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Afrika sehen und sterben

©  Eva Markert


Ganz deutlich hört er Trommeln und kehligen Gesang. Männer bewegen sich dazu im Kreis. Selbstvergessen geben sie sich dem Tanz hin, getragen von rhythmischem Stampfen und Klatschen. Schweißperlen auf dunkler Haut glitzern im Sonnenlicht. Die Frauen des Dorfes haben sich Tücher in leuchtenden Farben um die Hüften geschlungen. Lebensfreude pur. Unbeschwertheit. Kinder spielen im Schatten der Lehmhütten. Eine große, eine glückliche Familie.
Die Bilder schieben sich übereinander und verschwimmen. Es wird immer schwerer, Gedanken festzuhalten. Das Lächeln, das eben noch auf seinem Gesicht lag, verflüchtigt sich.
Und immer war er überzeugt gewesen, dass er noch Zeit hätte, noch so viel Zeit!

Die Hitze klebt am Körper. Irgendwo tropft Wasser. Die feuchte Luft riecht nach Erde und ein wenig modrig. Im grünen Halbdunkel des Regenwaldes kämpft er sich voran. Kein Sonnenstrahl durchdringt das dichte Blätterdach. Doch das Leben um ihn herum explodiert. Affen kreischen in den Bäumen, Vögel zwitschern und pfeifen, bunte Papageien setzen herrliche Farbtupfer im saftigen Grün, und der Anblick süß duftender Blüten benimmt ihm fast den Atem. Käfer und Ameisen schwärmen über den Waldboden. Versteckt unter üppigem Gebüsch lauert eine grüne Mamba auf Beute.
Tief in seinem Inneren wütet der Schmerz. Er ist immer da, doch er kann nicht bis zu ihm durchdringen. Noch nicht.
Und immer hatte er gedacht, es wäre noch Zeit, noch genug Zeit.

Weiße Wolken, die über die endlose Weite der Savanne ziehen. Hier und da spärlicher Schatten, ein Baum, ein dorniger Strauch, ein trockener Busch. Zebras, Elefanten, Gazellen, die in großen Herden über die Ebene ziehen. Weithin sichtbar die Giraffen. Tiere, die an einem Wasserloch friedlich beieinander stehen und trinken: Im Wasser die gefräßigen Krokodile, an den Boden geduckt ein jagender Löwe, bereit zuzuschlagen. Der Kampf ums Überleben - ein atemberaubendes Schauspiel!
Sein Unbehagen wächst. Er stöhnt und wirft den Kopf hin und her. Der Schmerz lässt erste kleine Messerspitzen aufblitzen. Es wird Zeit. Seine Hände suchen Halt an der Bettdecke.
Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, dass ihm keine Zeit mehr blieb.

Hügel aus metallisch glitzerndem Sand. Wie sanft geschwungene Linien gemalt in den stahlblauen Himmel. Weit und breit nichts. Alles gleitet, alles fließt in der flirrenden Hitze. Fußspuren verwehen. Ein Geier kreist über ihm. Aber - oh! - die eiskalte Pracht südlicher Sterne am klaren Nachthimmel, so unfassbar, so überirdisch schön!
Der Schmerz in ihm bäumt sich auf. Schnell, es ist höchste Zeit! Endlich spürt er den kleinen Stich. Morphium überschwemmt seinen Körper..
Für einen Augenblick klärt sich sein Denken. Er öffnet die Augen, sieht über sich die kalkweiß gestrichene Decke des Krankenzimmers
Er wird nicht nach Afrika reisen, wird Afrika nie sehen. Seine Zeit ist abgelaufen. Er schließt die Augen. Sein lebenslanger Traum versinkt im Dunkel.




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Eingereicht am 31. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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