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Gallandat besucht Amo Afer in Axim im Jahr 1753

©  Rainer Wedler



Wende dein Gesicht der Sonne zu und du lässt die Schatten hinter dir
(Afrikanisches Sprichwort)

Antonius Guilielmus Amo Afer, Philosophiae et artium liberalium magister legens lächelt. Er lächelt nicht. Er ist höflich, höfisch. Die angelernte Kontraktion ausgewählter Muskeln geben seinem Gesicht die vergangene Konvention zurück. Amo hat die Beine so übereinander geschlagen, dass das weite Tuch sich über die Knie spannt. Er sitzt auf der roten Erde. Zum Geschlecht hin eine tiefe Senke, worin die Hände ruhen. Diese Hände sind schwer geworden durch die Zeit.
Mit einer kurzen Bewegung des Kopfes deutet er auf den Platz vor seinen Füßen.
- Asseyez-vous, monsieur.
Er wiederholt die Bewegung, ein wenig kürzer, müder, wie es scheint.
- Vous êtes de la Suisse?
Amo spricht ein aufgerautes Französisch. Die Zunge ist zu müde für ein klingendes S. Die Lippen sind nicht gewohnt, sich für ein monsiö zu schürzen.
- Merci, monsieur, vous êtes très gentil.
Ich habe Schwierigkeiten, mich in eine Sitzposition zu bringen, die für einige Zeit auszuhalten sein würde. Ich spüre einen spitzen Stein, der mir ins Gesäß drückt. Ich verlagere das Gewicht auf die andere Seite und stütze mich mit der Hand ab, um das Gleichgewicht zu halten. Jetzt lächelt Amo wirklich, nous ne sommes pas en Europe, ici. Ich lächle zurück und versuche dabei, so unverkrampft wie möglich zu erscheinen. Amo bleibt bei seinem Lächeln, das nicht mir gilt, sondern dem Europäer, der nie gelernt hat, wie man auf dem Boden sitzt. Mit einem Mal wird mir die Krückenhaftigkeit unserer Zivilisation bewusst.
Die Mädchen kichern ungehemmt und schämen sich sogleich dafür. Das ist ohne Übergang, ohne jede Opposition. Sie halten kurz inne, tun so, als wäre alle Konzentration der Welt in ihren flinken Fingern, die diese kleinen Zöpfe flechten, Dutzende von kleinen Zöpfen aus schwarzem Kraushaar. Ich wundere mich über den Erfindungsreichtum dieser plappernden und lachenden Mädchen. Die die Haare flechten, haben schon ihre kleinen schwarzen Schlangen auf dem Kopf oder starr abstehende Igelstacheln. Nervenfasern sichtbar gemacht. Sie spielen Lachen und lachen wirklich. Ich habe das nicht gleich bemerkt und auf mich bezogen. Alles bezieht ein Europäer auf sich selbst, weil er sich als Mittelpunkt von allem denkt.
Wie viel mehr tut das der Schweizer. Er ist der Nabel der Welt, jedes Schweizer Tal, und davon gibt es viele, eine Vertiefung im Nabel Schweiz, sozusagen der Nabel im Nabel. Wir Schweizer sind Meister der Miniaturisierung. Und des Versteckens.
Ich habe jedenfalls das Lachen auf mich bezogen, darauf, wie lächerlich ich aussehen muss mit den ungeschickt übereinander gelegten Beinen. Und dem Versuch, ja nicht nach hinten oder zur Seite wegzukippen. Vielleicht hat mein unglücklicher Anblick dem Lachen der Mädchen noch zusätzliche Nahrung gegeben. Im Grunde aber speist sich ihr Lachen aus sich selbst.
Amo lächelt immer noch, was mich nicht sicherer macht. Das eine oder andere Fältchen, das von seinen Lippen weghuscht, könnte mich meinen. Aber auch das könnte sich als Einbildung herausstellen.
Es war Zufall. Überhaupt, die ganze Reise. Ein Schweizer auf einer Seereise. Und gleich nach Afrika. Aus der sicheren Festung von Matterhorn und heiligem Gotthard in die fruchtbare, furchtbare Ebene, dann auf eine andere Ebene, eine gewellte, tosende, über den Horizont gebogene. Zu Hause kannst du den Blick spannen von Piz zu Piz, du kannst dich reinhängen oder dich aufhängen.
- Vous venez de la Suisse? De quelle région?
Amo spricht mit einer trockenen Zunge. Ob die Hitze sie hat anschwellen lassen? Oder haben Schwarze eine Zunge, die sich der Eleganz, der Glätte des Französischen verweigert?
- Monsieur Amo, si vous voulez, nous pouvons parler allemand.
Jetzt löst sich die letzte, kaum merkliche Anspannung in Amos Gesicht. Wieder lachen die Mädchen, als hätten auch sie es bemerkt. Eine sitzt in der landesüblichen Weise auf dem Boden, während die andere hinter ihr steht. Die flinken Bewegungen ihrer Hände teilen sich den Brüsten mit, verlangsamt, gleichsam verebbend. Ein Anblick, der mich doch sehr verwirrt. Zwar hat die Große Revolution die schlimmste Einengung des weiblichen Körpers gewissermaßen unter die Guillotine gebracht, dennoch: die völlige Freiheit einer weiblichen Brust ist ein ungeheuerer Anblick, auf den ich in keiner Weise vorbereitet war.
Mit Kopfschütteln haben sie daheim reagiert, manche haben mich ausgelacht, andere mich schlicht für verrückt erklärt. Auf die Berge steigen! Dabei genieße ich die Anstrengung, die Stille, das Glücksgefühl oben auf dem Gipfel. So hat mich auch die ferne unbekannte See gelockt.
- Es ist meine Sprache, sagt Amo, meine Muttersprache, so heißt das doch?
Ich nicke, überflüssig, aber ich tu es. Amo spricht mit belegter Stimme, als müsste er die Wörter von einer dicken Schicht befreien. Mir scheint die Färbung norddeutsch, jedenfalls fremd.
Es ist ein merkwürdig Ding, dass ich noch einmal in meinem Leben meine Sprache spreche. Nicht Muttersprache. Die habe ich erst hier gelernt. Meine Sprache ist Vatersprache, nein, Herrensprache. Ich muss etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als die Holländer oder waren es die Engländer, jedenfalls waren es weiße Sklavenjäger, als die mich aus den Händen meiner Mutter rissen. Auch meinen Bruder haben sie geholt, von der Feuerstelle weg. Er hatte sie nicht bemerkt, weil er zu sehr damit beschäftigt war, das Feuer zu erhalten. Der Vater war mit dem kleinen Boot der Dorfgemeinschaft hinausgefahren, weil nach dem Regen ein guter Fang zu machen ist.
Amo winkt einem der Mädchen, das sofort das angefangene Zöpfchen loslässt, so dass sich das kunstvolle Geflecht wieder aufzulösen beginnt. Das Mädchen springt herbei. Meine Verwirrung ist so groß, dass ich nicht weiß, wohin ich sehen soll. Wieder lächelt Amo: Daran gewöhnt man sich, wenn man lange genug hier wohnt. Am besten, Ihr seht ihr in die Augen. Dann sagt er etwas in der Sprache, die er erst spät als seine Muttersprache gelernt hat. Eine Aufforderung, eher ein Bitte, so viel habe ich am Ton erkennen können. Nach kurzer Zeit kommt das Mädchen zurück, auf dem Kopf einen roten Tonkrug, in jeder Hand eine Kalebasse. Es durchfährt mich wie ein Blitz: Hier und nur hier ist der aufrechte Gang entstanden. An diesem Küstenstrich stand die Wiege der Menschheit. Hier wurde Belakane geboren, hier hat sie ihren unvergleichlichen Gang erlernt, mit unsichtbaren Fäden an den Himmel gebunden. Das Mädchen geht auf die Knie und reicht Amo eine der Kalebassen, dann mir, sie richtet sich wieder auf, alles tut sie ohne jede Anstrengung. Die Fäden, denke ich. Jetzt erst nimmt sie den bauchigen Krug vom Kopf und schenkt ein. Wie kann ich ihr dabei in die Augen schauen? Also muss ich zusehen, wie das Gefäß sich füllt. Der Vorgang ist mehr als er selbst. Amo befand im Mittelpunkt einer kleinen Kulthandlung. Die rhythmisierten Bewegungen des Mädchens. Es gehört dazu, dass nicht gesprochen wird.
Wie ich hierher gekommen bin, wollt Ihr wissen?
Amo nickt zustimmend.
Nun, der Holländer, auf dem ich angeheuert habe, ist kein Sklavenschiff, das habe ich gleich gesehen, allerdings wusste ich nichts Genaues über Route und Auftrag. Von Gold, Elfenbein und ähnlichem war die Rede. Dass sie einen Arzt haben wollten, sprach für das Unternehmen. Da sind also gute Leute an Bord, die will der Schiffsherr nicht verlieren.
Bei einer Flaute, die einige Tage anhielt, vertrieb der Kapitän den Offizieren, zu denen ich mich zählen durfte, die Zeit, in dem er allerlei Seemannsgarn spann. Als alter Fahrensmann hatte er viel zu erzählen.
Amo trinkt vorsichtig. Er ist ein geduldiger Zuhörer, der mir mit den Augen zu verstehen gibt, ich solle fortfahren.
Der Kapitän hat also von einem alten Mann gehört, den sie in Axim als Weisen verehren. Er soll lange Zeit in Europa gelebt haben und sogar Doktor der Philosophie gewesen sein. Der Neger als Philosoph, der Kapitän lachte derb, warum nicht gleich ein Affe. Er hatte die Lacher auf seiner Seite, nicht nur weil er der Chef war.
Sie haben den Mann nicht gesehen, fragte ich, weil mich die Sache interessierte, weil sie unglaublich schien. Neger huschen durch den Busch oder sind Sklaven.
Natürlich nicht, antwortete der Kapitän, was soll ich, Minheer Gallandat, bei so ´nem Swarten? Außerdem, das mit dem Doktor der Philosophie stimmt ja sowieso nicht, wie auch? Die Neger sind doch nur aufrechtgehende Affen, schwanzlose Affen. Die treiben´s auch mit den Schimpansen. Und umgekehrt.
Er haute auf den Tisch und alle lachten.
Die ungeheuerlichsten Mesalliancen gibt es da. Monströse Gestalten. Vielleicht ist unser Herr Philosophus die gotteslästerliche Frucht einer solchen Verbindung. Das hat ihn hervorgehoben aus diesen schwarzen Kreaturen. Und jetzt verehren sie ihn als großen Magier.
Wieder lachte er, wieder lachten die anderen.
Dieser Schwarze oder was immer er auch sein mochte, begann mich zu interessieren.
Minheer, mit Verlaub, wenn ich als Arzt dazu etwas sagen darf, sagte ich
Der Kapitän machte eine joviale Handbewegung und kippte den Rest seines Glases Rotwein in sich hinein, mine Heeren, der Fachmann läßt sich verlauten, hahaha. Und wieder alle: hahaha.
Eigentlich hatte ich nun keine Lust mehr, etwas zu sagen, aber die Runde im Captain´s Saloon schwieg plötzlich erwartungsvoll. Ich musste etwas sagen, wenn ich nicht verspielen wollte. Je länger die Reise dauerte, desto mehr hatte ich gespürt, dass ich nur geduldet war. Eine Notwendigkeit, mehr war ich nicht. Da bisher kein Arzt gebraucht worden war, war auch die Bereitschaft, mich zu akzeptieren, kontinuierlich geschwunden. Die üblichen Hautabschürfungen hatten sich die Matrosen selbst versorgt. Der Koch hatte seinen verbrühten Arm vom Küchenjungen wickeln lassen. Der junge Arzt, auch noch ein Schweizer, der soll sich bloß nicht so aufspielen. Jedenfalls habe ich es so empfunden. Ich ließ mich aber nicht beirren, verzeiht, Minheer, aber Ihr sitzt da einem Irrtum auf, den selbst der große Jean Bodin, ich meine Johannes Bodinus, seinerzeit verbreitet hat. Eine Vermischung von Mensch und Tier ist gegen die Natur, und also naturnotwendig unmöglich.
Papperlapapp, Monsieur. Der Kapitän sagte Missiööö und hatte wieder die Lacher auf seiner Seite. Was er gehört habe, das habe er gehört, und damit basta. Er ließ den Messejungen Wein nachschenken und meinte nach einem langen Schluck versöhnlich, Minheer Gallandat, Ihr müsst erst einmal die Welt erfahren, Bücher sind Bücher, sonst nichts. Cheerio, Minheerens.
Amo stochert die ganze Zeit mit einem Stöckchen im Sand. Endlich sagt er, so ist das, mein Herr. Dann schweigt er wieder. Irgendwo schreit ein Affe, in der Ferne brandet das Meer gegen den Strand.
Nun also sitze ich dem Philosophen gegenüber und bin ein bißchen enttäuscht. Gegen alle Vernunft habe er insgeheim, ganz weit hinten im Kopf, gehofft, irgendeine Besonderheit, eine moderate Anomalie an ihm entdecken zu können. Nichts, überhaupt nichts, wenn man die dunkle Haut als angemessen gelten lassen will. Die Augen, diese Augen sind groß, zu groß für die Augenhöhlen. Die überschweren Lider hindern sie daran, dass sie ihrem Blick folgen. Die hohe Stirn, das Kraushaar ist schon zurückgewichen, Grauhaar. Vielleicht verbirgt er sein Geheimnis unter dem weiten Tuch, das er über die Knie gespannt hat.
Endlich, als habe er die Gedanken seines Gastes lesen können, sagt Amo, hin und wieder kommt ein Europäer vorbei, der von mir gehört hat, so wie Ihr, aus Neugierde. Alle erwarten sie etwas Sensationelles, vielleicht trägt er unter seinem Tuch einen Schwanz als Fortsetzung der Wirbelsäule. Wieder lächelt Amo, aber dieses Mal mit Bitterkeit. Seine Augen sind für einen Lidschlag kalt geworden. Er hat mich gemeint, bilde ich mir ein.
Ich bin Arzt, wende ich ein, die Medizin hat sich seit einiger Zeit vom Aberglauben emanzipiert.
Ich weiß, ich weiß, die Hallensische Medizinische Fakultät galt seinerzeit als sehr fortschrittlich. Dennoch, sagt Amo, vergleichende anatomische Studien wollen vor kurzem herausgefunden haben, dass der Neger ein deutlich dunkler gefärbtes Hirn hat.
Amo sieht mich an, als er erwarte eine Entgegnung. Soll ich sagen, Unsinn, nehmt eine Axt und spaltet den Schädel des Mannes dort am Brunnen, der hat ohnehin nicht mehr lange zu leben, die gelben Augen, Hepatitis im letzten Stadium, also, lasst dem das Hirn aus dem gespaltenen Schädel quellen, dann zertrümmert meine Stirn, das Hirn, das dann herauslappt, ist so weiß wie das des Hepatitikers, möchte ich sagen, aber ich schweige lieber.
Der Anatom Thomas Winterberg, fährt Amo wie unbeteiligt fort, hat das Tier vom Menschen abgegrenzt durch die richtige Beobachtung, dass das Tier bei gleicher Hirngröße dickere Hirnnerven besitzt. Und daraus gefolgert: Der Neger hat dickere Hirnnerven als der Weiße, das heißt, es bleibt ihm eine Hirnmasse, die zum bloß tierischen Leben notwendig ist.
Wieder sieht mich Amo an. Was soll ich sagen? Als wolle er mir Zeit geben, setzt er nach, das mit dem bloß tierischen Leben ist wörtliches Zitat, wenn mich mein Gedächtnis nicht irreführt.
Mir fällt nur ein zu sagen, darüber sind wir doch längst hinaus, und komme mir lächerlich vor.
Amo schenkt aus dem roten Tonkrug nach, der in einem tiefen Loch steht, damit das Wasser kühl bleibt. Er hebt seine Kalebasse auf Augenhöhe, ich mache es ihm nach, über den Rand des Trinkgefäßes blicken wir uns in die Augen, Amo macht die Andeutung des Zuprostens. Während wir trinken, kommt das kleinere der beiden Mädchen, um nachzusehen, ob noch genügend Wasser im Krug ist. Dabei muss sie sich bücken und ihre Brustwarzen weisen gegen den Erdmittelpunkt. Das weiß sie natürlich nicht, und dieses Nichtwissen macht sie für einen Augenblick begehrenswert. Für einen Wimpernschlag hat sich der Medizinerblick verflüchtigt, den ich versucht habe durchzuhalten. Jetzt wird mir die Arroganz dieses Blicks bewusst, die in Wirklichkeit Angst ist, die Angst davor, sich auf etwas einzulassen, das gefährlich werden könnte.
Eine unbestimmte Unruhe ist aufgekommen. Amo scheint davon unberührt. Die Sonne hat sich in den Palmen verfangen und ist darüber rot geworden.
Die schwarze Haut, sagt er, ist an einem ganz bestimmten Punkt für mich zur Schranke geworden, es war unzulässig, sie zu überschreiten.
Amo hat es so sagen wollen, dass ich ihm seine Bewegung nicht anmerken sollte, aber die Wangenknochen sind zu stark hervorgetreten und haben ihn verraten. Um die Spannung zu lösen, greift er nach der Kalebasse und trinkt so hastig, dass ihm das Wasser über das Kinn läuft.
Weiß wie Alabaster sollten die Frauen sein, lilienweiß, und der Herr trug vornehme Blässe. Die Frau des Rektors der Universität in Halle ließ sich zur Ader, bis zur Bewusstlosigkeit. Andere schluckten Asche, um sich den Magen zu verderben, sie wollten blaß im Gesicht werden. Wie paßt da einer wie ich hinein?
Wieder arbeiten seine Backenknochen. Die anfängliche Gelassenheit ist endgültig gewichen, eine tiefe Verletzung wieder aufgebrochen. Heißt das nicht, dass trotz der vielen Jahre an der Goldküste die Narbe noch nicht hart genug geworden ist? Wie paßt das zusammen, Doktor der Philosophie und die Verachtung der schwarzen Haut? Vielleicht war es doch nur eine Fama, das mit dem Doktor in Halle? Ich habe meine Zweifel. Wie wenn er meine Gedanken erraten hätte, sagt Amo, da ist viel zusammengekommen, aber es gibt eine Sache, da bist du der Schwarze, da stört der Schwarze Eure gottgewollte Ordnung.
Wieder greift er nach der Kalebasse. Er setzt sie an die Lippen, zögert und schleudert sie dann mit solcher Kraft auf den Boden, dass sie davonspringt wie ein aufgestörtes Tier. Die Adern an seiner Schläfe sind anschwollen, die Augen drohen aus ihren Höhlen zu fallen. Er hat mich in eine verzweifelte Lage gebracht. Es gibt Situationen, die lassen sich nicht beherrschen. In Amo hat sich ein unbekannter Abgrund aufgetan, vor dem mir schwindelt. Ich muss etwas tun, um nichts sagen zu müssen. Ich will aufstehen, aber es geht nicht. Die ungewohnte Art zu sitzen, hat mir die Gelenke festgebacken. Ich muss die Beine mit den Händen auseinanderziehen, die Zirkulation im linken Bein ist unterbrochen, die Hauptader abgeklemmt, tausend Nadelstiche, als das Blut wieder fließt.
Inzwischen hat ein kleiner Junge das Trinkgefäß, das einen langen Riss bekommen hat, zurückgebracht. Ich weiß nicht, was tun, was sagen. Amo streicht dem kleinen Kerl übers Haar, der schaut ihn erwartungsvoll an. Amos Züge entspannen sich, er schließt die Augen, als wolle er sie schonen, ihnen ihren alten Glanz zurückgeben. Dann steht er auf, scheinbar mühelos. Das Meer ist rot geworden, ein leichter Wind weht gegen das Land. Endlich! Die Schwüle ist unerträglich, der Schweiß rinnt mir ohne Unterbrechung in den Nacken, in den Kniekehlen hat er sich gesammelt. Ich beneide Amo um sein weites Tuch, um seine nackten Füße.
Bevor er in seine Hütte geht, fragt er noch, wo ich wohnen werde. Auf der Missionsstation, sage ich, aber da hat Amo mir schon den Rücken zugewendet, der kleine Junge rennt in engen Kreisen um ihn herum, bis beide im Dunkel der Hütte verschwinden.
Ich ärgere mich. Über Amo, der mich nicht zu sich eingeladen hat, schließlich kommt nicht alle Tage ein Europäer hierher. Zudem einer, der sich für seine Geschichte interessiert. Vielleicht war ich ja zu schnell, und überhaupt, was geht mich das an? Ich ärgere mich aber auch über mich selbst, über meinen plötzlichen Entschluss, von Bord zu gehen, nun konnte ich sehen, wo ich bleibe. Es würde dauern, bis wieder ein Segelschiff aus Europa anlegen würde. Auf der Missionsstation würde man sich über die Abwechslung freuen, und als Arzt könnte ich mich nützlich machen. Allerdings, die Vorstellung, einige Wochen, vielleicht sogar Monate in dieser Dampfküche zu verbringen, treibt mir eine neue Welle Schweiß über den Körper.
Jeder hier kennt ihn, den grauen alten Mann, dem auch die dunkle Haut grau geworden ist. Die Kolonialherren haben ein Auge auf ihn, den schwarzen Europäer, geworfen, der gefährlich werden könnte, weil er sich auskennt, weil er lesen und schreiben kann, und das gleich in mehreren Sprachen. So einen hat der Gouverneur hierher komplimentiert, als die Neger in Surinam ihren Aufstand gemacht haben. So einfach deportieren ging nicht, das Volk verehrte seinen Meister.
Am nächsten Morgen kommt ein junger Mann zu ihm, um ihn um Rat zu fragen. Amo macht Punkte in den Sand, viermal nacheinander in beliebiger Zahl, rechnet dann und setzt neue Gruppen von Punkten zusammen, redet lateinisch und griechisch, und formt sie schließlich in geometrische Figuren um, ohne dabei sein Gegenüber aus dem Auge zu lassen. Endlich sagt er, der Richter Gabao rät: Dein Freund ist dir gut, behalt ihn bei dir.
Er hat mich beobachtet. Deshalb sagt er: Weil man mich um alles und jedes angeht, musste ich vom Katheder heruntersteigen und in Gefilden wildern, die eigentlich nicht meine sind .
Einer jungen Frau weissagt er aus den Punkten: Der Richter Abduel urteilt, du sollst dein Begehren fahren lassen, es wird dir nur Mühsal bereiten.
Weil wir klaren Himmel haben, bittet er die weiteren Ratsuchenden, sie sollten nach Sonnenuntergang zu ihm kommen.
Als es dunkel geworden ist, sitzt er auf einer kleinen Anhöhe außerhalb des Dorfes, wo kein Licht eines Feuers den Blick stört, wo nur das Rauschen des Meeres und der Blätter, der Schrei eines Tieres, das späte Gekrächze eines Vogels zu hören ist. Mit demselben Stock, mit dem er am Morgen in den Sand punktiert hat, sticht er jetzt nach den Sternen und verbindet sie zu Figuren, vor allem zu Tieren, die alle im Dorf kennen. Der Dekan der philosophischen Fakultät hatte ihm den Spazierstock mit dem elfenbeinernen Griff vor Jahren in Jena geschenkt als Zeichen der Anerkennung und der Zuneigung. In das Elfenbein ist ein Greif geschnitzt, der auf die Ratsuchenden besonderen Eindruck macht und den Weissagungen zusätzliches Gewicht verleiht.
Einen solchen Mann konnten die Holländer nicht in Ketten legen und auf dem Ochsenkarren wegschaffen, sie haben so schon Schwierigkeiten genug.
Am nächsten Tag sitze wieder neben Amo im Schatten der Hütte, der Wind bringt zusätzliche Kühlung vom Meer. Er stochert mit der Spitze seines Stocks in den kleinen Löchern, die der Regen hineingewaschen hat, und schweigt. Was sollte er mir, dem Schweizer in holländischen Diensten schon sagen, ich würde ihn ja doch nicht verstehen.
Endlich fragt er, ohne dabei aufzusehen, soll ich auch Euch die Zukunft weisen?
Wie soll ich mich verhalten? Vielleicht hat er es ja nicht eigentlich gemeint.
Die Zukunft aus dem Ergebnis heftiger Niederschläge des Monsuns, ohne jede Manipulation kann ich Euch aus der Anordnung der Löcher interpretieren, sagt er, ein alter Mann, den die Philosophische Fakultät der Universität Halle zum Doktor promoviert hat.
Die Zukunft ist verschleiert, eine verschleierte Frau bleibt ein Geheimnis. Ich habe es mehr zu mir selbst gesagt als zu Amo. Er antwortet, das Herz ist kein Knie, du kannst es nicht brechen.
Es ist nicht gebrochen? frage ich.
Eine kaum merkliche Bewegung, ein kurzes unkontrolliertes Muskelzucken: Was wollt Ihr? Was stört Ihr meine Kreise?
Es ist nun besser zu schweigen.
Wieder stochert Amo in den Löchern, ich glaube dieses Mal ein System darin zu erkennen.
Der Mensch ist keine Kokosnuss.
Nach einer langen, einer schmerzhaft langen Pause sehen wir uns wie auf eine geheime Übereinkunft in die Augen.
Der Mensch ist keine Kokosnuss, der Mensch ist nicht rundherum eingeschlossen.
Was ich vermutet habe, erscheint mir nun als Gewissheit. Es war nicht, wie der Kapitän erzählt hat, der Konflikt zwischen den Hallensischen Aufklärern und den Pietisten, der Amo aus Deutschland getrieben hatte, sondern eine Weibergeschichte, die der Kapitän noch angefügt hat, ohne allerdings irgendwelche Einzelheiten zu wissen, das sei auch nicht mehr als ein umlaufendes Gerücht.
Der Abend ist fortgeschritten, sage, verzeiht, dass ich mich in die Mission zurückziehe, man wird mich dort schon erwarten.
Dort hat man mir ein karges Zimmer angeboten, ich könne da unentgeltlich wohnen, das sei kein Problem, man habe genügend Platz, bis aber das Schiff mit den neuen Missionaren einträfe, würden einige Wochen vergehen. Ich könne auch gerne am Essen im Refektorium teilnehmen. Keine Rede von einer möglichen Bezahlung. Da in der Regenzeit die Zahl der Kranken immer stark anschwillt, versteht es sich für mich von selbst, dass ich meine ärztliche Hilfe angeboten habe, die man auch gerne annahm. Außerdem, wie hätte ich die langen Wochen bis zur Rückfahrt sonst zubringen sollen?
Lebt wohl. Es klingt müde, endgültig, soll heißen, lasst mich in Ruhe, eine Wunde, die sich nicht schließen will, begafft man nicht.
Ich habe verstanden. Ich strecke ihm die rechte Hand hin, er kann es nicht sehen, weil er noch immer in seinen Löchern stochert. Dann sage ich auf Wiedersehen. Amo schweigt.
Als ich mich oben an der Missionsstation umdrehe, sitzt Amo noch immer in sich versunken und schaut auf den Boden. Ich bilde mich ein zu hören, wie die Metallspitze des Stocks auf den Stein stößt.
Die Sonne ist inzwischen um die Hütte gewandert. Amo wirft einen scharfen Schatten, den er sehen könnte, wenn er den Kopf heben würde.




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Eingereicht am 02. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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