollkommen nackt ist, sieht sie ihn zum ersten Mal: den Großen Fresser. Als Fata Morgana, die bis in die Nacht hinein vorhält.
Sie sieht ihn, wie er neue Gegenden verwüstet. Natürlich versteht sie auch ihn.
Aber sie muss ihn erreichen, bevor sein Hunger zu groß werden kann. Denn ist das erst einmal geschehen, wird er der Menschenfresserei verfallen.
Und doch wagt sie drei Tage lang nicht auf ihn zuzugehen, als sie ihn gefunden hat. Drei Tage lang geht sie immer im gleichen Abstand hinter ihm her.
Gebannt sieht sie ihn Felder, Weiden und Wälder in sich hineinschlingen, erstarrt erst, als er auf den ersten Marktplatz zuhält. Sie weiß: Der Umschlag in die Menschenfresserei hat eben stattgefunden. Dann überholt sie ihn in weitem Bogen, schlägt einen Haken und läuft auf ihn zu.
Sie will wenigstens die erste zu sein, die er verschluckt. Ihr bleibt gerade noch Zeit sich zusammenzukauern, als er den Mund öffnet.
Lange wagt sie nicht, die Augen in ihm aufzuschlagen. Aber der Geruch von Hirse gibt ihr Mut.
Sie blinzelt, kann kaum glauben, was sie sieht: Felder, Weiden, Wälder...
Gleichmäßig an den Magenwänden verteilt und vollständig erhalten.
Selbst der Zenit ist hier zu einem leichten Sonnenaufgang herabgemildert.
Sie ist also angekommen.




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Eingereicht am 04. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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