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Paradies und Hoffnung

©  Regina Kaute


Sie saß in der Küche, den Kopf auf die Arme gestützt. Ihr Körper zuckte, ja sie weinte und war unglücklich. Nicht nur die Tatsache, dass sie von den Anderen aufgrund ihrer Statur gemieden wurde, nein, jetzt hatte sie auch noch ihre Arbeit verloren. Von Einsparungen und der Notwendigkeit der Schließung ihres Bereiches in der Firma sprach der Chef, als er sie mit diesen Tatsachen konfrontierte. Langsam bewegte sich ihr tränennasses Gesicht zur Seite und schaute auf den Kalender. Ja, der 20. März war heute. Ein Blick höher und eine wunderschöne Landschaft war zu sehen. "Drakensberge" stand in kleiner Schrift darunter.
"Eigentlich ist es eh egal", dachte sie in diesem Augenblick, stand auf, nahm ihre Jacke und Tasche und ging ins Reisebüro.
11 lange Stunden dauerte der Flug und als das Flugzeug in Johannesburg landete, war es schon Nacht. Der Bus brachte sie in eine Hotelanlage. Es war sehr warm und sie war froh, als sie endlich in ihr Zimmer konnte. Ja, sie hatte es wahr gemacht, Tausende Kilometer von Deutschland entfernt lag sie hier und erfüllte sich einen Traum, den Traum von einer fremden Welt und wunderschöner Natur. Dass ihr ganzes Geld dabei drauf ging, war ihr gleichgültig. Jetzt, in diesem Moment, war sie glücklich und fiel in einen traumlosen Schlaf.
Die Stadt Johannesburg war wie jede andere Großstadt. Hochhäuser säumten das Zentrum. Die Straßen waren voller bunt gekleideter Menschen. Es war schon ein reges Treiben. So schlenderte sie die Straße entlang und blieb vor einem kleinen Geschäft stehen. Die Tür war offen und ein übler Geruch kam ihr entgegen. Neugierig betrat sie den Laden. Überall hingen Knochen, Wurzeln, Kräuter. In der Mitte des Ladens saß auf dem Boden eine alte Frau, seltsam gekleidet und schaute Helena direkt in die Augen. Ihr Blick ließ sie näher treten, sich setzen, obwohl der üble Geruch sie fast erbrechen ließ. Die alte Frau nahm eine Hand voller Knochen und ließ sie durch die Finger auf den Boden gleiten, dabei summte sie mit hohen Lauten vermischt. Dann schüttelte sie den Kopf, hob die Hände und sprach in einer Sprache, die Helena nicht verstand. Als Helena aufstehen wollte, drückte ihr die alte Frau ein Säckchen in die Hände und deutete ihr auf den Kopf, das soviel wie "umbinden" heißen sollte. Schnell drückte Helena ihr ein paar Rand in die Hände und verließ das Geschäft, froh, wieder bessere Luft atmen zu können. "Schade, dass ich nichts verstanden habe", seufzte sie, schob das Säckchen in ihre Tasche und begab sich zu ihrer Reisegruppe, um die Fahrt fortzusetzen.
Ja, es war ein herrliches Land, so weit und unendlich. Straßen, die am Horizont gen Himmel streben wollten, trockenes Land, dann wieder Gebiete mit Blumen übersäht und ab und zu Dörfer, viele aus Blechhütten bestehend. Kleidungsstücke hingen auf den Zäunen zum Trocknen. Menschen waren zu sehen, die Holz trugen, Wasser und alles auf dem Kopf. Was Helena besonders auffiel war, dass es Frauen waren, die diese Lasten auf ihren Köpfen trugen. So vergingen die Stunden der Busfahrt wie im Fluge. Noch eine Nacht und dann würden sie im Krüger Nationalpark sein, endlich die Tiere sehen, die das eigentliche Afrika ausmachten. Ja, leider hatten diese ihren Lebensraum nur noch in den Reservaten. Hier gab es viele Rinderherden, alles kultiviert, nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Das Hotel hatte einen Swimmingpool, Helena zog sich ihren Badeanzug an und wollte noch ein paar Runden schwimmen. Hier kannte sie niemand und es störte keinen, dass sie nicht die Traumfigur einer Claudia Schiffer hatte. Entspannt legte sie sich danach ins Bett, da fiel ihr der Beutel der alten Frau ein. Sie nahm ihn aus der Tasche und sah ihn sich genauer an. Es war derber Stoff, einige Schriftzeichen darauf. Er war zugenäht, sie konnte ihn nicht öffnen. Das Lederband war geflochten. Sie roch an dem Beutel, der Geruch war eigenartig, aber nicht unangenehm. Dann legte sie den Beutel um den Hals. "Was diese alte Frau wohl gesehen hatte?", ging es ihr so durch den Kopf und dabei schlief sie ein.
Ein seltsamer Traum! Die alte Frau erschien ihr und zeigte in Richtung Savanne. Es kam von dort wie eine Rauchwolke, die einen Körper umnebelte, schön gebaut und braune Augen blickten sie an um zu sagen… Das Telefon schrillte, der Weckruf.
Sie erreichten den Krüger Nationalpark. Der Reiseleiter wies darauf hin, dass man bei Safarifahrten die Jeeps nicht verlassen durfte. Hier konnte man mit einem bisschen Glück die "Big Five" sehen. Das waren Elefant, Löwe, Nasshorn, Leopard und Büffel. Schon die Fahrt zum Camp war sehr aufregend. Endlich die Tiere von Afrika! Sie sah Zebras, Impalas und sogar einige Giraffen. Für den Anfang schon super!
Das Camp war wie eine Festung. Elektrischer Drahtzaun vermittelte einen Eindruck, der auf die Gefährlichkeit der hier lebenden Tiere hinwies. Die Hütten hatten große Ventilatoren und waren einfach eingerichtet. Ein Rundgang durch die Anlage endete mit einem Ausblick auf einen Fluss. Hier waren Bänke, die zum Verweilen einluden, um die Tiere bei der Tränke zu beobachten. Schade, dass Helena ihr Fernglas vergessen hatte. Trotzdem war es sehr schön und sie konnte sogar zwei Elefanten sehen, die langsam durch den Fluss trabten.
Am nächsten Tag ging es endlich auf Safari. In einem Jeep saßen zwölf Leute, je drei auf vier Bänken verteilt. "Na, dann wollen wir mal", sagte der Begleiter. "Und bitte, nie das Auto verlassen, nur wenn ich es sage!" Die Straßen waren schmal, aber befestigt. Unbefestigt waren die Seitenwege. Der Wagen fuhr langsam, so dass man auch Tiere sehen konnte.
Dann ging es ab in eine Seitenstraße, die zu einem Wasserloch führen sollte. Feiner Staub wirbelte hoch. Die Sonne schien und es war sehr heiß. Auf dem Weg sah man große Fladen, wahrscheinlich von Nasshörnern oder Büffeln. Jetzt ging es ziemlich steinig bergab, durch einen Rinnsal von Fluss und … es knackte und krachte, der Wagen bekam Schräglage, die Menschen im Auto waren starr vor Schreck. Ganz langsam senkte sich das Fahrzeug nach rechts und blieb im Flussbett stecken.
Langsam die Fassung wieder gewinnend, sprang der Begleiter aus dem Wagen und rief: "Alle schnell aussteigen, sonst kippt der Wagen um. Bitte das Gewicht verlagern und die, die raus sind, halten das Auto!" Einer nach dem Anderen verließ das Auto, hinein in das knöcheltiefe Wasser. Helena war mit einer der Letzten, die das Auto verließen. "Hören Sie zu! Wir werden gemeinsam versuchen, den Wagen wieder fahrtüchtig zu machen. Auch wenn es sehr heiß ist, bitte ich Sie mitzuhelfen. Ich werde Hilfe über Funk rufen, aber im Moment ist es hier nicht ungefährlich", sprach der Begleiter. Dabei fiel sein Blick auf Helena. Ihre Blicke trafen sich, sie wurde rot und das in dieser Situation. Es war ihr peinlich, versuchte es zu überspielen und motivierte die Anderen mit anzufassen.
Aufgeschreckte Vögel flogen in die Lüfte, Affen sprangen aufgeregt auf die Bäume. Ein paar Löwen näherten sich dem Wasser, um zu saufen. Sorgenvoll nahm der Begleiter diese Zeichen war. Er nahm das Gewehr aus dem Auto und lud es durch. Helena ahnte die Gefahr und gab mit den Anderen das Beste, um das Auto aus dem Wasser zu befreien. Stück für Stück gelang es und eine letzte Kraftanstrengung aller erreichte das fast Unmögliche. Das Auto schob sich aus dem Wasser. "Los schnell einsteigen", rief der Begleiter. Schnell durch das Wasser zum Auto laufend, stieg einer nach dem Anderen wieder ein. Helena lief auch zum Auto, drehte sich um und sah die Löwen. Vom Schreck gelähmt blieb sie stehen und starrte auf den mächtigen Löwen, der ebenfalls stehen geblieben war und zu den Menschen herüber schaute. "Kommen Sie, schnell, ins Auto." Der Begleiter nahm sie bei der Hand und zog sie hinter sich her. Nach ein paar Schritten stolperte Helena und fiel ins Wasser. Oh, wie schmerzte der Knöchel! Da, die Löwen! Nein, von denen wollte sie nicht zerrissen werden. Automatisch griff sie an ihren Hals zu dem Säckchen, als wenn hier eine Kraft versteckt war, die ihr helfen konnte. Schweiß bildete sich auf ihre Stirn. Der Schmerz, hinter ihr das Rufen der Anderen, da vorne die Löwen. Zwei starke Arme schlangen sich um Ihren Körper, stützten sie, zwei braune Augen blickten sie an. "Kommen Sie, ich helfe Ihnen." "Ja, danke", antworte sie jetzt ganz ruhig. Ihre eine Hand umfasste immer noch das Säckchen. Wie von einer magischen Kraft befohlen, drehten die Löwen plötzlich ab und verschwanden im Busch.
Das Auto setzte sich in Bewegung und fuhr Richtung Camp zurück. Diesen Ausflug würde keiner so schnell vergessen.
Beim Aussteigen half ihr der Begleiter. "Darf ich sie zum Medpunkt begleiten?", fragte er Helena und schaute sie mit seinen braunen Augen an. Wie konnte sie da widerstehen.
Zum Glück war es nur eine kleine Stauchung und als er sie zum Abendessen einlud, schwebte sie im siebenten Himmel. Die Nacht war wunderschön, die Sterne zum greifen nahe und die Wildnis so geräuschvoll und vollkommen. Ja, das war Afrika. Und zwei Menschen saßen Arm in Arm auf der Bank, lauschten den einmaligen Tierlauten und waren einfach nur glücklich.




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Eingereicht am 02. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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